' „Um Himmelswillen, Herr Hofrat, was tun wir? Schiller ist eben gestorben. Man hat geschickt. Schiller ist tot. Wie sagen wir es ihm? Man muß es ihm sagen; ich kann es nicht. Dun Sie s, Freund, tun «ie s. Ich bitte Sie bei allem, was Ihnen heilig ist: Helfen Sie .mir, sagen Sie s ihm; langsam, schonend müssen Sie es ihm sagen! Mein Gott, es ist so furchtbar! Er war der Einzige, den er hatte, der Einzige! Nun ist alle» aus, nun versteht ihn keiner mehr. Wie wird alles werden? Jetzt rst er ganz allein. Er trägt es nicht, er stirbt mir, Sie werden sehen, Meyer, er stirbt mir, wenn e?s erfährt..."
Schluchzen erstickte ihre Stimme nun vollends. Sie lehnte mit geschlossenen Augen an der kahlen grauen Wand, während Ströme von Tränen über ihre Wangen rannen. Das Licht, das ihre Hand schief hielt, tropfte und war am Verlöschen. Meyer war fahl im Gesicht, und seine Augen starrten ins Leere. Mit der Rechten stützte er die wankende Frau, seine Linke ergriff den Leuchter, der ihrer Hand entsinken wollte, um seine Lippen spielte ein Lächeln, wie Kinder es haben, bevor das Weinen aus ihnen hervorbricht. , ,
„Sie können cs ihm nicht sagen, Sie nicht und ich auch nicht. Niemand kann das. Das ist übermenschlich. Gehen Sie hinaus, schlafen Sie..., weinen Sie... ich verlasse das Haus, ich gehe nicht wieder zu ihm hinein. Er wird es ohnhin wissen, wir brauchen es ihm nicht zu sagen, er wird es fühlen, er fühlt ja alles. Ich weih keinen anderen Rat."
Flüsternd, drängend hatte er es zu ihr gesagt. Schweigend zog er sie mm mit sich fort durch den Gang; er ging auf den Zehenspitzen und hielt die Finger schützend vor die flackernde Kerze.
Sie begleitete ihn bis an die Haustür. Als er ihr die Hand reichte, brach sie in lautes Schluchzen aus. Da wandte er sich schnell ab und ging die Stufen hinunter auf den Platz, hinaus in die warme, duftende Nacht.... *
Goethe hatte zuerst nicht bemerkt, daß Meyer nicht mehr neben ihm saß. Seine Gedanken war fern, bei ihm — dem Kranken. Es war kein Zweifel, es konnte kein Zweifel mehr fein: Schiller war sehr, sehr krank. Er wußte nichts Bestimmtes, er hatte mit niemanden darüber gesprochen; man sagte es ihm nicht. Aber es war sicher, daß es schlimm stand, und daß man es ihm verheimlichte. Seit Tagen keine Nachricht, kein Brief, kein Zettel, wie sonst immer. Dieses Schweigen war hart, es war das Schlimmste! Wenn er wenigstens wüßte, wie es stand um ihn! Dann wäre alles soviel leichter zu ertragen... Die Toren, die glaubten, ihn dadurch zu schonen, daß sie ihn im Zweiefel ließen!
Er sah auf und glaubte die Gestalt Meyers neben sich. Aber der Platz war leer, bie' Kanten des Stuhles gleißten ihn an. Er wendete sich um nach dem Zimmer.
„Meyer!" ruft er halblaut. „Meyer!"
Keine Antwort. Da wirft er mit einem Ruck die Decke von den Knien, stößt den Stuhl zurück, springt auf und geht zur Tür. Er reißt sie auf.
„Meyer!" ruft er in die Gänge hinaus. „Meyer!"
Aber es hallt nur seine eigene Stimme aus dem Dunkel ihm entgegen. Doch nein — da ist noch ein anderes zu hören, vorn im Treppenhaus... Was ist das? Getrapp von Schritten, Tuscheln von Stimmen unb da, — jetzt, — leises, unterdrücktes Weinen einer Frau... Christianes Weinen — Christiane weint!
Sie haben sein Rufen gehört, keiner kommt, Christiane nicht und Mener nicht... Man flieht vor ihm. —
Da wendet er sich zurück zum Zimmer, schließt leise und vorsichtig die Tür, taste? sich langsam am Ofen vorbei und am Tisch entlang zu der bleichen Helle der Fenster zurück. Er öffnet die Flügel weit, schlägt den Kragen des Schlafrocks hoch und atmet tief die reine, kühle Nachtluft. Seine Hand umklammert mit eisernem Griff das Holz des Fensterrahmens, fein Blick starrt hinauf in das ragende Gewirr der Aeste, über das fahl ein sternbesäter Himmel sich spannt. Tränen stießen über die Wangen herab, und seine Lippen zittern, ohne daß ein Laut sich von ihnen zu lösen vermag.
Was man früher auf Keifen las.
Ein Beitrag zur Geschichte der Reiselektüre.
Von Dr. Kurt Haack.
