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«en und die man anflehte, den neuen Gefährten huldvoll zu ftea grüßen; im dritten Teil wurde -er Geist -es Verstorbenen ermahnt, mit der Familie und den Freunden in Verkehr zu bleiben; zum Schluß folgte der angenehmste Teil der Feier, ein Izana genanntes Gelage. c .

Der Schaman erhob fich von seinem Platz und- begann ferne Amtstracht zu wechseln. Er legte all die bunten Lappen und gelben und roten Streifen ab> und brachte an ihrer Stelle Schnurstücke, Lederriemen und Ketten an, an denen Amulette befestigt waren, sonderbar geformte Wurzeln verschiedener Pflanzen, bunte Steine, Stücke von Menschenknochen, Därenzähne und' andere gehermnis- volle, wunderkräftige Dinge. Auf seinen Kopf stülpte er einen breiten Hut aus Hirschhaut. Dann ergriff er eine Kommet unfil eine aus einem Knochen hergestellte Flöte. Auf den Rucken nahm er einen Sack, der allerlei Gaben enthielt, wie Flaschen voll Schnaps, Tabakpäckchen, Pfeifen, Salz und getrocknete Erbsen.

Dann begann eine merkwürdige Pantomime. Auf der von hohen Bäumen umgebenen Lichtung flackerte Las Feuer un& lieh Licht und Schatten im Laubwerk spielen. Die schweigende Runde der unheimlich aussehenden, in sich gekehrten Männer hob» sich scharf und schwarz vom Lichtkreis des brennenden Feuers ab und ließ glutgerötete Gesichter erblicken. Weiter rückwärts huschte die Gestalt des Schamanen, nur von einer Seite beleuchtet, in sonder­baren Bewegungen hin uni)1 her. Er wanderte auf und- ab, den Kopf hoch emporgereckt. Von Zeit zu Zeit lieh er mit durch­dringender Stimme den Ruf:Bin, Bin!" erschallen, den er mit rinzelnen Schlägen auf seine Trommel begleitete.

Meine Führer erklärten mir, daß. der Schaman auf diese Weise jeden einzelnen der Toten anrief, ihm zuzuhören. Ich fchaute mir die Bäume unsrer älmgebung nochmals genauer an und entdeckte, daß noch mehr Särge da und dort herumhingen, zum Teil von jungen Zweigen und Blattwerk verdeckt.

Der Schaman schlug vierzigmal die Trommel und wiederholte jedesmal die Anrufung. Darauf schwieg er einen Augenblick. Dann haute er sich an einer Stelle auf, wo alle Toten ihn hören konn­ten, und begann mit seiner heiseren kehligen Stimme eine lange Rede, die er stellenweise durch Trommeln und Pfeifen unterbrach.

Bin sumgu tamaz!" rief er feierlich; es bedeutet, die Seelen der Abgeschiedenen seien gekommen, die Gaben in Empfang zu nehmen.

Der Schaman entkorkte eine Branntweinflasche und einen Halb­kreis mit ihr beschreibend, gvh er etwas von dem kostbaren Getränk in das Gras. Dann nahm er selber einen tüchtigen Schluck, sprengte noch ein wenig auf den Boden und trank wieder. Das wurde sechs­mal wiederholt. Ich beobachtete, daß unser Schaman ein sehr schlauer und geschickter Gaukler war, denn seine Spenden für die Toten waren ziemlich dürftig, während die- für ihn selber recht kräftig ausfielen. Ich hatte das Gefühl, daß die Seelen der Toten sicherlich nicht die einzigen Betrunkenen in dieser Rächt fein wür­den. Rach dem Branntwein kam der Tabak an die Reihe, den der Schaman ehrlich mit den Toten teilte. Sogar eine große Por­tion von dem Salz steckte er sich in den Mund, während er die Pfeifen und Erbsen unverteilt lieh.

Auf diese Opferzeremonie folgten rituelle Tänze des Scha­manen.

