Cheops und Chephren, die aus der mondbestrahlten Wüste herüberwinkten, sollten Zeuge fein. Sie hatten schon andre Kämpfe mit angesehen ...
Als ich am folgenden Tage gegen elf Uhr in der glühenden Sonnenhitze des nahen Mittags vom Felde geritten kam, wo ich mich mit Halim Pascha eine Stunde lang über einen kommenden Furchenpflug für Baumwollbau besprochen und ihn in eine fast ebenso hoffnungsfrohe Stimmung hineingearbeitet hatte wie mich selbst, stand „Lord Palmerston" vor meiner Gartentüre. Ich kannte den prächtigen weißen Esel; er war der stattlichste der munteren Schar, die vor Shepheards Hotel Fiakerdienste versieht. Ich wußte deshalb, daß mich ein Besuch erwartete, der mir schon durch sein äußeres Auftreten Achtung einzuflößen versuchte. Mein abessinischer Koch und Haushofmeister bestätigte dies mit geheimnisvollem Eifer. Der fremde Herr liege drinnen auf dem Diwan und warte schon seit einer Stunde auf mich. In dem fast sinsteren, aber köstlich kühlen Empfangszimmer erhob sich, als ich eintrat, ein kleiner Herr mit kugelrundem, kahl geschorenem Kopf, kleinen listigen, aber nicht bösartig zwinkernden Augen, einer stumpfen Nase und einem gottbegnadeten Mund, soweit seine Größe in Betracht kam: in weißem Anzug, gelben Lederschuhen und einem dunkelroten Tarbufch, der tn völlig korrekter Stellung auf dem hinteren Teil seines Hinterkopfes saß. „Mister Bridledrum aus Bedford in England!" — „Ingenieur Eyth! Sehr angenehm, Herr Bridledrum! Bitte, behalten Sie Platz!"
Ich klatschte in die Hände. Mein Abessinier, der die Sitten und Gebräuche bei englischen Besuchen bereits wohl kannte, brachte ohne weitere Anweisung eine Flasche Whisky, eine Flasche Brandy und eine Gulla, die herrlichste Erfindung der alten Aegypter, den porösen Wasserkrug, in dem durch Verdampfung das Nilwasser um so kälter wird, je heftiger die Sonne darauf scheint. Schon damals verstanden sie etwas vom Dampf.
Bridledrums liebenswürdige, fast unenglische Gesprächigkeit war kein leeres Gerücht. Er versicherte, daß er schon in Alexandrien, nein, schon in England von mir gehört und nichts sehnlicher gewünscht habe, als mich kennen zu lernen. Er sei entzückt, daß dieser Wunsch jetzt in Erfüllung gehe. Engländer — er meine Europäer — müssen sich überall fest zusammenschließen, um in diesen fremden Ländern der Kultur, dem Christentum und dem Handel Bahn zu brechen. — Dabei sah er mich plötzlich etwas unsicher an. Nein, ich war kein Jude. — Ich sei ein Mann, der in kurzer Zeit glänzende Erfolge erzielt habe — mit mangelhaften Mitteln, wenn er sich als Nicht- Ingenieur erlauben dürfe, eine Meinung zu äußern: mit völlig unzureichenden Hilfsmitteln! Aber man wisse auch, daß ich nur der Sache biene und mir ein selbständiges technisches Urteil bewahrt habe. Er wende sich deshalb fast in erster Linie, er dürfe sagen, ganz in erster Linie an mich, teils um Rat in bezug auf die landwirtschaftlichen Verhältnisse Aegyptens, teils um Unterstützung im Interesse des Landes, für das der beste Dampfpflug von höchster Bedeutung werden müsse. Nun sei, wie ja längst jedermann wisse, der England besucht habe, der Howardsche Pflug anerkanntermaßen . . ."
„Gewiß!" sagte ich rasch entgegenkommend. „Auch ich habe schon von Ihnen viel Schönes gehört, Herr Bridledrum. — Etwas Whisky gefällig? Oder Brandy? Man braucht in diesem Lande von Zeit zu Zeit eine kleine Kühlung."