Das Lesen auf Reisen ist in unserer Zeit, die „im Zeichen des Verkehrs" B, ein nicht zu unterschätzender Faktor der geistigen Bildung geworden.
>et doch heute so mancher, den das hastende Getriebe des modernen Geschäfts- ober Gesellschaftslebens völlig in Anspruch nimmt, nur auf der Eisenbahn, während der notgedrungenen Mutze einer Reise Zeit, um ein Buch in die Hand zu nehmen. In der Zeit, als Urgroßvater und Großvater sich zum erstenmal auf das „schnaubende Dampfroß" wagten und erregten Gemütes die Aufregungen und Wunder einer Eisenbahnfahrt genossen, kam der Begriff der Reiselektüre recht eigentlich auf, hatte aber damals schon eine längere Vorgeschichte.
Der Reisende des Mittelalters, der sich mit schwerem Herzen zu einer Fahrt in Geschäften ober nach einem heiligen Ort, um seine sündige Seele zu entlasten, bewogen sah, hatte viel zuviel mit den Schwierigkeiten des Weges, den Unbilden der Witterung und der Gasthöfe, den Gefahren der Landstraße zu tun, als baß er besonders auf seine Unterhaltung bedacht gewesen märe. Die Kreuzfahrer sangen ihre Lieber, die wohl auch aufgeschrieben wurden, um sich zu ihrem großen Unternehmen anzuseuern und durch den Rhythmus der Verse Müdigkeit und Kleinmut auf langer schlimmer Wanderung zu vertreiben. Lesen konnten nur die wenigsten; die Kunst des Druckens war noch nicht erfunden. Doch der Unterhaltungstrieb wurde allmählich auf der Reife größer und größer. Hohe Herren führten deshalb auf ihren Fahrten Spielleute und Gaukler mit sich, bie ihnen burch bas Vortragen von Heldengedichten, durch allerlei Kunststücke die Zeit vertreiben sollten. Das Volk aber schuf sich seine Kurzweil selber; ein unerschöpflicher Drang zum Erzählen regte sich im Mittelalter und ließ einen stets strömenden Quell des Vergnügens aus der regen Phantasie hervorsprudeln. Aus diesem reichen Brunnen trauriger und fröblidjer, moralischer und frecher, zarter und grober Ge
schichten, Anekdoten, Späße und Schnurren hat bie ganze spätere Literatur geschöpft, und auch uns werben heute noch Mären und Schwänke aufgetischt, bie sich vielleicht zuerst ein paar lustige Gesellen auf bem Wege von Florenz nach Rom zu Dantes Zeit erzählt haben, ober bie einer Wallfahrergesellschaft zwischen Southwavk und Canterbury, während der Kriege der weihen und roten Rose, die müde schleichenden Stunden Der@eoffreg Chaucor unsterbliche „Canterbury-Tales", ein Kranz von Erzählungen, die auf einer solchen frommen Reise zum besten gegeben wurden, aber zumeist einen sehr weltlich unterhaltsamen Inhalt haben, sind das schönste Beispiel solch gesprochener „Reiselektüre". In den großen Rollwagen", die damals alle Reisenden beförderten, die sich ■ fein eigenes Gefährt leisten konnten, erzählte sich die Gesellschaft zum Zeitvertreib allerlei Begebenheiten und Erlebnisse, die zuweilen nicht sehr sauber waren. G e i l e r v o n K a y s e r s b e r g gebraucht ein Sprichwort: Das gehört uff den rollwagen", um anzudeuten, daß etwas unanständig ist. Dieser aufgefpeicherte Schatz „kurtzweiliger Possen, Historien und Fabeln" wurde dann nach der Erfindung bes Buchbrucks in bie zahlreichen Schwankbücher aufgenommen, die nach dem lateinischen Vorbild der Facetten" Poggios im 16. Jahrhundett entstanden. Eines dieser deutschen Werke gibt sich direkt als „Reiselektüre", nämlich Jörg W i ck r a m s R o l l w a g e n b ü ch l e i n", „so man auf Schiffen und Rollwagen, desgleichen in Scheerhäusern und Badstuben zu langweiligen Zeiten erzählen mag . . . allen Kaufleuten, so die Messen hin und wieder brauchen, zu einer Kurtzweil". Aber auch für all die anderen Bucher die sich z. B.
Wegkürzer", „Rastbüchlein" nennen, gilt, was der gelehrteste Kenner unserer deutschen Schwankliteratur, Johannes B ölte, von ihnen sagt: „Der Zweck dieser Bücher ist, einer fröhlichen Tafelrunde oder einer tm Schiffe ober im Wagen zufällig vereinten Reisegesellschaft heitere unb mertmürbige Vorfälle und Geschichten zur Unterhaltung vorzutragem
Wickram hat seine Sammlung bem „Wirt zur Blume zu Colmar", Martin Neuen, gewidmet, der alle Jahre zur Straßburger Messe einen eigenen Rollwagen ausrüstete. „Als bann mdcht ihr Euch zusammt, gute Herren unb Freunde, mit diesem Büchlein ergehen, dieweil Ihr auf der Fcchrt seid, welches auch vor männiglich ohne allen Anstoß mag gelesen werben" Wenn er sich dann aber ausbrücklich dagegen verwahrt, daß er so grobe Sachen erzähle, wie sie sonst „aus Rollwagen üblich, wenn er behauptet, daß seine Sachen auch für die kHren von Frauen passend seien menn er also eine Reform der „pikanten Reiselektüre antunbigt, so ist ihm dies nach unfern Begriffen sehr ^16^ gelungen. Mag er^auch stets eine moralische Lehre anhängen und gar sittsam sich anstcllen es herrscht doch bei ihm, wie bei allen Schwankerzahlern des „grobianischen Zeitalters", eine naive Freude an Zoten und Derbheiten.
