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chckriftlettrmg: Dr Friedr. OSrlt). Lange. — Druck und Verlag der Drühpschen Aniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Metzen.
großen Männern anstellen. Jener hat bei jeder Stellung, redem Donmot den Effekt im Auge: man ist mit ihm immer wie aus dem Theater: hier dagegen erscheint alles in edler, ungefuchter Natürlichkeit “
„Diese Einfachheit war es auch, die mich, als ich ihn kennenlernte, sogleich für ihn einnahm."' äußerte die Gräfin.
„And sein Benehmen ist wie das eines vollendeten Weltmannes, nicht das eines Stubengelehrten," meinte Frau von Gimborn enthusiastisch.
„Da er in adeligen Häusern als Hofmeister konditionierte, sah er die Vorteile einer guten unv sicheren Haltung em und eignete sich in reiferen Jahren das innerlich an,, loc^ anderen mit der Erziehung oft nur wie ein Firnis gegeben wird,' berichtete die Freundin Kants. Sie unterließ, hinzazusügen, daß das, was hier gerühmt wurde. Kant sich vor allem in ihrem Haus und im Umgänge mit ihr erworben hatte, wie er selbst oft und freudig anerkannte. , , , ,, „ ,
Sinnend hatte Sophie vor sich hingeschaut, als halte sie ein wundersames Ereignis fest, dann sagte sie: „Das Merkwürdigste ist doch sein Auge, es ist, als ob ein ruhiges Licht aus ihm strö- mend sich über seine Worte verbreite und alles um sich erhelle und zur Aufmerksamkeit zwinge."
So waren die Wagen an das Haus gekommen, in dem die beiden Damen als Gäste der Gräfin auf kurze Zeit wohnen sollten, da Frau von Gimborn ein Gut in der Aachbarschaft, das ihr jüngst durch Erbschaft zugefal.len war, zu besuchen gedachte.
Frau von Gimborn,, in Westfalen reich begütert, hatte nach dem Tode ihres Mannes noch in guten Jahren weite Reisen unternommen. Ihre Begleiterin wurde Sophie, die Tochter eines ihr befreundeten Arztes, der während einer Epidemie ein Opfer seines Edelmutes und feiner Unermüdlichkeit geworden war und Sophie als Waise zurücklieh. Diese hatte sich Frau von Gimborn bald unentbehrlich gemacht, und da sie dieselbe in einer schweren Krankheit in der Fremde mit Hintansetzung ihres eigenen Lebens pflegte, hatte eine innige Freundschaft die Frau dem Mädchen verbunden. Aun riefen Geschäfte Frau von Gimborn nach Königsberg, wo ihr die Gräfin Kehserlingk wohnte, mit der sie in den Jugendjahren einen jener schwärmerischen Freundschastsbünde aufgerichtet hatte, von denen uns die Briefschaften jener Zeit sonderbare Kunde gaben. War auch die Schwärmerei gewichen, so hatte sich doch trotz der langen Trennung eine gegenseitige Zuneigung erhalten, welche heute Frau von Gimborn in das Haus der Gräfin Kehserlingk führte, wie sie einst das Fräulein von Ahlen mit der jungen Gräfin Truchseh-Waldburg verbunden hatte.
Kant hatte unterdessen, nachdem er die Gedankenreihe, bei welcher er unterbrochen worden war, zu Ende gedacht, langsam „en Weg nach Hause angetreten. Ec ging den Fluß entlang über die grüne Drücke. Nichts entging ihm hier, von dem lebhaften Handelsverkehr an, der längs der Ufer lärmte, bis zu dem Treiben aus den dichtgereihten Wittinen im Flusse, den Ausrufern, welche in sonderbaren Idiotismen ihre Waren anpriesen, und den Spielen der Knaben an der Ecke. Jenseits der Drücke kam er durch dem Kneiphof, jene Jnselstadt, die in Bauart und Strahenleben an die Zeit der Hansa erinnert, dann wieder über einen Arm das Ktn die Altstadt. Dort in der Nähe des Schlosses bog er in ne Straße ein, in der sein Haus stand.
