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Im Grunde genommen ärgerte ihn nicht so sehr der Verlust, als Last ihm dafür ein so schlechter Anzug hingehängt worden war. Qtor dem Weggehen faßte er ihn mit spitzen Fingern an und warf ihn in ein kleines Verlies, wo eigentlich nur Abfallumpen auf- bewahrt wurden, die ein alter Jude gelegentlich abholte. Er freute sich ihn los zu sein, und wollte den ganzen Abend nicht mehr an die Geschichte denken. Seine Gedanken wanderten zu der armen kleinen Frau, zu dem Kinde. Wie konnte Guschi sich doch so schlecht benehmen! And wieder mußte er an seinen Jugendfreund denken, an die Spiele, die sie ehemals gemeinsam gespielt hatten, an das Keidedorf, in dem sie lustig und froh gewesen waren. Die ganze Kindheit hatte für ihn einen goldnen Schein. Er dachte nicht oft an sie, weil er dazu keine Zeit hatte; aber wenn die Erinnerung einmal über ihn kam, dann vergoldete sie ihm alles. Auch Guschi, der im Grunde genommen niemals viel getaugt und den Bauern­fungen immer nur als Spielgefährten genommen hatte, wenn er sonst niemand anders fand.

Karrel war spät und müde aus dem Geschäft gekommen. Er hastig und ging dann lange spazieren. Wie kam es doch, daß Linchen gleich Guschi geheiratet hatte? Wie kam es doch, daß sie ihn so ganz vergessen zu haben schien? Er wurde so traurig, daß er endlich in eine Vierhalle ging, einige Seidel hinabstürzte und dann mit schweren Schritten seine Wohnung aufsuchte. Er war sonst immer mäßig und konnte nichts vertragen. Heute muhte er einmal trinken und seine Gedanken betäuben.

In seinem Zimmer angekvmmen, warf er sich aufs Dett und schlief gleich ein.

Dann fuhr er mit einem Schreck in die Höhe. Ts war heller Sag, und vor seinem Bett stand ein Schwarz gekleideter Mann, der ihn mit einem sonderbaren Lächeln betrachtete.

Haben Sie gestern nicht etwas verloren?" fragte er, und ehe Karrel sich auf eine Antwort besinnen konnte, legte er ihm seinen gestohlenen Rock auf die Bettdecke.

Hastig griff Karrel danachVielen Dank!" sagte er, noch Halb schlaftrunken.

Der andre aber lächelte noch mehr.Kleiden Sie sich an und folgen Sie mir!" sagte er dann in scharfem Sone. Als Karrel ihn fragend betrachtete, zeigte er ein Blechschild.Ich bin Kriminal­beamter und verhafte Sie hiermit!"

Was dann kam, war wie ein schrecklicher Traum. Karrel muhte sich ankleiden und mit dem Manne sahren, der auf keine Frage antwortete. Als beide in eine vor dem Hause haltende Droschke stiegen, stand eine kleine Menschenansammlung herum, die, als sie Karrel sah, in laute Verwünschungen ausbrach. Aber zwei Konstabler hielten sie zurück, sonst wäre sie bis an den Wagen gegangen, um Karrel zu mißhandeln.

Was war geschehen?" Wieder fragte Karrel, aber der Be­amte schüttelte nur den Kopf.Sie wissen's ja selbst, wir wollen nicht darüber sprechen!"

Die Sonne schien hell in den Straßen. Ein Strahl lieh einen blutroten Zettel aufleuchten, der an einer Hausecke hing.Sausend Mark Belohnung!" stand dort zu lesen, aber der Wagen fuhr so schnell daß Karrel nichts mehr sah. Er war auch noch immer wie betäubt, und sein Kopf schmerzte ihn.

Dann hielt der Wagen vorm Stadthause; der Beamte faßte Karrel fest ans Handgelenk und führte ihn in ein Zimmer, in dem «in Herr mit scharfem Gesicht un& funkelnden Augen saß.

