Ausgabe 
24.4.1926
 
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zwischen zwei und drei, ist mir eine Maus begegnet. Plötzlich war sie da, winzig, grau, blankäugig, hockte auf dem Querbalken vor einem Loch in der Erdwand un> holte sich das Krümchen, das ich aus meinem dreimal eingekerbten Brotlaib für sie heraus- brach. Hinter mir schliefen zwei Kameraden: träumten vielleicht von Deutschland, dem Lande der Verheißung, weit, weit hinten. Wenn ich an den Augenblick denke, wo mein Mick zuerst aus das Tierchen fiel, und an die sechs bösen, bösen Wochen, in denen es getreulich, Tag und Nacht auf der schmalen Grenze zwischen Tod und Leben, bei uns geblieben ist in unserer Einsamkeit, dann spüre ich Jo etwas wie Nahrung und späte Dankbarkeit. Das ist die dritte Begegnung aus diesen Jahren, die ich nicht ver­gessen habe.

Cleopatra.

Don Friedrich v. Oppeln-Bro nikowski.

Sie war nicht die einzige, die auf dem Pharaonenthron als Herrscherin gesessen hat, denn sie hatte eine Vorgängerin in der regierenden Pharaonin Hatschepsut, auf die id» bereits in dem Familienblatt vom 13. April 1926 hinwies. Aber während Hatschepsut nur Aeghptologen und Nilfahrern bekannt ist, blieb Kleopatra von jeher weltberühmt. Als Geliebte des Julius Eäsar und des Mark Anton, der größten Kriegs- und Staatsmänner ihrer Zeit, ist sie von Plutarch geschildert, von Shakespeare und Shaw auf die Bühne gebracht worden, eine dämonische Gestalt, verbrecherisch und liebreizend, schlangenhaft bestrickend und falsch, das Kind einer raffinierten Äeberkultur und eines aus den Fugen gegangenen Weltalters, in dem sie sich von Jugend auf behaupten mußte.

Erst sechzehnjährig, bestieg sie unter der Vormundschaft des Pompejus mir ihrem zehnjährigen Bracher und Gatten Ptolemäos den Thron. Die Geschwisterehe, in andern Ländern verpönt, war in Aegypten von alters her vorgekommen: auch die obengenannte Hatschepsut war mit einem Stiefbruder vermählt worden: unter den Ptolemäern vollends war dieser seltsame Brauch saft zur Regel geworden und hat zweifellos zur Aeberfeinerung und Degeneration des Herrschergeschlechts beigetragen. Regieren konn­ten diese Kinder natürlich noch nicht, und so lag die Staatsgewalt zunächst in den Händen ihres Ministers, des Eunuchen Potheinos, der bereits nach Jahresfrist Kleopatras Vertreibung bewirkte, um desto unumschränkter zu herrschen. Das alles gemahnt stark an orientalische Haremswirtschast. Als Pompejus, von Eäsar bei Pharsalos besiegt, Zuflucht in Aegypten suchte, ließ Potheinos ihn ermorden, um sich bei dem Sieger beliebt zu machen. Als dann aber Cäsar in der Residenz Alexandria erschien und seinen Ab­scheu über diesen Mord seines Schwiegersohns bekundete, stachelte Potheinos den König und das Boll gegen die Römerherrschaft aus. Bei der Schlacht im Nildelta ertrank Ptolemäos; der Ausruhr wurde niedergeschlagen und Potheinos hingerichtet. Jetzt kam Kleopatra wieder ans Ruder. Cäsar hatte sich ihrer sogleich an­genommen. Sie hatte sich in einen Brttsack verkrochen, aus dem aber ihr Kopf hervorsah, da der Sack zu klein war. In diesem Zustand wurde sie zu Cäsar gebracht, der damals imgefährlichen Alter" von 52 Jahren stand. Er erlag der Koketterie der erblühen­den Jungfrau vollständig, setzte sie wieder auf den Thron und gab ihr zum Mitregenten ihren elfjährigen Bruder Ptole- mävs XVI., den sie aber, durch die Erfahrung mit ihrem älteren Bruder gewitzigt, im nächsten Jahre umbringen lieh. Auch das mutet wie ein Stück aus der Geschichte des Serails an. Einstweilen vergaß der. große Feldherr und Staatsmann in Kleopatras Armen bei rauschenden Festen uiÄ> auf märchenhaften Nilfahrten Dergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aas dieserPersonal­union" aber, die Aegypten noch einmal die Selbständigketi rettete, entsproß ein Kind, Ptolemäos XVII., auch Cäsarivn genannt, das zum Mitregenten und Thronfolger bestimmt ward. Cäsar hatte sich inzwischen wieder in den Strudel des Kriegs gestürzt, der ihn durch drei Erdteile führte, und die Welt neu geordnet, um sich zu ihrem Gebieter zu machen. Aus seine Einladung kam Kleopatra nach Rom und entfaltete dort den ganzen orientalischen Königsprunk, während ihr Geliebter den ägyptischen Königsstil zu kopieren begann und sich göttliche Ehren erweisen ließ. Sein Gebaren forderte die republikanische Adels Partei heraus, und so siel er im Senat unter den Dolchen der Verschwörer.