Er besah wirklich tänzerische Gewandtheit. Er sprang geschickt hoch in die Luft und vollsührte dabei mit Händen und Füßen sehr rasche Bewegungen, die nicht ohne eine gewisse Anmut waren; er stampfte den Takt zu den schnellen Rhythmen feiner Trommel und wirbelte mit solcher Geschwindigkeit auf einem Fuh im Kreise herum, daß man fein Gesicht kaum noch erkennen konnte. Er tanzte lange Zeit, und da ihm dabei sehr warm wurde, entledigte er sich allmählich, ohne seinen Tanz zu unterbrechen, der Amulette, des Hutes und seiner Oberkleider, so daß er schliehlich bis zu den Hüften nackt war. Aber immer noch setzte er seinen Tanz fort, ließ er feine mageren Hände und nackten Arme in Schlangen- und Wellenbewegungen spielen. Endlich hielt er inne, so behutsam wie eine wohlgeölte Maschine; nachdem er seine Kleidungsstücke und seinen übrigen Krimskrams aufgelesen hatte, kam er herüber zu den Golden und verkündete, baß die Toten ihre Gaben gnädig an­genommen hätten und deshalb der neuen Seele freundliches Ent­gegenkommen erweisen wollten.

Rachdem der Zauberer ein wenig Tee geschlürft uni) sich etwas äbgekühlt hatte, zog er sich an, nahm einen kräftigen Schluck aus der Schale mit Branntwein, die zum allgemeinen Gebrauch öastand, ah ein wenig gebratenes Fleisch uni) ging dann wieder an die Arbeit.

Diesmal legte er keinen Schmuck an. Er ergriff nur zwei Brett­chen. zwischen denen eine seidenpapierdünne Schicht von Birken­rinde lag, und schritt langsam auf die Stelle des neuen Sarges zu. Dort stände er schweigend wie in tiefem Rachdenken, wenn es nicht betrunkene Benommenheit war, dann hörte man einen Ton so zart wie das Summen einer Mücke. Er schien von weit her zu kom­men, ging aber in Wirklichkeit von Öen dünnen Brettern aus, die der Schaman zum Mund emporgehoben hatte.

Allmählich schwoll der Ton an, bis er schliehlich zu einem un­aufhörlichen tiefen Datzgebrüll wurde, das den ganzen Wald vom dichten Gras bis zu den Wipfeln der Eichen ausweckte und Ohren, Gefühl unä Verstand betäubte; manchmal hatte man die Empfin­dung. als wollten die Töne einem die Hirnschale sprengen. Ohne Zweifel konnte der Zauberer nur mit diesen zwei dünnen Brett­

chen und etwas Baumrinde einen Menschen verrückt machen. End­lich wurde das Gebrüll schwächer und ging wieder in kaum hörbare Töne über. Zugleich schritt der Schaman vorwärts in den Schatten der Bäume. Run tauchten dort in der Dunkelheit kleine phosphore­szierende Flämmchen auf.

In ehrfurchtsvoller Scheu flüsterten die Golden untereinander, und voll Schrecken starrten sie in das dichte Dunkel.

Was war das? War es eine durch den gaukelnden Scha­manen hervorgerufene Suggestion oder warf er irgendwelche phos­phoreszierende Gegenstände in die Luft, wie z. B. Stückchen fau­lenden Eichenholzes oder Pulver aus verrottenden Pilzen, oder hatte er leuchtende Insekten in der Art von Johanniswürmchen umherfliegen lassen, die so massenhaft im Ässurilande Vorkommen?

Als die kleinen Flämmchen erschienen, rief der Schaman irgend­etwas aus, das die Angehörigen des Toten, die schon ganz be­trunken waren, besänftigte und tröstete und die Leiter der Feier veranlaßte, von neuem die Räpfe und Schalen mit Branntwein zu füllen, zur großen Freude meiner Führer.

Eine reiche, eine noble Leichenfeier!" flüsterten sie und rieben sich die Hände.

Rachdem der Zauberer zu seinem Platz am Feuer zurückgekehrt war- begann ein feierliches Mahl oder vielmehr ein Trinkgelage, an dem meine Führer teilnahmen. Die Leute überschwemmten sich sozusagen mit Schnaps, sie hatten den Schluckser, fielen hin und rafften sich wieder auf, nur um wieder von neuem zu saufen. Sie aßen wenig, einige verschlangen hie und da einmal einen Dissen ge­bratenen oder gekochten Frisches oder etwas Fisch. Als nach einigen Stunden das Feuer niederbrannte, lagen die Golden in trunkenem Schlaf überall umher, lallend' und unruhig sich hin- und herwälzend. