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waren allein. Es war seltsam, Latz sie beide wie befreit aufatmeten, und bat) sich dann dach wieder etwas De lemmendes auf ihre Brust legte. Bruckner wandle sich nach dec Heugasse, und ohne eigentlich zu wollen, ging Brahms mit ihm. Eine Weile war liefe Stille. Sellen nur huschte ein spät Heimkehcendrr an ihnen vorüber wie ein Scharten, ohne sie zu stören. Richts war zu hören, als Meister Johannes' fest ausgreifender Schrill und, barcin vermengt, da- zwif chenschlagend, dec Bauern tritt von Toni Bruckners Stiefeletten. Dec stolper.e auch zuweilen über einen S.rastenstein, denn er blickte unentwegt aufwärts zum überreich bestirnten Himmel. ilnb da stieg plötzlich i t ihm die Frage auf, warum ec das erst jetzt so genost, Weil ihn die andern gestört hatten. And der jetzt neben ihm ging? Dec stör.e ihn nicht. Johannes Brahms fühlte das Rachtrauschen der Parkbäume, das ihn zur Ruhe fang wie ein Wiegmlied und ihn ganz tief in sich hineinlauschen lieh nach verborge len kostbaren Klängen, wie ihm dies nur In den kegenvvllsten Stunden g'schah. Je länger der Toni Bruckner zum Himmel auf- sah, desto übermäch.iger wuchs seine drängende Seligkeit unb ward endlich so g-wal.ig, dast er sie nicht mehr ganz in sich vecschliesteu konnte.
„Dö Sterner, dö Sterner!"
Behutsamer hallten Meister Johannes' Schritte, und endlich schwiegen sie ganz. Run solgte er Brmcknecs himmelsuchendem Blick. Langsam, zögernd entrangen sich die Worte:
»Sehen Sie, das Gefühl hatte ich bei den ersten Takten Ihrer Siebenten."
»Was, was, dö kennen 6’T*
»Da erlauben Sie. ich bin doch ein musikalischer Mensch! Damals hab' ich's gewustt. Wenn Sie schaffen, schauen Sie immer aufwärts. Die Posaunen, die steigen geradewegs in den Himmel hinaus."
In den Himmel hinaus! Das Wort, das Wort! Es war ihm selbst nicht so zum Drwusttfein gekommen, aber jetzt wühle Bruckner, dieses Solo, es war ein Sehnsuch slied nach einer anderen Welt. All seinen Schmer, all seine Täuschung Hütte ec darein gelegt. In den Himmel hinaus! Das wac's. Keiner hatte es noch verstanden. And der, gerade der muh e es ihm sagen!
Brahms hatte einen Augenblick geschwiegen, denn in seiner Brust tobte ein stiller Kamps. Ast seine Verschlossenheit bäumte sich auf g '.gen den Zauber dieser verschwiegenen Aach stunde, die gut und hilfreich war und ihre Arme breitete, allen Schmerz, alles Sehnen aufzunehmen und zu hü en vor den Menschen des Tages. And die Aacht si g e. Brahms fahr fort:
»And sehen Sie, Bruckner, deshalb haben Sie die Jugend für sich, die Irgend, die nach den S ernen sch tut. Ich hab's verlernt. Ich blicke nur beständig in mich hinein, ich kann nicht mehr anders!"
Brahms senkte den Kopf in leise aufsteigender Bekennerscham und ging rascher wei'er. Bruckner an seiner Seile. Sie traten durch das Tor in den Park. Der Posten pcäsen irrte vor dem Dwohner. Auf des kleinen Gesich' siel der letz e Strahl des ver- gehrndrn Mondliches. Seltsam gervci et waren B uckners Augen, gl ich dmen eines ersten Erkennen anftaune iben Kindes. Wie aus einem inneren Zwange heraus sprach er jedes Wort:
»Bei Ihnen is döS eben anderst. Sö haben Jhnere Sterner einwrndich!"
Mit einem Ruck blieb Brahms stehrn. Schatten aus Schattgg sank vor seinem Blick. Sein ganzes Wesen lag vor ihm in ge- dämps er, aber lauterer Klarheit. A l seine Z'veifel lösten sich sein Schmerz erstarb, sein Sehnen nach Fernem. Bersag em wurde mild und wehlos. 3m reinsten Schein lag der Rest seines Weges.
