Ausgabe 
31.1.1925
 
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Oberst ausliefern, verstehst du? Aber ich teilt mal nicht so sein. Mach, daß du von Bord kommst!"

Der gelbe Luciano begriff nicht gleich, dass der Schiffer ihn laufen lieb. Da rief Baukhage den Matrosen zu:Helft ein bißchen nach, Jungens!"

Da merkte Luciano, was für flinke Deine ein paar wohl- gezielte Hiebe mit dem Tauende machen. Er rannte ums Leben an die Reeling, hüpfte über Bord wie ein Grasfrosch und sauste ins Wasser, daß es aufspritzte. Er schwamm unter dem Ge­lächter der Matrosen mit langen Stößen und kletterte bald aufs Trockene. Da stand er, und das Wasser lief ihm aus den Hofen. Aber er winkte noch einmal zurück und rief aus vollem Halse: Mva v cvmmandante da Rosalia!" Dann verschwand er mit langen Sätzen. Die Genossen sahen ihm mit sehr gemischten Ge­fühlen nach. Sie saßen hinter ihrem Gitter und glaubten, daß sie ihre letzten Dohnen gegessen hätten.

Der Schiffer kümmerte sich einstweilen gar nicht um sie. Als er an den Koben vorüberging, kamen ihm leise und verzagte Bitten nach:Misericvrdia, commandante! Excellenzia! O capitav do mar e da frag ata!" Aber weder dieExzellenz" noch derKapitän zur See" rührte Heinz Baukhage, sondern er ging an Bord desDom Pedro" und befahl Adriano, einen steifen Grog zu machen und ein rechtschaffenes Essen auf den Tisch zu bringen, wie es sich für Seeleute gezieme, die eine Bande richtiger Mbustier dingfest gemacht hätten. Dazu ließ er die Zigarrenkiste die Runde machen und benutzte die Gelegenheit, feine Geschichten von Bukaniern und Flibustiern an den Mann zu bringen. Die Janmaaten horchten gern zu, denn für richtige Piratengeschichten ist der Seemann immer empfänglich. Sie küm­merten sich auch nicht einmal mehr um die Schießerei im Hafen, die allmählich in em überflüssiges Flintengeknatter und in Mu- nitionsverfchteendung überging. Rur einmal, als dieGloria" ausdampfte, meinte einer:Schade! Die Geschichte war ein bißchen zu kurz. Moreira hätte noch ein bißchen knallen dürfen."

Ja," sagte Baukhage,und Käpp'n Lührs ist nun auch ein richtiger Flibustier geworden." And er berichtete umständlich und mit Behagen, wie Lührs als Lotse an Bord derGloria" gehen muhte.

Run muß er dieGloria" wieder über die Barre hinaus­lotsen, und Lvtsengeld werden sie ihm dafür auch nicht bezahlen. Wer weih, wo und wann er wieder an Land gehen kann!"

Dann spann Baukhage ein richtiges Garn, wie es sich zu einem steifen Grog geziemt, und alle lauschten andächtig, denn er wußte zu erzählen. Gr war ja auf allen Meeren gefahren, wenn man ihm aufs Wort glauben wollte. Gr hatte in Aeuhork seine Speckbvhnen und in Kalkutta seinen Reis mit Surrt) ge­gessen, und beim Koprahandel in der Südsee hatte er gelegent­lich ein bißchen Menschenfresserei aus nächster Rähe beobachten können. Was aber Schiffer Baukhage nicht wußte, hatten die Janmaaten vorrätig. Der eine war in jungen Jahren ein Fahrensmann gewesen, ein richtiger Rordseefischer, der in Blanke­nese zu Hause war. And nachdem er eine Reise nach Halifax auf einer Schunerbank gemacht, war er auf einen englischen Fischdampfer gegangen, der auf den Bänken vor Aeufundland Kabliau fing. And als er die Fangzeit hinter sich und Geld im Beutel hatte, war er es leider sehr fix wieder in Hamburg lvsgewvrden. St. Pauli und die Reeperbahn ja, ja! Die blanken Taler wollten in seiner Tasche nicht hecken, und so kam er in Kopenhagen an Bord eines Jslandfahrers und von da auf einen richtigen Walfischfänger.