„Whisky, wenn ich bitten darf. Sie wissen, die Bridledrums stammen aus Schottland!" belehrte mich mein neuer Freund, zutraulicher werdend, „obgleich ich, mütterlicherseits, den Kognak vorziehen sollte." Er war sichtlich angenehm berührt von der Unterhaltung, die eine so praktische Form anzunehmen schien. Dann erzählte er mir, daß feine Maschinen samt vier Manu geschulter Bedienung gestern in Alexandrien nngekommen seien. Die Herren Howard seien entschlossen, zu zeigen, was ihre Apparate auf ägyptischem Boden leisten können, obgleich für einen Sachverständigen wie mich eine derartige Demonstration kaum nötig wäre. Für die Paschas und für die übrigen Niggers im Lande sei dies allerdings etwas andres. Nun brauche er aber ein paffend gelegenes Feld und natürlich auch manche andre kleine Unterstützung, Kohlen, Wasser und dergleichen, um den Pflug in Tätigkeit vorzuführen, und bis jetzt fei es' ihm leider nicht völlig geglückt, die Verwaltungsbehörden des Vizekönigs in Bewegung zu fetzen. Es fehle dort noch ein wenig an Verständnis für die Sache, unb ber Pascha selbst habe keine Zeit, bie Vorzüge ber Anwenbung gewöhnlicher Lokomobilen zur Pflugarbeit zu er«- fassen. Man habe ihn zwar vierzehn Tage lang in Alexandrien von einem Diwan auf ben anbcrn geschickt, ober in ben andern, wie man komischerweise hier sage. Er habe dabei drei Eimer Kaffee getrunken und sein Nervensystem auf Jahre zugrunde gerichtet. Nun komme er nach Schubra, um den hochintelligenten Halim Pascha, diesen Mann des Fortschritts — nein, um vielmehr mich zu bitten, die Sach« in die richtigen Wege zu leiten. — Bridledrum hielt inne, nahm jetzt auch etwas Brandy, vielleicht um seine Mutter nicht zu kränken, dis ihm sichtlich beigestanden hatte, denn ein unverfälschter Schotte hätte diese Einleitung nie zu Ende gebracht, wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuchtelte mit seinem Taschentuch wie eine Windmühle. Ich begann zu vermuten, daß auch seines Vaters Mutter eine Französin gewesen fein müsse.
Nun versicherte ich, daß ich ihm Land verschaffen werde, wann und so viel er wünsche. Das habe Ihm ja Halim Pascha schon zu- gesagt, der mir heute bie nötigen Weisungen gegeben habe.
Er war entzückt. ' ' j
„Auch Wasser und Kohlen sollen Sie haben," versprach ich weiter, „wie wenn Ihr Pflug mein eignes Kind wäre: und Hilfsarbeiter in der Gestalt von Fellachin kann ich Ihnen zur Verfügung stellen, so viel Sie irgend wünschen."
Er war entzückter.
, /-Denn ich bin ganz Ihrer Ansicht, Herr Bridledrum", fuhr ich fort. „Wir haben kein andres Interesse, als festzustellen, welches die brauchbarste Form des Dampfpfluges für Aegypten ist. Es ist richtig, ich war früher einer von Fowlers Leuten. Aber das liegt hinter mir. In meiner jetzigen Stellung ist es meine Pflicht, für die besten Gerate auf unfern Gütern zu sorgen, mögen sie kommen, von wem sie wollen, und mein Verhältnis zu Halim Pascha macht mir dies zu einem höchst anregenden Vergnügen, auf das ich niemals freiwillig verzichten würde.
„Ich kann ben Ausbruck meines Entzückens nicht länger zurückhalten, Herr Eyth," platzte Bribledrums französische Mutter aus ihm heraus ,„in Ihnen unverhofft, ich gestehe, ganz unverhofft, einen Mann von solchen Gesinnungen gefunden zu haben. Ich weiß, daß meine Chefs, die Gebrüder Howard, ganz Ihrer Ansicht sind: Es handelt sich darum, zu zeigen, daß der Howardsche Pflug der beste in der Welt ist. Auf Einzelheiten brauche ich Ihnen gegenüber nicht einzugehen. Ich habe nicht die Ehre, Ingenieur zu fein. Aber wenn die Dankbarkeit, praktische, greifbare Dankbarkeit für Ihre unbezahlbare Unterstützung..." — er drückte mir dan Hand stumm und schmerzhaft: fühlbar kam jetzt ber schottische Vater an bie Reihe.