Der Mond war untergegangen. 3m spärlichm Lichte sah Bruckner, wie eine Hand nach ihm tastete. Er schob den Zylinder in die Linke und leg e dir Rechte in die des andern. Einen Augenblick nur. Dann ging Brahms ohne Gruh. Bruckner sah ihm noch immer nach, als er schon lange durch das Tor ins Ansichtbare verschwunden war.
DrahmS ging langsam die S'raste abwärts bei.1 Stadt zu. Ganz langsam. Hielt ost im Schreiten inne und blickte zu den Fenstern des Schlosses auf. And übet Beider Suchen und Danken leuchtete der letzte Segen der erblassenden Sterne.
Aus dem Sittenbild) eines Musikers.
MariaPhilipPi.
Maria Philippi aus Basel fang Li 'der von Brahms und Schumann. 3ch bin um ein musikalisches Erlebnis reicher, das in schwer zugängliche Tiefen der Seele bringt. Alle proste Kunst, vor allem jede große Gesangskunst, ist doch Persönlichkeitskunst, Stil eines wahren Charakters, Ausstrahlung einer fest umriffenen 3ndividualität.
Jäher Schmerz, herbe Trauer um eine Frühvollendete, um eine Anerreichte werden wach, wenn eine Altstimme Brahms singt.
Maria Philippis schlanke aristokratische Erscheinung mit den feingeschnittenen Zügen und dem reizvollen grauen Haar um» schließt auch eine aristokratische Künstlerin: Fürwahr, eine seltene Harmonie zwischen Körper und Seele! Eine vollendet ausgeglichen»
Stimme mit einer klangsceudigen Höhe und einer warmen Tiefe, die weiche, zacie Töne bildet —. wie im Halbdunkel hingehauchte ruhige Farven — offenbart das innerlichste (SetKimnU, das Er- schuaerndfte und zugleich Lebendigste, das eigentiid; Klingende des Liedes: Seine Seele. Seele, dir sich an Seele entzündet!
Kunst, in solcher Form gereicht, wird Offenbarung, die alles Zeitliche al^gestieift hat. Das Erbe eines dec allergrüst.en Ge- sangsmcistec, Julius Stockhausens, wahrt Maria Phckippi. Richt nur Erbe, sondern auch Mehrer zu sein, ist das En. scheidende und Bedeutsame. And sie ist Riehrerin. Welch eine Gefühlswelt um» wandelt die Ausdrucksfähig.eit ihrer Dortragslunst: beit lauten Jabel des Dithyrambus unv die leise Klage der Elegie, die weich» Wonne suster Liebeslyrik und die wilde Wut stürmender Balladen.
Rur eine Veranlagung, die eine ausgesprochene, tiefe Beziehung zur Ra.uc besitzt, vermag sich in solchen Gegensätzen zu bewege.! und sie, in ihrer Wirrung wenigstens, unvermittelt nebeneinander zu stellen. So allein ermög ichi sich ein Ausfall von einem Extrem ins andere; die wohlgegründete Basis einer freiere Ra.üilichteit all.in bestimmt und verursacht jedwede, auch noch so zarte Regung: wie ein Blitz über lachende Fluren zuckt der Akzent des Aiset.s darüber.
Max von Pauer.
Mast Pauer gab einen Klavierabend. E. T. A. Hoffman« hätte dies Erlebnis in seinem Tagebuch sicherlich mit einer geheimnisvollen Rote aiigemerkt. Der leibh.tf ige Kapellmeister Kreisler faß zwar nicht am Flügel, wohl aber rede.e einer in seinem Geists zu uns. Die Persönlichkeit Max Pauers besitzt eine Suggestiv- kraft, welche die Geister des musikalischen Vorstellung soermögens in einer Art zu beschwören versteht, daß einem sehr wohl zuweilen ein Schauder vor dem Hexenmeister anwandeln könn e. And doch must der Roman.ikcr, der so sonderbar versonnen in den Ton hinein träumt, wieder mit dec seltsamen Walpurgisnachistimmung aussöhnen. Diese Augen können nicht verzaubern, wohl aber bezaubern. Die Interpretationen Pauers wirten wie Selbstbekenntnisse, wie die Ausstrahlungen einer Seele, dir in ihrer nervöse« E.r.gstarkeit einem f.inen Instrumente gleicht, das dem leiseste« Windhauch willig nachgibl.