Die Reiselektüre des 16. Jahrhunderts hat weder im 17. noch 18. eine eigentliche Nachfolge gefunden. Wohl machten einige Apophthegmen- Sammlungen und Zeremonienbücher darauf Anspruch, Kavalieren arfi der „großen Tour" als amüsante und lchrreiche Begleiter zu bienen, aber im allgemeinen verstieß damals Lesen auf, der Reife gegen ben guten Ton denn ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Bildungsmittel auf , ber Sour ist m- Gelegenheit zu Diskursen", Beniamin Neukirch tn seinem politisch-moralischen Maximen" nennt einen, der auf Reife lefe, einen Duckmäuser", der seine Zeit schlecht anwende, da man nur burd) ®e= spräche fremde Sprachen lernen unb einen Einblick in die des bereisten Landes erhalten könne. Die gemütliche, Enge der Postkutsche, die nahen Beziehungen der Wagengenossen, bie miteinander m vielfache Verübrung kamen, begünstigten Unterhaltungen, wahrend das Hin- und Herrütteln des Wagens, bie Härte der Sitze, bie Tücke der Landstraßen, die heftigen Stöße eine rechte Muße und Sammlung zum Lesen nicht °UfTnunerbi n ^entf teht im 18. Jahrhundert schon eine reichhaltige Literatur, die besonders fürs Reifen geeignet unb bisweilen auch für Reisende bestimmt ist. Da sind die bändereichen Reiseschilberungen, die man aber nicht gut im Mantelsack mitnehmen konnte, dze poetischen Reisebnefe die Chau11eu in Mode brachte, und die in Deutschland Gleim, Jacobi und Wieland pflegten, bann die geistvollen Reisenovellen, die ihr Vorbild in Sternes „Empfindsamen Reisen" fanden. Aber trotzdem bur- gerte sich das Lesen auf Reisen nicht ein. Es war em Geschlecht von Augen- unb Sinnesmenschen, bas in der Epoche des Sturmes und Dranges sich an G o e t h e s hohem Muster bildete.
Erlt der bistorische Mensch" des 18. Jahrhunderts, auf Semen unb Bildung versessen, verlangte bas Buch für die RÄse. In dem Prosp^kt ru einer Reise-Bibliothek", die ums Jahr 1850 erschien, find dm wichtigsten Gründe für bie Entstehung der Reiselektüre zusammengefatzt: „Eisenbahnen und Dampfschiffe haben auf das Leben der Völker den unermeßlichsten Einfluß geübt und üben ihn fortwährend in immer gesteigeriem Gra^. Jedermann reist jetzt zehnmal häufiger und weiter als sonst. Seber erleb weit mehr als früher in gleicher Zeit. Die Zeit hat dadurch erhöhten Wett erhalten, sie ist um so kostbarer geworden, je mehr sich tn 'hr erreiche läßt. Und doch, während bei der jetzigen raschen Art zu reisen soviel gespart unb gewonnen wird, geht gerade dabei wiederum so viel Zett loren. Aus ben frühem, langsamem und gemütlichem Reisen wollte und konnte man von Beginn derselben an alles fid) Darbietenbe, ruM 0 meßen. Jetzt eilt man oft Hunderte von Meilen durch wemg mtere an» ober oft gesehene Gegenden, um erst bann eine genußreiche Reife 5» ginnen. Früher unterhielt sich bie Reisegesellschaft viel miteinander, man schloß sich bald näher an seine Mitreisenden an. Jetzt ist ein längere Gespräch auf der Eisenbahn bei dem Rasseln der Wagen fast unmogittN Und wenn wir uns bann stumm gegenübersitzen, wenn die RefieMllMY nicht anregt, wenn schlechtes Wetter uns ftunbenlang tn bie Kajüte Dampfschiffes verbannt, werden wir da nicht oft von tödlicher Ämgewen geplagt, von Aerger erfüllt über den Bericht der kostbaren Zeit. Abe gibt ein Mittel gegen diese „kleinen Leiden" des menschlichen Lebens Reisens, bie uns den ganzen Reisegenutz verleiden können, und Dies i • „interessante Reiselektüre". . .
Der erste, der bie Begründung und Ausgestaltung dieses treuen raturzweiges ins Auge faßte, war Macaulay; in einem Auffay,


