Gießener KmilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 192^ Samstag, den 23. August Nummer 35

Stille zwischen den Stürmen.

Don Paul Bülow--Lübeck.

Es ist still geworden in dir nach heftig dich aufrüttelnden! Stürmen ...

Su gingst als Sieger aus dem Kampf hervor, wie die wurzel­feste Eiche nach tosendem Gewittersturme standhaft blieb, wenn st« auch Aeste und Blätter lasten mußte.

Bun fühlst du in dir eine so wundersame Beruhigung, ein so sicheres Beherrschen deines ganzen Menschen von innen her. Du blickst frei und klar ins Leben. Denn du hast ein Glück gefunden: das Glück des Siegers über Widerstände und Kümmernisse, über Hemmungen und Feindseligkeit.

Dieses Glück verleiht Schwungkraft und Mut. Es macht still und stark zugleich: es beflügelt zu schöpferischer Tat.

Bun blüht dir wieder die Bose des Glücks im Garten des Le­bens. Du trägst den Zauber ihrer duftenden Schönheit in den All­tag hinein.

And dankbar bist du dem Leide. Denn das Leid, als du es tapfer bestandest, schenkte dir diese gehaltvolle Stille, dieses neu­artige Glück, die unvergleichliche Wonne abgeklärter Seelenruhe.

Bun quillt der Brunnen nach, der vorher erschöpft war. Bun strömt dir Kraft zu neuen, zu höheren Aufgaben aus unerforsch- lichen Tiefen zu.

Oh, sie ist köstlich diese Stille zwischen den Stürmen!

Wie erhält man sich die Wirtschaft?

(Brief einer Mutter an ihre Locher.)

Von Käthe G o l d st e i n.

Liebe Inge!

Du kannst Dir wohl Lenken, mit welcher Spannung ich Deinen lieben Brief erwartete, den ersten aus Deiner jungen Häuslichkeit. Dein Jubel, Dein Entzücken sind mir die schönste Belohnung für all die Mühe und die Opfer, die es mich gekostet, Dir dieses wohn­lich Best zu bauen. So manches Mal, wenn ich wieder ein wenig vorwärts gekommen war mit diesem Liebeswerk für Dich oder wenn ich mich selbst mit einem, wenn auch noch so kleinen Gegen­stand freute, mit dem ich Deine Einrichtung vervollständigte, dachte ich meines kleinen Mädchens. Wie groß war jedesmal am Weih­nachtsabend oder am Geburtstagsmorgen ihre Freude über das, was elterlich und großelterlich Liebe dem Nesthäkchen aufgebaut, und wie rührend ihre kindlichen Versprechungen, dieses Mal auch gong gewiß all die schönen Sachen gut zu halten und zu schonen. Aber ach, was blieb von all diesen Versprechungen, was von all den netten Dingen, über die die Freude anfangs so groß ge­wesen! Achtlos wurden die Spiele in die Ecke geworfen und nicht wieder sauber in die Schachteln geräumt. So wurde bald dieser und jener Teil vermißt. Den Puppen fehlte bald ein Arm, bald ein Fuß: von ihren niedlichen Kleidern hing bald ein Spitzchen oder ein Band abgerissen herunter. Kurz, die ganze Herrlichkeit war nur von kurzer Dauer.

Bun ist ja aus meinem kleinen Mädel eine junge Frau, aus dem Puppenheim eine wirkliche, wahrhaftige eigene Häuslichkeit geworden,- ein Glück, das heute nicht allen jungen Frauen zuteil wird. Du mußt es Deiner Mutter, die Dich so aufrichtig und von ganzem Herzen liebt, nicht verargen, wenn sie in Rückerin­nerung an Deine Kinderzeit Dir heute einen Brief schreibt, der Dir vielleicht ein wenig lehrhaft erscheinen mag. Sei überzeugt, auch dieser entspringt mütterlicher Liebe, mütterlicher Sorge. Dein Jubel über die hübsche Kücheneinrichtung klingt in die Frage aus: Darf ich wirklich all diese hübschen Sachen benutzen?" Du d a r f st dies nicht nur, Du s o l l st es tun, liebste Inge. Diese Dinge sind nicht dazu da, angeschaut zu werden. Ihr Sinn und ihr Wert liegen in ihrem Benutzwerden. Weil sie mir für Dich gut und nütz­lich schienen und- ich die meisten selbst als praktisch erprobt habe, habe ich sie für Dich gekauft.

Freilich! muht Du, wenn Du Deine Wirtschaft stets gut er­halten willst, diese Küchenmaschinen, Wertzeuge u. dgl. nur für den Zweck, für den sie bestimmt sind, benutzen. And nach dem Ge­brauch verlangen alle Gegenstände gründlich gesäubert und an Ort und Stelle gebracht zu werden. Dann kannst Du diese Sachen, da ich nur bewährte Marken, solide gearbeitet und von gutem Ma­terial, besorgt habe, kebr, sehr lange benutzen, ohne daß sie ver­

sagen. Bur mutzt Du achten, dah sich bei den Maschinen kein Bost einstellt un& dah kein Teil verbogen wird. Also gut und sorgfältig aufbewahren! Sollte Dir aber doch einmal irgendein! Teil schadest werden, so besorge Dir sofort Ersatz. And wie bei diesen Dingen, so halte es auch bei all den andern Gegen­ständen Deiner Häuslichkeit. Lasse auch nicht das geringste Ob­jekt eingehen. Zerbricht ein Teller, ein Glas, so ersetze sie sofort. Tust Du dies, so ist die jedesmalige Ausgabe verhältnismähig ge­ring. Einen Gegenstand nach dem andern eingehen zu lassen und ihn nicht zu ersetzen, ist der Ruin der Wirtschaft. Will eines Tages dann doch die Hausfrau ihre Sachen wieder ergänzen, foi ist sie verzweifelt: die Ausgaben sind ihr über den Kopf gewach­sen. Die Weitz nicht ein noch aus. Bei geschickter Wirtschafts­führung hätte sie die einzelnen Neuanschaffungen meist mit ihrem Wochengeld bestreiten können.

