Gietzener jamilienblätter
llnlerhaltungrbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1926 Samstag, -en 2. Oktober “ Kummer 79
Legende von den Säckren.
Von Karl B r ö g e r.
Im Paradiese
steht Franziskus, spitz den Mund, auf seiner ewig blühenden Wiese. Um den Heiligen flattern die Vögel rund, daß er das Ave-Maria bliese
und die Sonne recht lobte aus Herzensgrund.
Zieht Franziskus die Wolken fort, wirft gute Augen zur Erde und erschrickt ungeheuer. Auf seiner Wange das selige Lächeln dorrt wie Gras im brausenden Steppenfeuer.
Drunten krümmen sich Städte im Land, hungern und frieren Kinder, Mütter, Greise . . . Franziskus streift sanft den Zeisig von seiner Hand, greift nach dem Stab, hebt den Fuß zur Reise und tritt vor Gott.
„Herr, dein Paradies ist nur ein Spott und ziemt unser keinem die ewige Seligkeit, solang drunten ein Kind vor Hunger und Kälte schreit wag die goldenen Hallen nicht länger sehn.
Laß mich wieder uni Liebe auf Erden betteln gehn"" Greift Gottvater in eine dunkle Ecke, holt hervor zwei graue, härene Säcke, reicht sie Franziskus hin und spricht: „Zieh, lieber Bruder, ich halte dich nicht.
Sammle Liebe in diese zwei Säcke ein!
Du siehst: Groß ist der eine, der andere klein.
Bring sie gefüllt zurück uin die gleiche Stunde morgen! Wollen doch schauen, was sich die Menschen heute für Liebe borgen."
Franziskus wandert durch Weiler, Dorf und Stadt. Jeder den heiligen Bettler der Liebe gesehen hat.
Viele knien am Wege hin, wenn Franziskus vorübergeht, lchlagen das Kreuz, murmeln und werfen schnell ein Gebet in den großen Sack.
Der Heilige keucht an solchein Huckepack, doch schlaff hängt der kleine Beiitel von seiner Linken. Auf dem Heimweg sieht Franziskus ein Händchen winken, lind em Kind rennt in vollem Lauf hinter ihm her. Es steckt im Nu sein Vesperbrot dem Heiligen zu.
Im Osten geht herrlich die Sonne auf.
Steht Franziskus wieder im Himmel und schüttet die Säcke aus, kollern viele hundert Rosenkränze und Ave-Marias heraus >:nd die schönsten Gebete von allen Sorten.
Sinnend stochert Gottvater in dem Haufen von Worten und sagt:
„Schau, Franziskus, du hast dich umsonst geplagt. Gebete haben sie dir in den Sack gestammelt.
Worte hast du für Liebe eingesammelt."
Beugt sich Franziskus und gräbt das Stücklein Brot aus dem Haufen heraus, hebt es ins Abendrot und lächelt verklärt in seinem Angesicht.
„Siehe dies Zeichen, Herr! Umsonst ging ich nicht." Gott hebt beide Hände und segnet den Bissen.
Doch den Sack voll Gebete hat er in tausend Fetzen zerrissen.
Franz von AM.
Zu seinem 700. Todestage.
Bon Mathilde Reinhardt.
Der Heilige von Assisi! Wie ein liebliches Wunderbild lebt er vor unserem inneren Auge. Er, um dessen Haunt die Legende aus Jahrhunderten einen innigen Kranz bunter Knospen und Blüten geflochten. Bluten und Knospen, so blau und so leuchtend wie der umbrische Himmel, funkelnd und hell voll ewiger Reinheit wie die spendende Sonne des italienischen Landes, in dessen pulsendem und jauchzendem Herzen Umbrien sich dehnt.
Ni.cht geuugsam weiß die Legende den heiligen Franz zu erheben, nicht erschöpfend genug diesen Mann zu rühmen, der voll edlen Menschentums und inniger Gottgemeinschaft ärmer, denn der Aerm- sten einer und doch so gesegnet und reich in dieser heilig-fröhlichen Armut seine Straße zog, lehrend und mahnend, in steter hingebender Nachfolge an dem Einen hangend, den die Erde getragen. Zu lieben
un£ bienen erjchien ihm als seine größte und gottgewollte Aufgabe. Allerorten nnb jederzeit hat er sie erfüllt bis zum letzten Atemzuge, als der Name des heiligen Franz längst in die weite Welt gerungen war, und eine zu Tausenden zählende Gemeinschaft sich um ihn gesammelt hatte.
