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Ich laufe in die Alpe hinab." sagte einer.

Ich trage die Fahne auf den Krebsstein, sagte ein anderer.

Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinabbringen, sv gut wir es vermögen und so gut uns Gatt helfe," sagte Philipp.

Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach abwärts ein, und der andre ging mit der Fahne durch den Schnee dahin.

Der Eschenjäger nahm das Mädchen bei der Hand, der Hirt Philipp den Knaben. Die andern halfen, wie sie konnten. So be­gann man den Weg. Er ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen sie die entgegengesetzte em, bald gingen sie abwärts, bald aufwärts. Immer ging es durch Schnee, und die Gegend blieb sich beständig gleich. Ueber sehr schiefe Flächen taten sie Steigeisen an die stütze und trugen die Kinder. Endlich nach langer Zeit hörten sie ein Glöcklein, das sanft und fein zu ihnen heraufkam und das erste Zeichen war, das ihnen die niederen Gegenden wieder zusandten. Sie mußten wirklich sehr tief herabgekommen sein; denn sie sahen ein Schnee­haupt recht hoch und recht blau über sich ragen. Das Glöcclein aber, das sie hörten, war das der Sideralpe, das gelautet wurde, weil dort die Zusammenkunft verabredet war. Da sie noch weiter kamen, hörten sie auch schwach in die stille Luft die Böllerschüsse herauf, die infolge der aufgesteckten Fahne abgefeuert wurden, und sahen dann in die Luft feine Rauchsäulen aufsteigen.

Da sie nach einer Weile über eine sanfte schiefe Fläche ab­gingen, erblickten sie die Sideralphütte. Sie gingen auf sie zu. In der Hütte brannte ein Feuer, die Mutter der Kinder war da, und mit einem furchtbaren Schrei sank sie in den Schnee zurück, als sie die Kinder mit dem Eschenjäger kommen sah.

Dann lief sie herzu, betrachtete sie überall, wollte ihnen zu essen geben, wollte sie wärmen, wollte sie in vorhandenes Heu legen; aber bald überzeugte sie sich, das) die Kinder durch die Freude stärker seien, als sie gedacht hatte, daß sie nur einiger warmer Speise bedurften, die sie bekamen, und daß sie nur ein wenig ausruhen muhten, was ihnen ebenfalls zu teil werden sollte.

Da nach einer Zeit der Ruhe wieder eine Gruppe Männer über die Schneefläche herabkam, während das Hüttenglöcklein immerfort läutete, liefen die Kinder selber mit den andern hinaus, um zu sehen, wer es sei: der Schuster war es, der einstige Alpen- steiger, mit Alpenstvck und Steigeisen, begleitet von seinen Freun­den und Kameraden.

Sebastian, da sind sie," schrie das Weib.

Er aber war stumm, zitterte und lief auf sie zu. Dann rührte er die Lippen, als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts, rih die Kinder an sich und hielt sie lange. Dann wandte er sich gegen fein Weib, schloß es an sich und rief:Sanna, Sanna!"

Rach einer Weile nahm er den Hut, der ihm in den Schnee gefallen war. auf. trat unter die Männer und wollte reden. Gr sagte aber nur:Rachbarn, Freunde, ich danke euch."

Da man noch gewartet hatte, bis die Kinder sich zur Beruhi­gung erbvlt hatten, sagte er:Wenn wir alle beisammen sind, sv können wir ht Gottes Rainen aufbrechen."

Es sind wohl noch nicht alle, sagte der Hirt Phil PP,aber die noch abgehen, wissen aus dem Rauche, daß wir dir Kinder haben, und sie werden schon nach Hause gehen, toeirn sie die Alp- hütte leer finden.

Man machte sich zum Aufbruche bereit.

Man war auf der Sideralphütte nicht gar weit von Gschaid entfernt, aus dessen Fenstern man im Sommer recht gut die gilne Matte sehen konnte, auf der die graue te mit dem kleinen Glvckentürmlein stand: aber es war unterhalb eine fälschte Wand, die viele Klafter hoch hinabging, und auf der man im Sommer nur mit Steigeisen, im Winter gar nicht hrnabkoinmen konnte. Man mußte daher den Hmtoeg zum Halse machen, um von der älnglückssaule aus nach Geschaid hinabzukommen. Auf dem Wege gelangte man über die Siderwiefe, die noch näher an Gschaid ist, so daß man die Fenster des Dörfleins zu erblicken meinte.

Als man über diese Wiese ging, tönte hell und deutlich das Glöcklein der Gschaider Kirche herauf, die Wandlung des hei­ligen Hochamtes verkündend.

Der Pfarrer hatte wegen der allgemeinen Bewegung, die am Morgen in Gschaid war, die Abhaltung des Hochamts ver­schoben, da er dachte, daß die Kinder zum Vorscheine kommen würden. Allein endlich, da noch immer keine Rachricht ein traf, muhte die heilige Handlung auch vollzogen werden.

Als das Wandlungsglöcklein tönte, sanken alle, die über die Siderwiefe gingen, auf die Knie in den Schnee und beteten. Als der Klang des Glöckleins aus war, standen sie auf und gingen weiter.

Der Schuster trug meistens das Mädchen und ließ sich von ihr alles erzählen.

Als sie schon gegen den Wald des Halses kamen, trafen sie Spuren, von denen der Schuster sagte:Das sind keine Fuhstapfen von Schuhen meiner Arbeit.

Die Sache klärte sich bald auf. Wahrscheinlich durch die vielen Stimmen, die auf dem Platze tonten, angelockt, kam wieder eine Abteilung Männer auf die Herabgehenden zu. Es war der auS Angst aschenhaft entfärbte Färber, der an der Spitze seiner Knechte, seiner Gesellen und mehrerer Millsdorser bergab kam.