Sein Tod war Kleopatras zweiter Sturz: sie kehrte nach Aegypten zurück und harrte bang der Zukunst, während ihre Truppen sich in dem nun ausbrechenden Kampf um Cäsars Erbe gegen ihren Willen auf die Seite der Senatspartei stellten. Bei Philippi, wo der römische Freistaat endgültig unterging, erlagen auch sie den Rächern und Erben Cäsars, die sich nun nach Dia-- dochenart in die Welt teilten. Markus Antonius behielt sich den reichen Osten vor, währeird Cäsars Großneffe Oktavian Italien und den Westen, der Feldherr Lepidus Afrika erhielt, das ihm aber Oktavian bald entwand. Sv klaffte die Welt in eine griechisch­hellenistische, das alte Reich Alexanders, und in eine römische Hälfte auseinander. Aegypten fiel in die Machtsphäre des Ost­reichs, und Markus Antonius beschied dessen Herrscherin nach Tarsos in Kleinasi«r, um sich wegen des Parteiwechfels ihrer Truppen im Kriege zu verantworten. Sie wußte, mit wem sie es zu tun hatte. Im Vollgefühl ihrer Schönheit und ihres Geistes unternahm sie die schicksalsvollie Fahrt auf einer vergol­deten Prunkgaleere mit silbernen Rudern und purpurnem Segel,

sie selbst als Göttin Venus gekleidet, von Neverden und Flügel­knaben umgeben. Was uns heute als Theateveffeft und Murnineiv- schanz erscheint, war damals der Ausdruck eines älebermenschen- tums, das sich göttergleich wähnte. Auch Antonius trat damals, das Haupt mit Weinreben bekränzt, als Gott Dionysos auf, was jedenfalls gut zu seiner großen Zechlust paßte. So sanden sich denn beide sehr bald, und nachdem Kleopatra die Wacht ihrer Reize zum zweiten Male an einem Wann des Schicksals erprobt hatte, kehrte sie als Siegerin heim. Antonius folgte ihr bald und spielte Cäsars Rolle weiter, aber da er leidenschaftlich und schwelgerisch war, verstrickte er sich tiefer als Cäsar in ihre Netze. Diese ägyp­tisch-griechische Mischkur, die den Zauber des Märchens mit rassi» nierter Lebenskunst paarte, und die in Kleopatra ihre feinste, be­rauschendste Dllite fand, mußte auf eine ungezügelte Natur wie An­tonius verwirrend uti6 entnervend wirken. Was war dagegen das rauhe, selbst in seinen Genüssen grobe und maßlose Römertum! In Alexandria vertauschte Antonius die Toga mit der griechischen Hoftracht, vertat seine Mannheit in Festen und Spielen, Gelagen und Jagden unter einem heißen, verweichlichenden Klima. Seine römischen Soldatenspäße und Lagersitten konnte er sich freilich auch jetzt noch ntcht äbgewöhnen, obwohl er sich als Gott OsiriS verherrlichen ließ.

, Wie eine drohende Wetterwolke stand inzwischen der Gegen­satz zu Rom cm Himmel. Aber man vertrug sich einstweilen, und Antonius ging eine politische Heirat mit Oktavians Schwester, der edeln Oktavia, ein. Das hinderte ihn freilich nicht, als er Aegyp­tens Hilfe für den Partherkrieg brauchte, eine zweite Ehe mit Kleopatra zu schließen, die diese seit langem begehrte. In Rom war sie freilich ungültig und erregte dort neuen Groll. And der Partherkrieg endete mit einem schlimmen Fiasko, das diesen Groll noch vermehrte. So drohte von neuem ein Weltbrand, aber das neue Königspaar lebte schwelgerisch in den Tag hinein. Denn durch seine Ehe mit Kleopatra war Antonius zum tatsächlichen Herrscher Aegyptens geworden, und sie wurde durch ihn um­gekehrt zur Herrin des ganzen Ostens, zur Königin der Könige, wie sie ich selbst nannte. Das Weltreich Alexanders lebte in dieser Personalunion wieder aus; Kleopatras Söhne von Antonius erhielten Armenien und Medien, Phönizien und Syrien als Satrapien, und in Alexandria lebte noch immer Cäsarlon, ihr Sohn von Cäsar, als Mitregent und Thronfolger.

Als man in Rom erfuhr, wie Antonius über römische Pro­vinzen verfügte, erreichte der Gegensatz seine äußerste Schärfe. Es kam hinzu, daß man sich in Rom damals, nach Oktavians Vorbild, wieder auf altrömische Sitte und Einfachheit zurück­besann, die in den Wirren der Bürgerkriege verwildert waren. Der asiatische Prunk, die Aeppigkeit des alexandrinischen Hofes erregten von neuem Anstoß; zudem lebte in Rom selbst die ver« lassene Oktavia als lebendiger Vorwurf gegen den Treulosen. Tolle Geschichten erfand man, um Kleopatras verschwenderischen Luxus zu geißeln; sprichwörtlich geblieben ist die von der kost­baren Perle, die sie in Wein aufgelöst haben soll, obwohl die Sache naturwisfenschastlich unmöglich ist. Aber hinter solchen Klatschmärchen stand der bittere Ernst machtpolitischer und wirt­schaftlicher Fragen; Rom brauchte den Orient, nicht umgekehrt. Antonius wurde schließlich zum Feind des römischen Dolles er­klärt, und Oktavian erklärte Kleopatra den Krieg.

Der Kampf um die Weltherrschaft zwischen Orient und Okzi­dent, auf den Kleopatra selbst hingedrängt hatte, wurde durch die Seeschlacht bei Aktium entschieden. Mitten im Kampf verließ sie der Mut; sie entfloh feig und treulos mit 60 Schiffen, und Antonius war schwach genug, ihr zu folgen und die Flotte im Stich zu lassen, statt nach Römerari mit ihr unterzugehen. Als schmählich geschlagener Mann kehrte er mit ihr nach Alexandria zurück und suchte sich mit ihr im Festestaumel zu betäuben, den Tod durch schaurige Zeremonien zu versüßen. Da erschien der Sieger vor Alexandria, und nochmals verriet Kleopatra den Geliebten. Ihre Schiffe, ihre Truppen gingen auf ihr Geheiß zu Oktavian über; wahrscheinlich hvsfte sie sich dadurch zu retten; und sie selbst verkroch sich wiederum diesmal in das Mauso­leum, das sie für sich und Antonius erbaut hatte. Als er hörte, daß sie dort Selbstmord begangen habe, stieß er sich das Schwert in den Leib. Dann erfuhr er, daß sie noch lebe, verlangte zu ihr gebracht zu werden, wurde sterbend mit Seilen durch ein Fenster hineingezogen, da die Tür mcht aufging, und verröchelte sein Leben in den Armen der Sirene. Im Sterben riet er ihr, mit Oktavian Frieden zu schließen und ihn nicht zu beweinen...

Aber Oktavian war unempfindlich gegen ihre welkenden Reize; nach grausamem römischen Siegerbrauch wollte er sie im Triumph durch die Straßen Roms schleppen. Dieser Schmach entzog sie sich durch Selbstmord. Obwohl streng bewacht, wußte Si sich Gift zu verschaffen, wie es heißt, in Gestalt von Nattern, e ihr tödliche Bisse versetzten. Mau fand sie tot auf ihrem Prunkbett, in königlicher Pracht und Schönheit. In einem Brief an Oktavian bat sie, neben Antonius bestattet zu werben, und diese letzte Ditte wurde ihr erfüllt. Aber Oktavian ließ ihr Bild mit einer Schlange im Triumphzug aufführen, desgleichen ihre Kinder von Antonius; den Cäfarion aber ließ er als den gefähr­lichsten Prätendenten hinrichten.

Sv endete Kleopatra und mit ihr das Ptolemäerreich; Aegyp­ten wurde zur römischen Provinz; der Hellenismus war end­gültig niedergeworfen, Rom die unumstrittene Weltherrscherin. Man war sich der Bedeutung dieser Weltwende wohlbewußt: