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Auge behielt, zum Hauptzug seine« Strebens wurde eme Selbstbesinnung und Selbstprüfung des menschlichen geistigen Vermö- aens' hier namentlich verdanken wir ihm eine völlige Umwal- zung.' „Erkenne dich selbst!", das war der Kern der griechischen Lebensweisheit, das bedeutete aber nicht ein Grübeln über den eigenen Seelenftand, sondern ein Erwägen und Abschahen des eigenen vermögens, seiner Grenzen und seiner Leistungen. Kant aber hat eine solche Selbstprüfung über das Individuum hinaus auf das Ganze der Menschheit gerichtet und dadurch ihr Gesamt- bild wesentlich umgestaltet, mit einbohrender Harschui^ hat er ermittelt, wo die Grenze, aber auch wo die Grove des Menschen- wesens liegt; auf Grund dieses Strebens hat er der Menschheit mehr Selbständigkeit errungen und sie mehr auf das eigene vermögen gewiesen; von innen heraus hat er unser Verhältnis zur Wirklichkeit geklärt. Ihm konnte es nicht genügen, mit den meisten ausländischen Denkern nur einen Platz innerhalb des gegebenen Daseins auszufüllen, ihm wurde der Weltgedanke selbst zu einem zwingenden Problem, er konnte es nicht lösen, ohne sowohl die Welt als das menschliche Streben in ein neues Licht zu stellen. Indem dabei sich das Olein und das Ja deutlich voneinander schieden, wurde der Schwerpunkt des ganzen Lebens verlegt.
Die Ausklärung suchte die Höhe des Lebens in der Losung der Welträtsel auf dem Wege der Metaphysik, Kant dagegen stand zu der äleberzeugung, dah den Menschen ein Zugang zu den letzten Tiefen, zum Reich der „Dinge an sich , versagt sei. Das menschliche Erkennen, so geigt er, kann nur orönen, nicht schaffen. Dagegen vermag der Mensch von der praktischen Per nunft, von der Moral aus, selbsttätig zu schaffen und eine Wirklichkeit aus eigenem Vermögen aufzubauen. Möglich wurde chm das durch die Idee der Freiheit, m ihr fand er den archimedischen Punkt, woran die Vernunft einen Hebel ansetzen könne . Er mußte aber der Freiheit erst einen sicheren Platz im Ganzen der Welt erftreiten es geschah das durch den Ausweis, das) unferm Raturbilde eine strenge Verkettung der Erscheinungen herrscht, dah aber das Reich der Moral eine Befreiung des Menschen vom Druck einer fremden Welt vollzieht und ihn dadurch über allen Vergleich auszeichnet. So auf die 3dee der Freiheit begründet, ist die Moral nicht ein besonderes Gebiet, sondern sie ist der Ur sprung einer neuen Welt mit neuen Kräften uno Werten, nur hier gewinnt die Wirklichkeit eine Tiefe. Dieses Reich tragtJem Recht und seinen Wert lediglich in sich selbst, es bedarf keiner
I Bestätigung durch den Menschen.
I Die Gedanken der Freiheit und der Pflicht verbinden sich I dabei untrennbar miteinander, der dabei gewonnene Begriff der
Freiheit trägt aber einen ausgesprochenen deutschen Stempel- Uns I 'ist die Freiheit nicht eine Ablehnung aller Bindung, em Aufgeben aller Zusammenhänge, ein Einrichten des Lebens nach eigenem Belieben, sondern sie ist ein Aufnehmen der ?ernunftzwecke in den eigenen Willen, eine freie Bindung an em selbstgewollteS Gesetz' darin liegt eine Selbstverneinung, aber mehr noch eine
I Selbstbejahung. Der Gehorsam gegen ein solches im eigenenWefen begründetes Gesetz kann keinen Druck erzeugen und nicht ein- engen, vielmehr wir der uns erweitern und uns auf uns selbst
I stellen. Von diesem Begriff der Freiheit ist sowohl unsere Re ormation als unsere klassische Literatur ausgegangen niemand aber hat diesen Begriff tiefer und klarer begründet als Kant.
An der Freiheit hängt auch der Pflichtgedanke. Was dieser für das deutsche Leben bedeutet, das bedarf keiner Erörterung. Wir möchten nur an ein Wort von Friedrich dem Drohen er-
I Innern, welcher meinte, dah die Wissenschaften nur em Mittel I feien uns fähiger zur Erfüllung unserer Pflichten zu machen.
