— 71
«rnaicher verkrampfen. Er knirscht mit entblößten Zähnen. Ty- phvn, Typ'hon, stößt er zischend heraus, und jedesmal ist's, als ob das Unsichtbare sich nun der menschlichen Wahrnehmung entschleiern wolle. Aber dazu kommt es nicht, di« Anrufung bleibt fruchtlos, leerer Schall, denn sie entspringt nur einem automatischen Vorgang in dem immer weiter nach hinten strebenden Kops des Menschen, der nur noch auf den Zehenspitzen steht, ohne es zu wissen, denn ein ekstatischer Krampf hat Besitz von ihm genommen und schleudert ihn wie einen Ball durch unvoll- knnmene Bäume, welche die menschliche Erinnerung in Augenblicken tiefster Bedrängnis zusammenstückt.
Die Wände des hohen Gemachs, völlig verwest, sind in Fetzen zerstoben. Orne sieht vor sich einen größeren Raum in einer Beleuchtung, wie sie das Zwielicht des Morgens zu ver- breiten pflegt. Gerippte Pfeiler streben empor und verjüngen sich oben in zahlreichen Schnörkeln. Die Miesen spiegeln traumhaft «ine reich verzierte Wölbung. Irgendwo flackert ein Licht, fast aufgesogen von der Weite des Raumes. Ovne fühlt die Macht in sich, zu springen, und fliegt mit einem gewaltigen, atem- beklemmenden Ruck nach vorne. Es wundert ihn kaum, daß er nicht stürzt, daß er auf den Füßen und bereits in eiligem Laut sich befindet. Es gibt nur eins: entrinnen I Und so stürmt er mit der elastischen Sicherheit eines Schlafwandlers weiter und weiter, und die Halle scheint kein Ende zu nehmen. Jetzt tun sich zwei Türen vor ihm auf. Er zaudert, schon spürt er ein kräuselndes Blasen im Racken, da springt' er zur Linken und vast eine Wendeltreppe hinunter, Stufen und Stufen, wie in einem Strudel aus Stein, dessen Anziehungskraft mit seiner Tiefe wächst. Plötzlich hört sie auf. Der Prälat steht auf einer eisernen Platte, einer Art Falltür, die unter seinem Gttvicht zu federn anfängt, auf und nieder wippt wie eine Wage, deren Ergänzung irgendwo hinter der vor Rässe triefenden Mauer zu suchen sein muh. Kein Ausweg! Bon oben kommt wieder jenes entsetzliche kräuselnde Blasen. Orne springt auf und nieder, um die Platte zu tieferem Versinken zu bringen, denn unter ihr muß es doch weiter gehen. And in der Tat: mit einem lautlosen Ruck weicht die Platte nach unten, Steinquadern steigen hinauf, und nun springt er ab, ins Angewisse, und während die Platt« pfeifend zurücksaust, stürzt er in einen Haufen klappernder Gegenstände.
Er richtet sich auf und betastet seine Amgebung. Die ginger greifen, nun merkt er's schon, in leere Augenhöhlen, in kaltes, schütteres Zahnwerk, stützen sich auf knackende Wirbel, berstende Gelenke, und er fühlt sich angenehm berührt. Menschen, Menschen immerhin. Zitternd streicht seine Hand über einen Schädel, er drückt ihn an sich, aber da bricht er auseinander, widerliche Rinnsal stäubt über seine Hände, und schon tönt wieder irgendwo jenes grauenvolle Blasen, leise und beharrlich und kommt näher, und es ist, als trete ein Phosphorschimmer schaukelnd aus der Finsternis.
Johann Sebastian Orne springt davon, stolpert über zerfallene Särge, arbeitet sich durch widerstrebende Skelettmassen hindurch schüttelt singende Rattenschwärme von sich ab, gleitet aus auf trägen Kröten, stürzt in Verliefe, bricht Steine aus den Wänden, schlägt mit Säulen um sich verbirgt sich im Gehäuse klaffender Schädel wirft wüstes Gelächter und entfleischte Beine und Rippen dem Verfolger zu und hastet unaufhaltsam weiter und weiter, und niemand vermöchte Schritt mit ihm zu halten, es wäre denn jener, dem zu entrinnen sein ganzes Wesen in einen einzigen, letzten Willensatt sich zufammendrängt. And so rast er dahin, der Rest seines Daseins ist Flucht, und sie jagt ihn über Atem und Herzschlag wahnwitzig hinaus...
