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muckerischer zugeht als in irgendeiner anderen Stadt, ob nun Calvin darüber seine Freude hätte oder nicht. Aber das Merkwürdige liegt darin, daß diese Maskerade in die anderorts so stille Adventszeit fällt. Denn dann feiert Genf sein größtes patriotisches Fest, die „Escalade“. Das will sagen, daß jene Lage dem Andenken der Nacht des 11. Dezember 1602 geweiht sind, da Herzog Karl Emanuel von Savoyen in einer Zeit vertraglich gewährleisteten Friedens Genf zu überrumpeln gedachte, indem er seine Söldner mit Leitern in der Dunkelheit die Mauern erklimmen und in das Innere eindringen ließ. Daher der Name „Escalade", was ungefähr so viel heißt tote Ersteigung einer Mauer mit Sturmleitern. Daß die Sache dann für die Savoyarden schließlich einen schlimmen Ausgang nahm, missen wir aus der Geschichte. Sn Genf selbst aber gehen noch verschiedene Legenden um, so die von der beherzten Mutter Royaume, die einem der Feinde tijren Kochtopf samt dem siedenden 'Inhalt an den Kopf geworfelt haben soll. Dieser Suppentopf oder die „Marmite", wie man hier sagt, ist seither gewissermahen zum Symbol der (Befreiung Genfs geworden und während der Festtags in tausend Nachbildungen, bald aus Schokolade, bald aus Marzipan, käuf- lich Tagelang wogt die Maskerade abends durch die beflaggten Straßen, wenn die Jahrmarktsbuden ihren grellen Schein aus die Ebene von „Plainpalais“ werfen. Kurz, ein Karneval vor Weihnachten, der einer Fastnacht im Februar kaum etwas nachgibt. Ja ein Zyniker hat einmal bemerkt, daß diese Jahreszeit für die Anknüpfung zarter Verbindungen vorzuziehen sei, Werl man da noch den ganzen Winter vor sich habe!
Wer aber die wahre Bedeutung der „Escalade" kennen lernen will, der darf sie nicht im Trubel suchen. Der muß einmal dabei gewesen sein, wenn die Studenten ihren Kranz am Denkmal der in jener Schreckensnacht gefallenen Genfer Freiheits- Helden bei der Kirche von Saint-Gervais niederlegen, muß gesehen haben, tote der übliche Festzug sich durch die Straßen! bewegt. .Unter dem schweren Takt alter schweizerischer Trommel- märsche, im wechselnden Licht der vorangetragenen Fackeln ziehen wie eine lebendig gewordene Vision vergangener Jahrhunderte die Genfer Reiter in ihren Eisenhelmen, die „Ärgoulets", vorüber, gefolgt von dem Heinen Lanzenwald der „Piquiers". Wer denkt dabei nicht an die Lanzenträgep des berühmten Bildes der Ueber- gabe von Breda von Delasquez? Auf dem Platz von „Bourg- de-Four" wird der erste Halt gemacht. Fanfaren schmettern, und dann liest der berittene Herold mit dem Genfer Wappen auf der Brust seines Sammtwamses die Proklamation, welche dem heutigen Geschlecht die Bedeutung dreses Tages als Beginn der neuen Freiheit Genfs vor Augen führen soll. Wieder blasen die Trompeten, und diesmal entblößen sich die Häupter, denn es ist das altehrwürdige Escaladelied, das angestimmt und von der Volksmenge aufgenommen wird: „Ce que l’aino...“ zum Preise dessen, der in der Höhe wohnt, , des Dchlachtenlenkers, der Genf aus der Macht der Feinde befreit hat.
