Ausgabe 
8.9.1925
 
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Gießener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <925_________________ Dienstag, -en 8. September Nummer 72

Das weiße Tor.

Don Sättig Brachvogel.

Drei Sahre lang hatten Hans Eckert unk» feine Frau di« Dletschergruppe gemieden, in der sich damals das Schreckliche zugetragen hatte. Eckert und sein Freund, der junge Architekt Genevius, waren auf dem Abstieg von der gefährlichen Gisthörl- spitze begriffen gewesen, als mit einem El, vor den Augen Eckerts, Genevius in einer Gletscherspalte versank. Wie es geschehen war, geschehen konnte, blieb jedem rätselhaft. Ebenso wie Eckert war Genevius ein geübter Hochtourist, dem Erstbesteigungen von Gipfeln gelungen waren, die bis dahin als unbezwinglich gegolten gatten. Zudem war der Gletscher an dieser Stelle aper, so daß Schrunden und Risse weithin sichtbar blieben. Niemand konnte es begreifen, am wenigsten Eckert, der wie ein Irrsinniger ab- ffiärtS gerannt war, um eine Hilfsexpedition zu alarmieren. Sie kam natürlich unverzüglich und bereit, das Aeußerste an Opfer- mut zu wagen, aber vom Erfolg war keiner überzeugt. Im Gegenteil. Der Gletscher gab keinen mehr heraus, den er einmal eingeschluckt hatte.

Hans Eckert war nach jenem Schreckenstag tagelang krank gelegen und hatte in Fieberphantasien immer wieder von dem furchtbaren Ereignis geredet. Allmählich war er dann wieder zu sich gekommen, gesund und ruhig geworden. Wie hätte es auch anders sein sollen? Das Leben geht feinen Gang weiter, auch über die blutigsten Katastrophen hinweg, und wenn Hans Eckert offen gegen sich sein wollte, so mußte er sich sagen, daß 'mit Genevius eine große Gefahr für ihn und sein Eheglück ver- fchwundrü war. Eine große Gefahr? War Genevius wirklich solch große Gefahr gewesen? Hatte er Eugenie wirklich anders angrlilickt als mit den Augen harmloser Freundschaft? Hatten Gugenies Augen wirMch aufgeleuchtet, wenn Genevius ins Zim­mer trat?

Immerfort hatte Hans Eckert sich mit diesen Fragen gequält sich und seine Frau. Gr gehörte ja zu den unglücklichen Menschen, denen eine böse Fee als Angebinde die Eifersucht auf &en Weg gab. So lange er denken konnte, war Hans Eckert eifersüchtig gewesen. Als Kind hatte er mit den Geschwistern um die Zärtlichkeit der Eltern geeifert. Als Schuljunge um die Sympathie der Lehrer, als junger Mensch um die Backfische der Tanzstunde, und als er Eugenie kennen lernte und sich alsbald stürmisch in sie verliebte, hatte er in jedem Wann, der ihr in die Bähe kam, einen begünstigten Rebenbuhler erblicken wollen. Auf Genevius war er eifersüchtiger gewesen als auf alle andern, und nur im Rausch der ersten Ehezeit hatte die verhängnisvolle Leidenschaft geschwiegen.

Mit Genevius' Tod war dies alles zu Ende, schien mit jenem auch Eckerts Eifersucht in die Gletscherspalte gestürzt zu sein. Jahre waren seit jenem ülnglückstag vergangen doch nie m.ehr hatte er seine Frau mit Eifersucht verdächtigt und gepeinigt. Es war. als ob die unsichtbare Hand, die jenen in die Gletscherspalte gezogen, Hans Eckert die Ruhe feines Glückes hätte zurückgeben wollen. Welche Hand? Welche unsichtbare Hand?

Hier verwirrte sich Eckerts Sinn. Hier wandte er den Kops weg, wie ein Schwindeliger auf dem Felsgrat vor unheimlich brauendem Rebel. War's wirMch eine unsichtbare Hand ge­wesen, oder---?Rein, nein", schrie er auf,eine unfficht-

bare Hand war es, muh es gewesen sein... Lind er wollte nicht Mehr in den unheimlich brauenden Rebel seiner Verwirrung hineinfchauen, nicht vernehmen, was sich bekennend in seiner Brust regte. Wahnsinns Wahnsinn! Die Schrecken jenes Tages hatten die Klarheit seiner Gedanken gestört... hatte Fiebervor­stellungen in ihm zurückgelassen... Er durfte ihnen nicht nach­geben. Er wußte ja nicht mehr genau, tote damals alles zuge- gangeN war...

Eugenie zuckte ein wenig zusammen, als ihr Mann ihr mit­teilte, daß ler in diesem Jahr wieder die Eisthörlaruppe auf­suchen und zum andeknmal den Aufstieg machen wollte, den er damals mit Genevius unternommen hatte. Ihr war der Gedanke schrecklich, daß ihr Mann diesen Todesweg abermals und zwar allein gehen wolle, aber sie sagte nichts, denn hier handelte es sich ja weit mehr um seine Gefühle, als um die ihren. So nahmen sie in dem kleinen Dorfe Quartier, das der Ausgangs­punkt für die Hochtouren dieser Gebirgs- und Gletschergruppe war, und Eugenie begleitete ihren Mann bis zur Schuhhütte, die weit unterhalb des gefahrvollen Aufstiegs lag. Dort wim­melte es schon von erprobten Hochtouristen und Führern und auch von bescheidenen Bergsteigern, denen der Weg zur Schutz- j Hätte schon genügte. Aber alle sehen ein wenig besorgt zürn !

der eine seltsame milchige Färbung zeigte. Die .Berg, fwhe. d. h. die bescheidenen Touristen, beeilten sich wieder heim zu kommen, aber die kühnen und dabei erprobten Hoch» teurlsten ließen sich nicht schrecken, denn die wetterkundige« Führer sagten übereinstimmend, daß das Wetter bis gegen Wend haften würde, und bis dahin sei lang zurück, zu früher Stunde den Aufstieg machte.

