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zufrieden, als ich spür« allem mit den glücklichen Eltern im Eßzimmer beim Abendessen sah. Die Köchin hatte aller­dings in der Aufregung die Karpfen nicht gar gekocht und den Fasan verbraten, aber es fehlte uns allen ohnehin am rechten Appetit.

Diese Familienfeierlichkeiten gehen doch höllisch auf die Nerven,' wie Heinz Hansemann richtig bemerkte.

Frau Anna wurde dann bald abgerufen. Die Zwillinge wollten sich nicht abseifen lassen, das Jüngste konnte nicht einschlafen, und der Backfisch klagte über Magenschmerzen.

Nachher sah ich dann mit Heinz Hansemann und einer guten Flasche Aheinwein noch ein Weilchen allein im Weih- nachtszimmer, das den Eindruck eines Schlachtfeldes nach der Schlacht machte. Als trauernde Walküren schwebten die Engel darüber.

Wir waren zu müde, um noch viel zu reden. Aber mir war durchaus glücklich und edelgesinnt zumute. Och gönnte Heinz Hansemann alles: die gesunde Frau, die prächtigen Kinder, ich wünschte ihm nur die nötige Gesundheit und Nervenkraft, um all sein Glück so weitergeniehen zu können.

Als ich dann durch den schneehellen, stillen Abend heim­ging, dachte ich an jene anders Nacht, die sich in wunder­volle ©title mit Sternenglanz und Eng^lsgesang über den Hirten auf dem Felde und dem Kindlein in der Krippe eingeprägt hat. Was haben die Menschen von heute aus ihrem schönsten Erinnerungstraum gemacht o stille Nacht, heilige Nacht! E. Prieß-Lübeck.

Der Weihnachtsabend.

Von Adalbert Stifter.

(Schluß.)

Sn diesem Augenblicke ging die Sonne auf.

Eine riesengroße, blutrote Scheibe erhob sich an dem Schnee­saume in den Himmel, und in dem Augenblicke errötete der Schnee um die Kinder, als wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden. Die Kuppen und die Hörner warfen sehr lange grün­liche Schatten längs des Schnees.

Sanna, wir werden jetzt da weiter vorwärts gehen, bis wir an den Rand des Berges kommen, und hinuntersehen," sagte der Knabe.

Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der hei­teren Nacht noch trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen. Allein sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male wieder der Himmel.

Sie gingen desohngeachtet fort.

Da kamen sie wieder in das Gis. Sie wußten nicht, wie das Eis dahergekommen sei. aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden und waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer wie an jenem Rande, an dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, das; sie aufglattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich näher an sie drängten und wieder zu klettern zwangen.

Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.

Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Gis war gedrängt, gequollen, empvrgehvben, gleichsam als schöbe es sich nach vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. Sn dem Weih sahen sie unzählige vorwärtsgehende, geschlängelte blaue Linien. Zwi­schen jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinander­geschmettert starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weih und waren Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand oder die Stücke doch nicht gar so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch einen Teil des Eises über­schreiten wollten, um an den Dergrand zu gelangen und endlich einmal hinunter zu sehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauten Eis. Wo sie hinüber gelangen wollten, wurde es gleichsam immer breiter und breiter. Da schlugen sie, ihre Richtung aufgebend, den Rückweg ein. Wo sie nicht gehen konnten, griffen sie sich durch die Mengen des Schnees hindurch, der oft dicht vor ihrem Auge wegbrach und den blauen Streifen einer Eisspalte zeigte, wo doch früher alles weih gewesen war; sie aber kümmerten sich nicht darum, sie arbeiteten sich fort, bis sie wieder irgendwo aus dem Eise herauSkamen.

Sanna," sagte der Knabe,wir werden gar nicht mehr in das EiS hineingehen, weil wir in demselben nicht fortkommen. Lind weil wir schon in unser Tal gar nicht hinabsehen können, so werden wir gerade über den Berg hinabgehen. Wir müssen in ein Tal kommen, dort werden wir den Leuten sagen, dah wir aus Gschaid sind, die werden unS einen Wegweiser nach Hause mitgeben."

Sa, Konrad," sagte bas Mädchen.

