Ausgabe 
7.8.1926
 
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orchefter spielen und helfen den Badegästen die Langweile zu vertreiben ... denn feit Primo de Rivera in ganz Spanien das Hasardspiel streng verboten har, ist das Badeleben etwas eintönig geworden, die Welt, die sich ainüsieren will und das nötige Geld dazu hat, geht deshalb oft lieber ins Ausland, wo die Sitten weniger streng sind und wo die grünen Tische auf- geschlagen werden dürfen. Nichts aber rann den schönen Strand, die Brandung des Ozeans, die wunderbare Landschaft und kühle Salzbrise ersetzen. So gibt es denn auch Ausländer, die sich an den spanischen Nordstrand erholen kommen. Namentlich für Deutsche ist die Neise bequem, man macht für 100 bis 200 Mk je nach der Klasse, eine drei-- bis viertägige Ozeanfahrt bei aus­gezeichneter Verpflegung mit und schifft in La Coruna für einige Wochen aus. Dort kann man für einen Pensionspreis von 12 bis 16 Pesetas eine Peseta gleich 0,65 Pfennige eine sehr erträgliche Unterkunft finden, kann die schöne spanische Sprache lernen, sich mit den einheimischen Sitten und Gebräu­chen vertraut machen und kann schliesslich Fahrten in das Innere unternehmen. Man rann das Apvstelgrab des Jakobus in San­tiago besuchen, in die Sierra de Leon, in eine herrliche Berg- wiidnis, eindringen und den vielleicht schönsten Teil Spaniens kennen lernen, der sonst immer abseits der großen Touristen- stratze liegen bleibt.

Seine Hcrnd.

Novelle von Clara P r i e ß.

In der Klinik des berühmten Frauenarztes wurde täg­lich stundenlang operiert. Auch die neuesten und schwierigsten Operationen wurden hier versucht und pflegten nach kurzer Zeit eine alltägliche Sache zu werden, über die man nicht mehr allzuviel Worte und Nervcnlraft verlor.

Es war natürlich musterhaft sauber und ordentlich in der Klinik. Die netten Schwestern liefen in ihren weißen Häubchen, weihen. Schürzen und hellblauen Waschkleidern treppauf und treppab und scheuerten alles blitzblank. Sie sagten immer diesel­ben, etwas alltäglichen Trostesworte, wenn sie die Frauen für den Operativnssaal fertig machten. Es war eben alles Gewohn­heit geworden in dem großen Hause. Nur daß die Kranken, die operiert werden sollten, sich nicht daran gewöhnen konnten, daß jede wieder verzweifelt aufschrie gegen ihr Schicksal, und es immer wieder einen todcsbangen Kampf kostete, ehe sie dann, meist mutig und gefaßt, jenen schweren Weg antraten.

_ Wer das tägliche Leben in der Klinik und seinen regel­mäßigen Stundenplan genau kannte, mußte merken, daß sich heute morgen besondere Dinge vordereiteten. Die blau-weißen Schwestern scheuerten seit früh fünf Ahr unaufhörlich.

Die besten Zimmer des ersten Stockwerks wurden für eine Kranke zurechtgemacht und mit Hilfe der feinsten Möbelstücke aus den andern Zimmern nach Kräften aufgeputzt und dekoriert.

Der Herr Geheimrat hatte eben die Zimmer in Augenschein genommen und noch ein paar knappe, scharfe Befehle gegeben. Er war natürlich der Alleinherrscher und Tyrann dieses Hauses. Die unbeschränkte Oberhoheit über so viele Frauenseelen war ihm um so mehr zu gönnen, als er im Privatleben einer Frau, nämlich seiner eigenen, bedingungslos zu gehorchen hatte.

Nun stand der kleine, graue Herr ziemlich nervös und er­regt im Operativnssaal und gab der hier die Aufsicht führenden Schwester und seinen beiden jungen Assistenten noch ein paar letzte Instruktionen.

Wenn er sich auch auf feine Leute verlassen konnte man arbeitete sich ja täglich in die Hand so schien doch heute ganz besondere Vorsicht und Amsicht am Platze. Man operierte eben nicht täglich eine Fürstin.

