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Hoepfner stand im 29. Lebensjahre, als der junge Goethe »der seine Schwelle trat. Neben seinen fachwissenschastlichen Stu- Äen beschäftigten ihn die griechischen und römischen Klassiker, er chwämrie wie Goethe für Homer und Ossian, trug mit Tränen 5er Rührung Klvpstvcks Messias vor und vertiefste sich in die französische und englische Literatur. Die Bibel, besonders die Evan- zelien, Psalmen und' Propheten wußte er fast auswendig, aber Die Goethe stand er sowohl den Rationalisten als den Pietisten und Dogmatikern fern. Bei so vielfachen Berührungspunkten und gemeinsamen Interessen war der Bund' inniger Freundschaft «wischen Goethe und Hvepsner schnell geschlossen. Die eifrige Tätigkeit für die Frankfurter Gelehrten-Anzeigen belebte den Verkehr zwischen Gießen und Frankfurt, hier und dort wurden Besuche gewechselt und so wenig Dokumente uns darüber erhalten sind, darf man ohne älebertreibung glauben, daß der Einfluß. Hoepfners auf den jungen Goethe weit bedeutender war, als gemeinhin angenommen wird. Hvepsner war seinem ganzen Wesen nach zu einem guten Gesellschafter angelegt und brachte es hierin zur Virtuosität, ja zur künstlerischen Vollendung. Klarheit des Denkens, urteilt Zimmermann, Beweglichkeit des geistreichen Kopfes, Kenntnisse, Witz und Gemütlichkeit fanden sich in ihm zusammen. W e n cf, der ihn aus jahrelangem persönlichem Verkehr kannte, schreibt: „Er besaß ein äußerst feines und reizbares Rervenshstem, das alle Eindrücke annahm, jede Erschütterung treulich wahrte und. fortpflanzte. Es war keine Art des Schönen, des Wahren, kein sanftes harmonisches Gefühl, es fand eine Saite bei ihm, die es anschlagen konnte. Ein lyrisches, aus dem Herzen gegriffenes Lied erhob ihn über sich, Goethes Iphigenie lockte ihm Tränen ab, Und selbst bei komischen Gegenständen gingen die Gestalten der Dinge so lebendig an ihm vorüber, daß ein Charakterstück, von ihm deklamiert, die Kunst des Schauspielers nur wenig vermissen lieh". Hedenfalls waren in der Eigenart seiner Erscheinung alle Qualitäten vereinigt, den jungen Goethe zu fesseln.
Die zwei ersten Jahrgänge der Franffurter Gelehrten-Anzeigen geben nach Goethes Bericht ein wundersames Zeugnis, wie rein die älebersicht, wie redlich der Wille der Mitarbeiter gewesen. „Der Zeitsinn lieb diese Männer nach einem Sinne wirken. Das Humane und Weltbürgerliche wird befördert: wackere und mit Recht berühmte Männer werden gegen Zudringlichkeit aller Art geschützt: man nimmt sich ihrer an gegen Feinde, besonders auch gegen Schüler, die das äleberlieferte nun zum Schaden ihrer Lehrer mißbrauchen. Ein unbedingtes Bestreben, alle Begrenzungen zu durchbrechen, ist bemerkbar". Hvepsner, im Grunds seines Wesens selbst Stürmer und Dränger, war mit Leib und Seele dabei, ein solches älnternehmen zu unterstützen. „Es freut mich", schreibt er am 18. Februar 1773 an Ricolai, „daß Sie mich in den Frankfurter Zeitungen erkannt haben. Freilich habe ich fast alle juristischen Rezensionen darin gemacht. Daß Herder die Hemd 'auch mit im Spiele gehabt hat, war wohl sehr sichtbar. Die anderen Rezensenten waren Merck, Goethe und Schlosser". älnd am 11. September 1773: „Goetz von Berlichrngen haben Sie doch schon gelesen? Ich wünschte, daß sie den Berfasser persönlich kennten, ein Mensch, der bei seinem wahren Genius den beste, gutherzigste, liebenswürdigste, Sterbliche ist. Auf seine und Mercks Freundschaft bin ich sehr stolz."
