Ausgabe 
27.4.1926
 
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größtem Geschütze sind nicht imstande, dem Geschoß an ihrer Mündung diese verlangte Anfangsgeschwindigkeit zu geben, so baß- ganz abgesehen von der Unmöglichkeit der Bemannung eines folchä Geschosses, die Ueberwindung der Schwerkraft auf diesem Wege heute noch nicht durchführbar ist.

Es lag daher der Gedanke nahe, die erforderlich« Geschwindig­keit allmählich zu erreichen, indem man ein Geschoß mittels einer am Hinteren Ende angebrachten Sxplosionskammer nach Art der Raketen sich fortbewegen läßt. .Um eine solche Rakete handelt es sich bei den oben besprochenen Versuchen Goddards.

Diel kühner ist dagegen der Siebenbürger Oberth, der eine ausführliche Beschreibung einer bemannten Rakete in seiner SchriftDie Rakete zu den Planetenräumen" gibt. Für die Be­wegung einer Rakete gilt folgende Beziehung: Das Produkt aus der AuspuffgeschwinLigkeit und der ausgeschleuderten Wenge von Explosivstoffen muß in jedem Augenblick gleich sein dem Produkt aus der Geschwindigkeit des vorwärts strebenden Teiles der Rakete und seiner Masse. Wollen wir z. B., daß- die Rakete pro Sekunde um 30 Meter an Geschwindigkeit zunimmt, so müssen wir bei einer Auspuffgeschwindigkeit von 3000 Metern diese Größenordnung gibt Oberth an in jeder Sekunde einHundertstel an Masse bei der Explosion abgeben. Man sieht aus dem Vöran- g-egangenen, daß für die Berechnung der Rakete die in der ZinseszinSrechnung üblichen Formen gelten, nur daß dem dort üblichen prozentualen Zuwachs in bestimmten Zeiträumen hier eine prozentuale Abnahme in Sekunden gegenübersteht.

Als Anfangsgewicht -einer seiner Raketen gibt Oberth 300 000 Kilogramm an. Rach sechs Minuten Fahrt wird er bei einer dauernden Geschwindigkeitszunahme von 30 Metern pro Se­kunde nur noch rund 9-000 Kilogramm Gewicht in seiner Rakete übrig haben, und sich dann bereits außerhalb der Schwerkraft­wirkungen der Erde befinden. Oberth hält allerdings noch größere sekundliche Geschwindigkeitszunahmen als 30 Meter für den menschlichen Organismus für zuträglich. Diese Zahl von 30 Meter entspricht ungefähr der Geschwin-digkeitsä-nderung, die man bei einem Absprung aus einem mit 120 Kilometer pro Stunde dahin­fahrenden Zuge erfahren würde) Rur bei sehr guter Sicherung durch einen mit Preßluft gefüllten Anzug dürfte das. Ausschlagen des Körpers auf die ruhende Erde für diesen ohne Schaden ab- gehen. Größere und durch mehrere Minuten anhaltende Ge- schwindigke-itsänderungen werden dem Körper Wohl nicht zuträg­lich fein. Oberth hält bis über 50 Meter Geschwindigkeitszunahme, auch Beschleunigung genannt, für möglich. Er wlht.ä diese, um sich auch Beschleunigung genannt, für möglich. Er wählt diese, um möglichst bald aus dem Anziehungsbereich der Erde herauszu­kommen.

Abgeseh-sn von dieser den Menschen stark gefährdenden Be­schleunigung ist auch die bann pro Sekunde durch den Auspuff ab­zugebende Masse ungeheuer groß. Bei dem obigen Beispiel müßten in der ersten Sekunde 300 Kilo Brennstoff vergast werden! Die ungeheure Hitze und der große Druck bis zu 20 At­mosphären in dem Verbrennungsofen geben zu weiteren Be- benfen Anlaß, wenn man an unsere großen Schiffsmaschinen denkt, für deren Kessel bis zu 16 Atmosphären Druck beansprucht werden. Es bleibt daher abzuwarten, ob die theoretischen Untersuchungen Oberths auch in der Praxis an kleinen Modellen, die man zunächst zum Studium der höchsten Schichten der Atmosphäre unbemannt emporsenden könnte, sich verwirklichen werden. Auch bann wird die Uebertragung in größere Dimensionen noch eine sehr kost­spielige .Unternehmung ton großem Risiko darstellen. Was schließ­lich den Ruhen bei etwa doch- gelungener Durchführung betrifft, so wissen wir heute durch unsere astronomischen Forschungen schon ganz genau, daß wir nirgends in unserem Sonnensystem für uns geeignete Lebensbedingungen finden werden. Es könnte sich also -nur darum handeln, einzelne Gestirne in der Rähe zu umfahren. Wobei allerdings die groß« Geschwindigkeit der Rakete für die Beobachtung wenig von Vorteil fein dürfte. Es ist also recht wenig, Ausbeute im Planetensystem zu erwarten, solange es nicht ge­lingt, auf einzelnen Planeten zu landen, und von dort wieder aufzusteigen.

