108 -
. »Einmal auf fünfzig*
„Ist dies das Ergebnis Siner sicherm DerechnMg?“
„Einer sicheren, Sire, wie es alle politischen Berechnungen sind." i
„Die sind oft irrig."
„Sie sind es nie, Tire, wenn Gott neutral bleibt.^
„Warum mischen Sie Gott hier ein?“
„Dun berat, sagen wir Schicksal oder Zufall, Sire."
„Das lasse ich mir gefallen. ilebrigenS denke ich vielleicht Wohl ähnlich tote Sie über Wahrscheinlichkeitsrechnungen, aber ich liebe Ihre Genueser Lotterie nicht. Sie scheint mir eine richtige Gaunerei zu sein, und ich möchte nichts mit ihr zu tun haben, hätte ich auch die tatsächliche Sicherheit, nie dabei zu verlieren."
„Eure Majestät denken wie ein Weiser, denn das unwissende Volk läßt sich nur durch ein trügerisches Vertrauen zum Spiel »erteilen.“
Dach diesem etwas unzusammenhängenden Dialog, bei dem ich den hohen Geist deS großen Herrschers spürte, brachte der König noch das Gespräch auf verschiedene Gegenstände, und dabei war ich um Antworten nicht verlegen. Als wir an einen Säulengang kamen, blieb der König plötzlich stehen, musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen und sagte nach kurzem Schweigen:
„Wissen Sie, daß Sie ein sehr schöner Wann sind?“
„Ist es möglich, daß Eurer Majestät nach einer langen wissenschaftlichen Unterhaltung an mir der geringste der Vorzüge ausfäM, die Euer Majestät Grenadiere auszeichnen?“
Der König nahm den Hut ab — eine Höflichkeit, mit der er gegen niemand geizte — und kehrte mir den Rücken. Och zog mich mit einer tiefen Verbeugung zurück und hatte das Gefühl, ihm mißfallen zu haben.
Der Bauer.
Von Adolf August Kassau.
Ich hab' viel Sorgeit, doch keine (Hot;
Ich ess' kein Vettel-, kein tzerrenbrot.
Geh' ich hinein, schreit' ich herfür, Sv ist's durch meine eigne Tür.
Om Haus, ums Haus meine Welt ist Kein, Doch alles eigen, doch alles mein.
Alnb daß mein bleibe, was mein ward, Davon sind meine Fäuste so hart —
Ost steif der Nacken, geneigt die Stirn.
Oft fest das Herz und Kar das Hirn.
2000 km im Faltboot.
Tagebuch-Skizzen von Fritz Boelkel» München.
(Schluß.)
r Lieber Srnhrna-Kreta nach Neapel.
Wir schwammen auf dem italienischen Paquetboot „38co“ der Küste Kleinasiens entlang. Konstantinopel lag schon weit hinter uns. Wochenlang waren wir dort gewesen. Allmählich waren wir es müde geworden.
Unser Dampfer war nicht groß. Ungefähr 5000 Tonnen. So wie die „Vulgaria". Aber, Gott sei dank, ohne Viehladung. Gr fuhr über Smtzrna Sanbia (Kreta), Catania nach Neapel. Die Gelegenheit. Italien auf diese Weise zu durchqueren, wollten wir uns nicht entgehen lassen. Wären wir über Griechenland gefahren, hätten wir eine gewisse -Zeit in Quarantäne bleiben müssen. Cholerafälle sollten dort festgestellt worden sein. So wurde eS uns erzählt. Also lieber den .Umweg über Smtzrna.
