Vom gefundnen Reinhold und „verlorn" Grellem.
Von Heinrich St e i n h a u s e n.
(Fortsetzung.)
Unser nun wohlseliger Herr Pfarrer, Herr Ehrn Schroppius (denn dazumal war unsre Pfarrei noch nicht verwaiset, wie setz und leider seit vielen Jahren), dem ich noch selbigen Tages, wie kaum not anzuzeigen, von dem Funde Meldung tat, verwunderte sich nicht wenig über diese Zeitung; noch mehr aber über meinen steifen Fürsatz, daß ich das Kind als meines behalten wollte, bis solche, denen mehreres Recht daran zustünde, herfürtreten und es fordern würden. Er meinte, ich sollte doch die unsäglichen Molesten wohl in Konsideration nehmen, so ich mir damit aufbürdete, und mich vorerst vor Sott prüfen, ob solche meine Meinung mehr wäre als primo impetu gefastet, wies mich auch dabei auf Luc. 14, 28 hin. Wie er aber ersah, daß ich mein Fürnehmen mit allem Bedacht gefastet, so redte er fürderhin nicht weiter dagegen, sagte, es möchte Gottes Finger sein, und meinte, das Kreuzlein so man dem Kind um- gehünget, bewiese ja genugsam, daß es von christlichen Eltern geboren wäre und die Taufe empfangen hätt'. Da denn fiel mir zum ersten Male ein, daß ich ja des Knäbleins Namen nicht wüßte, doch aber ihm ein Name zukäme, mit dem es zu nennen. Ehrn Schroppius selig war ein gelahrter Herr, nicht allein der teutschen Poeterie zugetan und. auch manchen Reim zu stellen trefflich geschickt, sondern auch in lateinischer und griechischer Sprache tief belesen; von dessentwegen er mir riet, das Kind Theognot zu nennen, welches zu teutsch heiße: „Gott bekannt". Mich dünkte aber solcher Name zu ungewohnt zu klingen uikd von dem R. auf dem Kreuzlein schien mir's übel nicht, ihn Reinhold zu nennen, welcher Name dem Herrn Pfarrer auch wohl gefiel, gestalten sein Oheim mütterlicher Seite, ein v. Aerzen, so zubenennet war.
An dem Tag hat man allnm gesuchet, ob nicht eine Spur, wie das Kindlein dahin kommen sei, zu finden. Aber es hat niemand was erkunden können. — Wie ich an das zurückdachie in jener Nacht, als draußen der Regen troff, und der Maiendust von Laub und Blüten durchs offene Fenster in die Stube zog! Dort gegen den Ofen hatte feine Wiege gestanden, und oft, wenn der Bub drin wusgesthlafen, sah ich von dem nämlichen Platz am Fenster, da ich jetzo sah, ihn mit seinen Fingerlein spielen und hört ihn dazu mit seiner feinen Stimme lallen, dann bog ich mich hinterwärts, damit, er mich nicht ansehn möcht, maßen es dann mit seinem Spiel vorbei war, und also sah auch ich nur seine Fingerlein, wie sie her und hin, hin und her gingen und hörte sei-nem Lallen zu. — Dabei hatte ich größere Kurzweil (die Wahrheit zu sagen), denn da ich vor langen Jahren der Solemnität zuschaute, die mit italienischer Musik und sinnreichen prächtigen Allegorien bei unsere gnädigen Prinzen Beilager gefeiert wurde.
Ja, dort stund die Wiege wieder am alten Ort, und das Kind lag drin, spielte und lallte. Und je länger es währte, desto viel vernehmlicher ward sein Lallen, und erzählte mir von all dem Glück, das den Menschen am Hellen Morgen seines Öebenstages umgibt, uni) mit seinen kleinen Fingerlern führte es mich zurück weiter, weiter zu den Spuren feiner ersten trippelnden Kinderschritte. Darüber verschwand ganz der Gedanke an Feremont und die vorhandene Not, nur der Nachtigallen Freudenschall tönte fort und Reinhold spielte mir zur Seiten. Aber horch! kam da nicht ein anderer Klang dazwischen, den ich wohl kennete und der doch zu dieser fröhlichen Welt nicht stimmte, so mich jetzt umgab?!
Zu Straßburg auf der Schanz, Da ging mein Trauren an, Das Alphorn hört' ich drüben wohl anstimmen. Ins Vaterland wollt' ich hinüberschwimmen, Das ging nicht an!
