Eichener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 192< Samstag, den 2\. Juni Nummer 26
Zur Gießener Goethe-Woche.
Goethe.
Don Werner Dock.
Ich noch dein Kind? Aach all den Sagen, Da da mir nar wie Sage klangst?
Darf ich mich wirklich zu dir wagen? Mich schüttelt niegekannte Angst.
So war ich mir noch nie verloren, Langst war mein Dasein ohne Mut. Da hast mich endlich neu geboren. Nun brenne ich in deiner Glut.
And alle Stunden rauschen wieder. Da mir dein Atem nahe schien.
Ich stammle meine ersten Lieder And liege vor dir auf den Knien.
And recke mich zu Sternenpfaden, Prometheus, Ganymed tote du, And flüchte mich von Gisgestaden In deiner Wälder Abendruh.
And winde deiner Liebsten Bänder And beb in deines Abschieds Qual And jag als Wandrer durch die Länder, Bin Baum und Fluh und Berg und Dal, Bin Faust und Tasfo, steh am Meere And suche dich und immer dich . . . Du füllst mich ganz mit süßer Schwere, Du knechtest und befreiest mich!
Goethe und Professor Hoepfner in Gießen.
Bon Alfred Dock.')
Am 18. August 1772, in der Frühe eines heiteren Sommer- tages, wanderte Goethe von Wetzlar über Garbenheim und Ahbach lahnaufwärts nach Gießen. Zwei Tage vorher hatte Lotte Duff, durch sein stürmisches Liebeswerben beunruhigt, das entscheidende Wort zu ihm gesprochen. „Am 16.“, meldet Kestners Tagebuch, „bekam Goethe von Lvttchen gepredigt, ste deklarierte ihm, daß er nichts als Freundschaft hoffen dürfe; er ward blaß! und sehr niedergeschlagen.“ Der unglückliche Liebhaber eilt bluten» den Herzens hinweg, aber seine elastische Aatur gewinnt schnell den Sieg über den nagenden Schmerz und vor den Toren 'der benachbarten Antteersitätsstadt beschließt er in Anwandlung einer tollen Laune, sich dem Professor Hoepfner als fahrendeq Dettelstudent vorzustellen. Aeber das erste Zusammentreffen Goethes mit Hoepfner existierten seither zwei Versionen: Goethes Bericht in „Dichtung und Wahrheit“ und Hoepfners Erzählung bei Karl Wagner in den Merck-Miesen. Eine dritte Version ist uns durch Obersteuerrat Hallwachs in Darmstadt überkommen, der aus dem Munde der Gattin Hoepfners den Vorfall folgendermaßen schildern hörte: „Eines Tages meldete sich ein junger Maim in vernachlässigter Kleidung und mit linkischer Haltung zum Besuche bei chvepfner mit dem Vorbringen an, er habe dringend mit dem Herrm Professor etwas zu sprechen. Hoepfner, obgleich damit beschäftigt, sich zum Gang in eine Vorlesung vorzubereiten. nabm den jungen Mann an. Die ganze Art und Weise, wie sich derselbe beim Eintreten und Plahnehmen anstellte, ließ Hoepfner vermuten, daß er es mit einem Studenten zu tun habe, der sich in Geldverlegenheiten befinde? In dieser Absicht wurde Hoepfner dadurch bestärkt, daß der junge Mann damit seine Unter» Haltung anfing, in ausführlicher Weise seine Familien- und Lebensverhältnisse zu schildern, und dabei von Zeit zu Zeit durch- blicken ließ, daß diele nicht die glänzendsten seien. Gedrängt durch die herannahende Kvllegstunde entschloß sich der Professor sehr
») Mit Erlaubnis des Verfassers geben wir hier gekürzt dessen Abhandlung „Goethe und Professor Hoepfner in Gießen“ wi^m: <ms Alfred Docks Buch .Aus einer kleinen Amversrtatsstadt.
