Ausgabe 
27.3.1926
 
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Eichener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag. Sen 27. März Nummer 25

Vollendung.

Won Leo Sternberg.

Oh, wie ich in den Frühling schaue, mit seinen grstdensn Weidsirschrmren im Winde peitschend, Laubdach vor den Türen und Blütenruten, biegend sich ins Blaue

So laß auch dieser Hände Ringen, dem nichts genügt. waS du nicht bist, einmal, mein Gott, etwas gelingen. waS wie ein Blütenzweig vollends ist!

Luzifers Letzter Lohn.

Legende von Robert Fa es i-Zürich.

Sei- jüngste Tag neigte sich gen Abend. Des Gerichts Po- sa-.men verklangen: Jauchzen der Seligen wölbte den Himmel hoch, von ihres Danks Gebraus schauerten lustvoll die Mütter am Lebensbaum. Denn die Frucht der Welt war reif erfunden rmd gnädig pflückte sie Gott in feine Hand.

Aus unendlicher Wanderschaft von Erden zu Erden, durch Leiber und Leiber, -aus des Stoffes strengen Kerkern kehrten die Seelen heim: die Seelen der obersten Welten, der Menschen Seele«, die Seelen der Tiere und der geringsten lebendigen Wesen. Aus Mühsal und Prüfung und Fron: alle kehrten sie heim in die ewige Stadt der Freude, gut und weise geworden, gereift und geläutert.

3m Strom der Erstandenen wandelten sanft dos Reh und der Leu, auf der Seligen Schulter fast Habicht imb Nachtigall. Das geduldige Gewächs trugen sie alles herein wie zur Ernte; die Rose kränzte dornlos die klare Stirn der Erweckten, und die Distel, duftend, hing silberner Frucht voll.

Der Herr ward milde jedwedem über die Maßen, und lichte Behausung wiesen die Seraphim nach Leid und Verdienst.

Die spätesten Scharen derer, die zulängst in Tücke, Trotz, Trägheit verharrt, zogen bezwungenen Herzens hinein; ihr Antlitz, empvrgerissen, glänzte im Widerschein der ewigen Güte.

Ein einziger stand zaudernd am Tor, abgewandt inS er­löschende Grau des Weltenzerfalls.

Sacht rührte des Menschen Arm der Erzengel Pförtner: Was starrst du hernieder zur Wüste? Zieh ein in die kristal­lene Stadt, in den goldenen Garten!"

Ter Wann sprach:Siehst du nicht: weit draußen in öder Tiefe, inr Wersten des Stoffs müht sich eine einzige Seele, ein wimmerndes Hündlein?"

Der Engel erwiderte:Gott gab Befehl, die Pforte zu schließ«!. Die Zeit ist erfüllt. Gleich wird von des Tempels Turm die letzte der Stunden schlagen."

Da «mllammerte angstvoll der Mensch den ehernen Pfosten:Habe Geduld! Wan vergaß des Hündleins. Laß es mich holen i"

Der Erzengel senkte die Brau'» zu drohendem Wort:Wer vermäße sich. Gottes Zeiger zurückzudreh'n?"

Doch lieh der Mensch nicht ast und flehte und bat:ES ist meines Nachbars Hündlein; er schlug es und trat es. Ist es auch schlecht und gering, sio war es treu. Wie sollte der Herr es verraten?

Der Engel stieß sein Schwert in die dröhnende Schwelle: Was greift deine Hand in die Speichen der ewigen Weisheit? Ihr rmerforschlicher Ratschluß will, daß das Hündlein verderbe."

So ist die Welt böse von Grund und der Schöpfer ein Schuldner und muß erröten vor dem geringsten Getier!"

Da zürnte der flammende Engel:Du Undankbarer! 3st's nicht genug dir der Gnade, daß du eingehst zum ewigen ©arten?

Der Mensch aber schrie:Es ist keine Gnade, sie sei auch dem Hündlein! .Und so es verworfen ist, was soll mir die Selig­keit? Der Miriaden frohlockenden Lobgesang übertönt mir des Hündleins Gewimmer, der Himmel wird Hölle!"

Und horch: da erbrauste die paradiesische Luft und in blendender Wolke nahte der Herr. Dor feine Füße warf sich der Mensch und bat für das Hündlein:Latz mich hinaus, o Herr, in die Finsternis, und nimm das Hündlein statt meiner.

Da sprach der Herr mächtige>r Mund's:Du bist bestimmt zum Heil und jener zum Opfer für alle. Roch weißt du nicht, wie Seligkeit schmeckt", und hob den Menschen zu sich empor und legte ihn an sein Herz.

Er aber riß sich los vom Schoße des Baiers und warf die Arme und schrie: «Herr, hart ist dein Herz! And besser drück' ich

D«s Tor der Unsterblichkeit.

Erne Osterlegende von Karola Strauch-Bock.