Auf dem Sische lag ein vollständiger Anzug, und er mußte wieder sagen, daß er ihm gehöre. Er hatte Blutspritzen an ver­schiedenen Stellen; und dann kam's allmählich heraus, daß Karrel jemanden ermordet haben sollte. Als der junge Mann dies hörte, lachte er beinahe; aber der strenge Herr warf ihm einen vernichten­den Blick zu, und als der andre nur immer lächelnd den Kopf schüttelte, gab er einen halblauten Befehl.

Wieder mutzte Karrel in eine Droschke steigen, diesmal aber mit gebundenen Händen, und dann stand er plötzlich in Sante Ma- renkas Zimmer und sah sie tot in ihrem Blute vor dem offenen, Geldschrank liegen. Sie hatte ein verzerrtes Gesicht und zornig geballte Hände. "

Schulte, angesichts dieser Seien, deren Blut zum Himmel schreit, gestehen Sie, daß Sie sie ermordet haben!"

Es war der Antersuchungsrichter, der so mit ihm redete. Seine Kollegen nannten ihn denSiger", weil er aus den Verbrechern die Geständnisse herauspretzte und für die härtesten Strafen war. Er war nicht böse; nur ein wenig gefühllos war er geworden in dem langen Verkehr mit Verbrechern. Streng sprach er mit Karrel. Seine Schuld war erwiesen. In diesem mit Blut befleckten Anzug Hatte Karrel sein Eigentum erkannt, und dieser Anzug war heute morgen, in ein Bündel gerollt, an der Straßenecke gefunden wor­ben. Sante Marenka hatte viel Geld gehabt, und Karrel hatte es gewußt, weil er öfters die Bücher für die Gemordete geführt Hatte.

Ävch mehr redete der Herr, und Karrel verstand ihn nicht. Er sollte seine Sante, die Frau seines Onkels, ermordet haben? Das war ja unglaublich, und er wurde fast wütend, so daß ihn der Kon­stabler fest ans Handgelenk packen und ihm eine eiserne Fessel an- legen mutzte, sonst wäre er aus den Richter losgegangen. Mit erregter Stimme berichtete er, was er gestern getrieben und wo er j gewesen war. Immer im Geschäft, bis auf den Abend, und um

die Mittagszeit war ihm sein Anzug gestohlen worden. Aber die Herren hörten kaum auf ihn. Einer von den jungen Richtern zeigte ihm einen blutigen Hundertmarkschein. Der war gleichfalls in einer Tasche seines Rockes gefunden worden, und er trug die Rümmer von den Scheinen, die sich Frau Marenka in den letzten Sagen ausgeschrieben hatte.

And dann satz Karrel im Anterfuchungsgefängnis. In einem kahlen Zimmer, in dem es still war, in dem man keine Geräusche hörte und nur hin und wieder einen Schritt auf dem Korridor. Hier saß der Junge aus dem Heidedorf und sollte sich auf sein Verbrechen besinnen.

Besinnen ist das Beste beim Menschen!" erklärte der Wärter, der ihm nachher eine labbrige Suppe brachte.Gestehen Sie man gleich. Schulte, da haben Sie am wenigsten Last von! Gott, sie war ja wohl riesig geizig," setzte er hinzu.Ich hab' woll mal von itzr gehört. Aber solche Geschichten sollten Sie doch nicht machen, Schulte, bei uns in Hamburg kommt alles raus! Wir haben solche großartige Polizei!"

Sie redeten ihm alle zu, doch zu gestehen. Richt allein den Mord, sondern auch den Platz, auf dem er bas von Marenka ge­raubte Geld verwahrt hatte. Es mußten mehrere tausend Mark sein; und bei ihm war nichts gefunden worden. Aber er könnt« nur immer wieder den Kopf schütteln und versichern, daß er von nichts wisse. Da gingen die Frager viel unfreundlicher fort, als sie gekommen waren.

Allmählich erfuhr er auch, wie er den Mord begangen hatte. Abends um acht Ahr war er zu seiner Sante gekommen und nach einer Stunde wieder gegangen. Verschiedene Leute hatten ihn weg­gehen sehen, und wie gegen Morgen in der Wohnung der Hund so erbärmlich heulte und gar nicht still wurde, da war die Tür aufgebrvchen worden. Da hatte Frau Marenka Schulte tot in ihrem Bette gelegen und der Hund mit einer tiefen Wunde neben ihr. Er hatte seine Herrin wohl verteidigen wollen, und das Beil, mit dem Karrel die Fran getötet hatte, war gleichfalls auf das arme Sier niedergefallen. Aber er hatte es nicht ganz getötet; die Schätze des Geldschranks hatten den Mörder zu sehr beschäftigt. Eine große Summe mußte er genommen haben; wo war Karrel damit geblieben?

