Ausgabe 
8.9.1925
 
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Ein Zittern überlief ihn. Er sank in die Knie. -Und un QIn= gesicht dieses Toten, den der Gletscher nicht behalten wollte legte ein Mensch vor bestürzten und erschütternden Hörern das Geständnis unseliger Leidenschaft und lang verschwiegener -wu- schuld ab...

Herbsttage im Salzkammergut.

Von Emil Lucka.

Wie in den Rächten der Apfelblüte singt dunkel auch je^ der Brunnen in seinen Trog. 3ft alles geblieben wie es war l Der Morgen sollte da sein, aber Rebel decken die Wiese zu, wie frierende Gespenster stehen Bäume im Grau. Der Rebel blendet, zeigt plötzlich ein rundes silbernes Blättchen oben, die Sonne, doch sie muh schnell wieder schwinden. Durchblitzen des Lichtes Reberquellen des Rebels, so geht es eine Weile hin und her, doch oben brandet und wogt es m ein schüchternes Blau, wie das Meer den Bewohnern der Tiefe. Da bricht glühend die Sonne diirch den Morgenschaum, er ver­geht in ein Retz von Silberschleiern unterm erstandenen Ge­birge. Alle Rebel haben sich in funkelndeii Tau gelost m Ruhe, Reife und Glanz liegt das Tal.

So dicht ist im Mai der Apfelbaum drüben umsponnen gewesen, daß man nur Epheu sah, der weihe Blüten trieb; nun hängen reife Aepfel im dunkel glänzenden Efeubaum, ttnd wahrhaftig süße Trauben am Staket vor meinem Fenster, ich kann sie mit der Hand greifen.

Auf Gras und Blättern blinkt es. Schwere, losesilberne Fäden hängen in der wannen Luft. Jetzt dürfen die Kühe über die gemähte Wiese gehen, die ihnen früher verboten war. Ihr Läuten erfüllt das Tal. Kühn springen die Kalber, und die Schafs weiden aneinander gedrängt, achtsam, daß- keines aus dem

Fstunmen°brechen aus der Wiese, schlagen lodernd ins Blau, säumen in einem goldgelben Wogen den Berg ein, der uberm Brand seine ruhigen, dunkeln Radelwalder tragt. Zu stiller, menschenloser Feier hat die Ratur sich aufgetan. Sie verklart fick in tiefem Rot, in Braunviolett, m Goldbraun und Erntegelb, freudig, doch mit heiligem Ernst. Dem schwarzen Tannengrun sind rostrote Däumchen eingewebt, auf die gelbe, da*Sfl.us-ge= schnittene Blätter des Ahorns regnen. Einst ist der Wald lichte Blüte gewesen, nun erfüllt er sich in einer Schönheit, die tiefer leuchtet von Tag zu Tag. . _ , -

Leise träufeln die Blätter wie reife Beeren eines nach dmi andern schwebt nieder, ohne Eile, mit scharfem herbstlichem Duft. Roch stehen karminrot die sommerlichen Zyklamen unter dunkel- glänzenden Schneerosenblättern, die schützend ihre Finger breiten Enziane, lila und tiefblau, werden nicht müde zu bluh«l, h er und da eine Butterblume und niedriger Thymian zwischen kup­fernem Laub. Mir begegnet im Wald das zahme Rehbocklem der Sennerbäuerin, das hier spazieren geht; es laßt sich locken und krauen, dann spitzt es die Ohren, wittert und springt tn graziösen Sätzen übers Wurzelwerk. , f _

Dom Rudolfsturm ist der Hallstätter See eine dunklgrune polierte Malachitplatte, in die Berge ihren lAwarzen Schatten zeichnen Die Felsen sind mit hundert Farben bespritzt und über­rieselt vonschwebenden Blättern. Zwischen Berg und See unten, man weih nicht, wie Platz ist, drängen sich em paar Hauser zu­sammen, sonnig blinken ihre Fenster herauf.Ein.enytaA gunz kleines Doot auf der unbewegten Flache schiebt uberm Schalten des Hirlah. Schroff stürzt der Saarstein drüben auf die grüne Lan^wige m^. 0£>r j)crt grauen sonnebegossenen Wänden des Salzberges stehen prächtige hohe Lindenbäume mit schweren saftgrünen Kronen mitten in der ergilbenden Welt. Em Rauschen vieler Gewässer ist ringsum, in der jähen Schlucht liegen Plrwelt- blöcke umschäumt. Ich steige hinauf zu den Berg Werksanlagen. Schon die Kelten, die man hier ausgegraben hat ihre Graber sind wieder zugeschüttet, liegen unter Wiesen haben hier Salz gefunden. Zum erstenmal sehe ich, dah große Industrieanlagen die Ratur nicht verderben müssen. Jetzt liegt lief unten der Rudolfsturm, im goldenroten, grün durchsickerten Kranz seiner Ducken, wie eine Medaille ins Schwarzgrun des Sees gefaht.