Und hier liegt noch ein schwieriger Punkt der Raumschiffahrt. Hat die Rakete irgendwo einmal in genügend großer Entfernung relativ zum Mond die Geschwindigkeit Rull gehabt, fo Wird sie bei der Fahrtrichtung aus dem Mond zu dort mit über zwei Kilomet-er-Säunden-Geschwinbigk-eit auftreffen. Da keine den Stotz bremsende Luft vorhanden ist, könnte sich bi-e Rakete höchstens durch eine Auspuffeinrichtung in Fahrtrichtung auf ein erträg­liches Matz an Geschwindigkeit abbremsen lassen. Bei der hier­durch bedingten plötzlichen Verlagerung des Schwerpunktes besteht aber eine große Gefahr für den 'Zusammenhalt des ganzen Raketenkörpers. Ueberhaupt verursacht der andauernde Massenverlust eine ständige Verlagerung des Schwerpunktes der Rakete. Denkt man an die anfänglich großen Mengen bis zu 3000 Kilo in der Sekunde abgefchleuderten Brennstoffballastes, so wird man Wohl damit einhergehende starke Erschütterungen des ganzen Apparates annehmen müssen. Man stelle sich die Tätigkeit der Pumpen vor, die imstande fein sollen, eine solche Menge flüssigen Brennstoffs pro Sekunde in den Ofen zu spritzen! Das Problem eines Raumschiffes scheint- allein schon auf Grund der wenigen hier ausgewählten Gesichtspunkte aus dem Bereich der theoretischen Möglichkeit noch lange nicht in den der prak­tischen Verwirklichung überführbar zu fein.

Ernst Didring.

Von Prof. Dr. jur. et phil. Karl Esselborn.

Unter den jetzt leberrden^schwebischen Dichtern nimmt Ernst Didring eine hervorragende Stelle ein. Er blickt auf nahezu ein Menschenalter schriftstellerischer Tätigkeit zurück und hat während dieser Zeit etwa ein Dutzend Romane und Rovellenbände sowie anderthalb Dutzend Dramen verfaßt. Sn Deutschland ist er merkwürdigerweise verhältnismäßig unbekannt geblieben. Don seinen dramatischen Werken ist nur eines in Deutschland aufge­führt worden, von feinen Romanen sind nur drei, darunter die beiden ersten Teile einer Trilogie, in deutscher Uebersetzung er­schienen. Sonst wurden Novellen von ihm in Zeitungen abge­druckt und verschwanden darin mit dem Tage ihres Erscheinens. Trügt nicht der Anschein, bann gehört er auch in Deutschland bald zu den allgemein bekannten. Aus diesem Grunde darf fein Leben und Schaffen einmal einer zusammenhängenden Betrach­tung unterzogen werden.

Am 18. Oktober 1868 erblickte Didring zu Stockholm als Sohn des Kunstlithographen Anders Gustav Anderson (1824 bis 1903) und seiner Frau Suliana Maria Hellberg-Didring (1827 bis 1910) das Licht der Welt. Mit seinen beiden älteren Brüdern, von denen der eine als Chef der Sntenbantur der schwedischen Marine 1913 und der andere als Gutsbesitzer und Vorsitzender des.Hilfskomitees für Kriegsgefangene des schwedischen Roten Kreuzes 1918 starb, nahm er später den alten mütterlichen Namen Didring statt des väterlichen Namens Anderson an. Seine Sch-ul- und Hochschulbildung empfing er in seiner Vaterstadt. Rach be­endigten Studien wurde er daselbst Oberbeamter bei der könig­lichen Eisenbahnverwaltung. Aach- und nach bekleidete er mehrere höhere Stellen im schwedischen Eisenbahnwesen, bis er 1914 fein Amt niederlegte, um sich ganz dem literarischen Schaffen widmen zu können.