Wie konnten die Herren fragen! Karrel wurde schon müde, wenn einer von ihnen in seine Zelle kam. Arid sie kamen häufig; immer wieder wurde er gefragt, immer wieder sagte er dasselbe. Er wußte von nichts; sein Anzug war ihm gestohlen worden, bei Wolf & Schmidt, in seiner Kammer. Herr Schmidt hatte ihm schon ein wundervolles Zeugnis ausgestellt, aber von dem gestohlenen Anzug wußte er nichts, und die Zeugnisse der Kollegen waren widersprechend. Es war ein eiliger Sag gewesen, und niemand konnte sich auf Einzelheiten besinnen. Sie wußten nur alle, daß Herr Schulte recht verstört gewesen war, besonders in den letzten Sagen.

Das war das, was Karrel gelegentlich von der Außenwelt hörte. Im ü&rigen hatte sich seiner eine tiefe Mutlosigkeit bemäch­tigt. Als er einmal auf dem Gefängnishvse spazierte, drängte sich ein andrer Gefangener an ihn heran, um ihm zuzuflüstern, er sollte doch tun, als wäre er ein wenig verrückt. Dann würde er kaum bestraft werden. Es gab wirklich Menschen, die einen Mord, einen Diebstahl halb im Traum ausführten; nachher konnten sie sich dann nicht besinnen, was sie getan hatten. Die Aerzte schrieben gleich dicke Bücher über solchen interessanten Fall, und der Kranke denn er war krank und kein Mörder kam ins Irrenhaus.

Wer Karrel wollte nicht ins Irrenhaus. Er wollte seine Freiheit, er wollte seinen ehrlichen Ramen wieder. Es war Hoch­sommer geworden, und er satz noch in Antersuchungshast. Er hatte ja noch nicht gestanden, und das gestohlene Geld hatte er noch nicht herbeigeschafft. Also mußte er warten, bis das Gericht sich mit ihm beschäftigte. Einmal besuchte ihn feine Mutter. Sie legte einen Strauß aus Heideblumen vor ihn hin und fragte ihn traurig, ob er wirklich ein so schlimmes Verbrechen begangen habe. Sie konnte es nicht glauben. Sie war alt geworden, seitdem er sie ge­sehen hatte; viele Runzeln und weiße Haare waren zu ihr gekom­men, und ihr krummer Rücken trug schwer an ihrem Kummer.

Karrel hatte sich das Wiedersehen mit seiner Mutter.anders gedacht. Wenn er recht viel Geld verdient hatte, dann wollte er zu seinen Eltern kommen un& ihnen wunderschöne Geschenke bringen. Ab« das viele Geld hatte er noch nicht gehabt, und nun sprach sein Vater niemals mehr von ihm. Die Mutter aber, die so bange vor der großen Stadt und ihrem Geräusch war, hatte sich auf- gemacht und kam zu ihm ins Gefängnis.

And wie er sagte, daß er nichts von Tante Marenkas Mörder wisse, daß er unschuldig sei, da glaubte sie ihm und legte ihre ver­arbeitete Hand einen Augenblick auf seinen Kopf.

Er weinte, als sie gegangen war. Was hatte er doch ver­brochen, daß er so bestraft wurde? War er nicht immer fleißig und ehrlich gewesen? Hatte er jemals einem Menschen etwas zu­leide getan? And wie er sein Gesicht in die rote Erika drückte, da stand die Heide vor ihm auf, das stille Dorf. Gr chörte diq Bienen summender sah die hellen Landwege mit den tiefen Wagen­spuren darin. Würde er jemals wieder in ihnen wandern, oder gab es keine Gerechtigkeit mehr auf dieser Wett?

(Schluß folgt.)

Schrtttleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Vrübl'lchen Aviv.-Buch- und Steindruckerei, 2t. Lange, Dieben.