208 — ,
Verantwortlich: J.V.: Ehrhartz Evers.
- Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
wackere Hausfrau. Doch war mit Kindern umzugehen, als hochverehrten ° Frau; ich machte
es niemand weniger gegeben, eben dieser guten, von mir so ihr nur Langeweile, störte und
I grüßt«, nach angehörter Predigt aber di« Kranken und di- | Armen als freigebige Trösterin in ihren Häusern besuchte.
Dem klösterlichen Leben, das Sophie im Innern ihrer I brunSlosen Gemächer führte, entsprachen denn auch ihre L^h. I lmgsbeschäftigungen ganz und gar. Don Jugend an zu ein« i bewundernswürdigen Kunstfertigkeit in feiner bunter Stickerei I geübt, war sie bei völlig ungeschwächten Sinnen noch immer. 1 fort imstande, dergleichen Arbeiten, wozu sie sich ehmals di« | reichsten Muster kommen ließ, mit gleicher Sorgfalt fortzu» I festen: sie wiederholte unermüdet ihre alten Zeichnungen um I mit solchen Prachtstücken, an denen Gold und Silber glänzt«, j An ZÄt zu Zeit die Ihrigen zu überraschen, ganz unbekümnÄ | freilich um den Geschmack des Tags.
! . Bedeutend aber war ihr Anschn bei der Familie d» j Arch, daß sie die Gabe der Weissagung in hohem Grade be» I Msrn haben soll: besonders wollte sie es jedem gleich ansehen, I ob er Sinn und Beruf für übersinnliche Dinge besitze. Auch | stand sie allezeit mit einer Anzahl Geistlichen in Briefwechftk i Md wußte st.q» — zu einem Zweck, den weiter niemand kannte, I ?_Eber wir jetzt freilich ganz im klaren find — von den De» I yritnif^n aller möglichen Menschen, von Zeit und Stund« | ihr« Geburt und dergleichen genaue Kenntnis zu verschaffen. I X? Krer eigenen Verwandtschaft fand sie den unbedingt« | obschon sie gerade hier am sparsamsten mit ihren
I Hoffnungen war. Bruder Marcell allein wagte es, den hart- I näckigen Zweifter, sogar gelegenllich den Spötter gegen sie dessenungeachtet ist er doch ihr Liebling immer geblieben. Aach ihrem Tode mag er sich wohl bekchrt haben,
I !?’ es scheint, verschmähte er nicht, Sophiens mystische Hai^sarbe grün, schwarz und weiß, zu Ehren der Schwester
! bei feierlichen Anlässen zu tragen.
| . _ Aun ab« ist leicht zu vermuten, daß unserer guten Amme I kleinste Verdienst dabei blieb, wenn unter ihrem fromm« I -Regiment die Gutsökonornie, die gar nicht unbeträchtlich war.
dennoch durchaus zum Vorteil der Besitzer aufrecht erhalt« tour&e. Sie nahm von ihrem samtnen Armstuhl aus sehr regel» mäßig Anteil an den vorkommenden Geschäften; sie hört« an bestimmten Tagen den Verwalter an, durchsah al« eint «ute Rechnerin die Bücher nut der Feder in der Hand, ermahnt« die Dienstboten und übte mitunter auch wohl ein klein wenig die Kunst, unterrichtet zu scheinen, wo sie es nicht war. Jedoch verstand eS sich bei männiglich von selbst, daß alles in der Wirt- fvafthStte drunter und drüber gehn müssen ohne die Einsicht Md Treue eines Verwallers, der wirklich seinesgleichen suchte. Der gute Mann nahm aber unerwartet feinen Abschied, die Güter wurden verpachtet, und die edle Matrone, den Bitt« ihres Bruders jetzt nicht länger widerstrebend, entsagte diesem Aufenthalt und ließ es sich gefallen, den späten Abend ihres Lebens im Schoße der Familie zuzubringen.
Dies wäre mm alles, was ich zugunsten der Wahrhaftig, leit des Erzählers vorzubringen hatte."
Aachdem sich die Versammlung fiir diese interessanten Aach richten aufs schönste bedankt, sprach unser Hofrat weiter:
»3$ werde mich nunmehr zum Schluß so kurz wie mög. lich fassen.