»Ich bin kein Kaufmann unb zur Zeit nicht einmal Agent für eme biefer großen Weltfirmen," sagte ich, mich ihm enhvmbenb; „aber ich denke, die Sache läßt sich am besten feststellen, wenn wir hier, auf den Feldern von Schubra, ein kleines Wettpflügen veranstalten. Sie kommen mit Ihren Engländern und dem Howardschen Apparat, unb ich lasse meine Araber im Nachbarfelbe mit bem Fow- lersthen Pflug tun, was sie zu tun imstande sind. Sie müssen natürlich etwas Nachsicht mit den Leuten haben: ich habe augenblicklich keine englischen Arbeiter zur Bedienung der Fowlerschen Pflüge verfügbar. Mein einziger Mann befindet sich gegenwärtig in Ober- agypten. Wir messen dann gemeinsam Land,' Kohlen, Wasser und was Sie noch zu messen wünschen, unb wenn wir zuvor ein wenig "arm schlagen — das überlasse ich Ihnen, Herr Bridledrum, Sie verstehen es vortrefflich —, bann kommt ganz Kairo heraus und be» tvunbert ben Sieger."
Briblebrums runbes Gesicht wurde oval und während der weiteren Entwicklung dieses entgegenkommenden Vorschlags immer länger, feine diinngefchtttzten Aeuglein rund wie Fifchaugen.
„Ja — gewiß — das heißt —-," sagte er, nach Lust schnappend. Es schien ihm unerträglich heiß zu werden, was ja ber März in Aegypten hinlänglich erklärte.
„Ich habe heute früh ben Plan mit bem Prinzen besprochen", fuhr ich fort. „Er ist Feuer und Flamme dafür. Sie wissen, er ist ein wenig Sportsmann, wie vermutlich auch Sie. Ihren Landsleuten ist ja ein ehrlicher Wettkampf bei jeder Gelegenheit das höchste Vergnügen. Und ehrlich soll es zugehen, ,fair play all round-. Da-' für wollen wir — Sie und ich — schon sorgen. Wann können Sie mit Ihren Maschinen hier fein?"
-.Ein vortrefflicher Gedanke!" stöhnte Bridledrum, die neu aus- brechenden Schweißtropfen eifrig von ber Stirn tupfend: „das heißt, es wäre mir eigentlich lieber, wenn jeder für sich — wenn es Ihnen ganz gleichgültig ist, würde ich eigentlich gerner . . ."
„Sie sollen die Wahl des Feldstückes haben", unterbrach ich ihn mit wachsender Liebenswürdigkeit. „Hinter dem Palast liegen fünfzig Hektar Baumwolland. Die Wolle ist schon eingeheimst: in acht Tagen sind bie Stauden abgeräumt. Sie nehmen davon fünfundzwanzig, mehr, wenn Sie wollen, Fowlers Maschinen den Rest. Wie gesagt, Sie sollen die Wahl des Stückes haben! Es liegt mir daran, Ihnen alle derartigen kleinen Vorteile zuzuwenden. Sie sind auf fremden Boden, und dies entschuldigt eine kleine Parteilichkeit zu Ihren Gunsten. Halim Pascha hat mir das selbst eingefchärft. Er betrachtet Sie als unfern Gast: und Sie kennen die Gastfreundschaft des Arabers. Halim Pascha hält etwas darauf. ' Seine Miiiter war eine Beduinin."
Es entstand eine Pause. Bridledrum brauchte etwas Zeit und tat einen kräftigen Zug aus feinem Whiskyglas, um sich zu fassen. Mein Abessinier trat ein unb wollte wissen, ob man „Lorb Palmerston" ein paar Hanbvoll Pferbebohnen geben dürfe. Sein Eselsjunge meine, er habe Hunger. „Gewiß," rief ich in einem Tone, der bewies, daß auch ich die Gastfreundsthaft des Arabers zu üben wisse. Mein englischer Freund erhob sich, sauersüß lächelnd.
„Und Sie glauben nicht, daß man die Sache noch anders gestalten könnte?" fragte er zögernd. „Es wäre mir lieber, ganz entschieden lieber gewesen, Ihnen und einigen Herren in Kairo'ganz unter uns nachzuweifen, welche Vorteile Howards Einmafchinensystem gegenüber den feuern Doppelmafchinen hat, an die sich ber unglückliche Fowler neuetbings zu klammern scheint. Ein eigentliches Wettpfügen ist hierbei eher hinberlich. Es verwirrt bas Urteil. Man finbef nicht die nötige Ruhe zu völlig unparteiischen Beobachtungen —
(Fortsetzung folgt.)
6£tiftleitung: Or. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühllschen Tlniv.-Buch- und Sfeinbrudetei, R. Lange, Gießen.


