Gietzener zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang (924 Samstag, -en 25. Oktober Kummet
ren.
Vorher aber steht diese Einleitung, die Einführung in die »Andachtsstunde", ein menschliches Bekenntnis von ebenso grober Einfachheit wie innerer Schönheit:
„Was Du sonst die Zeit für ein herrliches Leben durchgemachl hast, kann ich mir denken, und Hütte eigentlich alle Ursache Dich darum zu beneiden, wenn ich Dir nicht alles von Herzen gönnte^
Z/ ' T 'n. C1'^ rmr durch eine Masse lateinischer Eitate grobnitheils unverständlich war, gab mir den neuesten Trieb o also die Formenlehre aus dem kleinen Zumpt ^was studiert: und mich dann daran gemacht, die Exempel aus Broder über die Syntax schriftlich zu übersetzen, bin darin jetzt etwa zur Hoffte fertig. Zu gleicher Zeit habe ich dieser Tage einen Mrzen Abriß der römischen Geschichte von Eutrop zu Ende ae- bracht, und ist dies mein erstes lateinisches Buch, welches ich g«. r'5n- Zunächst hoffe ich nun, den Cäsar zu lesen, Cornelius Repos spater Cicero, und bis wir uns Wiedersehen, hoffe ich Dich mit einigen eigenen Ilebersehungen Horazscher Oden zu ennuyiren ^nter Deiner hohern Leitung hoffe ich dann später mit gereifter em M'-ck es glücklich bis zum ginechischen Alphabet und einer erträo- lichen aiebersetzung des Aristophanes zu bringen. Außer einigen kleineren Gedichten, von denen ich Dir zum Schluß einige mit- theilen werde, habe ich mir einen einactigen komischen Operniext geschrieben, über den ich gern Deinen Rath hörte, wenn das Mit-- theilen nicht zu umständlich wäre. Auch ein größres komisches musikalisches Gedicht in Trochäen und ein ernsthaftes in Terzinen habe ich gemacht."
Mach unveröffentlichten Briefen der Freundschaft. Mitgeteilt von Alfred Richard Meyer.
Aeffe — zwei berühmte Menschen mit demselben Mamen Peter Cornelius. Peter Ritter von Cornelius, Historienmaler der Münchener Glyptothek, und Peter Cornelius, der Dichter» Komponist des Barbiers von Bagdad", des „Cid", der „Braut- ",^?bnachtslieder", selbst ein Weihnachtskind, am Dezember 1824 geboren, am 24. Oktober 1874, als Professor der Harmonielehre an der Königlichen Musikschule in München in seiner Heimatstadt Mainz gestorben, weniger aufgesührt denn immer wieder gesungen mit seinem „Morgenwind" und seiner „Sternennacht , den beiden Gedichten von Paul Heyfe, mit dem ihn tiefe Freundschaft von je verband. Die Witwe Frau Anna tarn Heyfe hatte die Liebenswürdigkeit, mir einige unveröffentlichte Briese des Meisters zugänglich zu machen, die so recht von der smlhen Verinnerlichung des jungen Dichter-Komponisten Zeugnis ablegen dre uns, wie er selbst es genannt hat, Andachtsstunden imterleb’en lassen.
n^JPL!!Vin gn>&e aiwrtfeiten langer, enggeschriebener 6e8m33l^r“:n68to<m5igiä6rtgen aus Berlin vom 29. Rovember Ä iu Dann. „Von zehn deS Moo- fortwährend über diesem Dries gesessen. Wie gerne schrieb ich langer und mehr", wird er beschlossen - „mit Abe^n> werm er noch in Bonn ist." Dieses lange Schrei- Pimsönlichrs, Grundsätzliches, Lreundschasiliches.
^nf k^ine Gedichte und dann salgendes Ge» "SrLfetLto!ni.9erLS%m habe ich mich wieder mit aller ! die Arme geworfen. Doch einiges klei-
»^^.^-Ibbracht, wovon ich Dir jetzt erzählen will, wett Fuly etwa habe ich angefangen Lateinisch zu lernen und so mnem langen am Heizen zehrenden Wunsch Erfüllung gegeb @tn musikalisches Werk, das mir durch eine Masse lateinisck
Herbstgang.
Von Rudolf Herzog. Dom Strauche fällt die Haselnuß, Der Vögel Sang ist jäh verklungen--
3d> kannt' des Liedes herben Schluß, Üind doch hat es mein Mund gesungen. 3ch kannt' der kurzen Schritte Zahl, Die durchs Geländ' zum Kreuzweg leiten. Wo du inS wiesengrüne Tal, Ich durch die Heide muhte schreiten. Änd doch vermocht' das Abschiedswort Aicht um fein Glück das Herz zu bringen, Änd klang auch herb der Schlußakkord, Es war doch süß, das Lied zu fingen!
Andachtsstunden.
