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tn den „Riemen" zurück, worauf dann ein Verföhnungsfefl gefeiert wurde.
Doch nun zurück zum alten „Lotz". Auf wenigen Stufen einer Freitreppe gelangt der Besucher über einen schmalen Gang in den groben Wirtsraum. Zur Linken, deren Fenster nach dem Seltersweg zu liegen, standen einst zwei mit eingeschnittsmm Damen übersäte Kneiptische der „Teutonen" und „Hessen", während die „Starkenburger" ein kleineres, nach dem alten Spital zu gelegenes Zimmer innehatten. Wieviel „Dierjungen" sind dort „ausgemacht", wie viele Salamander gerieben, wie viele Schoppen cm^eknobelt und wie viele „Bruderschaften" (Schmollis) sind dort getrunken worden.
Einstens wurde dort nicht so genau gerechnet, als noch der alte Theodor Lotz, der ein richtiger. Studentenväter war, in Würden! seines Housherrn-Amtes waltete. Er kreidete nicht lange an, sondern behielt alles im Kopfe. Hatte aber weder der bierehrliche Studio noch er selbst richtig cmfgepaßt, und die Zahl der genossenen Schoppen in der Hitze des Gefechtes vergessen, so wurde der Schuldner einfach taxiert. „Geh einmal auf dem Strich," — sprach Theodor Lotz —er duzte ganz selbstverständlich jeden Studenten — der Studio mußte auf den Zwischenraum zweier weiß gescheuerten, mit Wiesecker Sand bestreuten Dielen gehen und von seinem mehr oder minder starken Schwanken hing die Anzahl der zu zahlenden „Dippchen" ab. Es hätte in Gießen keinen Studio gegeben, der sich nicht Theodor Lotzens salomonischem .Urteil willig unterworfen hätte.
Der lange Tisch an der Wand, der der Diertheke am nächsten Pond, heißt noch heute der Lügentisch, während ein weiterer ovaler jh-isch vor der Theke des Abends den „zwölf Aposteln", älteren rmgesehenen Gießener Handwerksmeistern und Kaufleuten als Wersanrmlungsstätte diente. Sie ehrwürdigen alten Herren der guten alten Zeit sprachen und tranken wenig. Sie waren stille Beobachter des Treibens um sie her, mit dein die des öfteren durchaus nicht einverstanden zu sein schienen. Bon Zeit zu Zeit tranken sie einen Schluck und lächelten dabei. Dazu wurde zwischendurch aus alten Zeiten erzählt. Unter den „zwölf Aposteln" Herrschte vollkommene Harmonie.
Anders ging es am Lügentische her. Am Kopfende des Tisches Hängt heute noch das große Oelbild des Schusters Kaspar Huhn, des' einstigen häufigsten Besuchers des „Loh". Er versäumte niemals einen Früh- oder Abendschoppen und bildete als „Früh-» stücksmeister" und „Profitmacher" den Mittelpunkt der Slamm- tischgesellschaft, die sich später „Lügentisch" benamste. Der Lägen- tisch war auch die Stätte, an der Gießens „ewiger Student", Christian Dusch, dem „Pfeifenklub" präsidierte. Zweimal in der Woche versammelten sich unter seinem gestrengen Kommando seine Mitglieder. Geraucht wurde nur aus kurzen Pfeisen mit Zi/s Millimeter Bohrung. Wehe dem, der eine andere „Peif" mitbrachte, sie wurde voii Christian unweigerlich verworfen und wanderte, wenn Christian besonders böse war, durchs Fenster auf den Spitalhof- gcmg hinaus, zur Freude des alten Spitalverwalters. Besonders beliebt waren die Pfeifen aus grünem Porzellan, „Grüne- schokolad" genannt, und besah einer gar eine „Hörnchespeif", d. h eine Pfeife mit Rehkrone, so stieg er ganz besonders in Christians Achtung. Der Pfeifenfabrikant Sch in der Marktstrahe, dessen bester Kunde Christian war, trug seinen Spezialwünschen weitgehend Rechnung. Ein anderer