Ausgabe 
28.8.1926
 
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dieserRömer" hatte ihnen auch jene seltsame Gehässigkeit, Spitz- Einolgkeit und maßlose Rechthaberei eingeimpft, die für jene ost- ichen Gebiete durchaus charakteristisch, auf den Konzilien des Ostens in jener Zeit Orgien feiert, die uns gar nicht mehr verständlich sind. Nun war das damalige unechte Volk der Quirlten rechtgläubig im Sinne des Konzils von Nicea, die Goten und ihr großer König, Theoderich aber ketzerisch, arianisch. Die Folge war stilles, unter­irdisches Wühlen gegen seine wahrhaft großartige Reformarbeit.

Er fand in Italien ein verelendetes, kümmerndes Land. Viele Güter lagen öde, sinnlose Abholzung an den Rändern der Gebirge hatten Dürre herbeigeführt, wie wir es in stärkstem Maße jetzt im Karst sehen; die Landwirtschaft war bei weitem nicht imstande, selbst die zusammengeschmolzene Bevölkerung zu ernähren. Sümpfe hatten pch ausgebreitet, die Flüsse, reißend geworden, überschwemmten den Acker und ließen die Mündungen und Häfen versanden und ver­schlammen. Dio städtische Bevölkerung, der Arbeit entwöhnt, lebte in den feierlichen antiken Formen, besaß ihre Senate und Beamten, kieh sich füttern und durch Spiele unterhalten. In all diese Zerstörung griff Theoderich zielbewußt ein, zugleich aber als weiser und über­legener Politiker. Er forstete auf, trocknete Sümpfe, legte Straßen an, besiedelte und erreichte in einem Jahrzehnt, daß Italien sich selbst erhielt und Getreide ausführen konnte, sogar Quellentechniker ließ er aus Afrika kommen. In der Frage der Nationen und Religionen war er vorsichtig, sein Ziel, Römer und Germanen, Athanasianer und Arier zu versöhnen. Er erreichte es nicht, er fand nicht die Wucht jahrhundertealter Rechtseinrichtungen, eines uralt eingeschliffenen Berwaltungsapparntes und wertvolle Reste des unvergleichlichen römischen Heerwesens vor, alles paßte nicht auf seine Goten. So ent­schied er sich für einen kühnen Versuch: gotisches Recht seinen Goten, römisches Recht den Römern.

Die Religionsdinge behandelte er weisheitsvoll und erreichte wenigstens äußerlich Anerkennung und Ruhe. Unter der Oberfläche arbeitete gerade der Klerus eifrig daran, das Gotenrsich, das Reich der arianifchen Ketzer zu untergraben. Und der neunundsechzigjährige Theoderich, der wie ein Aeltervater von den anderen germanischen Königen und Staaten geehrt wurde, und dessen bloßes Wort den Franksnkönig davon abhielt, die Westgoten in Südfrankreich zu ver­nichten, mußte erleben, daß sich plötzlich die kalte Wand des Reli­gionshasses vor ihsn auftürmte, er fand Widerspruch, als er die Arianerverfolgungen Ostroms nicht mitmachen wollte, er sah Verrat und Treulosigkeit, hochverräterische Verschwörung in seiner nächsten Nähe, von der Orthodoxie geschürt, er griff zu, Boethius, der Philo­soph und Eymmachus, der Senator, waren seine Opfer, und als er am 30. August nach dem Genuß eines Fischgerichtes, das ihm irgend-' eine Hand versalzen hatte, in seinem Paläste zu Ravenna an einer seltsamen Krankheit starb, war sogleich die orthodoxe hübsche Legende fertig, daß der Kopf des Fisches, als er aufgetragen worden sei, den König an den (in orthodoxem Sinne zu Unrecht) Hingerichteten Symmachus erinnert habe und er deshalb verzweifelt sich hingelegt habe, um zu sterben. Eine Legende, die für den alten Symmachus nicht angenehm, für den greisen Theoderich aber unglaubwürdig ist. Später beeilte sich Papst Gregor I. zu erzählen, daß der edle Amalerkönigzur Strafe für jeine arianifche Ketzerei und seine Härte gegen Symmachus vom Teufel durch den Ligurischen Vulkan in die Hölle gezerrt worden sei". Theoderich der Große, der Italien, das ein Jahrhundert lang Wüste und Karst gewesen war, wieder in einen Fruchtgarten verwandelte, Theoderich, unter dessen Regierung Wandel und Handel, Wissenschaft unb Kunst, besonders die Baukunst wieder aufblühten, wovon besonders viele rechtgläubige Kirchen Zeuge sind.