■Sum50. Todestag des Dichter-KomponistenPeterCvrneliuS.
mein lieber Paul! Werden doch auch für Dich leider nur zu bald die Zeiten kommen, wo das Leben Dich in irgend ein beliebiges §0^ wirft, Dir eine Kette um den Hals. Arm und Beine wirft, SNr etwas Marmor zum Sägen oder Wolle zu spinnen hinwirst, vd« Dir ein Galeerenruder in die Hand gibt — und habe ich doch auch eine Zeit gehabt, wo ich fremde Länder und Menschen sah, und so recht froh und unbesorgt alles genießen konnte, und wo allen wechselnden Gedanken und Bildern eine unwandelbare Ides zu Grunde lag und dies waren die Fleischtöpfe Aegyptens, di« Heimath, die offnen Arme von Vater und Mutter, wenn man wieder kam. das bestimmte Bewußtsein von dem Schrank der da steht und von der Kommode die da steht, von dem Bild was des hangt, von dem alten Familienglas was an der und der Stell« einen Sprung hat, von der Treppe, die man im Dunkeln hinauf- gehen kann, weil man weih daß sie siebzehn Stufen hat. Sieh«, wie kommt es denn, daß ich erst eine Seite heruntergeschrieben babe, und mich schon so allmählich in der rechten Stimmung befinde. um am warmen Ofen und bei brennender Pfeife einmal wie. oct etn Stückchen von meinem Herzen in ein paar Bogen Brief. ***% Ju toi?€£?, um es einem ließen, guten Kerl in der Fremd« $u schicken. Siehst Du, darum schreibe ich so selten, lieber Paul, ioml mir iede solche Stunde eine Andachtsstunde ist, und weil «S nicht gut ist. wenn man gar zu oft andächtig ist: weil es mir das- tetbe ist, em Gedicht an meinen Schatz zu machen, oder einen Brief an meinen Freund zu schreiben. Da liegt denn das weihe Papier vor einem, man hat alle eitlen Sorgen der Welt von sich geworfen, weil man eben einmal mit dem Freunde allein fein will. And wie drangen sich da die Bilder haufenweise über das Blatt! Selige selige Stunden! Freuden, die eben vergangen sind, und nicht wieder^ khren War es auch nur ein flüchtiges Wort, oder war es ein Glas das man zusammen trank, oder waren es fünf Silbergroschen die ich Dir abvumpte, und die ich Dir bei Gott! nie wieder gs»' gegeben habe, oder waren es schlechte Decensionen über gute 08über. Oie man sich vvrlas, ober eitler Klatsch über ein warmes Gefühl, bas m leidliche Verse gefaßt war — das alles nimmt eben ©eftalt an und stellt sich leibhaftig vor Dich. Da lauft man draußen in herum und sieht gleichgültige Gesichter oder grinsende Fratzen jemand der einem gern wohl wollte, der einen nicht vev- fteßt, oder umgekehrt: der eine hält einen für zu dumm, der andre für zu klug — selbst mit Menschen die man lieb hat versäumt man oder verbittert man sich manche Stunde — man steht am Eisenbahn-Waggon und sieht das liebste scheiden und hat feine Thronen im Auge, sieht stumm auf die sechsräderige Lokomotive und denkt still an das taufenbräberige zermalmende Schicksal — ein Wort — Adieu — ein Klingeln — fort — fort! — Aber zut Haufe im Stillen, beim warmen Ofen und rauchender Pfeife da hofft Du Alles nach — Du bist wie abgeschieden, ein böses Wort was Du jemand leicht hingesagt, thut Dir dopvelt weh — aber daS Gedenken einer frohen Stunde und eines Überströmenden Mo» mentes liegt Dir dann wie ein ganzer Himmel im Herzen."
Cornelius erzählt dann dem Freunde, wie er in den ersten Maitagen nach Dessau reifte und dort dem alten Friedrich Schneider, dem herzoglichen Kapellmeister und Oratorienkomponisten, einem der taten toofiften Epigonen der Haydn-MozartscheN Richtung, „einen Pack Compositionen zur Durchsicht und Deur» theilung aufdrang. Der würdige alte Mann hat sie mir später jntt einem durchaus ehrenvollen Schreiben zurückgeschickt, welches in kurzen bündigen Sätzen eine Kritik jedes einzelnen Werkes enthält, und mir in Lob und Tadel durchaus als das erschien, was der Schüler vorn Meister zu fordern hat; sein Brief ist mir ein Lehrbrief, der mir noch für lange Jahre als Leitfaden dienen kann." Eine kleine zweistimmige Messe, im Juli geschrieben und bereit» am 15. August bei den „Barmherzigen Schwestern" zur Aufführung gebracht, bringt ihm „Aufmerksamkeit und Anerkennung" ein. „Besonders verdankte ich diesem Werk in der Person des Kaplan Ru- land einen, ich darf wohl sagen, enthusiastischen Gönner." Es war nur allzugut, daß Cornelius nicht mehr den leichten Glauben seiner ersten Jugend hatte und dem ihm in Aussicht gestellten öfter* reichischei, Stipendium von fünfzehnhundert Gulden und der Fata- morgana seiner Reise nach Paris und Athen gegenüber skeptisch blieb. Wenn sich später die Begeisterung des Kaplans Rukurd für ihn sehr legte, fo möchte er diese Tatsache vielleicht feiner „unglückseligen Freigeisterei" in die Schuhe schieben. Ja, er fragt sich: „Ob vielleicht das Ganze nur ein bißchen jesuitische Spielerei mit mir war, ober ob ich ein Esel bin, einen solchen Spuk hinter bet Coulissen des Alltaglebens zu suchen — ich weiß es nicht ... Ich fühle einen unendlichen Stolz in mir. lieber Paul, und wenn ich etil