(Les Sciences doivent etre considerees comme des mqyens qm nous donnent plus de capacite pour remphr n«s deyQirs.) 'Kte, mand aber hat dem altpreuhischen Gedanken der Pflicht eme solche Weihe verliehen als Kant. Es kann sich gar nicht genug tun in dem Preise des Pflichtgedankens: „Pflicht! Du erhabener Rame - welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die
| Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Steigung stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen
I die unnachlähliche Bedingung desjenigen Wertes ist, den sich Wen I scheu allein selbst geben können." ,
Aus der Herrschaft des Pflichtgedankens erwachst eine herbe | und strenge, aber keineswegs mürrische gedrückte Moral, gegenüber ihren hohen Forderungen fallen Steigung und fubieHiDe« in die Wage. Als Haupttugend erscheinen hier die Wahrhaftig kett und Gerechtigkeit. Wahrhaftig sollen nur wir an-erster Steiw nicht gegen andere, sondern gegen uns selbst fein; überall gilt es völlig aufrichtig gegen uns selbst zu sein, ans eigener ileberm gung und selbständiger Entscheidung zu handeln, nicht aus Vruno | unsicherer Meinung und fremder Verantwortung. Das g 0
fettige Verhältnis der Menschen aber entspreche der Idee der I Gerechtigkeit. Hier heiht es: „Wenn die Gerechtigkeit untergeyt, fv hat es keinen Wert mehr, dah Menschen auf Erden leben.
I Kant nennt das Recht den -Augapfel Gottes auf Erden.und I wie aus persönlicher Empfindung quellen die Worte. „Stiem I empört etwas mehr als Ungerechtigkeit alle andren : liebel,, : I wir ausstehen, sind nichts dagegen. 3n der näheren ö H
der gesellschaftlichen Ordnung hat Karst einen erheblichen E« i | von dem englischen Freiheits- und Rech^ideal des lv. Zay ■ I Hunderts empfangen, aber dem deutschen Denker wachst da o ■ I sammensein der Menschen über daS SRafe binairf, n®
। 1 er ben Menschen an erster Stelle als sittliche Persönlichlen w
al« ein winziges, unfreies Teilchen dieser Ratur Hier bestehk viel- I ! mehr die Uebergeugung des Idealismus zu recht dah die Wirk- 1 lichkeii nicht lediglich „Statur“ fei, dah«N „Jeusestsder er- I fahrbaren RaturwirNichkeit gebe, und dah der Mensch nut gutem . Srund auch als „frei“ angesehen werden dürfe, wenn anders s«n sittliches Bewuhtsein, sein „Gewissen“ in Geltung bleiben solle, das ibm sagt: „Wir sollen, also müssen wir auch können . Wenn freilich ältere Vertreter des Idealismus meinten, durch „Meta- vhvsik" theoretisch-wissenschaftliche Erkenntnis des Jenseits der Statur und damit eine logisch beweisbare Antwort auf die ewigen Fragen nach Gott. Freiheit und Unsterblichk.eit selchen zu können so haben sie ihrerseits die Grenzen unserer Erkenntnis über- schritten. Sticht das „Wissen", sondern nur der „Glaube" «rmag uns eine bejahende Antwort auf jene Fragen zu geben — freilich eine „vernünftige“, durch unser Gewissen geforderte Antwortz
Indem aber Kant so Wesen und Tragweite des naturwissen schriftlichen Erkennens erforschte und klarstellte, gelangte er nicht nur zur Einsicht in die Bedeutung des sittlich begründeten religiösen Glaubens, sondern es erhellte sich ihm auch der ganze Umfing und die ganze Tiefe unseres schovserischen Geiftes ebens Sl ^ mir Wissenschaft und Religion gehen aus rhm hervor sondern auch Sittlichkeit. Recht und Staat, sowie endlich die Kunst als Gegenstand unseres ästhetischen Schaffens uist> Geniehens Damit^aber uberbhdCT wir alle Hauptgebiete geistiger Kultur. Für sie alle hat Kant die Ge° fetzmähigkeiten des Geistes auf gewiesen, die normgebend f lnd fur ihre Schöpfung. So hat er nicht nur eine Erkenntnistheorie geschaffen, sondern die Fundamente einer umfassenden Kulturphstosophie ge° ! [egt, die sich bis auf den heutigen Tag als tragfahlg erwiesen | haben. __
Das Deutsche in Kant.