Das Goethejahrbuch vom Jahre 1887 veröffentlicht zum erstenmal e zwei interessante Briefe des jungen Goethe an Hvepsner. Der erste, ernt 7. April 1773 geschrieben, lautet:
„Ich danke Ihnen lieber Hvepsner für die Gestellgen. Di« Freude, die ich an den Köpfen habe, wird jetzo ganz, da Sie auf meinem Tisch ebenso stehn als auf ihrem Pult, da ich das erstemal hineintrat. Glauben Sie, daß mir Ihre Güte und Liebe unvergeßlich ist. Merck ist gestern hier durch; es tut mir weh, ihn so lang zu missen, älnsere Herren Erfurter hätten wohl Zeit gehabt, und auf Ostern hätten Sie kommen sollen; es war eine wun- bate zusammentreffung der Gestirne, ob Sie sich ganz behagt hätten, Weitz ich nicht, wenigstens waren wir alle nicht wie wir sollten. Sv viel Planeten in einem Zeichen thun nicht gut, und kommt dann noch ein Gegenschein dazu, so weiß kein Mensch vor böser Witterung, wo er den Kopf hinthun soll. Ihren Spinoza hat mir M. geben. Ich darf ihn doch ein wenig behalten? Ich will nur sehn, wie weit ich dem Menschen in seinen Schachten und Erdgängen nachkomme. Sie wissen doch, daß Herder noch in Darmstadt und an unsere Flachsland verheurathet ist. Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner in liebe.
Am 7. April 1773. Goethe".
Aus diesem Briefe erhellt die merkwürdige Tatsache, daß Eoethe Spinoza, dessen Philosophie seiner ganzen Weltanschauung die Direktive gab, durch Mercks Vermittlung zuerst von Hvepf- ner empfing. 3m persönlichen Verkehr haben die Freunde unzweifelhaft ihre Gedanken über den großen Philosophen ausge- taufcht. Indem sich Hoepf ner der kritischen Richtung seines Zeitalters näherte, nahm er die Stelle zwischen positivem Glau« ben and der Freiheit der Prüfung ein. Sein vertrauter Freund W e n a drückt sich darüber etwas unbestimmt aus: „Die Rellgivns- begeisterung seiner jüngeren Jahre wirkte, wiewohl von fältercr Prüfung geleitet, noch auf die späteren fort. Gr entzog sich den! öffentlichen Hebungen des Gottesdienstes nicht, schloß auch prak- rische, dorzügllch gut geschriebene Bücher von seiner Lektüre nicht rus. Das Schnitzeln und Mustern an eingeführten Religionsbe
griffen konnte er nicht leiden, am wenigsten an Geistlichen; doch ward er in späteren Jahren gegen prüfende, echt« Aufklärung immer toleranter; nur mußte sie nicht lärmen und Sturm laufen.. Erst in den letzten Zeiten, nachdem der Llntersuchungsgeist so laut geworden, sprach er in vertrauten Zirkeln wohl selbst von solchen Gegenständen freier, doch insgemein nur problematisch und hatte Labei wie je&er Lenkende Mensch seine Philosophemata, die er aber auch für weiter nichts ausgab. Do sah er noch jüngst für weise, sehr weise an, was Sokrates meinte, daß wir nach dem Tode entweder nicht sind, oder daß es uns wohl ist; eine Fortdauer, die nur der Strafe Raum schaffen soll, wußte er in seinem Jdeengang nicht unterzubringen."
Goethe beschreibt uns in „Dichtung und Wahrheit" den tiefen Eindruck, den die Lektüre Spinozas damals bei ihm hinterließ. Er fand eine Beruhigung seiner Leidenschaften, eine große freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt schien sich vor ihm aufzutun. Die grenzenlose älneigennützigkeit, die aus jedem Satze hervorleuchtete, fesselte ihn ganz besonders, und jenes wunderliche Wort: „Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe", mit allen Voraussetzungen und Konsequenzen, die daraus entspringen, erfüllte sein ganzes Nachdenken. Die alles ausgleichende Ruhe Spinozas kontrastierte mit seinem aufregenden Streben, seine mathematische Methode war das Widerspiel seiner poetischen Sinnes- und Darstellungsweise unöl jene geregelte Behandlungsart, die man sittlichen Gegenständen^ nicht angemessen finden wollte, machte ihn zu Spinozas leidenschaftlichem Schüler und LU seinem entschiedensten Verehrer.