Allmählig aber wird es Tag. Lebende Menschen erwachen, danken dem Himmel und seinen Heiligen und Heerscharen für die glücklich bestandene Rächt und für das Licht und beginnen ihrer Hände und ihres Geistes Werk. Türen und Fenster öffnen sich allenthalben, aber ein Fenster des Klosters bleibt schwarz und verschalt, eine Tür des Kreuzganges bleibt verschlossen. Die Brüder gehen mit hochgezogenen Augenbrauen vorbei und schlagen das heilige Zeichen, denn Herrn Ornes Wesen hat ihnen von je befremdlich erschienen, die matte Färbung seines Auges hat immer als ein trennendes Mal zwischen ihnen gestanden. Ihre Schritte hallen vorüber, und die Sonne steigt, und alles Leben freut sich der freien Regung in der Helle.
Als aber Johann Sebastian Orne auch beim Zönakel nicht erschien, runzelt der hochwürdige Abt die Sttrn. Rach dem Gebet und Gloria ruft er etliche Fratres zu sich und schreitet mit ihnen, entschlossenen Sinnes und ohne Hast, unmittelbar zur Wohnung ihres Glaubens-, Ordens- und Hausgenossen. Er pocht an, mit gebogenem Finger. Ein dumpfer Widerhall wird vernommen, sonst nichts Er wiederholt sein Begehren um Einlaß, er nennt laut Ramon und Würde des Bewohners. Aber es kommt keine Antwort. And die Tür ist von innen versperrt.
Der Abt befiehlt einen dienenden Bruder mit Werkzeug herbei und vergißt nicht des geweihten Wassers und des Kreuzes der Exorzisten, und während der Meißel den Türspalt keilt und der Hammer dröhnt, springen von den Lippen des hochwürdigen Herrn Worte, welche die Gewalt der Finsternis an den Ort bannen, wohin sie nach ewigem Ratschluß gehört. Das Schloß
knirscht und schreit, daß «s den Mönchen in den Ohren gellt, und nun fliegt die Tür unter einem letzten wuchtigen Schlag fauchend um die Angeln und schlägt hart an die innere Wand.
Ohne Zögern setzt der Abt den Fuß über die Schwelle, und die Brüder drängen ihm nach ins Zwielicht des Zimmers. Da schlagen sie die Hände ineinander und schauen sich entsetzt um. Wüst sieht es aus an diesem Ort und deutet auf schlimmen Besuch. Tisch und Stühle umgestürzt, ein verkohltes Buch dabei, Asche von Papier und Rinnsale von Oel, Geräte zweifelhaften Gepräges in argem Durcheinander, Bücher, in Haufen aus den Regalen gestürzt, aber von dem Bruder Johann Sebastian keine Spur. Der Abt wendet sich zum Fenster, hebt den Riegel und schlägt die Schalter zurück. Eine breite Flut Lichtes konunt herein, von der mittäglichen Sonne. überströmend ausgegossen.
In diesem Augenblick reiht der Klosterherr mit allen Zügen des Schreckens die Hand zum Gesicht und. deutet mit der anderen nach einem Winkel des Büchergestells. Der Blick der Mönche folgt dem ausgestreckten Finger.
Da kauert eine menschliche Gestalt in grausiger Verstellung aller Gliedmaßen. Die Deine sind eng umeinandergeschlungen wie im Krampf der Vergiftung. Die Arme ruhen ttastlos auf dem Rücken der von Blut überronnenen Hände, und das gedunsene Gesicht sitzt halb im Racken. Die weit aufgerissenen Augen sind blutunterlaufen und so verdreht, daß kaum mehr als das Weiße zu sehen ist, der Mund klafft in wahnwitzigem Grinsen, und aus einem Winkel flieht ekler Speichel. Von einigen Tropfen des geweihten Wassers berührt, zuckt der verzerrte Körper einmal zusammen, aber das ist auch das letzte Lebenszeichen, das sich ihm entlocken läßt.
Trotz der furchtbaren Entstellung der Mienen waltet kein Zweifel, daß diese Gestalt des Jamniers den Aeberrest dA«n darstellt, der gestern noch unter dem Namen Johann Sebastian Ovne inmitten der frommen, von aller Welt verehrten Gemeinschaft wandelte. Ansühnbare Schuld hat ihre Male der txr» worfenen Kreatur grausam eingeprägt. Wessen mag l i« pcy vergangen haben? Richt ohne Mitleid umbrandet Mustern d^ peinliche Schaustück. Aber es gilt kein Schweifen fcaS Gefühls, wo der Verdacht des Sakrilegs alle Zeichen der Gewißheit tragt. Der Abt wendet sich mit erhobener Hand an die Bruder, und sein Spruch ist Geletz. Der geschändete Raum wird nut eisernen Stäben vergittert und der Maurer bestellt, um Tür und Fenster auszulöschen. And am Wend, während das ganze Klos^r in Aebungen der Buhe versinkt, waltet der Schinder seines erbarm lichen Amtes.
Schönheit des Rheines.
Aenea Silvio (Papst Pius II.) an Erzbischof von Tours, Basel 1438.
Nirgend in Europa ist ein Muß »du fo zahlreichen und bedeutenden Städten umrahmt. An Gröhe übertreffen ihn viele Flüsse, an Adel und Reiz der umliegenden Heimat lernet. — Denn, um von dem hochberühmten Straßburg, „Speyer, Worms und all den anderen za schweigen — wie könnten wir ausreichend von Köln reden? ... wie von Mainz, das der schone Fluß beherrscht? Er aber zieht zwischen Mamz und Köln eingeengt jenes Ortes weiter und als wollten seinen -auf die beiderseitigen Nachbarberge hindern, verwehren ft« um ein Haar in der Talenge bei Mainz dem Flusse den Weiterzug, und der Rhein hätte sich nicht so engen Schlünden anvertrauen mögen, wenn er nicht durch dwi Zuspruch d^ Malnes, der sich ihm zum Geleit anbot, wiedev Mut gewonnen hätte. Vorsichtig i^ des und eingezwängt wandert er durch mrbekannte Daler und tritt nicht eher hervor, als bis er nach Empfang einer H^f« durch iü« Mosel bei Koblenz freier fortschreitet. Beiderseits sind hohe weinbedeckte Felsen, und ihren Wein trinkt em großer Teck Alemanniens. Dort ragen soviel Hauser und Schlosser aus d«n GeNüft, daß vom Himmel geschütteter Schnee Hügel imb ganze Dergjoch zu bedecken scheint. Ihre Pracht, Schönheit und Zier ist derart, daß hier die Landfchlösser stattlicher smd als andein- orts die städtischen und mit größerer Bequemlichkeit zu Genuß und Reiz geschaffen. Aeber die Hügel hinauf liegt eine gedehnte Ebene, wo sich blumige Wiesen, lichter Laichwald uich^ buschige Haine senden. And was all dies übertrifft: die Statur des Ortes selbst wirst du zur Lust geboren vermeinen. Denn die Hügel selbst scheinen zu lachen und «ine Art Jubel auszuschütten, worauf blickend man sich nicht erlaben mrd ersattigen kann im Schauen — so daß diese ganze Gegend billig für em Paradies geachtet und so genannt zu werden verdient, fte, der kein Ding des Erdkreises an Heiterkeit und Schone sich ver- aleicht. Was, wenn die Menschen staunen, erblicken sie von weitem aus ragendem Bergkamm die Masse von Florenz und die Fülle der umgelagerten Dillen, was sollen sie «ter tun, wenn sie auf dem Rhein angesahrmi und auf dem ecptn' verdeck sitzend die Zierde so bunter Villen und dm reichliche Aufreihung von Gebäuden erschauen? Wo sie nicht wie vet Florenz an einem Tage hinburchziehend, sondern Drei -äxtge lang oder mehr die Augen weiden und fernen Augenblick einer Stunde ohne das Anerhörte eines Wunders zubringen.