Tabak als das Gießener Fabrikat „Georg Heinrich Schirmer Qlr. 0" war verpönt und mit wahrer Begeisterung stimmte stets die in Tabalsqualmschwaden eingehüllte Korona in die den Eingeweihten bekannt^ von Christian intonierte Melodie der Dc-bakpaketaufschrift ein: „Einige Fabrikanten haben sich erlaubt, mein Siegel nachzuahmen. Lim nun das Publikum vor Schaden zu bewahren, füge «$■ meine Unterschrift hier bei — Georg Heinrich Schirmer." — Geeignete Stellen des Textes wurden wiederholt gesungen, da und dort wurde ein „Hä, juchhä" und ein „ncrtti, natti bumsvallera" eingeflochten, intb so brauchten die Säuger dieser Gießener Lokaltabakshymue Wohl eine Diertelstunde, bis deren letzter Ton, der mit mächtigen Faust Mägen auf den armen Tisch begleitet wurde, verklungen war. Daraus kommandierte dann Christian noch dreißig Züge „Dampüff". Wurde Christian melancholisch, deklamierte er voll Inbrunst: „Wenn mein Pfeifchen dampft und glüht und der Rauch von Blättern sanft mir durch die Rase zieht, tausch' ich nicht mit Göttern." Glücklich der, dessen Gesundheit ein solches „Dävenleben" aushielt. Doch nun zum Lügentisch. An Derbheit und Aufschneidereien kam ihm in deutschen Landen so leicht keine Tafelrunde gleich. Studenten fanden an ihm keinen Platz. Seine Opfer waren zahlreich. Biedere Bauern, durchreisende Kaufleute u. a. m. wurden mit Vorliebe gefoppt. Kam solch ein „Fremmer" in den „Lotz" und wußte nicht, wo er Platz nehmen sollte, oder brachte ihn gar ein Lügentischgenosse vorsätzlich mit, der Gastwirt H. aus dem „Prinz Carl" tat das mit Vorliebe, so brachten es bald die Lügentischler mit List und Tücke fertig, ihn auf eine ganz bestimmte Stelle der langen Wandbanr zu placieren. Dort harrte schmerzhaftes Llnheil des Fremdlings. Er sah dann nämlich auf einer durchlochten Baukstelle, durch die eine lange, tückische Radel führte, die mit einem unter der Dank angebrachten Schellenzuge und einem langen Bindfaden in Verbindung stand. Der Fremdling wurde außergewöhnlich höflich behandelt. Die harmlosen Llmsitzenden legten Arme und Hände auf den Tisch und einer von ihnen machte von ungefähr den Vor
schlag, auf das Wohl des neuen „ Freundes" zu trinken. WaS denn auch durch allgemeines Anstoßen geschah! Sn diesem Augenblick erfolgte das -Unheil. Der also Geehrte fuhr plötzlich schmerzerfüllt mit einem Satze in die Höhe, als habe ihn eine Tarantel in seine Sitzgelegenheit gebissen! And so ähnlich war es ja wohl cmch_— nur mit dem Llnterschiede, daß ihn kein Biß, sondern ein tiefer Vadelflich schmerzte. And feine „Freunde" vom Lügentisch saßen in der Rahe um ihn 'herum mit gefalteten Händen, als ob 'sie des Rätsels Lösung nicht kannten! Mancher von denen, die nicht alle werden, hat sich dort am Lügentisich eine „Lolal- abfuhr", ja oft deren mehrere geholt. Von Zeit zu Zeit ward» auch einem Fremdling tüchtig eingeheizt. Heimlich- schoben ihm die Listigen unter seinen Sitzplatz ein zusammengeknülltes Zeitungsblatt nach dem anderen, bis schließlich der Papierhaufen mit Hilfe eines langen Fidibusses in Brand gesetzt und das darüber sitzende Opfer durch die emporschlagenden Flammen in einen heillosen Schrecken versetzt wurde. Der Zweck der Hebung war dann erreicht. Richt immer wollten sich die Fremden so zum besten haben lassen, doch riefen diese derben Späße mittelalterlicher Art angesichts des Charakters des Lügentisches niemals dauernde Verstimmungen hervor.
