SietzenerKmiilienbliitler

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1927 Dienstag, den 2. August Nummer 61

Ritt int Mondschein.

Von Achim von Arnim.

Herz zum Herzen ist nicht weit Unter lichten Sternen, Und das Äug', vom Tau geweiht. Blickt zu lieben Femen.

Unterm Huffchlag klingt die Welt, Und. die Himmel schweigen;

Zwischen beiden mir gesellt. Will der Mond sich zeigen.

Zeigt sich heut in roter Glut An dem Erdenrande, Gleich als ob mit heißem Blut Er auf Erden lande.

Doch nun flieht er scheu empor, Glänzt im reinen Lichte, Und ich scheu« mich auch"vor Seinem Angesichte.

Der Tod des Freundes.

Von Erich Ebermayer.

Ein heißer, sonniger Maitag des Jahres 1805 ging endlich zur Neige. Die Hitze lagerte noch schwül in den engen Straßen Weimars, und an den niedrigen Häuserreihen rechts und links der Gasse waren die Fenster­flügel weit geöffnet, um die erhoffte Kühle des Abends in die dumpfen Stuben einzulassen. Vor den Haustüren hatten sich allerorts Gruppen schwatzender Bürger gebildet. Kinder spielten in den Gärten ihre letzten heißen Spiele vor dem Schlafengehen.

Die, Erwachsenen sprachen nur gedämpft heute abend, als bände sie irgendein Gemeinsames, das ihnen nicht erlaube, so harmlos laut wie sonst zu sein. Ihre Gesten warm hastig und verhalten, ihr Sprechen eher ein Flüstern und bedächtig-ernstes Einanderzunicken. Unruhe lag über alten. Eine geheime, mühsam beherrschte Unstetigkeit fieberte durch die Stadt.

Am Markt, der sich in der Dämmerung übergrüß aäsnahm, war Jugmd versammelt. Wagen waren auf einer Seite aufgefahren, die Mitte des Marktes jedoch war schwarz von einer Kopf an Kopf sich drängenden Mmge. Halblautes Gemurmel vieler Stimmen erfüllte hier die Luft. Studenten aus Jena waren herübergekommen, und zwischen ihnen standen eingekeilt die Jüngeren, Gymnasiasten und Handwerksburschen.

Keiner mochte nach Hause gehen heute abmd oder sich in eine der Kneipen setzen, die leer waren, und deren Wirte sich mißmutig unter die Bürger gemischt hatten.

Allmählich wurde es völlig finster in den Straßen. Aus den Fenstern leuchtete erster Lichtschein: Mütter, die ihre Kinder zu Bett brachten, während die Väter noch draußen, vor dem Hause standen. Im Dunkeln ballten sich die Wartenden zu unkenntlichen, kaum bewegten grauen Klumpen, aus denen dann und wann sich eine Gestalt loslöste, um schnell, als ob sie das Alleinsein fürchtete, mit einer anderen Gruppe zu verschmelzen.

Bet Goethe brannte nur nach der Straße zu Licht. Ein einziges Fenster hart unterm Dach war erleuchtet, sonst lag das weite Haus in völliger Dunkelheit.

Im Arbeitszimmer ließ der Widerschein des blassen Himmels die Umrisse der Möbel gespenstisch aus der Dämmerung ragen. Die beiden kleinen Fenster nach dem Garten zu standen offen; fliederschwere Abend­luft drang herein.

Meyer hatte den Stuhl des Meisters ganz nahe an das rechte Fenster gerückt. Er hatte es so gewollt. Auch >daß kein Licht angebrannt würde, hatte er befohlen. Niemand solle vorgelassen werden, Boten jedoch, die Nachricht für ihn hätten, seien keinesfalls abzuweisen.

Seit dem Abendbrot saß er nun, ohne sich zu bewegen, in seinem Stuhl am offenen Fenster und schaute hinaus in das dichte Gezweig des Gartens und in den Abendhimmel.

Goethe war heute nicht gesprächig. Ob man ging und ihn allein ließ? Ob er es wünschte? Sollte man fragen? Nein, besser nicht, er würde es andeuten, wenn er allein sein wollte, er tat es sonst ja auch. Ahnte er was die ganze Stadt befürchtete? Niemand hatte mit ihm davon zu sprechen gewagtz keiner hatte eine Andeutung gemacht, daß seit gestern mittag sich die Krankheit zum Schlimmen gewendet hatte, und daß nichts, nichts mehr zu hoffen war. Es galt, ihn zu schonen, denn noch zeugten die tiefen blauen Ringe, die seifte Augen unterhöhlten, von der kaum überstandenen Krankheit. Wie würde er es tragen, das, was kommen mußte, letzt atwr morgen oder übermorgen? Würde der Wille, der riesen­

hafte Wille, auch diesmal wieder Herr über den noch kranken Körper bleiben?

Meyer ging im dunklen Zimmer auf und ab, die Dielen knarrten unter [einen Tritten. Er konnte nicht mehr ruhig neben ihm sitzen, wie seit Stunden schon. Es war qualvoll, dies warten und nicht spreche!: dürfen von dem, was die Gedanken doch einzig ohne Unterlaß um­kreist« . . .

