ein Läuterungsfeuer, eine Katharsis. Seine erlebtest« Poesie ist ein Geschöpf der Macht feines Gewissens. (Nimmt es dar Wille als Herrn in sich auf, dann leistet der Mensch nach Goethes Aus­spruch das Linmögliche:er unterscheidet, wählet und richtet". Es ist Ordnung und Gesetz seiner inneren Welt.

Wirst keine Regel da vermissen: Denn das selbständige Gewissen Ist Sonne deinem Sittentag.

Dies ruft er uns in seinem letzten bedeutendem 'Gedicht, dem Testament seiner Altersweisheii, demVermächtnis" (1770/75), zu. Aber bereits die Werke seiner großen Frühzeit (1770/75), di« Weitzlingentragödie im Götz, Clavigo, die Gretchentragööie im Faust, Stella, sie alle bezeugen, wie er schon damals Gerichtstag über sich selbst hielt. Reuig büßt er hier die Schuld, daß er einer Liebe, über der einmal der Glanz des Ewigen lag, ein Ende be­reitet hatte, in dem er feine Untreue beichtet und so alle Qualen lastenden Sündengefühls erneuert. Wie völlig klar schon der junge Goethe darüber war, daß allein die unerschütterliche Er­kenntnis der Verantwortung und der freie Entschluß zur Buße des Schuldigen Seele retten kann, enthüllt der Schluß der Kerker- szene im Faust (1775). Rach der Rächt irren Wahnes geht hier Sie Sonne edelster Sittlichkeit im Herzen des Naturkindes, das die Liebe zur Verbrecherin gemacht, auf. Keine Macht vermag, daß es sich der irdischen Strafe entziehe. Freiwillig nimmt es sie, um des ewigen Heiles willen, auf sich. Aber in diesen Jahren, da seine Seele ein Feuerwerk ohne Rast war, gelang es ihm »och nicht, zu sich selbst zu kommen, seine Ratur zu befrieden Und zu zähmen, die Grenzen der Menschheit und die Allmacht GlotteS anzuerkennen. Erst die Freiheit, die ihm Weimar schenkte, gab ihm die Kraft zur Unterordnung und Selbstbescheidung. Hier vollzog sich das Wunder der Wandlung, das größte, das der Mensch erleben kann, die Geburt des sittlichen und religiösen, des ehrfürchtigen Menschen: aber auch des Künstlers, der Form und Regel und Gestalt zu schätzen weiß. Im Leben wirkte beruhigend und mäßigend die Liebe einer edlen Frau auf ihn ein. Sie hat ihm den ersehnten Frieden 'und die Stille der Seele gebracht. Sn der Kunst erlag sein deutsches Herz der 'maßvollen Form­schönheit der Antike. Seine wisse nschaftliche Beschäftigung; mit der Ra tur belehrte ihn, wie auch in ihr das Gesetz wirk­sam sei, nichts durch Gewalt und älebereilung, alles durch eine langsame, geregelte Entwicklung entstehe. So fühlt sich Goethe jetzt nicht mehr bloß als Welt, sondern er rundet und formt sich nach diesen Vorbildern zu einer Welt. Vorüber war nun auch fein Gottesrausch und Gotteszwang, vorüber der Gmpörergeist, der sich, die Gottheit verachtend, auf sich selbst stellt. Demütig küßt er mm auch den letzten Saum ihres Kleides,Kindliche Schauer Treu in der Drust".Denn mit Göttern Soll sich nicht messen Srgendj ein Mensch." So verstand er sich dazu, die freie Seele 'einzu­schränken ; und Gott anzuerkennen, wo und wie er sich offenbare, erschien ihm jetzt als die eigentliche Seligkeit auf Erden. Bereits in der ersten Fassung derIphigenie" (1779) prägt er das Wort: »Folgsamkeit ist einer Seele schönste Freiheit." Der Held seines räigiösen Gedichtsdie Geheimnisse" (1784/85), der heilige Hu- manus, der Stifter eines neuen Christentums, hat in seiner Jugend alle Proben bestanden, auf die die Eltern feinen Gehorsam ge- ftellt:Gehorsam war ihr erst und letztes Wort." , Faustisches Aebermenschentum hat sich in reines Menschentum verwandelt. Die erste Urkunde dieser Umgestaltung istSphigenie", das Drama der Entsühnung von furchtbarster Sünde, der Betvahrung vor schwerer Schuld in der Stunde stärkster Versuchung. Beides wird geleistet durch der Heldin reines Menschentum. Sie heilt den von den entsetzlichsten Gewissensgualen aufgepeitschten Bruder, sie fin­det den heldischen Mut, der scheinbaren Rotwendigkeit der Be­fleckung durch Lug und Trug, selbst auf die Gefahr hin, sich und Die Ihren dem Verderben preiszugeben, siegreich zu widerstehen. Die Gewissensnot des verzweifelt mit dem Bösen ringenden Men­schen hat dem Dichter den seelischen Gehalt feines Werkes ver­mittelt. Es ist das Drama des kämpfenden und siegenden Ge­wissens. Hinter ihm steht, dem Dichter vielleicht unbewußt, der, welcher es wieder selbständig un& selbsttätig gemacht, der es als Quelle immer von neuem notwendiger Selbsterschaffung und Selbst- gestaltung erschlossen hat, Luther, der Ahnherr des deutschen Jdsa- lismus, er, der dem verwelschten, gewissenlos gewordenen Christen­tum neue sittliche Kraft verliehen hat. Angetan mit Lieser inneren Rüstung, wagte er es, den beiden Großmächten der Zeit. Papst und Kaiser, gegenüber sich zu behaupten, die doch taufend Mittel hat­ten, ihn zu zermalmen. Er konnte und wollte nichts widerrufen, weilwider das Gewissen zu handeln beschwerlich, unhellsam und gefährlich sei". So legt Iphigenie, nachdem sie im harten Streit den bösen Feind in sich Überwälttgt hat, ihr Leben, das des Bruders und des Freundes in des erzürnten Barbarenkönigs Hand: sie gesteht ihm die Wahrheit, um ihr wahres Sein und damit die innere Reinheit zu wahren. Wie ungeheuer schwer das Schuldgefühl auf dem so Überaus empfindlichen moralischen Sinn Goethes gelastet hat, verrät außer dem Orest die Gestalt des Harfners inWilhelm Meister". Sein Gewissen ist nur leidend, Nicht tätig. Ihm gelingt es darum nicht, noch Hilst ihm jemand dazu, die Rachegvttheit zu versöhnen. Sein Leben zerbricht so Unter der Wucht der Verschuldung, 'die ihm eine maßlose, frevel­hafte Leidenschaft aufgebürdet hat. Roch einmal hat das vchuld-