Er war anders, als seine Mitmenschen, der große, dunkel­äugige Mann, er war ein Grübler, ein Einsamer. Die Augen der Welt beneideten ihn, sie sahen in ihm den glücklichen Erben, der «in gesegnetes Dasein führt«. Er war reich gesund, begabt, er hatte eine gütige Frau, einen schönen vierzehnjährigen Knaben^ er besaß Haus und Garten, einen Wald zum Jagen, einen See zum Rudern rmd Fischen, er war geliebt und geschätzt----

aber dennoch, in seinen Augen brannte ein Rätsel, eine drängende, heilige Frage, die keine Antwort fand. Aiemand verstand dies« Augen, auch seine Allernächsten nicht. Es gab Tage rmd Rächte, da umklammerte den einsamen Wann sein eigenes Wesen wie eine Fessel. Wer vermochte sie zu sprengen? Er dachte über sein Leben nach über seine Entwicklung, seine Jugend. Er war ein frühreifer Knabe gewesen, der am liebsten für sich allein war, der zeichnete ober modellierte. Bildhauer wollte er werden. Sein Vater ließ ihn ausbilden, nur damit der heiße Wunsch der Kinderseele gestillt würde, dann hatte er die künstlerische Neigung dem Berus opfern muffen. Denn er war der einzige Erbe eines großen TiefbauunterneHmens, das Weltruf besaß. Und seiner Familie zulieb warf er sich in die Arbeit des Berufes hinein, hatte Erfolg. Mrd bas Künstlerische schwang in ihm mit. als ein leiser Unterton seines Wesens inift befruchtete seine Arbeit, sein Leben.

Er sann über seine Erziehung nach, er erinnerte sich dankbar großer Männer, die ihm das Wesen der Kunst, der Wissenschaft, der Religion offenbart hatten, er gedachte in Verehrung feiner Eltern, aber sie alle hatten doch nicht die brennende Sehnsucht seines Herzens sttll gemacht. Dena dies Krängen seiner Seel« wollte schon früh die Schranken dieser Erde durchbrechen, er konnte als Knabe sich hineinträuinsn in eine Welt, di« Hintes dem Sichtbaren unsichtbar webte. Er trug 6te Gewißheit des Kindlich-Ahnenden in sich, daß fein unstetes Herz erst nach diesem Erdenleben stille werden könne, daß feine Seele aller Schwach­heit und Schuld ledig werden muffe zu einer himmlischen Bv> rufung und zu rückhaltlosem Wirken. Er wußte, daß dies fei» Vater, kein Lehrer, kein Geistlicher ihm gesagt hatte, ein heim­licher Heiliger hatte es ihm eingegeben, niemand außer ihm sah ihn: das war der Tod! Seltsam, er war noch ein Knabe, der kaum dem Leben die Hand hingsstreckt hatte, alS sich der Tod zu ihm gesellte, als sein Weggenosse, sein Mahner. Zwar war ihm noch niemand gestorben, der seinem Herzen nahe stand, feine Eltern, Frau und Kind, seine Freunde waren gesund. GS gab Tage, wo er hingegeben an die Schönheit der Welt, den Atem des Lebens einsog, wo im Frühlingswind der Duft aller Blüten ihn umkoste, wo schattenloses Licht um seine Sttrn spielte. Aber dann kamen die Rebel des Abends, die Rächt, und sein Heiliger, der Tod, pochte wieder an seine Kammer und hielt ihm die Uhr des kurzen Lebens anS Ohr. Sie tickte: gestern, heute, morgen, bÄd! Da faltete der einsame Mann seine Hände, als nahte Gott selbst, da stand er am Quell seines wahrhaftigen Lebens. Don hier aus wußte er Menschen und Dinge, Leiden und Freuden zu überschauen, von hier aus schied er zeitliche und ewige Arbeit,

in einiger Verlassenheit des Hündleins Seele an meine Brust und besser wins'le ich beim rertoorfenen Sier, als daß ich jauchze beim ungerechten Gott!" Und zerriß sein leuchtend Gewcmd und fluchte dem Herrn:So will ich verdammt fein in Ewig­keit!" rmd wandte sich ab in die Finsternis.

Die Engel und Geister aber entsetzten sich sehr und be­kreuzigten sich rmd verhüllten das Haupt und raunten:Wahrlich, er ist Luzifers Sohn!" und erzitterten tief vor deS Mächtigen Zorn.

_ Aber siehe: von des Herrn Auge floh mildes Licht, wie di« frühesten Seraphim nie geschaut, und er stieg nieder vom Thron und zwang den Menschen zu stehen und legte die Schöpferhand auf sein Haupt und segnete ihn:

Wohl dir, Mensch, du hungerst und bürstest nach der Ge­rechtigkeit. Geh hin und tue nach deinem Herzen. Luzifer» Sohn: trage Licht in die Macht; als des Erlösers Sohn kehrst du zurück!"

Und er winkte den Heerschar'», und da er gebot, stürzten sie hin ans dem Dor und schlugen eine Drücke von Licht hinaus zum Zerfall der Welten über den Staub deS Stoffes und den Schlamm der Verwesung bis an die Kluft, wo das Hündchen wimmerte.