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Schriftleitung: 3. V.: Heinz Gorrenz. Druck und Verlag der Brübl'icken Univ.-Vuch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen,

rätselhaften Zusammenhang. Der Offizier beschrieb mir in hebens» würdiger Weise die Wohnung Jacobis«) und den ihr nächst­gelegenen Gasthof, meiner Erinnerung nachZum Prinzen von Oranien", wohin ich sogleich ging. ,

Das Herz schlug mir vor Freude, als ich bei ihm eintrat; viel neue Menschen lernte ich kennen: er war verheiratet, hatte Schwestern, Kinder, einen ehrwürdigen Vater bei sich alle waren mir unbekannt. Ich wurde vorgestellt und wie ein alter Bekannter und Familienangehöriger ausgenommen. Fräulein Fahlmer, meine einstige vielgeliebteJanette" und mein wür­diger und verehrter Freund, der Kanonikus^) wurden benach­richtigt, abends waren wir alle zusammen bei dem lieben Fritz Jacobi. . . Am nächsten Morgen besuchte ich die Galerie, wo mich der Direktor C r a he empfing. Oft war ich mittags sein Gast; aber die Stunden nach Tisch und die Abende gehörten meinen Freunden 3acobi. Ich besuchte den guten Kanonikus inPempel- f o r t* * * * 5 6) und verliest manchmal seinen ehrwürdigen Vater, um in der Stadt bei Fritz zu essen. (Wunderbare Abende! Verlebt im Schoße der Freundschaft! Vie werdet ihr meinem Gedächtnis ent­schwinden!) Das hatte seinen guten Grund: vor allem meine viel­geliebteJanette" Fahlmer und eine junge Gräfin von Aesselrode, eine äusterst liebenswürdige und hübsche Dame! Meine Aufgabe war es, die Damen nach dem Abendessen nach Hause zu geleiten . . . Der gute Kanonikus 3acobi, mein ver­trauter Freund, der alle meine Abenteuer kannte, predigte mir zuliebe am Sonntag in der Düsseldorfer Kirche und.wählte mit ein ganz klein wenig Bosheit zum Text seiner Predigt einen Vers des heiligen 3ohannes über dieLiebe". Diese Predigt wurde ge­druckt aber unslücklicherweise wurde das mir übersandte Exemplar im 3ahre 1793" die Beute derSansculottes", die mir mit roher? Gewalt viele Bücher und eine wertvolle Briefsammlung, dar­unter meine'gesamte Korrespondenz mit Fräu­lein Fahlmer, raubten, um Kartuschen daraus zu machen und meine Landsleute, die ihre Feinde waren, damit zu töten . . .

Frau Fahlmer vermochte sich nur noch mit größter Mühe zu bewegen; ich sah sie von Zeit zu Zeit in ihrem bequemen Lehnsessel, den sie nur mit dem Bett vertauschen konnte.

Sie hatte den Entschluß gefaßt und bereits Maßnahmen getroffen, sich in Frankfurt, ihrer Geburtsstadt, niede rzulassen, Und da dies auch meine Wegstrecke nach Zweibrücken war, bat sie mich, sie und ihre Tochter auf der Reise zu be­gleiten. 3ch versprach es ihr gern unter der Bedingung, daß die Abreise in acht Tagen stattfinden solle; wir mutzten jedoch noch zwölf Tage warten, bis wir den Reisewagen bestiegen. Wir fuhren mit der Post, die Hälfte zahlte ich. M war ein Trost für mich, einen Teil unserer reizenden Düsseldorfer Gesellschaft mit mir. zu nehmen. Mit Schmerz verliest ich meine Freunde, und Fräulein Fahlmer zerflvtz in Tränen, als sie ihnenLebe­wohl" sagte. In Köln machten wir Halt, too ich Zeit fand, den schönen Dom zu betrachten und das Bild des heiligen Petrus von Rubens, sowie durch einige Straßen zu gehen.

