Ausgabe 
31.1.1925
 
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Gietzener zamWenblütter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, den Januar Nummer 9

Spruch.

Don 3. Victor von Scheffel. Andern lab den Staub der Stratze, Deinen Deist halt' frisch und blanß. Spiegel sei er wie die Meerflut, Drin die Sonne niedersank.

Grimmelshausen.

(Zu seinem 300. Geburtstag.)

Von Albert Raetz.

Das Grimmelshausen-Denkmal zu Renchen am badi­schen Schwarzwald enthält folgende Inschrift: Han- Jakob Christoph von Grimmelshausen, dem größten deutschen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, Schult- heih zu Renchen, gestorben in Renchen den 17. August 1676 auf seiner Ruhestätte. Zum Gedächtnis errichtet am 17. August 1879.

Deutsch Volk, belogen und betrogen Im Streit um hohes Ideal Durch Rot und Glend durchgezvgen AuS Wunden blutend ohne Zahl, Einfält'gen Herzens, tief verwildert, Berührt doch von der Muse Kuß, Deutsch Volk. Du warst, den er geschildert, Der arme Simplicissimus.

Ob uns der Kampf zu Tod getroffen. Deutsch war sein Herz und stark sein Höften, Er hat aus dreihigjähr'ger Rot Verkündet uns sein Morgenrot: An deiner Sprache hohem Gut, An alten Sitten, biedern frommen. Halt fest, mein Volk, mit treuem Mut, Dann müssen bess're Tage kommen.

*

Dort, wo Vogelsberg und Spessart sich nähern, liegt am Rande der fruchtbaren Wetterau, durchströmt von dem rauschen­den Silberband der Kinzig, das freundliche hessische Landstädt­chen Gelnhausen, einst der Lieblingsaufenthalt Barbarossas, der sich hier eine prächtige Pfalz baute und den Ort zur freien Reichsstadt erhob. In der Literaturgeschichte ist Gelnhausen durch Johann Jakob Christvffel von Grimmels­hausen bekannt geworden, der hier vor nunmehr 300 wahren im Jahre 1625 das Licht der Welt erblickte. Tag und Monat seiner Geburt sind unbekannt.

Auch von seinem Lebensgang sind nur wenig Einzelheiten bekannt. Am 30jährigen Kriege war er wahrscheinlich vom Jahre 1635 an bis zum Friedensschluh 1648 beteiligt, zuerst als Trotzbube, dann als Soldat. In den zehn Jahren nach dem Kriege scheint er große Reisen gemacht zu haben und lange im Auslande gewesen zu sein. Etwa um 1658 ist er dann zu einer ruhigeren Lebensweise gekommen. Äm diese Seit etwa hat er auch seine schriftstellerische Tätigkeit be­gonnen. Urkundlich steht fest, daß er von 1667 bis zu seinem am 17. August 1676 erfolgten Tode befchöflich Strahburgifcher Schultheiß in Renchen am badischen Schwarzwalde war. Grimmelshausen ist zweimal verheiratet gewesen. Gr hat sich in jüngeren Jahren als Protestanten betrachtet und ist wäter zur katholischen Kirche übergetreten: die Hoffnung feines Herzens war die Wiedervereinigung der beiden Bekenntnisse.

ihn das Schaffen eines Dichters richtig würdigen zu können, muß man sich das geistige Leben seiner Zeit klar vor Augen stellen, als den Wurzelboden, aus dem jede Dichtung entsprießt. Der näheren Beschäftigung mit den schriftstellerischen Arbeiten Grimmelshausens sei daher eine kurze Darstellung der litera- rkfchen Strömungen seiner Zeit vorausgeschickt, soweit sie sich auf den Roman beziehen.

Die Reformation Luthers war ihrem innersten Wesen nach durchaus volkstümlich gewesen. Ihr Verbündeter, der Hu­manismus, hatte die engen scholastischen Lehrfesseln gelöst, an die Stelle klösterlicher Erziehung eine rein menschliche Ausbil­dung der Persönlichkeit gefetzt und durch die Pflege der klassi- schen Sprachen den gebildeten Teil der deutschen Ration zur Teilnahme an den Wissenschaften urtf> an der Geistesfreihett

erweckt. Aber dadurch hatte er der durch die Reformatio« entstandenen religiösen Spaltung des deutschen Volkes eine nenn Spaltung in zwei große Schichten hinzugefügt: In die Belehrt« und in die große Masse der nicht humanistisch Gebildeten. Gin fremder Bildungsstoff von internationalem Gepräge bildet« die Kluft zwischen ihnen, und die Gebildeten zweier verschieden« Völker verstanden sich bester untereinander als der deutsche Gelehrte und der einfache Maina seines Volkes.