Ms ich jung war, nahm ein Matrose nicht gern Heuer auf einem Walfänger oder Robbenschläger. Da fand sich zu böses Gesindel zusammen. Heute ist das wohl anders," bemerkte Baukhage.

Da habe der Schiffer recht, meinte der Matrose. Aber heute werde der Walfang ganz geschäftsmäßig betrieben. In den norwegischen Häfen lägen Dampfer mit Harpunenkanonen am Bug. liefen in die Gewässer zwischen Island und Spitzbergen und schleppten den Fang zum Abspecken auf die norwegischen Stationen, nach Tromsö und auf die Lofoten.

Früher war der Fang weit lohnender," fügte Baukhage hinzu, denn er sah eS nicht gern. wÄnn ein anderer das letzt« Wort hatte.Da gab es im Eismeer noch Wale in Hülle und Fülle. Besonder- die Holländer haben im hohen Rorden vor zweihundert Jahren und mehr ein Riesengeschäft gemacht. Auf Spitzbergen hatten sie eine große Station angelegt. Smeerenborg nannten sie dieses Tranlager. Der Ertrag der reichen Fänge ging nach Amsterdam, und viele blanke Gulden wanderten in die Taschen der Kapitäne und Matros«, zurück. Da herrschte in Smeereborg ein wüstes und liederliches Leben. Die Spiel- höllen wurden nie leer: auch liederliche Weibsbilder schickten die schlauen Holländer auS Amsterdam nach Smeerenborg, da­mit daranaal der Wakfängevei nicht überdrüssig und seine Gulden um s» fixer los weiche. Msv gmg's in Smeerenborg zu wie in einem kalifornischen Goldgräberlager, bis eines Tages die Engländer Wind bekamen von dem holländischen Tranlager im hohen Rorden und eine Flotte ausrüsteten, tun das Rest auSzuheben. Ganz unverhofft erschien ein englisches Geschwa­der vor Smeerenborg, und eS gab Mord und Totschlag zwischen

John Dull und den Mynheeren. Heute noch könnt ihr auf Spitzbergen die offenen Särge mit den Skeletten der Erschlage­nen sehen. Meistens waren Steine darauf gewälzt. In der furchtbaren Kälte ist das Holz der Särge und jedes Gerippe erhalten geblieben. Heute ist ein Gedenkstein von den Hollänp bern da aufgerichtet. Ja, darauf könnt ihr mal achten, Jungens: wenn ein Volk sich irgendwo in der Welt ein Rest zurgcht- gemacht hat, so erscheint fix John Dull und nimmt es aus. And wenn er die Eier aus dem Rest gestohlen und verschlungen hat. so faltet er die Hände über dem runden Bauch und verp dreht die Augen gen Himmel und klagt, daß er auS lauter Menschlichkeit und Güte die Eier verschlucken mutzte, Dann aber sucht er nach einem neuen Rest.

Sv hat er es mit den Franzosen gemacht, als er ihnen die nordamerikanischen Kolonien wegnahm, so hat er die Buren­staaten verschlungen, so hat er Aegypten in seinen Nimmersatten Bauch gestapft und so wird er auch die deutschen Kolonie« in Afrika und der Südfee verschlingen, sobald die Gelegenheit dazu gut ist. Gerade die deutsche Flagge auf See und auf fremder Erde ist ihm ein besonderes Aergernis. Er wird ohne Bedenken die ganze Welt in Brand stecken, wenn nur dabei unsere deutsche Flagge verbrennt. Gr ist und bleibt doch der größte Flibustier, den es je gegeben hat und geben wird. And wo er selbst nicht rauben und stehlen kann, da stachelt er die Leute, daß sie sich an die Gurgel fahren und abwürgen, und die anderen tun ihm den Gefallen und spielen immer wieder Revolution. Freilich, in den letzten Jahren muh er mit einem bösen Konkurrenten teilen, dem Bruder Jonathan. Der be­schützt angeblich feine lateinischen Brüder in ganz Amerika. In Wirklichkeit rupft er ihnen die weichen Daunen aus und polstert sich dabei sein Bett. And wenn der deutsche Michel als fleißiger Kolonist und ehrlicher Kaufmann, als zuverlässiger Seefahrer und erprobter Techniker auf dem Plan erscheint, so erheben John und Jonathan warnend den Finger und mahnen: Hütet euch vor dem bösen Deutschen! And es gibt! leider immer dumme Leute, die den beiden Verleumdern glauben. Ja, Jungens, den Deutschen achtet man wohl, aber man liebt ihn nicht. Dafür sorgen die beiden großen Räuber, die nicht besser sind als die Kerle, die wir drüben in den Koben haben, die unsereRosalie" plündern und mit mir Krebse angeln wollten.

