Gießener jamilienblätter
Untechültungsbeilage zum Giehener Anzeiger
I^rgaug (92^ —Samstag, den 22^ März Nirwmerd
Avalun.
Von Börries, Freiherr von Münchhausen Mir liegt dn Land im Sinn. Ich weih es nicht, wann ich es sah in meinen Heimweh: räumen, doch meine Sehnsucht, wenn sie Kränze flicht. Pflückt Blüten sich von seinen Apfelbäume«.
Änd meine Sehnsucht wandelt göttlich leicht die g ünen Gar en hänge auf und nieder, mit Schmeichelhänden sie ein Windhauch streicht und flüstert ihr ins Ohr verwehte Lieder.
Im fernen Grund spielt eine Mädchenschar, die Hellen Kleider toi von Abendstrahlen, und wie sie laufen, blitzen wunderbar die schmalen Sohlen ihrer Goldsandalen.
Wie Silberrgen ihr G'lächer fällt in dieser Hügel feierliches Schweigen und schüttelt in der weihen Blütenwelt viel tausend Sternchen von den wirren Zweige« „ cklnd sinnend schreit ich. Alle Wünsche ruhn. 2ch sühl's, ich bin zu Haus an diesen Dachen. T aumheimai meiner Se le, Avalun!---
Mir ist, als Höri ich meine Mutter sprechen.
Me seltsame Schneegans.
Bon Paul Georg Münch').
Die Missekäte in hieh Annemieke Köpke. Riemand hätte ihr zugetraut, daß sie jemals etwas hinter dem Rücken des siebenten Gebots unternehmen werde. Sie war elf Jahre alt, also e siche Jahre älter, als ihre schmäch'igr, von der Not der Zeit gezeichnete Gestalt vermuten lieh. Ein fio6g?mute3 Schlankding war sie, allezeit verg-.ügt; zuweilen konnte sie ein ausgelassen lustiger Wild- fang sein. Als ech e kleine Berlinerin war sie nicht auf den Mund gefallen, aber eine Berliner Range war Annemieke nicht. Sie sah in der Klasse obenan, ihr untadeliges Betragen war ihr jedes Jahr durch eine Eins beglaubigt worden.
Als Annemiekes Lehrer würdige und bedürf ige Mädchen für den Landauf mthalt auswählen sollte, schlug er in erster Linie die kleine Köpke vor. Zu Haufe bei Muttern gab es nicht viel zu beih'n. und es wäre ihr von Herzen zu gönnen gewesen, dnst eine Milchkur ihre Backen runde, Bergluft ihre Lunge dehne und Alpens mne S irn und Waden bräune. .
Atm mieke kam bald nach Ostern zum Taver Dastelger, einem reichen Einödbauer in der Räh: von Wall in Oberbayern Einen Duchsensch st g'gen Süden rauscht am Gchäft die Mangfall vorüber. die einen Abglanz von der Farbenfreuds des Tegernsees ins Rosenh imer Land hinabträgt.
Das Mädel aus dem Scha ten der Großstadt war in dieser Welt der Freude und der Farbe überglücklich. Ein trauliches Stübchen für sich ganz allein, ein Gatshof voll wohlgesüllter Schmalzhäfen, ringsum Wiesenbrei en mit braungefleckten Rindern und wilden Füllen, nach Süden die gigantischen Krli'fen der Alpen — sie sah ihre Sommerresidrnz als eine graste Bühne, auf der sich vor ihren A gm immer neue Märchenwunder vollzogen.
In Gaste'g'rs beiden Baben, dem Pevl und dem Hiesl, sand sie zwei übermütige Gespielen, und um ihr Glück vollzumachen, warf ein Weststurm Ende April noch eine verspätete, Schneewehe über das Land! Drei lustige Kinder und als vierter im Bunde Spaßmacher Schnee — da war auf Erden ein Glückskönigreich auf« gerichtet.
Eines Tages bekam Annemieke eine Nachricht, die ihr auf« rich'ig weh'tat: ihre Klassetschw'ster, die kleine blonde Lies, die in ver benachbarten Siedel'ng Wall einquartiert war. hatte den Arm gebrochen. Dem Rodelschlitten hatte es nicht gepaßt, dast sie gar 8U übermütig war: er hatte sie an einer steilen Berglehne abge«
*) Besinnlich-H'itere Ersiehnngsgeschichten von Kindern und fröhlichem Jungvolk erzählt Paul Grv'g Münch in seinem „Qu« stige Len t che n" (Dürrsche Buchhandlung in Leipzig) mit feinem Verständnis für die Kinderseele und einem Humor, den man allen Gtziehern unserer Jugend wünschen möchte. „Laßt Sonne herein," vwhnt das Büchlein, „werdet wieder Kind mit Auren Kindern, sie werden's Auch danken."
wvrfen. Annemieke besuchte die kleine Patientin und erfuhr, dcch Lies auf Anraten des Arztes über acht Tage nach Berlin zurück» fahren solle.