Jvsephens Konfirmation war in der Dvrfkirche vollzog« worden. Die Aachfeier des Tages aber fand in aller Stille auf dem Schlößchen statt. Am Abend nahm Sophie das Mädchen E der Hand und führte sie nach einem Gemache im untertz Stock, zu dem niemand, sogar der Vogt nicht, Zutritt hatte. Sephchen erblickte nun hier eine vollständige Goldschmieds- Werkstatt, ganz neu und sauber eingerichtet. „Mein Kindl" sagte kne eMe Frau: „sieh an, daS ist für deinen Franz, hier führst du ihn herein, wenn er 'mal kommen wird; hier muß bem Liebster fein Meisterstück machen. Ist das geschehn, so findet sich das übrige von selbst. Der (die männliche Form noch hmtte im Suddeutschen) Werkzeug bleibt fein Eigentum; et nimmt eä mit gen Achfurth, wo ihr euch nieder,
lassen sollt, ülnd daim gedenket mein und habt einander lieb rn Gottesfurcht Md Frieden!« - Zugleich bekam Josephe ern ähnliches Büchlein wie ich, obgleich sie nach Geburt und Rang nur ein Sonntagskind war. Die Werkstatt wurde nun wieder geschlossen, und ich war ht der Tat der erste, dem sie sich nach vier Jahren wieder öffnete. Josephen war der Schlüssel durch Herrn Marcell bei feiner neulichen Anwesenheit behändigt worden. Ich hatte nur zu staunen und zu preisen, als ich mit meiner Braut von diesen Sachen Einsicht nahm; da war auch nicht das Geringste vergessen, vom großen Ofen bis zum unbedeutendsten Lötrohr herab, und Stück für Stück un- tadelhafte Ware, so rein und einladend, daß einem gleich der üach der Arbeit zu wässern anfing Auf meine Frag«, ,wohl zunächst hier mein Geschäft sein würde, gab mtt Josephe nur ganz verblümten Bescheid, indem sie mich Mf Herrn von Rochens Wiederkunft verwies; allein ich hatte lanM geiptttert,^ was da werden sollte, und tvar gefaßt auf ich gar nicht leugnen will, daß mir etwas un- heimlichwiwde, als mir das Mädchen bald hernach zwei sonder» mre gestrickte Schärpen zeigte, worauf gewisse Chiffern und SrMM twn grüner, schwarzer, weißer Farbe sich durchschlangen. .Wozu soll daS, Josephe?« fragte ich (Schluß folgt.)
ärgerte sie. So mutzte ich mich denn fast einzig zu des HauS» schneiders hatteir und war froh, daß ich nur jemand hatte, zu dem ich einmal wieder, wie einst in Eglvffsbroim, Väter und Base sagen durfte. Dies wurde gegenseitig so sehr zur Gewohnheit, daß jedermann uns für Verwandte hielt."
„Indem nun meine Braut" — so fuhr der Hofrat zu erzählen fort — .mich mit den Eigenheiten ihrer seligen Wohltäterin näher bekannt machte, bedauerte ich aufrichtig, diese Edle nicht mehr am Leben zu wissen: ihr hatte ich mein Schatz» käst lein, ach und noch weit mehr zu verdanken. Aber" — mit diesen Worten wandte sich Herr Arbogast an eine ganz besonders aufmerksam zuhörende bejahrte Dame — „Sie, Frau Majorin, bringen ja den Mund nicht mehr zusammen, fett ich von Frau Sophien rede! Am Ende haben Sie die Baronesse selbst gekannt?"
„Gewiß! gewiß hab' ich! Leibhaftig steht sie wieder vor mir, wie ich sie vor vierzig und mehr Jahren in meiner Jugend sah.« „Was ist das? «brummte hier ein treuherziger Schweizer, der während der Erzählung einigemal sehr merklich eingenickt war: „Bi Gott! ich dacht', das alles si halt numme so ne Fabel g’fi, jetzt chümmt es doch anderster usi! Hätt' ich das eh' g'wützt, hätt' es mich, bi ntiner Ehr' nit g'schläferet!"