bewubtfein eine Dichtung geboren:die Wahlverwandtschaften" (1808/9). Roch einmal zieht er hier eine ungezügelte und gren­zenlose Liebesleidenschaft vor den Richterstuhl, und er übergibt als strenger Richter die Schuldigen dem Tod. Was sie gefehlt, war nicht wider die Ratur, aber gegen das Sittengesetz; und der Dichter, der die Ratur so hoch verehrte, der sie einmal iheilig und göttlich gesprochen hatte, erweist sich durchaus als Anwalt des Gebots der menschlichen Moral. Richt ohne weiteres darf der Mensch dem Trieb der Ratur folgen. Scheint sie auch die Menschen zueinander zu zwingen, sie dürfen sich trotzdem nicht miteinander verbinden, wenn dadurch ein bestehendes gesetzliches Band zerrissen würde; und ein solches ist die Ehe. Der Mensch darf sich nicht zum Sklaven seiner Ratur machen lassen,ilnd allein durch seine Sitte kann er frei und mächtig sein." Sv drückt Schiller diese Weisheit aus, der gleich dem Freunde es lernen, mußte, sich zu bändigen und zu bilden. Wir müssen die Kraft gewinnen, uns aus den Fesseln der Raturbedingtheit durch freie Entsagung zu lösen. Rur wenigen wird es gelingen, ein für alle­mal im ganzen zu verzichten; aber diese überzeugen sich daduftch von dem Ewigen, Rotwendigen, Gesetzlichen" und fühlen sich so in der Hand Gottes.Soviel kann ich Sie versichern", erklärt Goethe (1820) einem jungen Freund,daß ich mitten im Glück in einem anhaltenden Entsagen lebe und bei aller Mühe und Arbeit sehe, daß nicht mein Willie, sondern der einer höheres Macht geschieht, deren Gedanken nicht meine Gedanken sind." So war er bereit,sich einem Höheren, Reineren, Unbekannten aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben."Das war seine Frömmigkeit. Keine hohe Kunst ohne sie.Betrachten Sie, lautet ein Wort des Malers Cornelius,die italienische Kunst, der Verfall be­ginnt, wo die Maler aushören, Dante in sich zu tragen", d. h. von da ab, wo der retigtöfe Geist versagte. Die deutsche Ro­mantik hat die Frömmigkeit zur notwendigen Bedingung der Kunst gemacht.Genie? Wo ist es? Das ist eben die Frage. Auch das wildeste Wesen dieses Geschlechts muß fromm fein und einfältig wie ein Kind, wenn es allein ist und arbeitest." Also läßt Gott­fried Keller einen Künstler sich vernehmen, dem die Frommheit fehlt.