Wieder erheben sich die Lanzen, die schweren Hakenbüchsen werden ausgenommen, und neuerdings schlagen die Tambours ihren Takt. Noch an verschiedenen weiteren Plätzen wiederholt sich das Schauspiel, bis der Zug zuletzt wieder zur Altstadt zurückkehrt, diesmal zur Schlußzeremonie im Hofe der Kathedrale von Saint-Pierre. Bereits haben Feuerwehrleute auf ihren schwanken Leitern alle elektrischen Lampen in der Höhe ausgelöscht. Dunkel liegt über der schweren Masse der Kirche, von deren Türmen das Glockenspiel in die Sternennacht hinaustönt. Wie aber das Rollen der Trommeln, vielfach gebrochen in den krummen Straßen, allmählich näherrückt, belebt sich plötzlich der Platz. Die alten Pechpfannen, die ihn heute umsäumen, werden angezündet. Dann flammt plötzlich in der Mitte ein großer Holzstoß auf, und nun. im flackernden, von schwarzem Rauch vermischten Feuerschein, ziehen die Krieger ein. Hell leuchten die Farben der Wämser, auf Helmen und Drustpanzern schweben zuckende Lichter. Jetzt ist es auf einmal Rembrandts Nachtwache, die leibhaftig vor uns steht. In das Pferdegetrampel, das Waffengellirr und das Knistern des Feuers tönt von der Kathedrale her vielstimnuger Gelang Unter den riesigen Säulen der Pvrticus hat sich in aller Stille und Dunkelheit der Kirchenchor aufgestellt, der die Bater- landshymne ansttmmt. Roch einmal hören wir die Proklamation, noch einmal erklingt nun, durch den geübten Chor verstärkt, das wuchtige „Ce que l’aino...“
Dann sinkt das Feuer allmählich in sich zusammen, und spukhaft, wie er gekommen ist, verschwindet der Zug, um sich in der Nähe auszulösen.
Aber kaum ist der letzte Ton der ernsten Feier verklungen, so schwirrt es schon von luftigen Maskensch.wärmen in allen Straßen. Pterrots und Colombinen, gepuderte Marquisen, Savoyarden in blauer Bauernbluse, Gigolets und Gigolettes — alles wild durcheinander — lachen, kichern und schreien sich zu. Wie eine vom Wind plötzlich von fern hergetoehte Menschenwolke wirbelt das an uns vorüber, so rasch wie ein flüchtiges Traumbild. Cs ist kalt in den Straßen für die Masken im leichten Kostüm, und alles drängt sich in die Ballsäle, die ihre Gäste kaum zu fassen vermögen. Was in diesen Tagen getanzt, gelacht und gebummelt wird, das reicht wohl für den ganzen Winter aus, und man braucht also mit den Genfern kein Mitleid zu haben, wenn sie während der eigentlichen Karnevalszeit eine so ernsthafte Miene
William Legrand.’
zur Schau tragen. Sie gleichen eher jenen scheinheiligen Ehemännern, die nur deshalb so tugendhaft sind, weil sie den Leicht- inn hinter sich haben. Auch den Aschermittwoch!
Der Goldkäser.
Von Edgar Allan Poe.
(Fortsetzung.)
„Lind du denkst, daß dein Herr von dem Ster wirklich gebissen worden, und infolge des Bisses krank geworden .fei/
„Ich nichts denken, ich wissen. Warum träumen er so viel von Gold, wenn er nicht gebissen von Goldkäfer? Ich schon oft gehört von Goldkäfer.“
„Aber woher weiht du, daß er von Gold träumt?
„Wie ich wissen? — Gr doch immer sprechen im Schlaf — so ich es wissen." , „ ,, ,
„Nun, Jupiter, es kann ja sein, daß du recht hast, aber welchem glücklichen Zufall verdanke ich, daß du heute zu mir gekommen bist?“
„Was Massa meinen?“
,Hast du mir etwas von deinem Herrn auszurichten?
„Nein, Massa, ich bloß diesen Brief bringen,“ und damit übergab er ihn mir, er hatte folgenden Inhalt:
„Mein Lieber!
Warum habe ich Dich so lange nicht mehr gesehen? Ich hoffe. Du bist nicht so dumm. Dich durch mein unhöfliches Benehmen neulich beleidigt zu fühlen.' Doch nein, das ist kaum °"^Seit"ich Dich sah, hatte ich oftmals Grund, nervös zu sein. Ich hätte Dir etwas zu sagen, weiß aber nicht, tote ich es sagen soll, oder ob ich es überhaupt sagen soll.