Vielfach auf seinem Wege war er ehrerbietig begrüßt worden: selbst die Stromknechte, welche das Oeffnen und Schließen der Drückendurchläfse besorgten, hatten ihren Matrosenhut vor dem kleinen Mann gezogen, und manche Mutter zeigte ihrem Knaben den „groben Kant".
An der Tür des Hauses öffnete ihm Lampe, sein Diener, in militärischer Haltung, um ihn. in einer Mischung von Respekt und Aeberlegenheit die schmale Treppe hinauf in die Stube zu geleiten. Dort setzte sich Kant an den Arbeitstisch, und als es dämmerig wurde, an den Ofen, von dem aus er durch das Fenster den Löbenichtschen Turm erblicken konnte. Er hatte fich angewöhnt, beim Denken und beim öffentlichen Reden solche Augpunkte zu fassen und ständig zu ihnen den Blick zurückzuleiten: daraus mochte auch die unter seinen Zuhörern umlaufende Anekdote entstanden fein, daß er einmal in seinem Kolleg aus der Fassung gekommen sei, als ein dicht vor ihm sitzender Zuhörer, dem seit dem Anfänge des Semesters ein Knopf fehlte, plötzlich mit angenähtem Knopf erschienen war.
Wie er jeder Erscheinung geistig Herr zu werden und sie in die ihr gebührende Reihe einzuordnen suchte, so tat er dies auch mit den beiden Fremden, die sein ganz besonderes Interesse erregt hatten.
Mit der charakterologischen Bestimmung der Frau von Gimborn war er bald zu Ende: gutmütige Heiterkeit — nötige Dosis von Vernunft — scheinbar viel Interessen bei innerlichem Jn- differentismus — gesundes Phlegma: anders erging es ihm mit dem jungen Mädchen, dessen Blick heute mit einer Art kindischer Ehrfurcht auf ihm geruht hatte. Die frische rosige Farbe kündete eine fröhliche Gemütsart: in den Grübchen ihrer Wangen saß der Schalk, und aus ihrem Lachen sprach die Heiterkeit einer einfachen Seele. War sie nun, trotz ihrer Munterkeit und ihres Witzes —
um der Unterscheidung, die er selbst vor kurzem ausgestellt hatte, hu folgen — war sie „schön im eigentlichen Verstände", nämlich so, daß „die Annehmlichkeiten, die ihrem Geschlechte geziemen, vornehmlich den moralischen Eindruck des Erhabenen hervorstechen ließen," oder kündete ihre „moralische Zeichnung, sosern sie in den Mienen und Gesichtszügen sich kennbar machte die Eigenschaften des Schönen an,“ so daß sie nur „annehmlich oder auch „reizend" genannt werden durfte? — Er fand sich über das eigenartige Mädchen, das seine Theorie durchkreuzte, da es die beiden Eigenschaften des „Erhabenen" und des „Schönen" in sich zu ver- binden schien, noch nicht im klaren, als er Stock, Hut und den leichten Mantel ergriff, um in seine Abendgesellschaft zum-Lomber rechtzeitig zu kommen. Denn Herr Green war von der Partie, ein Mann, der noch pünktlicher war als Kant selbst. Das war tatsächlich erwiesen seit jenem Tage, als Kant zwei Minuten zu spät zu einer Ausfahrt gekommen war. Zu einer Zeit, da der Professor auch noch in anderen Wagen fuhr als in solchen, die er selbst gemietet, hatte er nämlich Green versprochen, ihn am folgenden Morgen um acht Ahr auf eine Spazierfahrt zu Begleiten. Green, der um dreiviertel schon mit der Ahr in der Hand in deis Stube herumging, mit der fünfzigsten Minute seinen Hut aussetzte, in der fünfundfünfzigsten seinen Stock nahm und mit dem ersten Glockenschlag den Wagen öffnete, fuhr fort und sah in geringe® Entfernung vom Hause Kant entgegenkommen, hielt aber nicht an, weil dies gegen feine Abrede und gegen seine Gewohnheit war.