Sechs Ähr ist's erst, aber schon Rächt. Man fahrt über den See, der Mond hat sich einen goldenen Kranz ums Haupt gelegt, sendet einen Strom von Silber zum Doot aber schnell treten wir in den tiefen Schatten der Berge. .

Ein blauer Soimentag folgt dem andern. Jeder ringt sich aus weihen Rebeln auf, jeder leuchtet in regungsloser Stille über der Welt. Der Drand des Herbstes greift täglich toetter, ein Daum zündet den anderii an mit feiner roten Glut. Aber noch verbrennt der Wald nicht, er wird immer lichter und leichter. Ein Klirren und Klingen ist von Gold und ein meffingnes Klap­pern Flämmchen schweben beständig in der blauen Luft. Die Eichen haben sich ihre Kronen gewahrt, dreifarbig sind fie letzt, altgvlden, sepiabraun und noch mit Grün durchmengt. Wie Harfensaiten sind die schlanken Tannlem gespannt, die Sonne scheint in sie und weckt ein Rauschen, bald tiefer bald hoher. Die weihen Dirkenkinder tragen ein spitziges Goldhutchen auf dem Kopf, über den Waldhimmel sind Vorhänge von Brokat­flitter gehängt, die leise sirren.

Schon um vier Uhr geht die Sonne über die Berge hinüber. Die beiden Zinken des Sparbers stehen noch m mild ergossenen

Licht über dem Perlgrau der Hänge. Die Luft schießt sichtbar geworden von den Spitzen aus, in einem geraden Strahl, oben hell, unten ermattend.

Drüben aber werden zwischen Himmelsblau und Wiesengrün die Berge aus goldener Bronze heraus gemeißelt, riesige Schilder, auf denen Buckel und Senken modelliert sind.

Ich gehe an Aeckern hin, wo die Kartoffeln aus der Erde genommen werden, das Rehböcklein weicht seiner Bäuerin nicht von der Seite, besieht sich den Ochsen, der an den Karren gekannt ist und träge glotzt. Ach was! denkt das Döcklein, denn es ist jung und luftig, ich Versuchs! Und schon will es unterm Bauch des Ochsen durchschlüpfen. Aber der ist ein ernsthafter Gesell ohne jeglichen Humor rmd gibt dem Tierlein einen Stoh, dah es sich gekränkt abwendet und mit seinen zarten Beinen ins Feld stolziert. Die Frau ist entrüstet und sagt dem Ochsen ihre Meinung wegen des rindviehhasten Benehmens, sie ruft ihren Razi so heiht er nämlich, zweifellos nach Ignatius von Loyola tröstet ihn, gibt ihm einen Kutz auf den Münd und stellt fest, wie lieb doch solch- ein Tier sei.

Die Sonne ist untergegangen, es wird kalt, schon liegen - Rebel üb ernt Fluh. Die fernen beschneiten Gipfel leuchten rosen­rot, ein Rabe fliegt dem weihen Mond entgegen.

Ich steige den Weg in die Zimnitz-Sch,lucht hinaus, der immer schmäler wird, dorthin, wo den Sommer Über die Lawine das ganze Hochtal ausgefüllt hat. Riedergebrochen die Däumchen, ein wirres Gestrüpp, das das Weiterkommen erschwert, bis zu dem kesselartigen, ernsten Tälschluh. Unten, int Dach- liegen die grauen, zackig ausgehöhlten Reste der Lawine. Ich wende mich: auf die Staffelei der dunkeln Tannenwälder ist das Laufener Gebirge und das Katergebirge als ein sonniges Mld gestellt.