bald, dem jungen Manne ohne weiteres eine Geld Unterstützung zufliehen zu lassen und damit zugleich der peinlichen Anterhab- tung ein Ende zu machen. Kaum gab er jedoch diese Absicht dadurch zu erkennen, daß er nach dem Geldbeutel,yi seiner Tasche suchte, so wendete der vermeintliche Dettelstudent das Gespräch wissenschaftlichen Fragen zu und entfernte sehr bald den Verdacht, daß er gekommen, um ein Geldgeschenk in Anspruch zu nehmen. Sobald der junge Mann bemerkte, daß der Herr Professor eine andere Ansicht von ihm gewonnen, nahm das Gespräch jedoch die alte Wendung und die Andeutung des Studenten, daß es schließlich doch auf das Verlangen nach einer Anterstützung abgesehen! sei, wurde immer verständlicher. Nachdem Hoepfner auf diese Weise ein und das andere mal sich in der Lage befunden chatte, dgm jungen Manne Geld anzubieten, und dann wieder davon abstehen zu müssen glaubte, entfernte sich der Student rasch und ließ den Herrn Professor voll Zweifel und Vermutung über diesen rätsel- halten Besuch zurück. Als Hoepfner am Abend desselben Tages, doch etwas später wie gewöhnlich in das Lokal trat, wo ifich die Professoren der Aniversität zu versammeln pflegten, fand er daselbst ein vollständiges Durcheinander. Die ganz besonders zahlreiche Gesellschaft war um einen einzigen Tisch herum gruppiert, teils sitzend, teil® stehend, ja einige der gelehrten Herren standen auf Stühlen und schauten über die Köpfe ihrer Kollegen in bett Kreis der Versammelten hinein, aus dessen Mitte die volle Stimm« eines Mannes hervordrang, der mit begeisterter Rede seine Zuhörer b ezauberte. Auf Hoepfners Frage, was da vergehe, wird ihm die Antwort: Goethe aus Metzlar sei schon seit einer Stunde' hier. Die Unterhaltung habe nach und nach sich so gestaltet,, daß Goethe fast allein nur spräche und alle verwundert und begeistert ihm zuhörten. Hoepfner, voll Mrlangen, den Dichter zusehen, besteigt einen Stuhl, schaut in den Kreis hinein und erblickt seinen Bettelstudenten zu einem Götterjüngling umgewandelt. Hoepfners Erstaunen läßt sich denken".
D ü n h e r läßt den Bericht Wagners ohne weiteres als Tatsache gelten, während Wilhelm Scherer sehr richttg bemerkt, daß sich die Hallwachssche Aeberlieferung, augenscheinlich ganz unabhängig von Goethes Erzählung, weil glaubwürdiger, derselben anfüge.
Fast gleichzeitig mit Goethe traf Merck von Darmstadt in Gießen ein. Die Edition der „Frankfurter Gelehrten-Anzeigen" war beschlossene Sache, und Hoepfner, auf,dessen Beistand die Herausgeber rechneten, sagte bereitwillig seine Mitarbeiterschaft zu. Bei einem lebhaften Austausch von Kenntnissen, Meinungen und Aeberzeugungen lernte Goethe Hoepfner näher kennen und gewann ihn lieb. Er besprach mit ihm mancherlei Gegenstände der Rechtswissenschaft und fand eine sehr natürlich zusammenhängende Aufklärung und Belehrung. Hoepfner ging auf seine Zweifel und Mdenken ein, glich manche Lücken aus, so daß in| Goethe der Wunsch entstand, längere Zeit in Gießen zu verweilen. Aber Merck, der sich durch das rohe Treiben der Gießener Studenten abgestoßen fühlte, arbeitete diesem Plane mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, entgegen. Die Aniversität befand sich allerdings in einer fürchterlichen Verfassung. „Alle gute Sitte, Ehrfurcht gegen Lehrer usw liegt völlig bei unseren Studenten darnieder" — schreibt Professor Büchner. „Schon seit dem Rektorat des Herrn Professor Schmidt florieren allhrer 4—8 Ordres in vpttma forma. Sogar ist einer dabei,, dessen Mitglieder sich Desperattsten nennen. Seit dem Februar dieses Jahres sollen, so wie alle Buben auf der Straße wissen (nur unser Mag- nifikus will nichts davon wissen) 104 Schlägereien vorgefallen sein. Am verflossenen Mittwoch haben sich auf einen Tag sechzehn geschlagen. Sin Franffurter Namens S . . . wurde in den Wanst getroffen und als tödlich verwundet von seinen Komplizen nach Butzbach transportiert. Zum Schein hat denn endlich Ser Herr Rektor eine Antersuchung angefangen. Durch die verfluchten Ordensverbindungen sind die Finanzen der Studenten so erschöpft, daß weder Dozent noch sonst irgend jemand einen Heller zu sehen bekommt, und Gott ist mein Zeuge, daß ich fast, seit einem Jahr für meine viele Mühe, da ich jetzo täglich lfünf Stunden lesen! muß, nicht mehr als sechsunddreißig Gulden Kolleggeld eingenommen Babe“.


