Nummer 33

Samstag, Sen 2$. Ayril

Jahrgang 1926

Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger

Frühling.

Don Johannes Schlaf.

Graufrühlingsliebe ( hüllt mich ein, Llmrieselt mich fein.

Sonntagsglocksn, Amseln, Stare, Flicken schallen darein, In den Gärten der erste grüne Schein.

Junge Mädchen und Kinder, dottergelbe Primelsträuße in den Unter Regenschirmen zwar, aber, scheint's, allerendsn. schänden, Wie die Amseln, die Schwarzamseln, schallen!

So metallen,

Als ob sie von auseinanderweichenden Silberwänden widerhallen.

Ja, es wird Licht!

Gin leiser Schimmer bricht

Durchs trübe Brauen.

Leise Silberlichter sind schon auf den nassen Pflasiersteinen zu Bald, bald wird es blauen. sschauen.

Begegnungen.

Don Hans Thyrtvt.

Neulich ging ich durch die Stadt. Alles war wie sonst, wie je&en Lag: die Straße, die Häuser, die Menschen und die Ge­sichter. Die Sonne fiel schräg über den Platz in ein Rudel lärmen* der, spielender Kinder hinein. Als ich auf die Gruppe zuschritt, an der mein Weg vorbeiführte, hatte sich ein kleines Mädchen (von fünf Jähren vielleicht) ein wenig losgelöst und abgesondert von den Kameraden. Stand mir gegenüber und schaute mich an, so, daß ich es auch ansehen mußte und ein bißchen langsamer ging. Die Kleine tat ein paar zaghafte Schritte auf mich zu ich blieb säst stehen, dachte, sie würde vielleicht fragen, wie spät es sei; @3 geschah aber nichts dergleichen sondern, indem ein schel­misches, sehr verschmitztes Lächeln,das Gesichtchen umzog, machte sie einen artigen, winzigen Knix, sagteGuten Sag!, drehte sich ton und lief zu den anderen zurück. Ich mußte auch lächeln, sagte auchGuten Sag! und ging weiter... Das war alles. Es war wohl ebenso alltäglich, wie das Andere. Sine belanglose Kleinigkeit, ein Richts. Aber das runde Gesicht, das Kinderlächeln, das sonnenbeschienene Wirchaar und das zaghafte StimmHsn Haben mich noch eine gute Weile begleitet.

Abends ging ich ins Theater. Aber nicht, wie die anderen Leute, ein Spiel zu sehen, Musik zu hören, festlich gekleidet und erwartungsvoll, vorn durchs breite Portal zum Parkett, sondern, wie ich ging und stand, nur um irgendetwas zu besorgen, und kam durch einen besonderen, schmalen, seitlichen Eingang herein. Es war auch reiner Zufall, daß es gerade abends war, um die Zeit, als eine Vorstellung gegeben wurde. Und ebenso zufällig konnte ich feinen anderen "Weg nehmen, als über die Büyne, mußte Unter den Kulissen herum gehen, um zum Ziel zu gelangen. Schon vor der letzten Tür schwoll mir die Musik entgegen dieseloe Musik, die das ganze Hans erfüllte, und es war sicherlich Ein- bildimg, wenn es mir vorkam, sie klinge, von hier aus, anberg als vor dem Vorhang. Kaum daß ich aber auf der Buhne stand, da kam mir, wahrhaftig, der Teufel entgegen: Mephisto, im wallenden, schwarzen Mantel, in höllischer Maske, schockt stumm cm mit Votü&et, vorüber cm blauEittellgsit ^IcbeitcriT, am oiv Wenkn im unscheinbaren Zivil, an einer vorbechmchenden, weiblichen Gestalt im altdeutschen Gewände, vorüber an den un­säglich "nüchternen Rückwänden der Kulissen, sein Stichwort er­wartend, in die Szene hinein... Rur ein paar Sekunden hatte das gebauert. Ich starrte ihm nach von vorn drang eine süße, helle, Perlende Frauenstimine herüber schaute in die wunder­liche Mrandellowelt zwischen Schein und Sein, zwischen Spiel und Wirk'ichkeit, zwischen heul und einst, gebannt von der Seltsamkeit des Augenblicks, und ging meines Weges, inW nitr die grünen Zweige eines Frühlingsbaumes übers Haar strichen, der £>a zwischen staubigem Schatten und grellem G l ah birnenlicht aus seine Viertelstunde wartete und auf die Liebssszerre, die sich unter ihm begeben würde ein trüber Gast und Bruder vom traurigen Tannenbaum in Andersens Märchen.