Das haben Sie aber mal wieder schön gesagt. Käpp'n Baukhage!" lobten die Matrosen und schoben das Grogglas hin, daß Adriano es neu fülle.

Ja, daS habe ich wohl," erwiderte Baukhage und trank einen Schluck mit Behagen und Selbstbeteutztsein.

Die Sonne sank. Die Matrosen blieben an Bord des Schleppers und des Leichters. Wan konnte nicht wissen, ob nicht in der Rächt eine Handvoll Strauchdiebe versuchen würde, die gefangenen Spitzbuben zu befreien. Baukhage erklärte sich selber für einen Dummkopf, weil er den gelben Luciano habe laufen lassen. Der konnte allerlei Gesindel zusammentrommeln.

Aber Wilm Peters beruhigte ihn:Der? Der ist froh, daß er seine Wichse weg hat. Der wird feine Kumpane an Land dringend warnen. And für den Rvtfall haben wir ja den Dampf­schlauch zur Hand."

In der Rächt gingen sie aber auf beiden Schiffen Wache. Der schwarze Adriano hockte vor den Koben, rauchte und maße den Insassen die Aussichten für den kommenden Tag in den düstersten Farben. Aeber der Stadt zischten Raketen und ver­pufften, verwehte Klänge von Musik kamen mit dem Winde, man feierte daS Siegesfest. Kanonenschüsse hallten dazwischen, un& auch die beiden Kriegsschiffe schossen Salut, denn sie waren an ihre alte Liegestelle zurückgekehrt. Am Morgen dieses ereignis- vollen Tages hätten sie um ein Haar dem General die Fenster eingeballert. Als dieGloria" aber rühmlos abdampfte, ent­deckten die beiden Kommandanten ihr wahres Herz wieder und liehen schwere Verwünschungen auf denVerräter" Moreira niederhageln.

Am auffälligsten aber benahm sich bei der Siegesfeier in der Rächt der Schreiber Ehico Fontouro, der schwarz wie ent Essenkehrer umherstolzierte und alle Welt darauf aufmerksam machte, daß er da gestanden habe, wo der Pulverrauch in den dicksten Schwaden gequalmt habe. Rur dem Küster wich der glor­reiche Chico fürsorglich aus, und den Tenente Carlos Lopez mied er gleichfalls, weil dieser ihn ein bißchen nah beschaute und beschnupperte und erklärte: .Pulverdampf ist das nicht, Chico. Du riechst eher nach verbranntem Papier und hast dich ganz hübsch mit Ruß beschmiert!"

Als der Morgen strahlend heraufkam, hieß Schiffer Bauk­hage Standgericht über die Missetäter in den Käfigen. Die waren ganz weich und welk vor Angst. Wilm Baukhage muhte ihnen zunächst eine Ansprache übersetzen. Die klang gefährlich genug, denn es war darin die Rede von Rahen und Rocken, an die man solche Schelme hängen mühte. Der schwarze Adriano stand hinter dem Schiffer und hob hin und wieder das lange Wessep über den Kopf BaukhageS. Dann schrien die Missetäter und winselten um Gnade und Barmherzigkeit,

(Fortsetzung folgt.)

Schrittleituna: Dr. Stiebt, Wilh. ßanae. Stuck und Derlaa der Brübl'schen Aniv.-Buch« und Steindtmcketei, A. Lange. Gietzen.