Entsprechend diesem Zwiespalt waren es zwei verschieden« Dvmangattmrgen, die etwa gleichzeitig in Deutschland vor­herrschten. Der Roman, der dem Geschmack bet Bildung ent* sprach und von den höftsch-gelehrten Lesern bevorzugt wurde, war idealistischer Art: Der Schäferroman und der hero­isch-galante Roman. Dem bürgerlich-volkstümlichen Ge­schmack dagegen sagte der realistisch geartete Schelmen« vde« Landstreicherroman mehr zu. GS ist nicht verwunderlich, daß im Jahrhundert des großen Krieges, in dem Deutschlaich der denkbar stärksten Einwirkung ausländischen Sitten- und Geisteslebens ausgesetzt war, auch die beiden bevorzugten Roma«» gattungen ihre Vorbilder in fremdländischem Schriftum hatten, Der Schäferroman mit feinen der damals beliebten arkadischen Schäferpoesie ähnlichen mythologischen Spielereien und der heroisch-galante Roman, au» dem sich in Frankreich der wieder für Philipp von Zesen und für die zweite schlesische Dichterschule richtunggebende historische Roman entwickelte, sind auf den spanischen Amadis-Roman zurückzuführen. Gr war eine merkwürdige Rachblüte der höfischen Dichtung bet Mittelalters. In seinem Mittelpwikte stand die Liebe, bte aber in eine grenzenlose ileberspanntheit der Empfindungen auS- artete. Riesen, Feen, Zauberer, Ungeheuer bevölkerten die Sze­nerie. Ritter zogen umher und bestanden unglaubliche Abmo» teuer für die Dame ihres Herzens, der sie mit hlchber, schmeichelnder Galanterie und in weitschweifiger, gezierter Sprache huldigten. Gs war wohl der Gegensatz zu der Derbheft der Zeitsitten, der die höfischen und gelehrten Oeser zu dieser Wett romantischer Illusion ohne jeden WirÄichkeitsgehaÜ hinzog. wundervolle Satyre auf die Scheinwelt des Amadis-Romaas und der Schäferdichtung ist derDon Quichote" d«S «roh« Spaniers Cervantes.

Auch der volkstümliche Schelmen- oder Landstreicherrvman fußte auf spanischen Vorbildern. Die beiden bekanntsten Ro­mane dieser Gattung,Gusman von Alfarche oder Pioaro" undLazarillo de Tormes" waren schon zu Beginn deS 17. Jahrhunderts in deutscher Bearbeitung erschienen. Ihnen schloß sich anDer wunderliche Wandel der Landstörtzerin Justin« Picara". In realistischen Farben waren hier anstatt der fah­renden Ritter abenteuerliche Gestalten aus den niederen Volks­schichten dargestellt, von Land zu Land strolchende Vaganten, ihre Streiche und Gaunereien, ihr Ende auf der Galeere oder in einem kleinbürgerlichen Dasein. So war dieser Volksrvman ein rechtes Kind 6er verwilderten Zeit des großen Krieges, in der solche Gestalten täglich gesehene Gäste waren: noch lange nach dem Westfälischen Frieder zogen sie bettend, stehlend, raubend überall in Deutschland umher.

Grimmelshausens reiche Weltkenntnis und Lebenserfahrung und sein eifriges Streben, die Lücken seiner Bildung ausM» stillen, mußten ihm das Fehlen einer regelmäßigen Schul- und ilniversitätsbildung ersetzen. Aus seinen Schriften geht hervor, daß ihm die deutsche und romanftche Romanliteratur feiitergeÜl durchaus vertraut war. Fraglos sind ihm auch Mosche- ros ch e 1645 erschieneneGesichte Philanders von ©ittetoaty bekannt gewesen, und die Schilderung des Soldatenleben» iw 6. Gesicht des II. Teils wird nicht ohne Einfluß auf ihn ge­blieben fein. Als Autodidakt neigte er dazu, in seinen Schriften bei jeder Gelegenheit mit seiner selbst ungeeigneten Gelehrsan» feit zu prunken. Auch steckte er tief im Aberglauben seiner Zett, Grimmelshausen hat sich schriftstellerisch auf beiden Ge­bieten des Romans seiner Zeit versucht. Seine heroisch-galant«« Romane im ModegeschmackDer keusche Josef in Aeghvten*. Dietwald und Amelinde",ProximuS und Lympida" find f8e die Literaturgeschichte wertlos und heute völlig ungenießbar obgleich er besonders stolz auf sie gewesen zu sein scheint, fba doch die beiden letztgenannten Romane die einzigen, die * unter seinem wahren Rainen herausgab.

Um so Bedeutenderes hat Grimmelshausen aber auf btw Gebiete des realistischen Vvlksromans geschaffen. Sein eaw«w»