Am andern Morgen trat Lampe — was sich seit Jahren täglich mit der Genauigkeit eines Mechanismus wiederholte — fünf Minuten vor fünf Ahr in die trotz des hellen SommermorgenS ganz finstere Schlafstube. Der drolligen Annahme zuliebe, daß die ungebetenen Gäste einer Schlafstube durch nichts sicherer vertilgt würden als durch vollkommene Dunkelheit, war das einzige Fenster fortwährend gegen jeden Lichtstrahl durch eine von innen vorgesetzte hölzerne Verfestigung geschlossen. Es erscholl der militärische Zuruf Lampes: „Es ist Zeit." Mit dem Schlag fünf Ahr hatte sich Kant an dem Teetische niedergelassen, um im Schlafrock und auf dem Haupte die Schlafmühe und darüber das kleine dreieckige Hütchen, die einzige Pfeife Tobak zu rauchen, tue seine Maxime ihm für den Tag gönnte. Dabei begannen die Medita- tionen über den Stoff der nächsten Vorlesungen. Von sieben bis acht Ahr sollte Logik und Metaphysik, von acht bis neun Ahl physische Geographie und Anthropologie gelesen werden.
Was war es doch, daß ihm heute — ein sonst unerhörter Fall — zwischen die scharfsinnigen Erklärungen über die falschen Schlüsse oder die Art der Flußläufe. welche er an der Hand kleiner Gedächtniszettel überdachte, immer wieder die Gestalten der beiden Fremden von gestern traten. Oder sollte es nur die Jüngere dev beiden sein, die ihn nötigte, sich an die Maxime zu erinnern, welche Newton nach dessen Geständnis zur Bedeutung verhalfen hatte, zu einer gegebenen Zeit immer nur an eines zu denken.
Der Vormittag ging in gewohnter Weise vorüber. Mit der siebenten Stunde begab er sich hinunter in das Erdgeschoß, wo ein Mrsaal eingerichtet war. Die Studenten füllten alle Banke. Jn &er zweiten Stunde kamen noch eine Anzahl von älteren Mannern, Beamten und Offizieren hinzu, denen mit Mühe von dem Ama- nuensis Platz geschafft wurde. Am neun Ahr kehrte Kant in sein Zimmer zurück zur Arbeit: gegen die Mittagsstunde trat Lamp« ein, der unterrichtet war, daß sein „hvchedler Herr Professors wie er ihn anzureden pflegte, außer dem Hause speisen werde.
Ob Kant nicht noch etwas mehr als sonst auf fein Aeußere« ^^LaiM»e^ schien es so, und knurrend strich er sich über d«i Schnurrbart, da der Herr manche Kleinigkeiten auszusehen sand. Der Wagen fuhr am Hause vor, auch Lampe warf sich in seinen weißen Rock mit rotem Kragen, der ihm vorgeschrieben war, uns nahm auf dem Kutschbock Platz. Am den Schloßteich herum be- toegte sich das Gefährt gegen das Haus der Reichsgrafln v. Keyser- lingk, in den Rohgärten. , ■
Dies Haus war durch seine Besitzerin der Mittelpunkt der Königsberger Gesellschaft geworden. Fand fich der Reichtum, al« die Grundlage einer vornehmen Gastlichkeit, in der Stadt nicht eben selten, um so seltener war das, was ihm und der Gastlichkeit hier Wert verlieh: eigenartiger Geist, Kunstgesühl und --Verständnis, wohlwollende Liebenswürdigkeit, die das Gefühl der Gleichheit in allen bewirkte, und eine vollständige Beherrschung d« Lebensformen, die, vom Mittelpunkte ausstrahlend, wie von sewfl das Platte und Niedrige ausschloh. , , , <_
Die Sorge für die Erziehung ihres Siiefsohnes lagbei on durch politische Geschäfte bewirkten öfteren und langen Abwesen heit des Grasen von Kehserlingk fast ganz auf den Schultern o« Gräfin. Kant, den sie bei den Grafen von Hüllesen kennengelernt hatte, schien ihr der richtige Mann, sie bei diesem Werke moralischer und geistiger Ausbildung zu unterstützen. Sie zog M in ihr Haus, und er erfüllte, was sie mit der feinfühligen Do« aussicht der Frau sich versprochen hatte. Die ganze Familie btt« ihm seit jener Zeit eng verbunden, er selbst aber gestand gem^ daß außer seiner Mutter die Gräfin Kehserlingk die einzige Frau sei, von der er gelernt habe.
(Fortsetzung folgt.)


