Giehener zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1924 Dienstag, den 2\. Oktober Kummer §6

sblumen,

Lenzlicher Herbst.

Von Robert Botz Hardt*).

Als sich das Herz voll tiefer Ahnung schon Vor Winters rost verschlossen, Da blauten aus dem weiten Himmelskelch Roch wundervolle traumverhangene Tage. Aus allen Wiesen lachten Frühling!'" Gelbe und weihe, wo der Blick sich senkte. Durch die entlaubten Bäume ging ein Dehnen, So srühlingsübervvll und schmerzenselig. Da muhte auch das arme Herz sich öffnen, Und alles was dereinst im Lenz erblühn Und auferstehen, lachen, weinen sollte, Brach auf an einem blauen Spätherbst morgen: Blühte, blühte seliger und wilder auf Als Frühlingsjauchzen weißer Dlütentage Die Seele schluchzte ihre Sehnsucht hin ... Das war ein Lenz, den Wunden ganz geweiht. Still starb er hin in einen weihen Mond.

Nebelgespräche.

Bon Carl Ferdinands**).

Mein Freund und ich hatten den schönen Herbstmorgen benutzt, in Godesberg unser Boot in den Rhein geschoben und waren strom­aufwärts gerudert. Man muhte ihn bewundern, wie er die Ruder führte, ruhig nnd sicher, strahlend von innerer Kraft. Wir sprachen wenig und liehen unsere Augen über das in allen Farben des Herbstes jubelnde Siebengebirge schweifen. Mein Begleiter, kurz nach Beendigung seiner Universitätsstudien schon ein führender Meister in seinem Fach, der glückliche Gatte einer stillen nordischen Schönheit, hatte diese paar Feiertage mit mir zusammen am Rhein verleben wollen, um alte Zeiten und Erinnerungen aufzufrischen. Wie sich die Berge und Täler vorbeischoben, hier ein Dorf, da ein fröhliches Gasthaus auftauchte, begannen unsere Rufe:Weiht du noch?"Erinnerst km dich noch?" und jeder Ruf erweckte heitere Bilder vergangener Tage: Studienfahrten, ein köstlicher, jetzt längst ausgetrunkener Jahrgang, Lippen, die küssen konnten.

Mein Freund ruderte scharf, er steuerte sichtbarlich nach einer bestimmten Stelle, der Rordspitze der Insel, Grafenwerth, dem Drachenfels gegenüber. Rhöndorf lag vor uns. Da begann, zugleich mit der wärmer auf das Wasser scheinenden Sonne, aus der Flut ein.leichter Dunst zu steigen, das fahle Blau der Morgenfrühe trübte sich, ein ganz leiser, regelmäßiger Wind trieb das Fluh­tal hinunter einen Watteweihen Dunst, der von Sekunde zu Se­kunde dichter wurde. Schon lagen die Westerwaldhöhen hinter

*) Der junge Schweizer, der hier zu Wort kommt, hat Proben einer tiefen, wunderbar ausgeglichenen Lyrik von stark verinner­lichter Raturbetrachtung und Raturerkenntnis und erstaunlicher Musikalität in Form und Rhythmus unter dem TitelSingen­der Brunnen" zu einem schönen Gedichtbande vereinigt, dem der Wolkenwanderer-Verlag in Leipzig in einer an- schmiegenden Farbenshmphonie von Grau und Grün ein stimmungs­volles Gewand gab. Die technische Ausstattung macht auch diesen schmalen Band wie alle Werke des Verlages zu einem Juwel für jeden Bücherfreund.

**)iXnfer geschätzter Mitarbeiter Carl Ferdinands feiert am 20. Oktober seinen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlasse möchten wir hier eine seiner kurzen, feingestimmten Erzählungen zum Ab­druck bringen. Ferdinands ist Bonner, als Schüler und Student seiner Vaterstadt hat er all die zarten und wuchtigen Bilder rheini­scher Landschaft in sich ausgenommen, die er nicht müde wird zu schildern. Wie sein berühmter Vorgänger, der Strubbelpeter-Hoff- mann, hat er sich die Jrrenheilkunde als Beruf gewählt, ist aber zugleich Verfasser zahlreicher bekannter Kinderlieber (Bilderbücher bei Hegel und Schade und Alfred Hahn) und Jugenderzählungen wieDie Psahlburg",Der Sieg des Hein Hammerfchlag",Die Höhlenbären", die meist hohe Auflagen erlebten. In seinen Erzäh­lungen für Erwachsene liebt er, der seit 25 Jahren Arzt der größten Berliner Anstalt ist, knappe Kürze und starke landschaftliche Stim­mung. Eines seiner LiederAlle Tage ist kein Sonntag" ist so sehr Volkslied geworden, dah fast niemand mehr weih, dah der Ver­fasser dieser herzhaften Strophen, an denen übrigens das Volk schon fleißig weiterdichtet, Carl Ferdinands ist.