Viel Tiefes und Schönes ist aus Goethes geläutertem Men­schentum geflossen, dazu angetan und bestimmt, in uns die bessere Seele zu wecken.Das Publikum", klagt er einmal (1821),lernt es niemals begreifen, daß der wahre Poet doch eigentlich nur als verkappter Dußprediger das Verderbliche der Tat, das Gefähr­liche der Gesinnung an den Folgen nachzuweifen trachtet. Doch dieses zu gewahren, wird eine höhere Kultur erfordert, als sie gewöhnlich zu erwarten steht. Wer nicht seinen eigenen Beichtvater macht, tarn diese Art Bußpredigt nicht vernehmen."

Das Gewisien war es, was ihn dazu trieb, das Gewissen ist es. das ihn vernimmt und versteht. Sollte es je einmal in dieser! selbstischen und seelenlosen Menschenwelt wieder erwachen, so wird es in der Heimat von Luther und Kant, von Schiller und Goethe geschehen.

Wie Johanna Fahlmer nach Frankfurt kam. Aus dem ftanzösischen Texte der Lebenserinnerungen des So* Hann Christian v. Mannlid>*) übersetzt und eingeleitet vor»

Dr. Friedrich List,

Vorstand der Hessischen Hochschulbibliothek Darmstadt.

Wie Sohanna Fahlmer, die als Goethe-Verwandte alsbald Eingang zu Frau Aja fand, Freundin Cornelia! Goethes, CBertraute des Dichters und schließlich die Gattin von Cornelias Witwer Johann Georg Schlosser wurde, nach Frankfurt kam, schildert in lebendigster und launigster Weise der als Maler und Hosmann* 2) gleichbedeutende Münchener Ga­leriedirektor, ein Freund unserer Li st scheu Familie, der schwär­merische Verehrer seiner geliebtenSonette".

Er hatte sie einst in Mannheim, im Hause des Konsi* storialrates und ersten lutherischen Stadtpfarrers Karl Ben­jamin List, besten Mutter die Schwester von Sohannes Vater war, kennen gelernt; sogleich, schreibt er selbst,flog ihr mein Herz in aufrichtigster Rseigung zu".

Sm Jahre 1772 hielt sichMannlichin Holland auf.Meine Sehnsucht", trug er in seine Memoiren ein,nach Düsseldorf zu kommen, wuchs mit Verringerung der Entfernung; ich hielt mich daher in Utrecht, Cleve und Wesel, die ich weniger sehen als zur Rast benutzen wollte, weiter nicht auf. Vor den Toren Düsseldorfs angekommen, forschte man, tote üblich nach meinem Ramen. Der Offizier von Wache fragte dann, ob ich derjenige fei, der die Katakomben in Rom beschrieben habe. Da er mein Erstaunen merkte, sagte er mir, daß ihm Hauptmann von Dobel meine Beschreibung zu lesen gegeben habe. Da Dobel mit List und Familie Fahlmer verwandt war, verstand ich den zunächst

i) HandschriftCod. galt 617 der Bayer. Staatsbibliothek München.

2)Ein deutscher Maler und Hofmann. Lebenserinnerungerr des Soh. Christtan v. Männlich (17411822). Rach der fran­zösischen Originalhandschrift (stark gekürzt) herausgegeben Don Stollreither. 1910