Dann gings nach Koblenz. Kaum waren wir angelangt, wünschte Fräulein Fahlmer stürmisch, das Abendessen bei Frau von La Roche«), ihrer Freundin, einzunehmen. Aber traurig sagte sie mir, daß ihre Mutter bereits in unserqm Gast- hvse in ihrem Lehnstuhl sitze und schwer anderswohin gebracht wer­den könnte. ,

Wenn Sie mich nicht auslachen", sagte ich ihr (bei aller Strenge nämlich und Gemessenheit lachte sie gern einmal), werde ich wohl ein Mittel finden, Ähre Mutter zu überreden, sogleich den Rhein zu überschreiten." Sie versprachs, ich ging einen Augenblick hinaus und im Wiederhereintreten sagte ich so beiläufig:Jetzt ist gerade keiner der Schiffer betrunken; da ists geraten, diesen günstigen Umstand zu benutzen, um über den Rhein zu fahren, damit man sich nicht der Gefahr aussetzt, zu ertrinken, wenn sich am Morgen die Leute mit Branntwein berauschen; denn alles Unglücksfälle bei solchen Ueberfahrten fanden immer morgens statt, nachdem die Schiffer gefrühstückt hatten; man ist außerdem auch in Ehrenbreitstein bester aufgehoben als in Koblenz, und ich hoffe, daß Sie es mir nicht Übelnehmen werden, wenn "ich be­reits jetzt Hinüberfähre und Sie morgen fiüh in Ehren breit­ste in erwarte."

s) Der Philosoph, Schriftsteller und Goethe-Vertraute Fritz

(Friedrich Heinrich) Jacobi, den Männlich gleichfalls im Gift» Hause, mit dem Jacobi durch Familie Fahlmer verwandt war, kennen gelernt hatte. (

i) Fritz Jacobis Bruder 3vhann Georg, bekannt als

Dichter, gestorben als älniversitätsprofessvr in Freiburg i. Br.

5) Durch die Jacobis berühmter Musensitz.

6) Jugendgeliebte Wielands, eng befreundet mit den Ja­cobis und vor allem mit Goethe selbst. Ihr Wohnsitz in Ehrenbreitstein war neben Pempelfort ein schöngeistiger Wallfahrtsort am Rhein. Am 9. Januar 1774 heiratete ihre Toch­ter MaximilianeHerrn H. Anton Brentano von Frank­furt". Maximilians (Maxe") ist mit Lotte Buff in Wetzlar als das Urbild der Wertherschen Lotte und als Mutter der Bet­tina bekannt.

Frau Fahlmer, die ihr Leben liebte, obwohl e8 den; einer Auster glich, machte große Augen bei meinen Ausführungen. Oh", sagte sie, wenn die Sache so steht, will auch ich sofort hin­über fahren."feien Sie doch so freundlich und bereiten Sie alles vor.

Unsere kleineLacherin" hatte während dieses Vorfalls das Zimmer verlassen. Ich ging jetzt auch hinaus, um den Wagen verladen zu lasten.

Indem wir dann, Johanna und ich von beiden Seiten Frau Fahlmer den Arm reichten, wagten wir nicht, uns anzusehen, aus Angst lvszulachen.

Eine halbe Stunde später saß die alte Dame wieder in einem großen Lehnsessel, diesmal aber in Ehrenbreitstein, und wir beide, Johanna und ich eilten zum Abendessen zu Frau von La Roche.

Ich wurde ihr und ihren niedlichen Töchtern vorgestellt, aus­gezeichnet ausgenommen und, nachdem sich die Damen unter vier Augen kurz ausgesprochen hatten, für einen bekehrungsreichen Sün­der erllärt und als solcher für würdig befunden, die Rolle eines Bruders Johannas zu spielen.

Linser Abendessen verlies heiter; die jungen Damen zeigten sich nicht minder liebenswürdig als ihre Mutter; Herr von La Roche war es, obwohl Staatsmann, nicht weniger kurz, der Abend war prächtig. ~ , ,,

Unter anderem sprach man viel von einerOrdensschwester , die besonders liebenswürdig sein und in Darmstadt wohnen sollte; und, da ich mich in Darmstadt aufzuhalten hatte, um der Landgräfin meine Aufwartung zu machen, versprach F r a u v v n L a R o ch e, mir die Bekanntschaft dieserSchwester" zu vermitteln, hob die Tafel auf, um ihr sogleich zu schreiben und befahl mir, den Brief eigenhändig zu übergeben.