Löst sich eine Leiste, ein Futz oder ein anderer kleiner Bestand­teil an einem Möbel, so leime sie sofort sauber an. Entsteht ein Schaden, den Du nicht selbst beseitigen kannst, schließt ein Schloß nicht mehr, so lasse ohne zu zögern einen zuverlässigen Handwerker kommen. Kleine Reparaturen kleine Kosten. Große Schäden oft unverhältnismäßig große Kosten. Einen Besah an einer Decke, an dein einige Stiche sich gelöst haben, nähe sofort fest. Sonst reiht es weiter ab, was recht unordentlich aussieht und später ja auch mehr Arbeit macht. Zudem wird, je länger das abgerissen« Stück ist, um so leichter in den Stoff eingerissen. Das gleich« Prinzip beobachte bei der Wäsche, dem Stotz einer jeden Haus­frau. Auch hier ist ein kleiner Schaden schnell zu reparieren. Läht Du ihn aber entstehen, so leidet oft das ganze Wäschestück, und die Ausbesserung kostet dann oft vlel mehr Zeit und Mühe, Bähe einen abgerissenen Knopf, eine Quaste oder dergleichen sofort an. So behältst Du Deine Sachen in Ordnung, und es kann dann nicht im Bedarfsfall die leidige Frage aufsteigen:Ach, wo Habe ich den Knopf, die Quaste hingelegt?" Diese Frage sollte überhaupt niemals aufkommen. Denn viel Zeit und Aerger er­spart man, wenn alles und jedes immer an Ort und Stelle ge­legt wird. Du mußt Dir das auch aus dem Grunde angewöhnen, um Dein Mädchen zu gleichem Tun anzuhalten. Eine unordentlich« Hausfrau kann nicht von ihrem Mädchen verlangen, dah es or­dentlich sei.

Erhältst Du Dir in dieser Art Deine Wirtschaft, so bleibt Dir auch manche Verlegenheit erspart. Andernfalls aber kann es der Zufall wollen, dah gerade dann unerwartete Gäste sich ein­stellen, wenn so mancher Gegenstand eingegangen und noch nicht wieder ersetzt worden ist. Wie würde sich aber mein eitles Töchter­chen ärgern, mühte es Nichtzusammengehöriges auf den Tisch stel­len, weil weder das tägliche noch das bessere Service so reichlich mehr vorhanden, wie sie es brauchte. Der Ordnungssinn der Haus­frau darf aber nicht so oberflächlicher Art sein, daß nur da, wo die Lücken für andere sichtbar würden, rechtzeitig ergänzt und erneuert wird. Wahrhaftigkeit wie in allen Dingen so auch in der Wirtschaftsführung! Darum nicht nur scheinbare Ordnung, nicht nur Ordnung obenhin, sondern allüberall: in allen Schränken, allen Kisten und Kästen. Das Auge der Hausfrau prüfe in regelmätzi- gen, nicht zu langen Zwischenräumen die Bestände des Wäsche­schrankes und! den Werkzeugkasten, Keller und Boden.

Du hast Dich oft gewundert, mein liebes Kind, wenn ich mir zu Weihnachten oder zum Geburtstage hauswirtschaftliche Dinge wünschte und meintest:Das würde doch Vater sowieso anschaf­fen müssen." Liebe Inge, so denkt keine vernünftige Ehefrau, die weih, wie schwer es heute dem Gatten fällt, selbst für die not­wendigsten Bedürfnisse eines Haushaltes zu sorgen. Sv denkt auch keine Hausfrau, die ihre Häuslichkeit liebt. Diese wird gleichsam zu einem Teil ihrer selbst. Die Persönlichkeit der Hausfrau spricht fast aus jeder gut geführten Wirtschaft. So machte es mir Freud«, macht es mir noch heute, wenn ich meine Küche um eine Beuerung bereichern kann, zu der mir die bescheidenen Mittel des Wirt­schaftsgeldes, zumal in den letzten trüben Jahren, nie hätten ver­helfen können. And wieviele Zeit und Mühe sparende Beuerun- gen sind in den letzten Jahren auf den Markt gekommen! Der erste Gebrauch einer solchen Beuerwerbung bedeutet mir geradezu eine Sensation, und ich bin allemal ganz aufgeregt, wenn ich st« zum ersten Male probiere oder benutze.

Auch wieder einmal schmucke neue Gardinen statt der alten recht abgenutzten und gestopften zu bekommen, eine neue Decke, einen seinen Gegenstand für den Tisch, oder was der Ding« mehr sind, macht mir Vergnügen. Ich freue mich, daß Dein lieber