Aber die deutsche Sage lachte über die syrische Denkart, ihr bleibt Held, wer Held ist, sie kränzt den Edlen, weil er edel ist, und so lebt Theoderich der Große, nachdem sein Reich nicht dreißig'Jahre nach seinem Tode, noch im Tode strahlend, untergegangen war, in der Heldensage als Dietrich von Bern weiter. Und wenn den vielen Spielmannsliedern von ihm auch der große zusammenfnsfende Dichter fehlte, wie ihn Siegfried und Gudrun fanden, volkstümlicher saft und bei alt und jung noch heute beliebt, ist der Berner mit dem Feueratem, mit Hildebrandt, seinem alten Waffenmeister, mit seinen guten Gesellen, unter denen der stattliche Mönch Jlfan manches in der Sage ins Heitere, Lustige und Biedere umkehrt, was in der Ge­schichte ganz anders aussah.

Blut und Eisen.

Von Max Eyth.

(Fonseyung.)

Papier!" warf ich ein.

Papier," gab O'Donald zu,aber mit Erläuterungen, daß dem Mzekönig die Schweinsäuglein funkelten. Er möchte schon lange gerne schlauer sein als sein Onkel in Schubra. Mein Haus in Alexandrien schreibt mir heute, wir müssen uns vorsehen und, un­beschadet der Interessen von Fowler & Co., wenn möglich auch die Agentur von Howards Pflügen in die Hand bekommen. Der alte Briggs in Alexandrien weih, wie der Wind weht, und ich habe heute nicht umsonst unferm Freund Bridledrum eine Stunde lang zugehört. Es war keine Kleinigkeit.Der Mann hat wirklich eine unnatürlich bewegliche Zunge."

Commercial honesty!" brummte Beinhaus und schien bös­artig werden zu wollen. Ich kannte O'Donald und seine Sprache besser und wußte, daß es keine ehrlichere Haut am Nil gab, was allerdings nicht viel sagen wollte.

Kaufmännische Ehrlichkeit hole der Kuckuck", rief er warm und vergnügt.Wer uns die größte Kommission verspricht, dem müssen wir glauben. Das scheint vernünftig; nicht? Von dem technischen Kram verstehen wir nichts und brauchen nichts zu verstehen; das verwirrt nur. Glaubt ein Fabrikant an sein eignes Fabrikat, so kann er eine saftige Kommission wagen. Sie kommt ihm zehnfältig zurück. Des­halb ist die Höhe der Kommission auch ein Maßstab für die Vor- trefflichkeit der Sache, so gut als ein andrer. Hiervon verstehen die Gelehrten nichts. Brummen Sie nur weiter, Herr Doktor! Prosit!"

Er trank Beinhaus ein Viertel vor. Auch das hatte er in unsrer Gesellschaft bereits gelernt. Deutsches Bier und deutsche Sitte be­gannen, wenn auch schüchtern, schon damals ihren Croberungszug durch die Welt.

Der Abschied van Eyth wird mir sauer fallen, ich will's gern gestehen," fuhr er fort, sich mir wieder zuwendLnd,denn im großen ganzen gehörten Sie zu einer ganz erträglichen Varietät der, teu­tonischen Abzweigung der englischen Rasse. Aber wir müssen uns alle ins Unvermeidliche fügen, und Sie werden einpacken, sobald Bridle­drum in Wirklichkeit hereinbricht. Er wartet nämlich bloß auf die Ankunft-feiner Maschinen, die mit vier englischen Arbeitern erster Klasse, Schlossern, Schmieden, Pflügern was weih ich! schon zwischen hier und Malta schwimmen sollen. Vier Engländer! Lieber Eyth, Sie waren in England. Sie wissen, was das heißt. Vierzig Deutschs und vierhundert Fellachin könnten vier Engländer in ihrem Siegeszug nicht aufhalten, von Bridledrums Mundwerk gar nicht zu sprechen, das wir, billig gerechnet, auf fünfundzwanzig Deutsche anschlagen müssen."

Er hat wirklich einen Pflug unterwegs?" fragte ich gespannt und hoffnungsvoll.