Zwar es schwebte leise dieser Ton dahin und laut sang auf dem Kirchhof die Nachtigall, ja die in meinem Gürtlein gesellte ihre Stimme ihr zu: von Leben, Freud und Hoffen, aber sie konnten doch nicht hin- i. daß ich die Weife verstund:
Eine Stund in der Nacht Sie haben mich gebracht;
Sie führten mich gleich vor des Hauptmanns Haus, Ach Gott, sie fischten mich im Strome auf, Mit mir ist's aus!
Da wurden die Nachttgallen auch traurig und modulierten ihre Siir me. Aber das Lied tönte fort:
Früh morgens um zehn Uhr
Stellt man mich vor das Regiment; Ich soll da bitten um Pardon Und ich bekomm' gewiß doch meinen Lohn, Das weiß ich schon.
Da schwieg die Nachtigall im Garten.
Ihr Brüder alle drei,
Was ich euch bitt’, erschießt mich gleich!
Da ward auch die andere auf dem Kirchhof still.
■ Verschont mein junges Leben nicht, Schießt zu, daß das Blut 'rausspritzt, Das bitt' ich euch!
Verschwunden war der Knabe mir zur Seite. „Reinhold," rief ich, „Reinhold, wo bist du?" — Von drüben her antwortete er mir: „Ich sang dir, Vater, das Lied, so mich Gretlein lehrete, kennst du es nicht mehr?" — Dort am Grabe stund er, allwo ich ihn einst gefunden. Er war zum Jüngling worden, zum Mann; aber wie bleich s«H er aus! „Von wem denn hast du gesungen?" fragte ich wieder, „weil es so traurig nimmer geklungen Hai." Da winkte er zu mir hin, wie zum Abschied: „Von mir, Vater, ach, von mir!" und verschwand. —
Ich wollt' -hm Nacheilen und ihn halten; aber ich stürzte über die Grüber, ich alter Mann und — erwachte. —
„Wie bang hast du doch geträumt, und wie schreckhaft", sprach ich bei mir, dieweil ich von meinem Lehnstuhl aufstund, in dem ich die Nacht verschlafen.
Ich sah mich um; der frühe Tag war schon erglommen und der Morgenstern im Verschwinden; ums Haus zwifcherten die Schwalben, überm Feld fang die Lerche, und aus den Furchen rief die Wachtel ihr: lobet Gott! Der Himmel hatte sich abgeregnet, und alle Kreatur war neu erquicket. —
Ich stieg den Turm hinan und übersah das Land. Wer da war nirgend von Soldaten etwas zu erblicken, dessen ich mich verwunderte, da ich doch des Nachts den Knall von Musketen wohl hatte unterscheiden können.
Unter diesem war die güldne Sonne überm Wald herfürgestrahlt und der volle Tag erschienen. Ueber Nacht war den Birnbäumen die Blüt« erbrochen, und ihre Wipfel schimmerten im Sonnenglanz wie weiße Friedenssahnenl Wie flogen die Immen von Blume zu Blume, und ihre Fußkörblein sah ich gefüllt mit Blütenstaub, weiß, gelb und rot — rotl Ich muhte denken, wie zur selben Stunde vielleicht nicht weit von hier Bim' und Käferlein ihre Spur auch rot bezeichnete auf Blum' und Blatt, rot vom Blut der Walstatt; ich mußt« denken, wie da vielleicht die Lerche, wenn sie ihr Würmlein im Grase erhascht und emporstieg in die Lüfte, sich ihre Brust noch mit einem andren Tau benetzet hatte, als der dies« Nacht vom Himmel gefallen war. Hub sich da drüben nicht ein Schwarm von Krähen, als wärm sie verscheucht vom Kolke! O, wer konnte mir sagen, von welch leckerem Mahle ihnen der Windstoß die Witterung entgegengeführt hatte?!
In solchen Gedanken ward ich gar unerwartet und freundlich unter» brachen. Denn hinter den blühenden Bäumen, siehe, trat das Gretlein herfür, und hatte in seiner Hand einen zierlichen Strauß und im Arm trug sie einen Rosmarinstock, der war in einen Topf gepflanzt. Ueber ihren Anblick war meine Freude ebenso groß, wie meine Verwunderung.
„So hast du doch noch hierher gedacht?" rief ich, dieweil ich sie zur Bank führte am Beet, allwo bunte Primeln blühten. „Aber wo kommst du her? Du solltest vor längsten mit den andern von dannen sein!" —
„Wo ich herkomm', Schulmeister?" fragte sie wieder, „vom ,verlor» Hoff, und bin da seit acht Tagen eingesessen, wie eine Schneck' im Häuslein. Daß ich nimmer zu Euch könnt', war mir leid genug."