Deim Rückw-eg treffe ich die kleine Madonnenstatue an, bie in einem Felsen steht und immer von Dlumen gekränzt ist. Man weiß, dah sich dort dreimal im Jahr der Felsen auftut zu schimmernden Hallen, nicht ost hat sich einer hingewagt. Die alte Hüterin erzählt, daß an der Stelle ihres Hauses früher eine Köhlerhütte stand und dah die Köhlerin langsam siechte. Da ging ihre Tochter in der Jvhannisnacht, die nicht geraten ist, in die Zimnitz, fand das Felfentor offen, der Geist trat Ijerau« und führte sie. Das Mädchen sah zwei Dlumen, jede in ihrem Glas: eine frisch blühend, eine dem Sterben nahe.Das ist dein Leben," sprach der Geist,jenes deiner Mutter Leben." Sie er­kannte, daß es mit der Mutter zu Ende ging, und bat den Geist, daß er die Dlumen vertausche.Dann wirst du sterben! warnte er, aber sie lieh nicht ab mit Bitten, ehe er es tat und ihr den Heimweg wies. Die alte Frau wurde gesünder von Lag zu Tag, das Mädchen erblich-. In der Christnacht faßte fte ««9 einmal Mut und ging den verrufenen Weg, um dem Geiste ihren Dank zu sagen. Wieder stand das Tor offen, wieder er- Men ihr der Geist und kündete:Deine große Liebe soll belohnt werden! Auch du wirst genesen!"

Der SHwarzensee ist fommerblau, ja adnablau, Weihes Ge­stein grenzt seine User wie Klippen des südlichen Meeres. Im Wasser sind die bunten Farben durcheinander gerüttelt, schim­mern in unlöslichem Glanz. Vdind springt an, lockert ein wenig die Fläche, aber gleich wieder glättet sie sich zum Spiegel der schönen Welt. Ich- liege unter einem Lindenbäumchen, seine letzten Blätter zittern über mir wie Kerzenflammen, Sonne durchrieselt mich, weicher, warmer Wind geht mir durchs Haar...

Pfand! und Kreutern sind in Aufregung, die Minwhe wer­den heute erwartet. Schon mittag stehen Frauen und Äin&er an der Straße, aber erst um vier naht der Zug, verkünde sich schon fern mit Glockengeläut. Voran geht die junge ©cnncran, Hochrot, lachend, stolz, in einem rosenroten Kleid. Sie heute die Hauptperson. Ein halbes Jahr hat sie dort oben allein ge­haust nur mit ihrem Vieh, mit einem Hund und mit zwei Kühen, jetzt darf sie siegreich zu Tal fahren. Sie zieht an der Stallkette die schönste Kuh mit einer Glocke uni den Hals, die nicht viel kleiner ist als eine bescheidene Kirchenglocke. In feier­licher ©taffierung wandelt die Leitkuh, der Kopf ist ihr ganz mit Blumen, Federn und Bändern umwunden, nur gerade, daß sie noch sehen kann, zwischen den Hornern tragt sie ein Bild und mit jedem Schritte schwankt bet Turin. So geht schwer eine Kuh hinter der andern, alle gleich geschmückt, ihnen folgt die undiszivlinierte Horde der Kälber, die noch niemals das Dal gesehen haben, jedes von ihnen mit einem Halsband au« Äeifig. Gelassen schließen Dauer und Däuertn nut allen Dorfkindern den Zug, sie haben.ihr Vieh vom Derge geholt und fuhren ^ dem heimischen Stalle zu. Man schüttelt ihnen die Hand, wünscht Glück. Alles ist wie vor tausend Jahren. ___

Krau lastet der Herbsthimmel auf den Bergen. Die wenigen Blätter, die noch an den Zweigen ^b«ngen, stheinen an ihrem Daum. Rur die Stimme des Daches ist da, traimig, schwächer als sonst. Manchmal will Heb oben ßtcbt in einer Wolke ballen, aber es ist ohne Kraft. Die letzte Grille zirpt 6elf@turm geht bei Rächt, schlägt die Aeste ans FenM, Russe prasseln aufs Dach des Gartenhauschens, auf den Weg. .Am Moraen wirbeln die letzten Mütter, decken die Erde mit einem En ZApich zu Wch Totengebein ist das Skelett des Rutz- baumes, gestern hat noch in feiner Krone die Sv'inege-scheH- Wolkenfe^n reihen das Gebirge in Stucke, Pressen den Wald nieder.