Glauben Sie, die Howards schwatzen nur?"enfgegnete O'Donald. Sobald Bridledrum sah, wie hier das Land lag, und daß es ein Deutscher in Schubra ein wenig verpfuscht hatte, telegraphierte er nach Bedford, und mit dem nächsten Schiff war die Zukunft Aegyp­tens unterwegs. Hören müssen Sie den Man». Ich gebe zu, er ist mehr als englisch. Seine Mutter sei eine Französin gewesen, wurde mir gesagt. Der Schwung, die Figarogewandtheit, mit der er die ganze Hotelveranda einseift, ist nicht englisch. Nein, glauben Sie mir, mit dem armen Fowler ist es aus. Dabei schimpft er nicht über Sie, bleibt durchaus anständig, zeigt sogar ein herzliches Mitleid mit Ihnen. Prosit! Es ist hart, packen zu müssen.. Aber wir sehen uns wohl in einer besseren Welt wieder, bei Simsan im Strand zum Beispiel. Wenn wir daran denken, in diesem heißen, dumpfen Kellerloch!"

Das Fäßchen stand jetzt auf dem Kopf. Ein paar hallende Schläge gegen feinen leeren Bauch teitetn der bewegten Gemeinde mit, daß es aussichtslos war, noch einen Tropfen ans der heimatlichen Quelle zu erwarten. Auf acht Tage war sie wieder versiegt, und zögernd entfernte sich eine Gruppe nach der andern, die einen etwas laut und glücklich, daß wieder einmal deutsches Naß ihre lechzenden Kehlen und deutsche Gemütlichkeit die vertrocknenden Seelen erquickt hatte, die andern, und sie waren leider weitaus die Mehrzahl, murrend, daß dieser Narr, der Meier, sich nicht überreden lassen wollte, drei statt eines Fäßchens kommen zu lassen.Abstehen! Unsinn!"

Auch wir verließen das Kneipchen. Es war rasch Nacht und plötzlich stille in der Muski geworden. Der ägyptische Mond schien uns voll und hell entgegen. Von der damals noch wild verwachsenen Esbekieh herüber tönte der schrille Lärm der erwachenden Grillen und die unterbrochenen Paukenschläge einer böhmischen Musik. Hunde schlichen lautlos unter dem Schatten der Häuser hin. Noch immer faß der bleiche Missionar vor der Türe und starrte mit seinen großen Augen in die volle Mondscheibe, auf jeder Wange einen Flock hellen, krankhaften Rotes, das einzige halbgeleerte Glas wohl seit einer Stunde unberührt neben sich: ein, eigentümliches Bild ' hoffnungsvoller Entsagung, hoffnungsvoller Ergebung. Man sieht so manches am Rande der großen Heer- und Wasserstraße des jeder schwimmt lustig im Strome mit, und auch nicht jeder, der Lebens, das nicht auf den ersten Blick zu entziffern ist. Und nicht lustig mitschwimmt, erreicht das Ziel, nach dem er die Arme aus- ftreckt. Wir nickten dem Manne zu ohne, eigentlichen Grund, denn keiner von uns kannte ihn. Er aber war jedenfalls ein Landsmann, und man wurde damals mit Landsleuten rasch und ohne viel Umstände gut Freund in der Muski zu Kairo.

Eine Gegenmine.

Auf dem einsamen Nachtritte nach Schubra reifte mancher meiner Pläne. In die melancholische Sykomorenallee, die wie ein schwarzer Tunnel vor mir lag, fiel da und dort durch eine ihrer wenigen Lücken ein Streifen des Mondlichts und beleuchtete nicht falten einen Scha­kal, der sich bis hierher verirrt hatte und halb scheu, halb truijig davonschlich, wenn Mustapha, der etwas furchtsame Eselsjunge, ihm von weitem und überlaut feinYemenak! SchimalaT (Rechts! Links!")Du Sohn eines Hundes!" zufchrie. Aus der Ferne tönte das unablässige Hundegebell um die Dörfchen am Wege; in der Nähe, in den mondbeglänzten Klee- und Weizenfeldern zirpte eine Million von unsoliden, nachtschwärmerischen Grillen, mit betäuben­derem Lärm, je näher man Schubra kam, dessen helle, weißgetünchte Hütten und Häuser nach einer kleinen Stunde zwischen den schwarzen Stämmen durchschimmerten. Als ich vor meinem Hanse abftieg, war mein Entschluß gefaßt: ein ehrlicher und öffentlicher Wettkampf sollte die Frage entscheiden, welchem Pfluge, Fowlers ober Howards, in den nächsten Jahren der Boden Aegyptens gehören müsse, und dieser Kampf sollte in Schubra ausgefochten werden. Die Pyramiden von