Liebe, alles umfassende Liebe ging wie ein Leuchten von ihm aus und unuchloß alles, was um ihn war. Denn Gottes Atem durchwehte, Gottes Sonne umfing sie alle, ob Mensch, ob Tier, ob Bauiru ob Blute oder starres Gestein. Sie alle waren ihm Bruder und Schwester. Sem Sonnengesang, darin er uns als begeisterter ™ er^9egentntt, jenes bedeutsame Jubellied in italienischer Vo kssprache m innerer Leidenszeit entstanden, braust erhaben, ae- waliig und schlicht zugleich hinauf zur Ehre des allmächtigen und gütigen Schöpfers. 3
®a$rii4) ein seltsamer Mann, der als reicher Kaufmannssohn zu Assisi alles hmier sich werfen konnte, Ehre und Ansehen, Reichtum und Gunst, um dafür die Besitzlosigkeit einzutauschen und ein Leben “ 'enAl1 "ich der Entsagung. Nicht plötzlich und un
mittelbar wird owje Wandlung emgetreten sein. Sicherer i?t es anzunehmen, daß sie sich nach und nach und nicht ohne Rückfälle vollzogen Hai.
. , hierhin hat Franz sich bereits als 25jähriger Jüngling — etwa 1206 — von feinem genußreichen und wohlgeordneten Dasein gelost, nachdem schwere Krankheit ihn h-^mgesucht und seinem Den- ken und Sinnen völlig andere Richtung gegeben hatte. Doch gebt er W. ™dj damaliger Sitte in ein Kloster, wird weder Mönch noch Einsiedler, jondern bleibt mitten im piilsenden Leben, verrichtet niedere Arbeit und verdient sich so seinen bescheidenen Unterhalt. Was darüber hmnusgeht, gehört den Bedürftigen. Er nimmt sich der verstoßenen Ausjätzigen an und lebt in selbstloser Liebe für die Armen und Schwachen.
Einige Jahre später leuchtet ihm offenbarungsähnlich eng und scharf umrisien >ein eigentlicher gottgewollter Weg aus einer Pre- d,gt, die er in der Portiunkula-Kintz« zu Assisi hört, sonnenhafi auf. Voll Jubel und tiefen Glückes erkennt er, daß es vor allem seine Bestimmung sei, nach apostolischem Vorbild das harte und besitzlose Leben eines Wander- und Fuhpredigers zu führen neben einem Wandel in dienender Liebe gegen jegliche Kreatur. Im groben Bußergemnnd, barfuß und den Strick um die Hüften, durchzieht er öas Land mit dem Feuer der Begeisterung im Herzen. Seine R»de und jein lebendiges Beispiel zünden. Es wächst ihm Nachfolge: zumeist aus dein einfachen Laienstande. Bald wandern sie je zu zweien Mit des Papstes Einwilligung durch die italische» Provinzen, Lehrend und dem Herrn Seelen gewinnend und arbeitend um das tägliche Brot; zur Not bettelnd.
Selbst Kleriker, hingerissen von dem Wandel dieses äußerlich unsajembaren Mannes zu einer Zeit, als das damalige Leben mehr und mehr in Berschwendung und Genußsucht verflachte und die Kirche nur noch scheinbar einem stolzen Bau glich, stellten sich unter die Nachfolge dieses Großen, der das himmlische Leuchten und den Gottesfrieden in sich trug. Feste Ordnung und Anschluß an das Papsttum forderte das stete Anwachsen der Gemeinschaft der Minderbruder (Minoriten), wie sie sich nannten, die sich bald über ganz Italien und weit über die ganze Welt verbreitet hatte.
Veränderungen bedingte sie, die zu Anfang nicht in dem Willen Franziskus gelegen. Das Gebot der dienenden Arbeit wurde in den vom Papst Honorius — dem Nachfolger Jnnoeenz III. — betätigten Regeln 1223 fortgelassen, der Orden zu einem ausgesprochenen Bettelorden gestempelt. Was bisher in dringender Not erlaubt war, wurde jetzt Forderung. Die Verhältnisse zwangen, entgegen dem eigentlichen Armutsideal, zur Errichtung von Ordens- Häusern, zu weiteren Milderungen und Abänderungen der ursprüng- lichen Regeln. Niemals in seinem heiligen Eifer und Denken hätte Franz je eine derartige Entwicklung zu einem Orden, der sich ebenbürtig neben die alten angesehenen des heiligen Benedikt und Augustin stellen konnte, vorausgesehen noch bezweckt. Ja, er sehnt ich in späteren Jahrey in die frühen Zeiten des Anfangs und der Einfachheit zurück, wie wir es in feinen letzten Aufzeichnungen, in jenem bedeutsamen Testament an seine zurückbleibenden Ordensbrüder neben väterlichen Ermahnungen und Satzungen geschrieben wissen.
In enger Anlehnung an das franziskanische Armutsideal bildete ich neben dem noch heute bedeutenden Orden der Franziskaner der Schwesterorden der heiligen Clara von Assisi, die eine eifrigtreue Anhängerin des Franziskus war. Ja selbst ein dritter Orden, der verheiratete Männer und Frauen — ungelöst vom bürgerlichen Leben — umfaßte und noch heute in der katholischen Welt Bedeutung besitzt, scheint unter der Einwirkung dieses Mannes entstanden