Außerdem galt es den: bekannten Professor der Chirurgie, dessen Anwesenheit gewünscht worden war und dem Hof- und Leibarzt Ihrer Hoheit zu imponieren. Das letztere konnte zwar nicht schwer sein. Eine vorsintflutliche Einrichtung, dieser Hvfrat! In diesen kleinen thüringischen Residenzen schien man noch keine Ahnung von moderner Chirurgie zu haben. Eine ganz ver­schleppte und verbummelte Geschichte, diese Krankheit! And dabei behauptete der gute Mann, daß die Frau nie geklagt habe. Der Fürst verhielt sich merkwürdig passiv, und Kinder oder andere Verwandte, die sich liebevoll aufregten, waren an­scheinend auch nicht vorhanden.

Jedenfalls war es aber Pflicht, die Operation doch zu ver­suchen, gelang sie, so war sein Glück gemacht. Im anderen Falle machte es seinen Namen auch bekannt, wenn die Tages- blätter die Todesnachricht mit der Notiz brachten, daß die hohe Frau an einem leider viel zu spät erkannten Leiden infolge einer Operation in seiner Klinik verstorben war.

In diesen angenehmen Gedanken wurde der Herr Ge­heimrat durch den Eintritt seines Kollegen, des bekannten Pro­fessors der Chirurgie, gestört. Der Herr Professor hatte sich erlaubt, seinen ersten Assistenten mitzubringen, einen Herrn Dr. Hans Müller. Die Herren schüttelten sich die Hände und fingen dann an, ihre weißen Operationskittel anzuziehen und Hände und Nägel gründlichst zu desinfizieren. Dabei sprach man ein paar Worte, Fachwissenschaftliches, vom Wetter, dann, als die Patientin auf sich warten ließ, auch von ihren persön­lichen Verhältnissen.

Ist sie nicht eine geborene Thurn, von der mediatisierten Linie?" fragte der Professor. .

Maria Luise von Thurn", sagte der Geheimrat, der im Hofkalender nachgesehen hatte. Fünfunddreihig Jahre alt, kinderlos. Sie macht übrigens einen bedeutend älteren Eindruck, diese Leiden zehren ja kolossal. Aber vornehm sage ich Ihnen, vornehm bis in die Fingerspitzen. Näheres weih ich auch nicht. Die Fürstin konsultierte mich vor ein paar Tagen auf der Durchreise plötzlich, und es war dann ihr spezieller Wunsch!, hier in meiner Klinik operiert zu werden."

Die Herren schwiegen wieder. Es war da einer, der mehr von der Fürstin hätte erzählen können, jener lange, blonde Mensch, den der Professor vorhin als seinen Assistenten vor­gestellt hatte. Er stand jetzt ruhig am Fenster und sah in den kleinen, mittagsheißen Berliner Hof hinunter. Er war kein schwatzhafter Mensch, dieser Dr. Hans Müller, sonst hätte er eine Geschichte erzählen können.

Es waren einmal zwei Primaner, die sich auf derselben Schulbank rKelten, der eine ein Pfarrers-, der andere ein Fürstensohn. Da man höheren Orts für den Prinzen soliden, bürgerlichen Umgang wünschte, sorgte der Hofmeister, daß die beiden miteinander verkehrten. Als der Prinz dann so eine Art Zuneigung für diesen Hans Müller faßte, wurde der junge Mann als Feriengast des Prinzen nach Thurn eingeladen. Der Herr Hofmeister ließ den jungen Müller der Alte war Pastor in Hinterdittersdorf von Kopf bis zu Fuß in neue Kleider stecken und wunderte sich bann, wie präsentabel der Junge aussah. Ein schlankes, gesundes Menschenkind mit ein paar verträumten blauen Augen, einem blonden Haarschopf über der Stirn und einem jungen Herzen ganz voll von unverbrauch­ter Liebes- und Degeisterungsfähigkeit, das war Hans Müller damals.

