Jahrganges
Dienstag, den 27. Gttober
Nummer 86
Gießener jamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger
Walter Scott in WestminfterabLei.
Von Theodor Fontane.
Ganz London flaggt und jubelt und rennt: „Heut wird er König, der Prinzregent!" Schon warten feiner die Klerisei
Vorm Altar der Westminsterabtei, Vorm Eingang aber, in Plaid und Kilt And im Helme, daraus der Helmbusch quillt, Hebet- den Platz hin zieht Spalier Das Regiment Schottischer Füsilier!
And wie gefegt der ganze Plan, Wer aber die zwei, die sich nahn? Sie hoffen auf Zutritt, auf Gunst und Glitch Amsonst. Kommandoruf: „Zurück!"
And die Menge, sie lacht, und der eine wird bleich, Aber der andre: „Dacht es gleich;
Das alte Lied vom Schaden und Spott — Lachen wir mit, Sir Walter Scott!"
And sieh, eh' noch der Raute verklang, 2n die Front ein blutjunger Fähnrich sprang, Seinen Degen senkt salutierend er: „Richt't euch; präsentiert bas Gewehr!
Hoch König Georg u>rd segne ihn Gott, Aber Platz, Füsiliere, für Sir Walter Scott!"
Der Weg ist offen, der Weg ist frei, Sir Walter betritt die Westminster abtri; Die Schotten flüstern: „Das war er!“ Der KrönunHszug iam well hinterher.
Auf FonLirnes Spuren in Schottland.
Von E r n st Schaffe r.
„Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg" waren dasjenige Werk Fontanes, das seinen Namen als erstes bekannt machte. Die Anregung dazu kam aber nicht,, wie man annehmen sollte, auf Fahrten und Spaziergängen an Spree oder Müggel, sondern in der Freinde, als er mit seinem Freunde Bernhard t>. Lepel durch das schottische Hochland streifte.
Die Aufsätze, die er damals von dort aus für 'deutsche Blätter schrieb, und die man auch nach Art und Anordnung als Vorgänger der „Wanderungen durch die Mark" bezeichnen kann, sind später unter dem Titel „Jenseits des Tweed" gesammelt erschienen. Der Tweed ist zwar ein kleines,, unscheinbares Flüßchen an der Südgrenze von Schottland, das aber in der Geschichte der Kämpfe zwischen Engländern und Schotten eine große und blutige Rolle gespielt hat. „Jenseits des Tweed" das hatte, wie uns Fontane berichtet, bis zur Vereinigung der beiden Königreiche etwa die Bedeutung wie für Franzosen und Deutsche das „Jenseits des Rheins". Diese schottischen Reisebeschreibungen waren lange vergriffen, und feierten erst zwei Jahre nach des Dichters Tode ein Wiederauferstehen, als unter dem Titel „Aus England und Schottland" im Jahre 1900 die beiden Schriften „Ein Sommer in London" (1854) und die vorerwähnte über Schottland (1860) in einem Bande herausgegeben wurden. Leider ist auch dieses Buch seit langem nicht mehr im Buchhandel, und da es in den „Gesammelten Werken" nicht enthalten ist, wenig bekannt.
Es gibt demjenigen besonders viel, der seine Schritte in das Land der Balladen, nach Schottland, lenkt. Heute geschieht das zwar noch im Gegensatz zu Friedenszeiten recht selten, aber es ist anzunehmen, daß sich dies bald ändert, denn der Deutsche ist dort ein gern gesehener Gast. Eie Hauptstadt Edinburgh, die Baedeker als „eine der durch Lage und Bauart schönsten Städte Europas" bezeichnet, ist in ihrem alten Teil noch völlig un- versehrt erhalten, wie zu der Zeit der Stuarts, Douglas, Hamiltons, der Athols, und wie die alten schottischen Geschlechter noch heißen mögen. Man wird kaum einen verständnisvolleren Mentor durch die ereignisreichen Winkel von M-Edinburgh finden können als Fontane. Ans ansteigendem Hügel erstreckt es sich von dem Holyrood-Palast bis zu dem Edinburgh-Castle. Dazwischen liegt Canongate, heute der Stadtteil der armen Leute, einst jedoch waren diese Häuser die Paläste des reichen Adels.
Wie eine unwirkliche Kulisse, schwarz und grau, bietet sich die Silhouette 2llt-Edinburghs dem Besucher dar, der vom Tale aus emporblickt. Es ist eine Ansicht -urgewaltig, unvergeßlich,
wie sie kaum eine andere Stadt aufzuweisen hat. „Glicht ,die Farbe würde die Wirkung der vor uns liegenden Altstadt von Edinburgh erhöhen", sagt Fontane, „aber, was die Farbe nicht vermöchte, das vermag das Zauberspiel von Schatte,« und Licht".