Auf dem Schiff fanden wir unsere Reisegefährten von Varna wieder vor: Zwei Wandervögel aus Thüringen. Größtenteils zu Fuß hatten die beiden ganz .Ungarn, den ganzen Balkan durchquert. Mit Gitarre und Violine sich überall durchgeschlagen. «Zs waren gerade, offene Menschen. On Konstantinopel war ihr Geld ausgegangen. Es reichte gerade noch zu einer Schiffskarte nach Smtzrna- Einmal auf dem Schiff, hofften sie den Kapitän soweit bestimmen zu können, daß er sie bis Neapel lnitnahm. Von dort aus wollten sie sich schon nach Deutschland durchschlagen. Auch einen deutschen Architekten aus dem Rheinland lernten wir an Bord kennen. Er kam von einer Informationsreise aus dem Orient zurück. Hatte die Verhältnisse in Konstantinopel und Angora gründlich kennengelernt. Er hatte die Rase davon voll. „Wenn jemand dem türkischen Staat Geldmittel zur Verfügung stellt, kann er genug Aufträge erhalten. Aber das kann man schließlich auch in Deutschland machen. Dann braucht man nicht die schmutzigen Verhältnisse des Orients mit in Kauf zu nehmen," äußerte er. Das gleiche hatte ich im Deutschen Klub in Konstantinopel von einem seiner Kollegen gehört.
Während wir schon in Fahrt waren, machten wir Bekanntschaft mit zwei weiteren Deutschen, Ingenieure, die drei Jahre in Rumänien waren. Auch die waren froh, wieder deutsche Verhältnisse um sich zu haben. Schließlich fanden sich zu uns auch
Schristleituna: Dr. Friede. Wild Sana» — Druck und Verlag der
noch zwei Polen, die sich lieber uns anschließen wollten, als den sonstigen Passagieren. Wir fuhren alle Zwischendeck. Die Hitze wurde immer fürchterlicher, je mehr wir nach Süden kamen. 5n den Kajüten wäre es nicht zum Aushalten gewesen.
Auf dem überdeckten Laderaum hatten wir es uns beguem gemacht. Gin großer viereckiger Platz war eingesäumj von den Koffern und dem sonstigen Reisegepäck der Deutschen. Der deutsche „Han“. Rasch hatten wir uns zufammengefunden. Es galt eine Art Gegenpartei zu bilden gegenüber den anderen Passagieren, die uns gerne den Platz streitig machen wollten. Das „Camp allemand“ bildete gleichsam eine Schutzmauer gegen die mit» fahrenden Lewantiner, Armenier, Türken, die sich mit Kind und Kegel auf dem Zwischendeck breit zu machen versuchten. Mit ihrem ganzen Hausrat waren sie da. Eingebettet zwischen Kissen und Teppichen. Lieber uns hing tote ein Demoklesschwert ein Tuchballen. Oder vielmehr ein Paket in Tüchern eingewickelt. Ein Säugling darin. Der durfte doch nie fehlen. Zwei Taue zogen sich über unsere Köpfe hin. Die hatte eine findige Mutter rasch zu einer Wiege für ihr Kind erspäht. Es war so bequem. Man brauchte nur an einem zu ziehen, um eine schaukelnde Bewegung zu verursachen, und damit den Säugling zum Einschlafen zu bringen. Leider hatten wir keine Regenschirme mitgenommen. Das Paket tropfte bisweilen. Auf bunten Teppichen und Kissen gruppierten sich ganze Familien. Kochten auf Spirituskochern Kaffee ober See, und rauchten Zigaretten. Die ganze Familie. Auch die alten Weiber dazwischen.
Eine wunderbare Nacht hatten wir hinter uns. Voll glitzerndem Sternengefunkel. Das Meer war ölglall. Es war warm. Man merkte, daß es immer mehr nach Süden ging. Ein Sonnenaufgang folgte, tote wir ihn noch nie geschaut. Hinter der Kein» asiatischen Küste tauchte die Sonne auf. Glutrot. DaS Meer schwamm in Purpur. LinkS schälten sich die Berge aus der Dämmerung. Andere Berge, als wir gewohnt. Kahl, stumpf, gelblich und ausgebrannt traten sie aus dem Dunst. Eine unendliche Melancholie schien über der Gegend zu liegen. Wir fahren an historischen Stätten vorüber. In Höhe von Troja, das irgendwo hinter der Kräfte liegt. Es geht zwischen vielen, vielen Inseln hindurch. Namen, die aus der Hellenenzeit heraufleuchten.
