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dacht haben.
Anaufhörlich flutet der Menschenstrom auf und nieder zur Krypta. Zu einem besinnlichen Verweilen ist hier nicht der Ort, und so verlassen wir den engen Raum der Grotte, die weiten Hallen der Kirche und gehen hinaus in die dunkle Nacht. Wir besteigen unsere Esel und reiten schweigens voll des Erlebten durch die schon stiller gewordenen Straßen des Städtchens. Es hat ganz aufgehört zu regnen, die Wolken zerteilen sich, ab und zu lugt ein Sternlein hinter den Wolkenschleiern hervor. Draußen im Olivenhain halten wir an und werfen noch einen Blick auf Bethlehem. Ein seltsam schöner Anblick ward uns da zuteil. Aeber der Geburtskirche, auf dem Dache flammt ein blutrotes Licht auf, wie ein Stern in dunkler Nacht. Das große Kreuz auf dem Turm der Kirche, von dem roten Licht beschienen, hebt sich leuchtend vom schwarzen Grund Des Himmels ab. Was uns die Geburis- kirche mit ihrem Menschengewühl und Stimmgewirr und Weihrauchdust nicht geben konnte, das schenkt uns die schone, hehre Nacht hier draußen im Olivenhain unterm Sternenzelt: heiligste, seligste Weihnachtsstimmung. Aus unseren Herzen quillt es, und auf unsere Lippen drängt sich das Lied, das nun leis in die Nacht hinausklingt:
„Stille Nacht, heilige Nacht, Alles schläft, einsam wacht Nur das traute hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, Schlaf in himmlischer Ruh."
Ein Weihnachtsabend in Bethlehem
Don Adolf Fata.
Schriktleituna: Dr.Srlebr. Wilb. Lana-' - Druck und D-rlaa d« B-Übl'icben Univ.-Buch- und St-indruÄ-r-i. R. Lana«. Di.he«.
Regenschwere Wolken hängen am Himmel. Es regnet mit kleinen Unterbrechungen schon seit Wochen. Aber unsere kleine Gesellschaft hatte sich trotzdem am Nachmittag des 24. Dezember zusammcngrfunden, um den Weihnachtsabend in Bethlehem zu verbringen. 3n Regenmäntel gehüllt, steigen wir auf die für uns bereitstehenden Reitesel am Jafator zu Jerusalem. Die stattlichen Langohre hängen bekümmert d:e Köpfe. ES ist so gar nicht nach ihrem Sinn, so in Regen und Dunkelheit hinauszulaufen. 3n froher Festtagsfreukw Mten wir zur Stadt hinaus und sind bald rn flottem —rav auf der Landsttaße nach Bethlehem. Halbwegs, dort aus der Höhe, wo heute das Kloster Mar Eljas steht, machen war Halt und schauen mit Entzücken das wie hmgezauberte Bild der auf einer Anhöhe liegenden Wechnachtsstadt mit ihren weißen Häusern. Diesen herrlichen Anblick mögen schon vor fast 2000 Jahren Josef und Maria gehabt haoen, als sie nach Bethlehem zogen, um sich schätzen zu lassen. Rings um das Städtchen ziehen sich an den Abhangen gelber, Weinberge und Olivenwälder, heut alles in graue Regenschleier gehüllt. Und wieder vorwärts gehts, in emer gu.en Halben Stunde sind wir ja dort. Ab und zu überholen wir Fellachen, die ihre schwer bepackten Kamele, Esel und Maultiere vor sich hertreiben, dabei monotone Weisen singend. Am Rahelsgrab, einer mit einer kleinen Kuppel überwölbten Kapelle, holen wir einen Pilgerzug ein, der sich auf der Wallfahrt nach Bethlehem befindet, um dort in der Geburtskirche zu beten. Vollständig durchnäßt, aber mit frohen Liedern auf den Lippen ziehen sie die Straße. Was schert sie Wetter, Wind und Regen, soll sich doch nun ihr seligster Wunsch erfüllen, auf dem Boden, da sich die Weihnachts- aeschichte ereignet, niederknien zu dürfen. Noch ein ttlrzer, scharfer Trab durch den Olivenwald die Anhöhe hinauf, und wir befinden uns am Eingänge der Stadt. Durch lange., schmale, winklige Gassen, an denen rechts und links die gelb- lichweißen Häuser mit ihren meist flachen Dächern stehen, fuhrt der Weg. Der Regen hatte glücklicherweise nachgelassen. Das dichte Menschengewühl nötigte uns abzustelgen, und so führte ein jeder seinen Esel hinter sich. Europäer, Eingeborene, Fellachen und Beduinen, Treiber mit Maultieren, Kamelen und Eseln, Neugierige und solche, die sich Christtagsfreude aus Bethlehem holen wollen, Pilgerscharen, a les drängt und schiebt sich durch die engen, schmutzigen Gas,en, die von Oellämpchen- und Kerzenlicht, das aus den Werkstätten und Läden dringt, dürftig erhellt sind. Hier stehen einige an einem Perlmutterladen. In großer Auswahl liegen Kreuze, Ketten, Broschen, Kugeln, Nadeln aus Perlmutter gefertigt zum Verkauf aus. Sind doch die Bethlehemer Meister in der Perlmutterverarbeitung. Ein Bieten und Handeln, Mische« und Schachern beginnt. Glückstrahlend birgt der