Rüstig schritt Hans Eckert voran... Allein ... ohne Führer u"d Gefährten. Wie beschwingt ging sein Fuß, immer leichter, je hoher er stieg. Es war, als ob die mühselige Eiswanderung mft chren verborgenen Schrecken und Todesgefahren für ihn ein Spazrergang wäre. Fröhlichen Gesichtes überholte er Truppen anderer Touristen, die früher als er aufgebrochen waren. Zu» gleich suchte fein Auge im apernen Gletschergrund die Stelle, damals. Doch selbstverständlich fand er sie nicht. Solch eine Gletscherflanke hat mehr denn einen Spalt.. St blickte zurück. Weit drunten bewegten sich schwarze Pünktchen, Olten» scheu, die heute noch den weißen Riesen bezwingen wollten. Da trachtete er noch rascher vorwärts zu kommen. Er wollte allein sein, allein in gewaltiger Einsamkeit kann es schöneres geben?

Aber war er denn allein? Tauchte nicht aus vereistem Spall ein olasies Haupt empor, richtete es erloschene Augen auf ihn? Schwang sich, nicht eine Gestalt über den Rand des Spaltes tief auf gespenstischen Sohlen hinter ihm her, eine Gestalt, M keinen Schatten warf und deren Rähe er doch deutlich spürte? Er blieb steheii, trocknete sich den Schweiß von der Stirne. Er war ent­schlossen, umzukehren, wenn diese Wahnvorstellung langer dauern wurde. Dann hatte er sich eben zuviel zugemutet. Mit beschwertem Gemüt darf man solchen Olusstieg nicht wagen, oder es gibt ein alnglück, tote damals.---

Warum nur die Gruppe, die er vorhin tief unten traf, ihm nicht nachkommt? Sie müßten doch längst ein Stück höher fein, denn er hatte sich auf der letzten Strecke arg verzögert, wegen... ja, weswegen? Er hatte sich jählings nicht mehr wohlgefühlt... war stehen geblieben... hatte den Schritt verlangsamt... Zag« haft leise gestand er sich's ein: er hatte jetzt Angst vor -'der Einsamkeit. Er wollte Menschen um sich spüren, Menschen wärme. Aber die anbereit kamen nicht... blieben unsichtbar.

Er sah nach dem Gipfel, der sein Ziel war. Rein, er würde ihn heute nicht erreichen. Seine Nerven waren offenbar in schlechtem Zustand. Der Himmel sah jetzt auch ganz weiß aus... bleiig... Wenn man so langsam vorwärts kam wie er jetzt, bann war an Rückkehr vor dem Witterungsumschlag nicht zu denken...

Ülmkehren! ---

Beschämendes Wort für einen Hochtouristen, aber eben weil er die Berge mtb ihre Gefahren kannte, rief er sich's zu 'und folgte ihm.

Was eigentlich mit ihm war, wußte er nicht, wollte er nicht wissen... wollte er sich nicht gestehen. Nur dies wußte er, gestand er sich: Er mußte umkehren, weil ein Mersch in solcher Verfassung nicht imstande ist, einen Eisriesen zu bezwingen.

Als er sich absteigend wieder dem Gletscherabbruch näherte, 'tutzte er. Da wogte eine Anzahl von Gestalten durcheinander, die, er konnte es trotz der Entfernung unterscheiden, aufgeregt miteinander sprachen, auf etwas wiesen...

Er beschleunigte den Schritt, so gut er konnte. Was konnte da sein? War da am Ende wieder einmal ein ülnglück passiert, wie damals----? Nun stand er nur mehr 100 oder 200 Meter

vom weißen Gletscherrande entfernt, den die Menschen schwarz umsäumten. Er vernahm ihr Gemurmel, konnte aber fein Wort unterscheiden. Gr durchbrach ihre Reihen, stand... starrte... meinte, einen entsetzlichen Traum zu träumen ... Genevius' Leiche lag vor ihm...

Drei Jahre hatte der Gletscher gebraucht, um sie von der .Unglücksstelle bis zum weißen Gletschertor zu wälzen, durch daÄ sie nun die milchweißen Wellen mit Sand und Geröll zu den Menschen hintrugen... Unversehrt schien der Entseelte, die mör­derische Kälte seines Eissarges hatte die Zerstörungen deS Todes von ihm ferngehalten. Morgen schon würde fein Antlitz grausam verändert sein, heute aber schien es noch einem Schlummernden zu gehören, die Stirne umdämmert von der heiligen Hilflosig­keit des Schlafs.

Eckert stand reglos. Fragte nicht, sprach nicht, starrte nur in dieses Antlitz, das er nie mehr zu sehen gemeint hatte. Es sprach zu ihm, was noch keiner zu ihm gesprochen. Mit stummen Lippen sprach es das Wort, vor dem Eckert den -Kopf abgewandt hatte, wie ein Schwindeliger vor brauendem Rebel auf felsigem Grat.