einem grünen Schleier, schon war die Tiefe des Rhöndorfer Tales versunken, Licker kam es aus dem Fluh hoch, schnell wie eine Verwandlung auf offener Bühne. Run verbargen sich schon die Uferbäume, der steilaufgetürmte Lrachytklotz des Drachenfelsen ragte nur noch wie ein eintönig graues Ungetüm von wesenlosen Formen über den treibenden Dmrrpf. Als unser Kiel zwischen zwei Bühnen der Insel in dem angeschwemmten feinen Sand auf- lief, waren kaum noch die nächsten, gelb getönten Weiden zu sehen, so dicht, so überraschend schnell, so allmächtig hatte der Herbst- nebel alles verhüllt. Und wob uns nun ein in eine trauliche Stalle. Während wir mit Hilfe der Dootskissen uns Sitze errich­teten, kalte Küche und eine Flasche Oppenheimer Kehr auf ein Luch zum Frühstück ausbreiteten, begann das geheimnisvolle Leben des rheinischen Rebelmorgens. Wie es sich erllärt, weih ich nicht, aber Tatsache ist, dah an solchen Tagen die spiegelglatte Fläche Les Wassers den Schall wie mit einem Sprachrohr verstärkt und weiter trägt als sonst. Wer fein hören kann, wird sich wundern, wie er aus der weihen Wand hinaus, über den Rhein hin, Stim­men und 'Gespräche mit seltsamer Deutlichkeit vernimmt, die am anderen Ufer geführt werden. Jeder Laut, das Rattern eines Wagens, das Arbeiten von Fischern in ihrem Kahn, das Hämmern von Handwerkern am Ufer, wird, wenn es nur dicht über der Wasserfläche seinen Ursprung hat, an gewissen Tagen wie mit der Deutlichkeit eines Telephvnes weitergeleitet, und es hat einen bestrickenden Reiz, diesem Gewirr von. Hundebellen, melodischen Schifferrufen und allerhand anderen Alltagsllängen zu lauschen, die wie aus einer anderen Welt durch das stille ruhende Meer von milchweihem Rebel tönen.

So sahen wir auch diesmal und horchten, das Klopfen eines fleißigen Spechtes in den alten Weiden, die drüben am Honnefer Ufer hinter der grauen Dunstmauer Uferwacht halten, das Schnur­ren eines Autos, ein Schaf, Las unentwegt blökte. Und nun ein Hundebellen, nervös abgehackt, zwanzigmal hintereinander, dann als Schluh ein fast musikalisches Heulen, als wenn ein Hund ver­sucht, beim Geigenspiel mitzusingen. Mir war es weiter nicht auf­gefallen. aber mein Freund hatte einen andächtig rührenden Aus­druck bekommen und horchte auf Las Hundegebell wie auf ein ver­trautes Lied.

Hörst Lu, das ist der Stropp!"

Ich lachte:Willst du etwa behaupten, daß du dies Hundetiev an seinem Singsang erkennst?"

Ja, das 'will ich," sagte er, fast ernst.Ich bin nämlich mit voller Absicht an diese Stelle gefahren, um hier noch einmal, wenn auch nur in leisem Rachklang, die Stimmung meiner Aachtigallen- zeit zu genießen. Ich dachte, das wuhtest du, daß ich in meinem ersten Semester die schlanke Herrin dieses Bellens da drüben so liebte, wie man nur in der Rachtigallenzeit lieben kann."

Ich schüttelte mir leise mit dem Kopf, um anzudeuten, Latz ich nie etwas davon gehört hätte und um seine Erinnerung zu ehren.

Da fuhr er, nachdem wir den edlen Oppenheimer Kahr in Len Gläsern hatten klingen lassen, vvrsichttg, suchend, stockend für einen so sicheren Hochschullehrer, fort:Ramen sind- Land. Wir hatten uns auf einer der vielen, akademischen Veranstaltungen kennengelernt und schwärmten nun einen Sommer lang rheinische Schönheit an; ich war als Student ganz ungebunden, sie. als Lvchter eines wohlhabenden Hauses, in meinem Alter, dabei wohl auch etwas verschlagen und klug, wußte ihren Eltern tausend Aus­reden zu sagen, um mich zu treffen. Sie besah einen schmucken Kahn, Len sie allein zu führen Pflegte; ich, der ich schon vorher in Düsseldorf eifriger Ruderer gewesen war, mietete mich für den Rest des Semesters und die großen Ferien in Mehlem, auf dem linken Ufer, ihrem Besitztum gegenüber, ein. Wir hatten Lichtersignale, auch allerhand Zeichen für Len Tag, und oft kam es vor, Latz ich auf dem Balkon meiner Stube sah und über den Rhein schaute, in die Dunkelheit und in kHs Spiel der Lichter auf den Wellen und herzklvpfend wartete, bis* das Licht an dem bewußten Fenster viermal aufflammte; dann ging es unter dem Schutze der Rächt mit dem Kahn los und bald trafen sich, meist hier unter feen Weiden, die beiden Nachen und hielten Zwiesprache miteinander. Gott, und eigentlich so harmlos, so harmlos! Aber war nicht ein Kuh und ein glühendes Wort schon ein Glück für ganze Tagei Lieschen hatte, als ich vorschlug, bei ihren Eltern Besuch zu machen, fast zornig den dicken, blonden Zopf über die Schulter geworfen und* sich das verbeten; gerade, dah ich nicht bekannt sei. sei der Witz und der Späh der Sache, im Augenblick, da ich Besuch ge­macht hätte, sei alles vorbei. Schön, ich fügte mich, begann aber,