Don Geheimrat Prof. vr. RudolfEucken. I
Der erste Eindruck macht es nicht leicht, das D utsche bei Kant zu entdecken. Zu seiner Zeit schlummerte noch der Gedanke des nationalen Staates, der Staat galt unserm Denker nur als eine .Vereinigung einer Menge von Menschen unter Aech^gesehen , wohl lieferte seine Anthropologie scharf gezeichnete Wider der verschiedenen Volksarten, unter ihnen auch der deutschen aber diese Schilderung überschreitet nicht das Gebiet der Ethnographie, die deutsche Art des Schaffens wird dadurch nicht berührt; haben I wir trotzdem ein gutes Recht, das Deutsche bei Äant hervorzu- I heben? 5SBir haben es, sobald wir über das Ethnographische hinaus zum Reich des geistigen Schaffens Vordringen. Denn hier erscheint Kant durchaus als eine hervorragende Verkörperung un-
A« >»»--- »«•« ■**-'» deutschen Gelehrten. Aus kleinbürgerlichen Anfängen hat er sich langsam und mühsam aus eigener Kraft emporgearbeitet, krnne äußere Hilfe und Gunst wurden ihm zuteil nur unermüdlicher Fleiß und zähe Ausdauer führten ihn zur Hohe, er war 46 Jahre I alt als er die Stellung eines ordentlichen Professors erreichte. Und diesem langsamen äußeren Aufstieg entsprach insofern auch der innere, als Kant erst durch beharrliches Suchen und.©rubeln hindurch die volle Ausprägung ferner Art gewann. Sein Leben war ausschließlich Arbeit, andauernde und unablässige Arbeit. Cs hatte guten Grund, dah er beim Eintritt in sein ^2. Lebensjahr in fein Tagebuch das Ps almwort eintrug Zes Menschen Leben währet 70 Jahre, und wenn es hochkommt, 80 Jahre, und , Wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Ärbeit gewesen. Aber seine Arbeit war nicht nur eine persönliche Befriedigung, sie war auch ein Gewinn, ja ein Segen für das Ganze der Mensch beit. Das entspricht unserer deutschen Art, fie ist nicht ein rasches Aufsteigen, ein müheloses Gelingen, sie fordert harte Anstrengung und inneren Kampf, aber wenn fie ihr Ziel fest un Auge behaltz so wachsen ihr die Kräfte ins Unbegrenzte, und so wird sie auch den höchsten Ausgaben gewachsen. Richt in Prun und Glanz, sondern in unverdrossenem Schaffen findet fie ihre Drohe. Das gilt auch für Kant. Mit aller Entschiedenheit »erbittet et sich «ne Bezeichnung seines Systems als eines „höheren Idealismus. Er sagt: „Beileibe nicht der höhere. Hohe Turme und die ihnen ähnlichen metaphysischen groben Männer, um welche beide gemeiNlg- lich viel Wind ist, sind nicht für mich. 3n dem was eiistach, fifeeint, ein gewaltiges Problem aufzudecken und dem Schlichten ekle Gröhe zu geben, das ist eine besondere Starke dieses Denkers.
Die Höhe der deutschen Art verbindet miteinander ein eifriges Streben nach einem festen Zusammenhang der Gedanken, nach einem gegliederten System, und eine genaue Würdigung alles Einzelnen, Besonderen, Kleinen. Kants Gedankenwelt dürfen wir die größte architektonische Leistung in der gesamten Geschichte der der Philosophie nennen, mehr als irgendein anderer hat et alle Wirklichkeit in einen geschlossenen Gedankenbau zusammengesatzt. Aber zugleich ist er von peinlicher Sorgfalt für jeden-einzelnen Punkt, er duldet nichts Verschwommenes, Ungefähres, Halbdurchdachtes. feine einzelnen Definitionen und Einteilungen üben durch »re Klarheit und Schärfe eine zwingende Macht übet die Geister. So bildet auch in der peinlichen Gewifsenhastigleit Kant eine Höhe deutscher Art. , ,, .
Inhaltlich war fein Denken anfänglich vornehmlich ben fltoBen Weltfragen zugewandt, sein Juaendwetk „Allgemeine Statut- geschützte und Theorie deS HimmeU" (1755) wird noch heute ae- tzhgtzt; aber so sehr er die Welt- und Raturprobleme ständig im