Frau Fahlmer lag schon drei Stunden zu Bett, als wir in unseren Gasthof zurückkamen.

Am nächsten Tage, nachdem wir nicht ohne Mühe die schwere Dame in den Wagen gehoben hatten, stiegen Johanna und ich den Berg zu Fuß hinan, und vergnügten uns damit im Gehen Feldblumensträutzchen zu pflücken.

In Frankfurt empfing uns Herr Starks mit seiner ganzen Familie an der Haustüre.

Die Begrüßung zwischen Bruder und Schwester war sehr förm­lich; denn es war in den alten Reichsstädten Brauch, sich mit Frau Schwester" undHerr Bruder" anzureden. Die jungen Damen empfingen ihre Base herzlicher und wünschten sich auch ein solch elegantesAmazonenkleid", wie es Johanna auf der Verse trug. Sie wußten nicht recht, wo sie michhintun" und was sie von mir halten sollten, da ich doch eigentlich nicht ihrVetter war Sie nahmen mich jedoch sehr freundlich auf und richteten mir ein Zimmer, das ich unbedingt diese Rächt bewohnen sollte.

Mit Rücksicht auf das Abendessen hatten wir schon auf einen Besuch des Theaters verzichten müssen. Endlich nahte die Stunde des Abendessens. Aber bevor wir uns zu Tisch setzten, erschien Herr Stark in einer grau und schwarz gestreiften Jacke unfl einer weißen, einem Zuckerhut nicht unähnlichen Mütze, die mit einer blauen Quaste verziert war (und die man in Rücksicht auf die Gäste ganz frisch aus der Schublade geholt hatte!). Die ganze Familie stellte sich hinter seinen Sessel, und nach einem kurzen Stillschweigen hob der Familienvater seine Hand schräg (aus Angst seine schöne Mütze zu berühren oder gar zu zerdrücken!), ergriff die Mütze bei der Quaste, lüftete sie, hielt sie in die Hohe und, indem er die Finger seiner Linken ausstreckte, führte er nun M linke Hand senkrecht in die Höhe gerade zur Mttte der Mütze und durch ein weiteres ähnliches Manöver vereinigte er sie mit feiner Rechten. Dann sprach er mit lauter Stimme das Tischgebet, welches von seinen Töchtern der Reihe nach fortgesetzt wurde. Rachem er sich verbeugt und guten Appetit gewünscht hatte, setzte Hertz Stark seine schöne Mühe mit derselben Vorsicht wieder auf--

und endlich durften wir uns setzen.

Diese Zeremonie erinnerte mich an die Scherze meinerKame- toben in Rom. Und die lange und hagere Gestalt des Bruders neben seiner sehr starken Schwester, sowie die Manöver nut der zuckerhutartigen Mühe reizten mich derart zum Lachen, dav ich mir auf die Zunge beißen und mir wehtun mußte; vor altem aber mußte ich mich hüten, Johanna, die liebeLacherin , am zufehen, die ebenfalls einfach nicht mehrkonnte". Ich war do^ nicht ernst genug, auch zu sehr gewöhnt an die freieren franzosiicyen Manieren, um diese altmodische Einfalt Mitempfinden und achten zu können ... . . _

Ich bat, mich nach dem Essen verabschieden zu dürfen, um am nächsten Morgen bei meiner Abreise niemanden stören zu müllen, trotzdem war Alles auf den Beinen. Auch Johanna war am» gestanden; wir frühstückten noch zusammen und schieden betrübt, in­dem wir uns aber versprachen, uns regelmäßig zu schreibe: em Briefwechsel, der mehrere Jahre dauerte und nur durch em schwere Krankheit, die ich durchmachen mußte, unterbrochen wurde." . . .

i) Richtig geschrieben: Starck. Frau Fahlmer war eine ge» I borene Maria Starck. -