Wie lange die Lügentischgesellschaft bestand, als sie ganz Gießen auf den Kopf stellte? Eines Tages beschloß sie auf Vorschlag eines Oberlügners, ihr Ivvjähriges Bestehen zu feiern, und es fanden nunmehr ernsthafte Beratungen statt, in welcher Weise solches geschehen solle. Ohne ein Volksfest ®uf dem „Trieb" ging es nicht. Die Zahl „100“ war eine Riesenlüge. Dementsprechend ging es bald darauf auf dem „Trieb" hoch her; eine Festhalle, Schieß- und sonstige Buden fehlten nicht, vom Morgen bis in die tiefe Rächt hinein spielte die Musik fröhliche Weifen — kurz: der gewünschte Erfolg trat ein: Ganz Gießen feierte mit Der Kapellmeister des Lügentisches, Kürschnermeister Sch, der des Abends im „Lotz" trotz seiner mehr als 70 Jahre „mit Vorliebe auf Verlangen" Lieder und Arien in theatralischer Pose fang — meisterhaft verstand er es, sich mit Hilfe eiiws um» geschlagenen Bettuches in Szene zu setzen — marschierte vom Stammlokal des 100jährigen Geburtstagskindes aus durch den Reuenweg über die im vollen Dlätterschmuck stehende Kaiseralle« nach dem Festplatz und schwang dabei voll tiefen Ernstes und 'feiner hohen Würde ganz bewußt, den Taktstock ans Ebenholz. Allerdings marschierte er hinter seiner Kapelle her, die ihren Dirigenten nur im Geiste sah und deshalb doch ihr' Bestes hergab. Hoch vom Giebelsenster des ;,Lotz" herab aber wehte, fast herab bis auf die Straße, eine riesenlange, breite, blaue Fahne (als Sinnbild des den lieben Mitmenschen vorgemachten blauen Dunstes), auf der ein bildschöner, stolzer, weißer Gockel zu sehen war, der — ein Riesenei gelegt hatte. Das erfundene und erlogene 100jährige Stiftungsfest, dem ein schönes Wetter zugute gekommen war, brachte goldene Eier in die sonst stets. leere Kasse des Lügentisches.
Dem alten „Lotz", dessen Front Heute noch in die belebteste Straße Ali-Gießens vorspringt, droht der Abbruch. Auch er soll einem modernen Geschäftspalast weichen. Dann heißt es: Dole eure amice. 1
Wer alte Riederländer Gemälde tfennt, die in starker Realistik Szenen aus dem Volksleben barst eilen, wird auch Verständnis für die hier geschilderten Zustände und Bilder auf- Bringen. Sie sollen lokalgeschichtliche Erinnerungen aus unserer lieben kleinen Aniversitäststadt dauernd fest halten, die zum Teil noch aus einer Zeit stammen, als sie noch wenige tausend E«v- wohner zählte. Die alte Zeit sollte weder gelobt, noch getadelt., werden. Rur teer die alte Zeit und ihre Menschen begreift, wird der neueren Besseres zu geben verstehen.
AAS ernstsT Zett.
Heimatbilder aus den Kriegsjahren 1618—1648.
Von Lehrer A. Dach- Flensungen (Fortsetzung.)
Hier allein war Sicherheit zu finden gegen das wilde, zügellose Svldatenvvlk. welches die Zeit vom September 1634 bis Juni 1635 zu einer wahren Schreckenszeit für nufere Gegend machte. Sn dieser furchtbaren Zeit suchten Schutz in der kleinen Festung Lich die Bewohner von EberstaLt, Dorf-Gill, Muschenheim, Birklar, Langsdorf, Burkhardsfelden, Gröningen, Hattenrod und Grotzen- Linden. Rach Hungen waren geflüchtet die Bewohner von Dil- lingen, Langd, Trais-Horloff, Lltphe, Obbornhofen, Bellersheim und Dettenhausen. Hinter Laubachs Manern suchten Sicherheit die Leute von Ruppertsburg und Gonterskirchen. Grünberg nahm schützend auf die Bewohner der Dörfer Lauter, Queckborn, Stangenrod, Beltershain, Harbach, Weickartshain,Röthges und Wetterfeld. Aus der Hanauer und Frankfurter Gegend, in welcher alle Dörfer und Flecken in Asche gelegt waren, hatten sich die Bauern, die nicht durch Mißhandlung ober Kummer aus dem Leben gekommen waren, nach Frankfurt geflüchtet. Hier wurde ihr Elend durch die dortigen Bürger noch vermehrt. Hier mußten sie feueren