Später, als ich fortging - man hatte nur eine and^e Se.en- tür gewiesen, so daß ich nicht (was ich Seni ge^n hätte) über die Buhne zurück mußte - fiel mir der Mephisto wieder em. Und

ich mußte denken, wie so ganz anders die Menschen vergangener Zeiten dem Spiel auf der Bühne gegenüber gestanden (oder gesessen) haben, als wir Heutigen. Zwar die unerhörte, kulttsche Feier und Massenerschiitterung antiken Theaters (das ein Lebens­teil, Bedürfnis und strenge Notwendigkeit war) ist unwieder­bringlich mit einer blühenden Kultur ins Grab gesunken. Selbst aber auch die Wirkungen, die vom primitiven Spiel des Mittel­alters auf den primitiven gotischen Menschen ausstrahllen wo sind die geblieben? Wo ist das Gefühl: dies, was sich dort be­gibt Passion, Totentanz, Weltgericht ist jedermanns Sachs, geht jeden an, ist eine bittere, harte, ans Herz greifende Wirk­lichkeit (nur in die bunten Masken gleichnishaften Spiels ge­bannt). Was da über die ungehobelten Bretter schreitet, auf dem Markt umgeht, durch die Straßen zieht, in der Kirche sich begibt, ist Symbol und Abbild, ist Mahnung, Hoffnung, Glück und Trau« jedes, der ihm begegnet, davor steht, schaut und hört. Was uns geblieben ist, wenn wir vor dem Vorhang sitzen, ist Schaufreud« (um das Allgemeinste zu nennen). Das tiefste Erlebnis, das innere Geschütteltsein, die persönlichste, gleichsam mitspielende Aitteil- nahme, das ist geschwunden. Und wenn der Höllenfürst an uns vorüberschreitet: es ist nicht mehr das Gleiche, wie wenn, vor Zeiten, der Teufel mit allen Engeln um die arme Seele kämpfte, oder wenn der Tod seinen Reigen anhvb und jedermann (un­geachtet seines Reichtums oder seiner Macht) an der Hand nahm und mit ihm abtanzte, mit König und Ritter, Weib und Kind, Landsknecht und Bauer, Bettler und Kaufherrn.

An so vielen kommt man vorüber Sag um Sag, und so selten löst sich die magische Spannung, die (meist in Gewohnheit nicht mehr empfunden) zum Erlebnis führen könnte. Diele Ge­sichter gleiten auf der Lebensstraße vorüber so fettest ist eines, das verwandte Augen trägt, dessen Stimme man hören, dessen Geheimnis man b-euten, dessen Lehens^veis man auffcJIU&ßre möchte. Es ist etwas Feines und Besonders um das Aufeinand-er- zugehen, das Näherkommen, das Vorübergleiten und Eickschwin- den zweier Menschen. Man empfindet es nur nicht mehr. Wir sind stumpf geworden, und der Funke will nicht mehr überspringen. (Es gibt Bilder, die das Motiv überraschend gestaltet, ja visionär in jenseitige Zonen entrückt haben.) Schon jene Begegnung«, sind von besonderer Art, die zur Gemeinschaft Uhren: Gemein­schaft eines wesenvollen Gespräches (über verbindliche Form aU- tägliches Allerlei und geschäftliche Zwecke hinaus), Gemeinschaft des Empfindens. Fühlens, Volk- und Menschenbewußtsems, oder gar zur Weggemeinschast, Wanderkameradschaft, Lebensverbun- denheit, die zwei oder drei gesunden haben.

Noch spärlicher gesät sind die stummen Begegnungen, die gleichwohl irgendwie im Innern haften bleiben, mit einer Ge­parde, einer Bewegung, einem Blick, einer schwachen, unaus­gesprochenen und dennoch zwingenden Welle verbindenden Ge­fühls Wenige nur sind mir unvergessen aus dem Kriege , wo so vieles stumpf und hart und unfein wurde, und wo man doch zuweilen schärfere und tiefer dringende Augen und Sinne gehadt laben muß Ist es erlaubt, mit ein Paar Worten daran zu rühren, wovon die meisten nichts mehr hören mögen?... An einem wollenverhängten, grauen, kühlen Morgen marschierten wir, stumm und verbissen, auf grundloser Landstraßenach vorn. Wer draußen war, weiß um das Gewicht dieser beiden unschein­baren Wörtlein.) älns kam entgegen in langem Trotzzuge eins schwere Batterie. Die war abgetoft Die dürren, verhungerten Pferde, Schritt um Schritt, schienen im Traum z» gehen. Im Sattel und auf den Fahrzeugen hockten Ue Leute mit hängend«. Köpfen, manche schlafend, manche mühsam waa>end, alle teW* arau, dreckbespritzt, abgerissen, hager und mager, stumm tote wir, und so müde, so unendlich müde. " Das ist bte eine fBe- gegnung, die ich nicht vergessen kamt... An einem franko.0$«« Waldrands sah ich ihn zum erstenmal, &en Daprrnosiizier von ber Nachbartruppe. Wir kamen ein paarmal aneinander vorvei, ohne ein Wort zu wechseln. Als ich nach zwei Tagen (derweil ote Franzosen aus dem Waldrande mit schwer«, Granate» em Trichterfeld gemacht hatten) auf einen großen D«bmLsPlatz lo»- ging, kam er mir wieder entgegen. Im Dorub«gchens<^te«r. Hafs dich auch «wischt, Kerlchens Damt sah

Aber fein gütiges Gesicht feäje ich, und &te.sidrf Worte WÄS ich, nach acht Jahren, heute noch, als Wenn s gegen, sewes« wäre Jm elenden Änterstandsloch unserer Signalstatwn, nachtS