einfache Pilger das sicher viel zu teuer bezahlte Perlmut^r- kreuz unter sein schlichtes Gewand. Dort, ein paar Läden weiter, preist ein Dethlehemit Kerzen in verschiedensten Krö- hen, Farben und Formen an. Die Pilger versehen sich eckigst damit, denn auch sie wollen den Weihnachtskerzenglanz in der Geburtskirche vergrößern helfen. Bethlehemer Frauen in ihren ansprechenden, farbenreichen Trachten, haben sich unter die Pilger gemengt und geben so dem bunten Straßenbild ein noch farbenreicheres Gepräge. Wir folgen einer vor uns gehenden, in Andacht betenden und singenden Pilgerschar. Sie alle haben ja für den heutigen Abend nur ein Ziel, die Geburtskirche. Es sind Russen mit dicken, schweren Filzstiefeln an den Füßen und Pelzen angetan, als wären sie mitten im sibirischen Winter. So kommen wir langsam nach vielem Drängen, Stoßen, Schieben auf einen ganz im Osten der Stadt gelegenen großen, freien Platz, der schon seit über anderthalb Jahrtausend der vornehmste Platz Bethlehems ist, und auf dem sich das Treibe,! der Menge und das gesamte öffentliche Leben abspielt. Dahinter hebt sich groß und mächtig, wie ein massives Festungswerk, die Geburtskirche, wohl eine der ältesten, christlichen Kirche der Welt, von Konstantins Mutter, Helena, im Jahre 330 erbaut. Hoch und düster heben sich diese vom Alter gescywarzten altehrwürdigen Mauern. Im Laufe der Jahrhund^te ist dann hier ein ganzer Stadtteil von katholischen, griechischen und armenischen Klöstern entstanden.
Wir überlassen unserm Mukari (Treiber) die Esel und folgen weiter den Pilgern. Nachdem wir in gebückter Stellung durch eine ganz niedrige Tür gekrochen sind -- sie ist so angelegt aus Furcht vor Angriffen der Mohammedaner — gelangen wir in das Innere der Geburtskirche. Weihrauchdüfte, dicke, schwere Luft benehmen uns fast den Atem, Lichterglanz von Hunderten von Lampen und Kerzen blendet unsere Augen. Wie dumpfes Brausen klingt das Singen und Beten der unzähligen hier versammelten Menschen. Von allen Setten drängen die Pilger zum Hochaltar, immer dichter wird der Weihrauch, immer unerträglicher die Luft. Aber in den Herzen aller ist fröhliche Weihnachtsstimmung und in den Augen ein seliges Glänzen. Dann gehts die Stufen hinunter in die Höhle unterm Altarraum, der Geburtögrotte (Krypta) mit der Krippe. Die Wände sind mit Marmor belegt und mit kostbaren seidenen Wandbehängen bekleidet. Anzählige goldene und silberne Lampen und Ampeln beleuchten den dunklen Raum mit dem Steinplatz auf dem Boden, auf dem ein silberner Stern befestigt ist. Um dielen herum ist die lateinische Inschrift zu lesen: hic de Virgin« Maria Jesus Ehristus natus est (hier ist von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren worden). Wenn auch keinerlei geschichtliche Tatsachen vorliegrn, daß gerade an dieser Stelle der Heiland geboren sein soll, so ehren wir doch diese Stelle, wo seit über anderthalb Jahrtausenden Christen der Weihnachtsgeschichte in innerst erlebter Weihnachtsfreude ge-
verdarv und damit auch jene Kräfte ihre Wirksamkeit wieder verloren.
Auf diesem Weg, der die Poesie aus dem Leben der Dinge streicht und die Gnadrnketten, die ihnen von der Fehlerlosigkeit der Einfalt verliehen wurden, ersetzt durch die Embleme der Wissenschaft, ist es dahin gekommen daß die Schneerofe für die meisten der Heutigen nur noch das ist, was die Botaniker aus ihr gemacht haben und die Handeisgärtner dazu, nämlich ein überspanntes Hahnenfußgewachs das in einer unmöglichen Jahreszeit blüht und das GUd einbringt, wenn man es in Warmhäusern züchtet und um die Weihnachtszeit auf den Märkten verkauft. Gehören doch seine anemonearttgen Blüten mit zum allerschonsten, was man sich in dieser Jahreszeit wünschen kann; denn sw gleichen weißen flehenden Heckenrosen, aber sie tragen nicht ihre Dornen.
Von Insekten wird die Schneerose nicht umschwärmt, we,m sie ihr schneeblassses Blumengesicht hinter den Hagen der Stadt- und Dorfgärten zeigt; denn es gibt um diese Jahreszeit nichts Fliegendes, das die Schneerose anlvcken könnte. Dafür lassen sich die Augen von Kindern und andern leicht ergriffenen Menschen auf ihren Bliimen nieder, füllen sich an dem lichtbeseelten Leben mit Glanz, und wenn die Wintemacht in nachdenklicher Kälte über den Hausern steht, fühlen sie, daß sie einen Stern mehr als die andern haben, der atmend durch ihre Herzen zieht und durch ihren Schlaf.