Der zweite Brief, den Goethe im April 1774 an Hoepfner richtete, hat folgenden Wortlaut:
„Lieber Hvepsner, da schick ich euch einen Frankfurter, der ein braver Mensch ist, wie ihr ihm ansehn müßt. Er ist eures Dei- stanndes werth, und er bedarf sein. Ofura ttiCil er studieren, ich bitte euch, macht, daß er Geschmack daran'fjndt. Er hat viel Fleiß, viel Talente und dne gute Seele, seine häuslichen älmstände sind nicht die besten. Sprecht ihm Muth und Trost zu und — ich kenn euch und hab schon zuviel gesagt.
Merck ist fort. Ich treib ein unruhiges Leben und vergesse meine Freunde nicht. Ich dachte diese Messe als Autor dem geehrten Publico einen abermaligen Reverenz zu machen, ist aber in Brunne gefallen. Lebt wohl, und grüßt eure Liebe herzlichst.
Goethe."
Der junge Mann, den Goethe an Hvepsner empfahl, war Klinger, der Sturm- und Drang-Poet. Goethe gibt uns in „Dichtung und Wahrheit" eine eingehende Charakteristik des jungen Klinger. Sein vorteilhaftes Aeutzere, seine reine Gemütlichkeit, sein entschiedener Charakter führten ihn so günstig bei Hvepsner ein; daß dieser sich kurz entschloß, ihn ganz in seins Familie aufzunehmen.
Die Schläft, mit der Goethe in der Ostermesfe 1774 vor das Publikum treten wollte, war „das Fastnachtsspiel vom Pater Dreh."
(Schluß folgt.)
Gedanken über Goethes Menschentum.
Von Professor Dr. H. Collin.
Was den genialen Menschen von den anderen unterscheidet, ist, daß er in weit größerem und stärkerem Maße ursprüngliche Natur ist: empfangend und zeugend, schöpferisch, aber auch zerstörerisch, der zartesten und lieblichsten Regungen fähig und in wilden Ausbrüchen glühender Leidenschaft sich entladend; maßlos in seinem Begehren, schrankenlos in seinen Zielen; reich an| Wirklichkeit, reicher an Möglichkeiten, auch den furchtbarsten. Damit ist er vor die große Aufgabe gestellt, den ihm gegebenen Stoff seines Wesens so zu gestalten, daß er zur geordneten, mit sich selbst übereinstimmenden Welt wird. „Ich habe nie von einem Verbrechen gehört," bekennt Goethe, „das ich nicht auch hätte begehen können." Selbst ein so reines und frommes Frauenbild, wie es „die schöne Seele" im „Wilhelm Meister" ist, fühlt deutlich in seinem Herzen die Anlage, zu werden wie die entsetzlichsten Missetäter der Zeit; es sieht ein, welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen sich erzeugen und nähren könne, so eine höhere Kraft uns nicht bewahre. Leben und' Wirken hängen vor allem für den Genius daran, daß er die sittlich-religiösen Kräfte in seiner! so schwer gefährdeten Seele entfaltet und ausbildet. Ha, selbst die starke Reizbarkeit seines moralischen Sinnes kann ihm verderblich werden. Gerade aus dem Edelsten und Schönsten kann das Böse hervorbrechen: aus der Fülle der Liebe trinkt er sich Menschenhatz, die Kränkung eines allzu empfindlichen Rechtsge- sühls verleitet zu dem Gäwnken, das Recht durch Unrecht zu erzwingen; Gvttesdrang schlägt in Höllenzwang um. Dies ist der Fall, wenn der Richter im Inneren des Menschen, die Stimme des Gewissens, schweigt, wenn sie es nicht vermag, den Willen« ihrem Urteil zu unterstellen.
Man hat Goethe ob seiner Lebensfreude, feiner Liebe zur Natur, seines Bekenntnisses zum Diesseits einen Heiden genannt. Aber er war ein Heide mit einem christlichen Gewissen, mit einem tiefen Gefühl für seine Schuld. Seine Merke hat er Bruchstücks einer großen Beichte genannt. Die sind zugleich dn Selbstgericht. Dichten war auch für ihn eine Ausetnandersetzung mit sich selbst,