Die letzten Tage war ich nicht ganz wohl, und der arme alte Jup quält mich auf eine kaum mehr zu ertragende Art mit seinen wohlgemeinten Ausmerksamkeiten. Ist eS zu glauben, neulich legte er sich einen dicken Stecken zurecht, um mich zu züchtigen, weil ich ihm entwischt war und den ganzen Tag allein in den Bergen des Festlandes Ijerumgeftreift bin. -M glaube wirklich, daß nur mein schlechtes Aussehen mich vor dem Verprügeltwerben bewahrt hat.
Meine Sammlung hat seit unserem letzten Beisammensein tei
nen Zuwachs mehr bekommen. , -
Wenn es Dir irgend möglich ist, richte es so ein, daß Du mit Jupiter herüberkommen kannst. Ditte, komm doch! Ich möchte Dich heute abend in wichtiger geschäftlicher, heit sprechen. Ich versichere Dir, daß meine Mitteilungen von außerordentlicher Wichtigkeit sind.
Ganz der Deine:
In dem Tone dieses Briefes lag etwas, was mich hochlM t beunruhigte. Sein ganzer Stil war so absolut Legrand unähnlich Worüber mochte er nun wieder grübeln? Welch neues Steckenpferd trabte nun wieder in feinem leicht ^^gbaren Kopfe herum? Was konnte das für eine außero^entlich wichtige gelegenheit sein, die er da mit mir besprechen sollte? JuPiters Bericht über ihn ließ nichts Gutes hoffen.^ Ich besuichtete, daß sein andauerndes Mißgeschick memen »reund um den letzten Rest seiner Vernunft gebracht habe. Also machte ich mich, ohne einen Augenblick zu zögern, auf, dem Deger zu folgen
Als wir das Ufer erreichten, bemerkte ich eure Sense und 6rei Spaten auf dem Boden des Kahnes, den wir besteigen sollten. ~ , .,
„Was bedeutet all dies, Jupiter?“ fragte ich.
„Sense und Spaten, Massa?“
„Ja, was sollen die Benn hier?" .
Die Sense und Spaten ich haben gekauft für ^Master Will in Stadt, und Teufel viel Geld dafür geben muffen.
Aber was, im Namen alles Geheimnisvollen, will denn dein Massa Will mit Sense und Spaten anfangen?
„Das mehr fein, als ich weiß, und als er wissen,, der ~eufel soll mich holen! Aber alles kommen von dem Kaser. ___
Ich muhte einsehen, daß ich von Jupiter keme^zufriedenstellende Antwort bekommen würde, da fein ganzes Denken von dem Käfer in Anspruch genommen zu sein schien. oe- ftieg das Doot und machte die Segel Har. Mit Suchttgenr, starkem Winde erreichten wir bald die Nordsette der Festung Moullrte, und ein Weg von etwa zwei Meilen brachte uns zu der Hütte. Es mochte ungefähr drei Ahr nachmittags sein, als wir ankamen. Legrand hatte uns nnt verzehrender Ungeduld erwartet. Er ergriff meine Hand mit solch nervösem Eifer, daß ich in meinen Befürchtungen über Auen Gesundheitszustand nur bestärkt wurde Eme geisterhafte blasse lag über feinen Zügen, und feine Augen, die ganz tief in ihren Höhlen lagen, sprühten ein unnatürliches »euer, ^ach eimgeit Fragen nach seinem Befinden fragte ich ihn — da ich> mch anderes zu sagen wußte, — ob er den Goldkäfer von Leutnant G. schon zurückerhalten habe.
„O ja,“ antwortete er heftig errötend, „ich bekam ihn zurück am nächsten Morgen. Nichts auf der Welt soll nach bewegen mich von diesem Skarabäus zu trennen. Weiht du, daß Jupiters Ansicht über ihn ganz richtig war?"