Auf dies Bekenntnis folgte ein allgemeines, unauslöschliches Gelächter. Der Hvfrat endlich nahm das Wort und bat gedachte Dame um eine Schilderung der Frau von Rochen: Ein solches Zeugnis«, sagte er, „wird für meinen Kredit als
Erzähler entscheiden."
„ Die angenehme Frau ließ stch nicht lange bitten. „Von allen Gliedern der Familie", fing sie an, „war Sophie die letzte, welch« dem alten Rittersitz die Ehre ihrer persönlichen Gegenwart schenkte, indem sie den verstorbenen Gemahl, Anselm von Rochen, gern am Ort, wo er begraben lag, betrauere wollt. Ich sah sie dort mehrmals mit meiner Mutter Ed horte auch später noch manches von ihr. Ohne gerade n^te ft« Einsamkeit und Stille über ’.^re Kammerfrau verweilte nur wenige Stunden m Heer unmittelbaren Rähe, und nicht über viermal 2? 3c^re:.<T hohen Festen etwa, kam sie ins Dorf herab. Dagegen wird sie auch von groß und klein als eine SSetfige öerelirt, wenn nun die schlanke seingebaute Gestalt mit der r Rundlichkeit und, bei einem Alter von bald WrA» \ 3a^renV mlt beinah' jungfräulichem Anstand in der
,^n gew°^ten Platz einnahm u^ aus tem offen« erhöhten Gitterstuhl ihre Untertanen durch ein Lächeln be-
Der Schatz.
Von Eduard Mörike. (Fortsetzung.)
Am Abend fuhr ein Wagen an und kam ein kleiner munterer Herr in Reifekleidern herauf, welchen die beiden Frauen! mit öiäer Zärtlichkeit empfingen. GS war der Herr vom Hause, ein Bruder jener Dame, die, so wie die Richte, sich nur gast- weise bei ihm, der eben Wttwer war, aufhielt. DaS Fräulein! präsentierte mich dem Oheim, der sogleich herzlich zu lachen anfing. ,Jch wollte wetten, Schwester', rief er aus, .das ist mm wieder eins mm deinen Auserwählten, ein Osterlämmchen, eine Friedensbraut nach deinem heimlichen Kalender. Ja ja, Frau Jrmel mag sich freuen: die große Stunde der Erlösung must nun allernächstens schlagen. Ich hoffe doch, die Gräfin wird so höflich sein, mir mindestens ein Drittel! ihres Mommons zuzuscheiden.'
,Du wirst', versetzte Frau Sophie lächelnd mit einem sanften Vorwurf, ,d uwirst, Marcell, noch einst ganz anders von diesen Dingen reden.'
So stritten sie und scherzten noch vieles hin und her, wovon ich nichts verstand.
An einem heitern Wintermorgen reiften die beiden Frauen mit mir ab. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich in einer Kutsche fuhr; ich war vor Lust ganz außer mir. Den zweiten Tag erreichten wir bas Schlößchen. Run ging ein Leben wie im Himmel für mich an. Es war, als wäre ich nur für Josephen Lao; sie gab sich ganze Tage mit mir ab, und da ich sogar ihren Aamen führen mußte, schien ich mir selber wie verwandelt und eine ganz neue Person. Run sollte ich gleich tausenderlei Sachen auf einmal von dem Fräulein lernen; selbst auf der Harfe nahm ich Unterricht bei ihr. Es fand sich nämlich so ein altes Ding von Jnstrumätt aus den früheren Zeiten der Tante. ; Das Fräulein sagte oft: es sei die Jrmels--Harfe; ich wutzie da- ' mals nicht, was mit dem Scherz gemeint war, welchen die Tante I jedesmal und endlich sehr ernsthaft verwies. Wir trieben unser Wesen so drei Monate zusammen, als meine junge Gönnerin zu meinem größten Kummer von den Verwandten nach der Hauptstadt abgerufen wurde. Die Tante konnte den Wildfang wohl missen, und späterhin gestand sie mir geradezu, e8 hätte in der Art, wie ihre Richte mich behandelt, unmöglich fortgehn rönnen; der Stand, in den ich künftig treten würde, verlange nicht etwa so ein verwöhntes Modepüppchen, wohl aber eine j