„Welchen Weg bist du hergegangen, Gretlein?" fragt' ich sie wieder.
„Dort den Fußsteig durch die Saaten."
„So bist du nicht im Dorf gewesen — weißt nicht, was sich zu- getragen hat?"
„Nein," antwortete sie, „Schulmeister, wie sollt' ich? Die letzte Wach' hat niemand drauß nach mir gefragt. Was aber ist's?"
Da verwundert' ich mich billig, daß sie, die doch in ihrer Einsamkeit am ehisten sich zu 'sorgen hält' Ursach' gehabt, dieweilen alle andern ob der umgehenden Gefahr in Unruh und Aengsten geschwebet, so in un» gekränktem Frieden erhalten war; ich besorgte mich aber auch, daß sie da noch verlassen weilen sollte, wenn die Soldaten hereinbrächen. —
So erzählt' ich ihr denn von Feremont, und wie sich vor ihm die Gemeinde des Lebens erweget hätt« und hin nach'm Staufenberg entwichen wäre; ich war if)Y einräiig, sie sollte nicht länger verziehn und auch dahin sich allsogleich aufmachen. Da erschrak sie wohl über das, was sie hörte, aber sie sagt«, vom ,verlorn Hoff könnte sie jetzund nicht weichen, käme was möchte: maßen daheim von ihr di« alte Lore zu pflegen wäre, so sie jüngsthin krank im. Walde angetroffen. Die bürdete sich ganz seltsamlich, wäre nacht- und tagdurch im schweren Fieber gelegen, und sie, das Gretlein, hätt' chr einmal Obdach geboten und sie gepfleget. So < müßt' und wollt' sie jetzt bei der Alten bestehn bleiben, es ginge ihr nun zum Bessern oder zum Schlimmem..
„Ich weiß nicht, Schulmeister," sagte sie weiter, „wie ich mich aus der alten Lore vernehmen soll; sie rebt so vieles durchhin, wirft das Tausendste ins Hundert, daß einem davon ganz wirr möcht' werden im Kopfe, 's ist wohl besonderlich die Fieberhitz', bie aus ihr spricht; aber meist kommt sie in ihren Reden aufs nämliche hin, daß man denken kann, sie hat's ernstlich im Sinn. Hernach freilich erschrickt sie wohl selber darob und sagt dann: Glaub's nicht, Greil, 's ist all nichts, all nichts!" —
„Was sind's denn für Reden, so di« Alte führt, Gretlein?" fragt' ich die Jungfer.
„Ach, Schulmeister," antwortete sie, „da wär' viel von zu erzählen; ich kann's Euch gar nicht zusammenbringen. — Sogleich wie sie von mir hereingeführt ist, hat sie wieder fort gewollt und gesagt: vom .verlorn Hoff müßt' sie weg,' warum ich sie nicht lieber hätt' verderben lassen und umkommen im Walde; ja sie wollt' von mir'nicht gepflegt [ein, gerade von mir nicht, sie wollt' ohne das lieber sterben. Nachgehends aber hat sie ihre Gedanken wieder aufs Gesunden gestellet, hat gesagt: sie müßt' noch i weit, weit weg; müßt's Glück suchen gehen, sie mürb s schon finden uab - mir sollt's auch gchören, und alsdann follt's sich's ausweisen, daß alles, was ihr manchen Tag so verhrnderlichs Gewirr hier (wies dabei nach ihrem Haupt.) gemacht, sich wieder zu Rechten fände. Gestern da wirft die Sonne durchs Fenster ihren Schein auf ihr Bette, daß so die Lichter vor ihr zittern und Hüpfen, derweil ich meinte sie schliefe. Ungedacht richtet sie sich hoch, greift mit ihren Fingern herum und murmelt: „Ha, wie's blitzt, wie's gleißt, Gold und Ebelgestein, endlich, endlich glückt's der alstn Lore!" Alsdann sogleich hat sie gestöhnt und geächzt, mich herzugerufen und gebeten, ich möcht' ihr vergeben; sie wollt' mir auch meine Guttat an ihr vergelten. Nachgehends nimmt sie meine rechte Hand, besieht sie gar genau und lacht; rÄ't dabei seltsame Ding' von Bräuterei und Hochzeit, daß ich auch schier lachen nmßt', so wenig mir sonst zu derlei Possen der Sinn gericht war." — ' ,
„Gretlein," fragte ich da scherzweis dazwischen, „hast doch am End' Hochzeiten im Sinn, maßen du so stattlich heut mit 'nem Rosmarinstockl daherkommen bist." (Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.