Nachts liegen wir vor Smtzrna. Es ist zu dunkel, um etwas unterscheiden zu können. Der Himmel hatte sich überzogen. Aber in der Morgendämmerung, als sich das Gewölk verflüchtigt hatte, breitete sich die Stadt vor uns aus. Allmählich wurden.Einzelheiten ersichtlich. Gin großes Trümmerfeld starrt uns entgegen. Ganze Viertel sind zusammengeschoffen. Vom letzten Streit her noch, als sich Türken und Griechen in den Haaren lagen.
Allmählich wird es in unserem „Camp“ lebendig. Auch die Armenier- und Türkenfamilien wickeln sich aus den Decken. Die Nacht über waren sie wie die Heringe übereinander gelegen. Sie hatten den Regen gefürchtet. Ich klettere zum Achterdeck, um mir den Hafen näher anzusehen. Am Quai läuft eine Pferde- Straßenbahn. Wir hatten Zeit, die Stadt zu besichtigen. Der Dampfer nahm Ladung. Vergebens hatten die beiden Wandervögel ersucht, die Fahrt bis Neapel mitmachen zu tonnen. Es hals ihnen nichts. Sie mußten an Land. Nun standen sie im Hasen. Ohne Geld, ohne irgendwelche Mittel. Der Gang zum Konsulat war umsonst. Man toarf sie glatt hinaus. Leider reichten unsere Mittel nicht mehr aus, um auch für sie die Fahrt zu bezahlen. Wir hätten es herzlich gerne getan. Es waren prächtige Kerls. Einen Monat nach unserer Rückkehr nach Deutschland haben wir sie wieder in München getroffen. Gesund und munter. Sie hatten es verstanden, sich durchzuschlagen.
Nach zwei Sagen landeten wir vor Candia auf Kreta. Die Hitze war fürchterlich geworden. Wieder hatten wir Zeit genug, um an Land gehen zu können. Der Dampfer lag über einen Sag dort. Nun ging es aber Italien zu. Wieder folgten zwei Sage. Von Sonne durchglüht. Nächte, in denen der Sternenhimmel in wunderbarer Pracht zu uns herunterleuchtete. Man kennt diese Mittelmeerfahrten. Unvergeßlich werben sie jedem bleiben, bet sie durchlebt. Silbernes Mondeslicht bricht sich in tausenden von Reflexen in den Meereswellen. Es ist, als wäre man in eine andere Welt versetzt. Schweigend liegen wir vorne am Bag und starren in das Meer hinaus. Ganz stille ist es geworden. Nur leise hört man das Stampfen des Schiffes.
In der zweiten Nacht sehen wir die Küste Calabriens auftauchen. Ein Kranz von Ortschaften leuchtet zu uns herüber. Ein Flimmern und Funkeln, als hätten die schwarzen, düsteren Berge einen Strom flüssigen Lavas zum Strande geworfen. Links ein Meer von Lichtern: Messina. Schweigend stehen wir am Bug. Der Mond versilbert die Wolkenfetzen, die langsam über uns hinwegziehen.
Gegen Mittag landen wir in Neapel. Wir sind in Italien. Aber zu müde von den vielen Eindrücken, die wir in der verhältnismäßig kurzen Zeit unserer Reise hatten, verzichten wir auf längeren Aufenthalt. Der Morgen sieht uns in Rom. Drei Sage bleiben wir dort, um einen kurzen Ueberblick über die Sehenswürdigkeiten zu bekommen. Die dritte Nacht fahren wir über den Brenner. Am darauffolgenden Morgen sind wir ht München. Unsere Tour war zu Ende.
Brühl'schen Anid.-Ppch« und Steindruckerei, A. Lang«, Gietzech