Da regte sich die große Gestalt am Fenster, und seine Stimme, die heut« milder und weicher klang als sonst und alle Schärfe vermissen ließ, sagte:Kommen Sie, Meyer, setzten Sie sich zu mir, hier sicht Ihr Stuhl, kommen Sie her."

Dann saßen sie wieder nebeneinander am Fenster und atmeten schwei­gend die schwere Nachtluft. Die Decke war von Goethes Schoß herab- geglitten, Meyer hob sie auf und legte sie von neuem um seine Knie. Ohne den Versuch der Abwehr, der sonst nicht fehlte, ließ er es ge­schehen. Später fragte er:Wie spät ist es?"

Meyer konnte es aber nicht erkennen, und als er aufstchen wollte, um Licht zu schlagen, drückte ihn die schwere Hand des anderen auf den Stuhl zurück.

Bleiben Sie, lasten Sie. Es muß ja von den Türmen schlagen. Dann werden wir es hören."

Vor dem Fenster balgten sich kreischend drei Spatzen um einen Bissen Semmel, den Rest des Brotes, den der Diener hinausgelegt hatte. Goethe beugte sich vor, um dem Kampf bester zusehen zu können. Ms eins der Tiere mit dem Bisten im weit gesperrten Schnabel entfloh, sank er in den Stuhl zurück und beschattete di« Augen mit der Hand. Er stöhnte lest«, so daß Meyer erzitterte.

Haben Sie vom Hofrat Schiller Nachricht?", durchschnitt es plötzlich die Stille. Meyer fuhr zusammen. Nun war doch das Wort ausgesprochen, dieser Name, der hinter allem lauerte.

Heute... heute noch nicht..." antwortete er verwirrt und schlug den Blick zu Boden, denn er fühlte, daß des Fragenden Auge schwer auf ihm ruhte. Noch während er stammelte, wandte Goethe sich schnell wieder von ihm ab, als ob ihn die Lüge ekele.

Dann fiel alles wieder in Stille zusammen. Auch das Gezwitscher der Vögel im Weinlaub an der Mauer wurde allmählich müder. Von der Straße drang fernes Summen menschlicher Stimmen ins Zimmer und ah und zu das harte Klappern von Schritten auf dem Pflaster vor der Haus- front.

Mel Lärm heute draußen", äußerte Goethe, und Aerger lag in seiner Stimme.Was haben die Menschen heute abend? Warum liegen sie nicht in ihren Betten?"

Cs sind die ersten warmen Nächt«, Exzellenz. Das Volk freut sich des Frühlings. Der Winter war hart und lang."

Sie haben recht, die Leute, sollen sie." Auf einmal klang die Stimme wieder mild, und seine Hand, die auf der Lehne des Sessels lag, und weih aus dem Dunkel aufleuchtete, machte mehrmals eine lästige müöe Seroegung.

Meyer wagte nicht zu reden. Er sah da, ohne sich zu rühren. Seine Nerven roareit zum Zerspringen gespannt. Es mußte etwas geschehen.

Aber es geschah nichts. Cs blieb alles ruhig wie zuvor. Alle Geräusche, auch der Lärm von der Straße waren erstorben. Nur des Geheimrats schwerer, ein wenig röchelnder Atem klang durch den Raum.

Ob wir die Fenster schließen, Meyer?", fragte nach einer Weil« seine Stimme aus dem Dunkeln.Sehen Sie, Wind hat sich ausgemacht, es wird doch kühl mit 6er Zeit."

Meyer erhob sich und schloß klirrend die kleinen Scheiben. Im Augen« blick, als er sich wieder auf den Stuhl neben Goethe setzen wollte, klopfte es mehrmals, kaum hörbar an der Tür, di« nach dem Flur führte. Meyer erschrak; er hatte keine Schritte kommen hören.

Goethe schien das Klopsen nicht gehört zu haben; er rührte sich nicht. Er hatte die Augen geschlossen. Langsam, wie gelähmt, mit schweren, bleiernen Schritten tastet sich Meyer durch das dunkle Zimmer zur Tür. Seine Hand streift« gleitend Blätter, di« vom Diktat des Nachmittag, noch auf dem Tische lagen. Dann war der Tisch zu Ende; dann kam elft freies Stück; bann das Bücherregal, dann rechts der Ofen, dann wieder freies Stück; nun die Tür; dunkel, unentscheidbar, nur Maste stand fte vor ihm. Was war dahinter? Er zitterte. Einen Augenblick lang stand e.r regungslos da und bohrte feinen Mick in die Finsternis und wagte nicht, die Klinke zu fasten.

Dann öffnete er. Warme, dumpfe Luft schlug ihm entgegen. Matter Kerzenschein flackerte von irgendwo über die abgetretenen Dielen. Eine leise, halb erstickte Stimme flüsterte:

Herr Hofrat, kommen Sie ... kommen Sie doch ....!"

Er trat auf den Gang hinaus und schloß leise hinter sich die Tür. Die Vulpius trat auf ihn zu. Sie trug ein leichtes, weites, fallendes Gewand aus hellem Stoff und gestickte Pantoffeln an den Füßen. Ihr Gesicht, das von der Kerze, die sie in der Hand hielt, voll beleuchtet wurde, war rot und verweint.