Do Begannen sie nun in dem Schnee nach jener Richtung abwärts zu gehen, welche sich ihnen darbot. Der Knabe führte das Mädchen an der Hand. Allein nachdem sie eine Weile ab­wärts gegangen waren, hörte in dieser Richtung das Gehänge auf. und der Schnee stieg empor. Also änderten die Kinder ölet Richtung und gingen nach der Länge einer Mulde hinab. Aber da fanden sie wieder Eis. Sie stiegen also an der Seite der Mulde ^npvr, um nach einer andern Richtung ein Abwärts zu suchen. Es führte sie eine Fläche hinab, allein die wurde nach und nach steil, dah sie kaum noch einen Fuh einsetzen konnten und ab­wärts zu gleiten fürchteten. Sie klommen also wieder empor, um tole&er einen andern Weg nach abwärts zu suchen. Nachdem sie lange im Schnee empvrgeklommen und dann auf einem ebe­nen Rücken fortgelaufen waren, war es wie früher: entweder ging der Schnee so steil ab, dah sie gestürzt wären, oder er stieg wieder hinan, dah sie auf den Berggipfel zu kommen fürchteten. Lind so ging es immer fort.

Da wollten sie die Richtung suchen, in der sie gekommen waren, und zur roten Unglückssäule hinabgehen. Weil es nicht schneit, und der Himmel so helle ist, so würden sie, dachte der Knabe, die Stelle schon erkennen, wo die Säule sein solle, und würden von dort nach Gschaid hinabgehen können.

Der Knabe sagte diesen Gedanken dem Schwesterchen, und diese folgte.

Allein auch der Weg auf den Hals hinab war nicht zu finden.

So klar die Sonne schien, so schön die Schneehöhen dastanden und die Schneefelder dalagen, so konnten sie doch die Gegenden nicht erkennen, durch die sie gestern heraufgegangen waren. Ge­stern war alles durch den fürchterlichen Schneefall verhängt ge­wesen. dah sie kaum einige Schritte von sich gesehen hatten, und da war alles ein einziges Weih und Grau durcheinander gewesen. Nur die Felsen hatten sie gesehen, an denen und zwischen denen! sie gegangen waren: allein auch heute hatten sie bereits viel« Felsen gesehen, die alle den nämlichen Anschein gehabt hatten wie die gestern gesehenen. Heute liehen sie frische Spuren in dem Schnee zurück; aber gestern sind alle Spuren von dem fallenden Schnee verdeckt worden. Auch aus dem bloßen Anblick konnten sie nicht erraten, welche Gegend auf den Hals führe, da alle Gegenden gleich waren. Schnee, lauter Schnee. Sie gingen aber doch immer fort und meinten es zu erringen. Sie wichen den steilen Abstürzen aus und kletterten keine steilen Anhöhen hinauf.

Auch heute blieben sie öfter stehen, um zu horchen; aber sie vernahmen auch heute nichts, nicht den geringsten Laut. Zu sehen war auch nichts als der Schnee, der helle, weiße Schnee, aus dem hie und da die schwarzen Hörner und die schwarzen Steinrippen emporstanden.

Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen, schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Seht sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. ©;e blieben stehen und blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher! Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft schwach, sehr schwach etwas tote einen lange anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Snstinkt schrien beide Kinder laut. Nach einer Zeit horten sie den Tmr wieder. Sie schrien wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Weile erkannten sie auch das Feuer. Er war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwun­gen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kin­der antworteten.

Sanna," rief der Knabe,da kommen Leute aus Gschaid, ich kenne die Fahne, es ist ö|ie rote Fahne, welche der fremde Herr, der mit dem jungen Eschenjäger den Gars bestiegen hatte, auf dem Gipfel aufpflanzte, dah sie der Herr Pfarrer mit dem Fern­rohre sähe, was als Zeichen gälte, daß sie oben seien, und welche Fahne damals der fremde Herr dem Herrn Pfarrer geschenkt hat. Du warst noch ein recht kleines Kind."

Sa, Konrad."

Nach einer Zeit sahen die Kinder auch die Menschen, die bei der Fahne waren, kleine schwarze Stellen, die sich zu bewegen! schienen. Der Ruf des Hornes wiederholte sich von Zeit zu Zeit und kam immer näher. Die Kinder antworteten jedesmal.

Endlich sahen sie über den Schneeabhang gegen sich her meh­rere Männer mit ihren Stöcken herabfahren, die die Fahne in ihrer Mitte hatten. Da sie näher kamen, ernannten sie dieselben. Es war der Hirt Philipp mit dem Horne, seine zwei Söhne, dann der junge Eschenjäger und mehrere Bewohner von Gschaid.

Gebenedeit sei Gott," schrie Philipp,da seid ihr ja. Der ganze Berg ist voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sider- alpe hinab und läute die Glocke, daß die dort hören, daß wir sie gefunden haben, und einer muß auf den Krebsstein gehen! und die Fahne dort aufpflanzen, daß sie dieselbe in dem Tale« sehen, und die Böller abschießen, damit die es wissen, die im Millsdorfer Walde suchen, und damit sie in Gschaid die Rauch­feuer anzünden, die in der Luft gesehen werden, und alle, die noch auf dem Berge sind, tn die Sideralpe hinab bedeute DaS Weihnachten!"