Sie find über das Gletschereis und über die Schründe gegan­gen, ohne es zu wissen," rief der Schuster seinem Schwiegen« Vater zu.

Da sind sie ja, da sind sie ja, Gott fei Dank, antwortet«! der Färber,ich weiß es schon, daß sie oben waren, als dein Bote in der Rächt zu uns kam, und wir mit Lichtern den ganzen Wald durchsucht und nichts gefunden hatten, und als dann das Morgengrauen anlrach. bemerfte ich an dem Wege, der von bejj roten .Unglückssäule links gegen den Schneeberg hinanführt, daß dort, wo man eben von der Säule weggeht, hin und wieder meh­rere Reiserchen und Rütchen geknickt sind, wie Kinder gerne tun, wo sie eines Weges gehn, da wußte ich es, die Richtung ließ |ic nicht mehr aus, weil sie in der Höhlung gingen, weil sie zwischen den Felsen gingen und weil sie dann aus dem Grat gingen, der rechts und links so steil ist, daß sie nicht hinabkommen tonntem Sie mußten hinauf. Ich schickte nach dieser Beobachtung gleich nach Gschaid, aber der Holzknecht Michael, der hinüberging, sagte bei der Rückkunft, da er uns fast am Eise oben traf, daß ihr sie schon habet, weshalb wir wieder heruntergingen.

3a," sagte Michael,ich habe es gesagt, weil die rote Fahne schon auf dem Krebssteine steckt, und die Gschaider dteses als Zeichen erkannten, das verabredet worden war. Ich sagte euch, daß auf diesem Wege da alle herabgehen müssen, weil man über die Wand nicht gehen kann.

Und knie nieder und danke Gott auf den Knien, mein Schwiegersohn, fuhr der Färber fort,daß kein Wind gegangen ist. Hundert Jahre werden wieder vergehen, daß em so wunder­barer Schneefall niederfällt, und daß er gerade niederfallt, wie nasse Schnüre von einer Stange hängen. Wäre ein Wind gegan­gen, so wären die Kinder verloren gewesen.

3a, danken wir Gott, danken wir Gott, sagte der Schufte^ Der Färber, der seit der Ehe seiner Tochter nie in Gschaid gewesen war, beschloß, die Leute nach Gschaid zu begleiten.

Da man schon gegen die rote Unglückssäule zu kam, wo der Holzweg begann, wartete ein Schlitten, den der Schuster auf alw Fälle dahin bestellt hatte. Man tat die Mutter und die Kinder hinein, versah sie hinreichend mit Decken und Pelzen, die tm Schlitten waren, und ließ sie nach Gschaid vorausfahren.

Die andern folgten und kamen am Rachmittage m Gschaid an.

Die, welche noch auf dem Berge gewesen waren uiu> erst durch den Rauch das Rückzugszeichen erfahren hatten, sanden sich auch nach und nach ein. Der letzte, welcher erst am Abende kam, war der Sohn des Hirten Philipp, der die rote Fahne auf Den Krebsstein getragen und sie dort aufgepslanzt hatte.

3n Gschaid wartete die Großmutter, welche herubergefahren war.

Rie, nie," tief sie aus.Dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im Winter über den Hals gehen.

Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett -ge­bracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Rachbarn und Freunde sich in der Stube emgefunDen hatten und dort von dem Ereignisse redeten, Die Mutter aber tu der Kammer an dem Bettchen Sannas sah und sie streichelte, sagte das Mädchen:Mutter, ich habe heute nacht, als wir auf dem Berge saßen, Den heiligen Christ gesehen. . .

O, du mein geduldiges, Du mein liebes, Du mein herziges Kind, antwortete Die Mutter,er hat dir auch Gaben gesendet, Die du bald bekommen wirst.

Die Schachteln waren ausgepackt worden, die Lichter waren angezündet, Die Tür in Die Stube wurde geöffnet, und Die Kinder sahen von Dem Bette auf den verspäteten, hell leuchtenden, freund­lichen Christbaum hinaus. Trotz Der Erschöpfung mußte man sie noch ein wenig ankleiden, daß sie hinausgingen, Die Gaben empfin­gen, bewunDerten unD endlich mit ihnen einschliefen.

3n Dem Wirtshause in Gschaid war es an diesem Abende lebhafter als je. Alle die nicht in Der Kirche gewesen waren, waren jetzt dort, und die andern auch. 3eDer erzählte, was er ge­sehen und gehört, was er getan, was er geraten und was für Vegegnisse und Gefahren er erlebt hatte. Besonders aber wurde hervorgehoben, wie man alles hätte anders und besser machen können.

Das Ereignis hat einen Abschnitt in Die Geschichte von Gschaid gebracht, und es hat auf lange den Stoff zu Gesprächen gegeben, und man wird noch nach 3ahren davon reden, wenn man den Berg an heitern Tagen besonders Deutlich sieht, ob*.*" wenn man Den Fremden von seinen Merkwürdigkeiten erzählt.

Die Kinder waren von Dem Tage an erst recht Das (Eigentum des Dorfes geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige, sondern als Eingeborene betrachtet, Die man sich von Dem Berge herabgehvlt hatte.

Auch ihre Mutter Sanna war nun eine Eingeborene von Gschaid.

Die Kinder aber werden Den Berg nicht vergessen unb wer­den ihn jetzt noch viel ernster betrachten, wenn sie in dein Gartens find, wenn wie in Der Vergangenheit die Sonne sehr schön scheint, der Lindenbaum duftet, die Bienen summen unb er so schön und fo blau tote das sanfte Firmament auf sie herniederschaut.

Schriftleitung: Dr. Fri-dr. Wilh. Lange. Druck und Verlag Der Brühl'schen ölniv-Ruch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,

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