Im Holyrood-Palast lebte Maria Stuart nach dem Tode ihres ersten Gemahls, und hier ging sie auch ihre zweite Ebe mit Lord Darnley ein. Beider Gemächer, die noch in ihrem damaligen Zustand erhalten sind, werden gezeigt, auch die Stelle wo der Sänger Rizzio, der Sekretär der König, in ihrer ©egen» mcmt auf Betreiben Darnlehs ermordet wurde. Sieben dieser unheilvollen Stelle sieht man auch die Zimmer, wo die vier die Hofdamen Maria Stuarts, auch aiis schottiscken Geschlechtern stammend, bet ihrer Herrin gewohnt haben. Von ihnen erzählst —r - ' ' —
vier Marien verwandten Poeten des eine dieser „Marie Duchatel", die die tragische Geschichte 'dieses ©Mfrän- einS berichtet. Als ich dieses Schloß jetzt besuchte, wohute ' I- u.9 ™ Ederen, modernen Räumen — auch eine Queen Martz nämlich die Gemahlin des jetzt regierenden Königs dort. Nichts war abgesperrt, nur der Doppelposten der schottischen Hoch- lanoer, der auf und nieder trippelte, trug seine Kriegsdekoratio- nen -»ahrschernllch aus diesem Grunde, im Original. Bemerkenswert ist das Schloß noch deswegen, weil dort ein Gegenstück zur Berliner Siegesallee, auch nicht geschmackvoller als diese vor- handen ist. Die Gemäldegalerie enthält nämlich 110 Porträts der schottischenKonige. Der Kontrakt, durch den sich der Künstler ^acoo de Witt zur Herstellung dieser Bilder verpflichtete wird von äontane erwähnt: er sei der Kuriosität wegen hier wieder- gegeben.- „x>acob de Witt verpflichtet sich zur Lieferung von 110 Porträts tn Jahren, sowie auch zur Beschaffung der dazu iptmenbigen Farben und Leinwand; das Gouvernement ander- s«ts zahlt besagtem de Witt jährlich 120 Lstr. und macht sich verbindlich, ihm die nötigen Originale zu liefern."
Wir verlassen das Schloß Holyrood und kommen zu dem am entgegengesetzten Ende von Alt-Edinburgh liegenden Edin- burg-Castle. Dieses ist jetzt ein großer Gebäudekomplex, der Kasernen, Lazarette und andere Militärgebäude enthält. Auch hier sehen wir in einem Wachturrn ein Zimmer, in dem Maria Stuart drei Monate nach jenem gewaltsamen Tode Rizzios einen Sohn, den späteren König Jacob VI., gebar. Heute sieht man gesch mackloserweise in dem sonst noch völlig erhaltenen Raum aus unerfindlichen Gründen Zentralheizung und elektrisches Licht was natürlich die historische Einheit pietätlos zerreißt. . Aus dem Fenster dieses Raumes wurde," wie uns Fontane erzählt, „Jacob VI., den die Gegner Marias schon damals in ihre Gewalt zu bekornmen trachteten, wenige Tage nach seiner ©eburt in einem Korbe herabgelassen, und unten am Fuße des Berges von Anhängern der Königin in Empfang genommen. Schwindelnd sah ich aus dem Fenster in die Tiefe hinunter. Die Königin muß starke Nerven gehabt haben, daß sie iiicht vor dem Gedanken erschrak, ihr Kind diese grauenhafte ßuftreife machen zu lassen. Daß der junge Prinz diese Suftrerfe machte, und wohlbehalten unten ankam, mag nachträglich wie ein Zeichen gedeutet werden, daß er im Gegensatz zu den Geschicken seiner Familie, in der von jeher ein früher und unnatürlicher Tod die Regel war, bestimmt war, zu leben." Edinburgh-Castle bietet eine einzig schöne Aussicht, auf das moderne Edinburgh, auf die Hafenstadt Leith und auf den Firth of Forth, der dieses malerische Bild mit blauem Rand einrahmt.
Nachdem wir nun diese beiden Schlosser gesehen haben, machen wir noch einen Gang durch den alten Stadtteil, durch Canongate. Es gehört große Aeberwindung dazu, sich, ?>::uter dorthin zu wagen; denn in den engen Gassen, den sogenannten Clofses, ist ein gräßlicher Geruch, eine Mischung von Fisch unb Hammelfett, der Hauptnahrung der armen Bevölkerung. Man wird aber dafür belohnt, da sich dem Beschauer ein reizvoller Blick auf winklige Gassen und Höfe bietet. Richt zu 'Tagen, wieviel Menschen heute in solch einem acht- bis zehnstöckigen, einstmaligen Palast hausen. Es trifft nur allzusehr zu, was Fontane über. Canongate schreibt: „Hat man nach versorglicher App» lizierung eines Taschentuches diesen im Dunkel fließenden Rinnstein hinter sich, so steht man auf einem mal stein-, mal fliesen- bebeckten Hofe, der bei der Höhe der Häuser, die ihn dicht umschließen, mehr einem Rauchfang als einem Hose gleicht. Treppen münden hier aus, unbeschreiblicher Schutt und HauSrat liegt in
I UN,er Mcyier, „oay Oie iövee, eine Königin mit SU umgeben, wie man einen Edelstein mit vier ihm Steinen umgibt, schon zu Lebzeiten Marias die Landes vielfach angeregt hat." Auch Fontane hat ergreifenden Balladen ins Deutsche üBerh-™»«