Man kam dem jungen Gaste wohlwollend entgegen. Aeber die erste Verlegenheit und die schlimmsten Ecken half der Hof­meister freundlichst fort. Bei den Mahlzeiten ging es hoch- vornehm und nach allen Gesetzen der Etikette her, zwischendurch tat jeder auf Thurn, was ihm Spaß machte. Der Fürst be- fchästigte sich mit genealogischen Studien und Hühnerzucht, die Fürstin las Nomane und legte sich Patiencen, der Oberhofmeister sammelte Münzen und seine Frau schrieb ihre Memoiren. Jeder war mit sich selbst und der eigenen Wichtigkeit vollauf beschäftigt.

Wenn Hans Müller jetzt an jene Leute zurückdachte, ka­men sie ihm wie die Hauptpersonen eines Puppentheaters oder eines mittelmäßigen Nornans vor nicht ganz tot, aber auch alles andere wie wirklich lebendig. Da war nur ein Mensch, der ganz lebendig war, die fünfzehnjährige Prinzeß Marie Luise. Die sah freilich auch bis obenhin voll Leben und Sehnsucht.

Die drei waren gut Freund in den Ferien. Marie Luise langweilte sich so schlimm in der großen Schulstube bei der englischen Gouvernante, daß ihr schon ein Spiel Tennis mit den jungen Leuten ein Hochgenuß war. Dabei kam sie ein­mal mit Hans Müller auf Bücher zu sprechen. Die kleine Prinzessin hatte neben aller anderen Sehnsucht auch einen beständigen Hunger nach Büchern, denn ihre Bibliothek bestand aus englischen und französischen Jugendschriften vom Anfang des vorigen Jahrhunderts.

Man machte auch Ausfahrten miteinander in das hügelige Waldland rings herum. Hans Müller meinte, nie wieder so viel Sonnenschein und so tiefgrüne Waldeinsamkeit gesehen zu haben, wie in jenen Sommerferien. Cs gab da zwei Stunden vom Schloß eine Försterei. Dorthin fuhr man eines Nach­mittags, die Prinzessin in ihrer Pony-Equipage mit Gouver­nante, Kutscher und Diener, der Prinz mit seinem Schulfreund im leichten Jagdwagen.

Sie waren so jung und froh miteinander, als sie unter den Linden vor der Haustür aus der Frau Förster allerbesten Tassen den guten Kaffee tranken und sehr viel von dem mitgebrachten Kuchen dazu verzehrten, als sie die jungen Hunde im Stall besuchten und den kleinen Fuchs an der Kette neckten. Dann besahen sie den Garten hinter dem Hause, den die hohen Waldbäume vor Wind und Wetter schützten. So ein bunter, lustiger Garten war's mit allerlei altmodischen Blumen, die Hans Müller zu nennen wußte: Jungferchen im Grünen, Bren­nende Liebe, Rühr' mich nicht an, Rittersporn und Goldlack.

Miß Hamleh hätte natürlich dabei sein sollen und wäre sicher auch ihrer Pflicht treu wie immer nachgekommen, wenn ihre großen englischen Füße nicht gerade heute in einem Paar viel zu kleiner neuer Stiefel gesteckt hätten. Sie hatte Beim Kaffee genug gelitten. Letzt zog sie die Stiefel aus und stellte sie vorsichtig vor ihren Kleidersaum nieder, daß ein unbefan­gener Zuschauer annehmen mutzte, ihre Füße säßen noch darin. Befreit und erschöpft von den ausgestandenen Qualen lehnte sie bann ben Kopf zurück an ben Baumstamm und schlummerte ein wenig ein. Nur ein wenig, aber des Försters Dachs, der unter dem Tisch nach Kuchenkrumen suchte, entdeckte ben Tatbestand. Er nahm einen Stiefel ins Maul und kam so in ben Gartet« zu ben dreien. Da gab's bann viel Helles Lachen. Der Prinz versteckte den Stiefel und behauptete, ihn nie wieder heraus- geben zu wollen. Sann ging er zurück ins Haus, um vom Wohnstubenfenster aus Miß Hamleys Erwachen zu beobachten.

Die beiden anbern gingen aus betn Garten hinaus in ben Wald. Die kleine Prinzeß sprang wie ein losgelassenes Füllen über Gräben und Baumstümpfe, immer tiefer hinein ins grüne Dickicht. Sie fanben eine Lichtung, wo die Sonne warm schien und die Walderdbeeren gereift hatten. Dann gings weiter, wie-