Als Dichter trat er zum erft-eiimal im Sah re 1897 mit dem VolksfchauspielMidnattssol" (Mitternachtssonne), das bei seiner Aufführung in Stockholm beifällig ausgenommen wurde, hervor. Sm Sahre 1899 folgte seine erste RovekleDruddans-en" (Der Drauttanz), und nun vergeht kaum ein Sahr, das nicht ein neues Werk von ihm brachte: 1900 erscheint auf dem königlichen Schau- spielhaus zu Stockholm das DramaStigare-Mats" (Der Steiger), 1902 bringt den RomanKunskapens trab (Der Daum der Er­kenntnis) au'geführt, aber nickt gedruckt wurde das DramaSngjaB Sllraba (1903). Rach den beiden RovelkenTrälar" (Die Sklaten) undKronans kaka (Das Brot des Staates, d. h. Staatsdienst), die 1904 und 1906 erschienen, wendet er sich mehrere Sahre aus­schließlich dem Theater zu. So entstehen das auf dein schwedischen Theater in Stockholm aufgeführte DolksschauspielTvä konungar" (Zwei Könige, 1908) und das auf dem Schauspielhaus daselbst auf-geführte DramaHögt Spe (Hohes Spiel, 1909). Dieses Werk erfchien, von Emil Schering nach der ungebrüdten Hand­schrift übersetzt im Sahre 1909 bei Georg Müller in München, erlebte im folgenden bei Anwesenheit des Dichters im Hebbel­theater zu Berlin seine Uraufführung, und 1925 zu Kiel unter dem TitelEin Schuß im Rebel" -eine erneute erfolgreiche Auf­führung, ferner wurde es in Wien. Dänemark. Norwegen, Ruß­land, Finnland, Ungarn unb Spanien aufgeführt und erschien außerdem in französischer Uebersetzung. Daran schloß sich das DramaOt-narna (Die Adler, 1910), wo ein Minister durch seinen plötzlich auftauchenden verkommenen und auf die Dähn des Verbrechens geratenen illegitimen Sohn vor die Wahl gestellt wird, entweder das Todesurteil an diesem vollziehen zu lassen, ober auf seine Stellung als erträumter Staatsverwef-er zu ver­zichten, und der Sohn ihm diese Wahl erspart, indem er sich vom Balkon h-erabstürzt. Das nächste, einen Vorwurf aus dem süd- schwedischen Geschäftsleben behandelnde breiattige SpielValuta erschien in der Verdeutschung Emil Scherings vor der schwedischen Ausgabe (Berlin, Erich Reiß, 1909). Sn Göteburg wurde 1911 das DramaEn Moder" (Eine Mutter) aufgeführt. Sn demselben Sahre erschien die NovelleDUsna vandrare (Verirrte Wan- derer), 1912 das DramaSefte" und die drei EinakterEros , 1914Arvtagarna" (Die Erben), die auf verschiedenen Duhnen in Stockholm aufgeführt wurden.

Das Sahr 1914 brachte ferner die RomantrilogieMalm, Skildri-ngar nordanfran" (Schilderungen vom Norden), dessen Motto das bekannte Wort des Sophokles sein könnte:Vieles Gewaltige lebt, aber nichts Gewaltigeres als der Mensch". Sein Grundmotiv ist die Erkenntnis,daß das Leben ein Kampf ist, aus dem aber nicht immer etwas Schönes und Destehendes für das Glück der Menschen hervorgeht." Der erste Teil erschien 1917 bei KieP-enheuer in Weimar in einer deutschen Uebertragung von Else ton Hollander-Lossow unter dem TitelDie Pioniere", eine zweite Ausgabe davon erschien 1924 bei Georg Westermann in Draunschweig alsHölle im Schnee": der Titel des Originals Männen, fern gjorde bet" lautet wörtlich übertragen:Männer, die das machten". Der Roman spielt in Lappland und hat zum Gegenstand den Bau der Eisenbahnlinie LuleaNarvik, die der Erzgewinnung dienen soll. Didring selbst lebte mehrere Sahre daselbst, und die zugrunde liegende Anschauung Mit der Leser deutlich heraus, wenn auch- die Schilderung zumeist nur mit Hilfe der Phantasie auf gebaut ist. Der Verfasser geht aber, und dadurch unterscheidet er sich von andern, die wie er den mensch­lichen Kampf gegen die Elemente geschildert haben, von der