Da kam ihr der schicksalsschwere Gedanke: Hei, wenn du der Gelegenheit deinen Eltern etwas von deinem üleberflusse mit» schicken könntest ,..! Der Gedanke war ihr nur flüchtig durch den Smn gehuscht, kehrte aber wieder und hatte es bald gar nicht mehr so eilig, davonzukommen....
Als ihr die Bäuerin heute den Gierkorb gab, hast sie in M Huynerstalle .abnehmen" gehe, hatte sie wieder allerhand Heber» legungen---an ihre fünf Geschwister dachte sie, die die ma
ger« Kost daheim, an BaterS Kriegswunde, an feine Arbeitslosigkeit, und sie sann immer nachdenklicher über das Päckchen nach, das sie als dn Drosam von ihrem Sommerreichtum der Lies mit« geben wollte. Sie streichelte tie Nestwärmen Gier, nahm eins nach dem anderen in die Hand und matte sich aus. was Mutier für Augen machen würde, wenn---nein, sie schob das freche
Godankengrsindel en schlos.en beiseite! Aber einmal in das Seelen* stubchen, wo man Pläne schmiede!, eingelassen, war das ©eftnM von erschreckender Dreistigkeit und zäher Beharrlichkeit... es zwang und schmeichelte Annemieke akkgemach auf den Wxrg, auf ben des Teufel das Mädel haben wslite.
Sie erntete heute siebzehn Gier und dachte, es sei wohl feine Todsünde, wenn sie die unschöne Siebzehn nach unten abrunde und eine glatte Bauernmandel daraus mache. Das größte Ei erklärte sie für überzählig und lieh es in ihre Tasche wandern. Sie nahm es am Abend mit In ihr Bett, den nächsten Morgen brachte sie es aus einem Bersteck in das andere und schaute es immer wieder an ... ja, wenn sie ihrer Mutter über acht Tage eine ganze Wandel solche Eier schicken könnte, eine ganze Mandel frische Dauern-Eier ...! Der Teufel sag.« ihr ganz leise vor:
„Oder ... gar ... zwei ...?"
Sie hatte im Laufe der nächsten Tage siebenundzwanzig ausgesucht grohe Gier heimlich beiseite gebracht, auf jeden ihrer Lieben daheim kämen also knapp vier Stück. Weil es in Gafteigers Einödhofe von Geflügel kribbelte und krabbelte, merkte die Bäuerin nichts von der Spitzbüberei. Sie hatte an dem braven, fleißigen und bescheidenen Mädel ihre helle Freude.
Da bei Tisch alle Tage von Gendarmenbesuch die Rede war, von Beschlagnahmungen, von den neuesten Verordnungen mit der gruseligen Aussicht auf „nicht unter fünf Jahre Gefängnis" und von derlei erschrecklichen Dingen, irrte Annemieke umher wie dn Kuckuck, der zuletzt selbst nicht mehr weist, in welche Rester er seine Eier versteckt hat.
Jeden Tag nahm sie sich ganz fest vor, die Gier zur Lies zu tragen, aber im letz en Augenblicke machte jedesmal das Gewissen seine Einwände und lähmte ihren Mut. Wenn sie mit ihrer Diebesbeute unterwegs dem Gendarm begegnen würde? Ihr siel wieder die furchtbare Drohung: „Richt unter fünf Jahre Gefängnis!" ein — sie wäre dann gerade sechzehn Jahre, wenn sie die Elter» wiedersähe ...
Planlos packte sie die Eier um unb um: aus dem Bett in den Schrank, aus dem Schrank in die Kommode und wieder inS Bett, unter das Bett, hinter das Bett und wuhte sich keinen Rat. Sie dache an die beiden übermütigen Gasteigerbuben: wenn die wieder einmal in ihr Zimmer kämen, wie gewöhnlich ihr Allotria trieben und alles auf Len Kopf stellten, dann würden sie sicher die Eier im dunkelsten Versteck aufstöbern — — ein Königreich für einen verschwiegenen Hamsterwinkel! Unter allen cklmständen mi st en die Eier aus ihrem Zimmer heraus, damit sie nachts wieder Schlaf fände. Die Bäuerin hatte sie schon einmal wehleidig am» geschaut, hatte ihre übernächtig bleichen Backen gestreichelt und gesagt, ihr läge gewih eine Grippe in den Gliedern! Ähr lagert aber nur die Eier in den Gliedern.
Endlich erleuchtete ein großer, ein rettender Gedanke ihre bekümmerte Seele: sie wollte die Gier unter dem Schnee verbergen! Denn es gebe keinen verschwieg eueren Diebessack in der Welt, als dieses- weihe Tuch! ’
In der Abenddämmerung schlich sie sich mit den Eiern in den Garten, und unter einem Birnbaum, der bis ans Knie in einer Schneewehe stand, verbarg sie ihren Schatz. Es war beinahe finster, nur der Wendelstein schauie ihr von ferne zu: der glüht« noch in rotem Glanze . Ihr war es, als mache sich der Riese heute noch oiel„ viel grötzer. Einen fegefeuerroten Spitz Helm batte er sich aufgesetzt und schaute gespenstisch zu ihr herüber ... Annemieke fürchtete sich vor dem Wendelstein.