Die Analyse einer solchen Künstlerpersönlichkeit bedeutet! eigentliche nichts anderes als eine Auseinandersetzung über subjektive oder objektive Darstellung. Eine streng psychologische Fvr- fchung wird die Möglichkeit der objektiven Wiedergabe In des Wortes eigenster Bedeutung ablehnen. Objektiv in diesem Sinn« könn'e nur das Kunstwerk selbst sich geben, ober rich izer gesagt: wirken: allerdings müh e jegliche Mi.arbeit unserer Sinne unterbunden werden können. Völlig auf sich gestellt, b'iebe das Kunstwerk unwihrgmommen und ohne Wiedergabe. Mi! dieser psycho- logisch-philosophischen Deduk ion dü.s e die Anmöglichkeit der rein vbjek.iven Reproduktion zur Genüge erwiesen sein. Es bleibt schliest- lich nur ein S reit um Worte, die Verstiegenheit einer anspruchsvollen Terminologie, die — mag sie auch überall als bare Münze gegeben und genommen werben — doch nur der eigen lich unverantwortlichen Gegenüberstellung von Begriffen, die sich gar nicht auszuschiiehen brauchen, ihr En'stehen verdankt. .Subjektiv" und »objektiv" sind letzten Endes Schlagworte, die genau so wie »klas« fisch" und »roman i'ch" erst durch dir grundfalschen Werturteil«, die man an sie geknüpft hat. eine so verwirrende Wirkung gehabt haben.
Eine Erscheinung wie Max Pauer, in dem bas MuBÄlifch« fast visionär erkch'lnt, sollte jedoch auf ganz andere Bahnen bett Betrachtung führen. Weit mehr noch als brr Dich er ist dec Komponist von brr Willkür des Darstell ingsma'erials abhängig. Die Anzulänglichkeit ber Firierungsmiltel, die immer erdgebunden bleiben und nicht mit der Phantasie schwingen können, kann qualvollste Empfindungen auslösen. Einen Rest Crbenschwere werden selbst dir minu'iösesten Bezeichnungen nicht beseitigen können. Die Kunst, zwischen dm Roten lesen zu können, gewinnt eine erhöhte Bedeutung im Vergleich zu ber Fähigkeit des ..Zwischen den Zeilen Lesens". Der Ginfühlnng^.fähigkeit des nach'chaffenden Musikers, jenem fühlenden Einbringen in die Seele des andern, der subjektiven Aussasfung und Darstellung, öffnet sich hier ein weites Reich voll lockender Rätsel. And gerade auf diesem Hin'e gründ läht sich daS schwerwiegende Problem dec zei lichen, inhal'lichen und formellen Bezwhnngm eines Übe ragenden Genies in seiner ganzen, zwingenden ®rotte aufrollen. Es ist und bleib! das Wrsen der uns allein möglichen KunstdeuNtng. wenn sie Verstand und Herz in gleicher Weife befriedigen soll, daß sie alle S'rahlen, die von dem fremde» 6‘ern zu uns herüberdringen, in den Brennspiegel der eigene» Auffassung vereinigt, damit so aus der gedachten und geträumte« Einheit.eine wilckliche Vorstellung, ein lebendiger Faktor künstlerischer Kultur sich gestalte. Gebieterisch und unweigerlich fordernd erheben sich dann aber auch die g rohen Maststäbe, an den« die eigene Individualität zu messen nur ein ganz Großer sich vermessen kam. — Mar Pauer kann und muh es. Dein Klavierspiel bebt sich west über die perV> l che Leistung hinaus in jenes visionär« Reich lebendigster Rachschöpfung. R
Schristleikttna: Dr. K-ckedr, Willst Lange — Druck und Verlag der Vrübl'lchen Anim-Buch. und Steindruckerei R. Lange. Diesten


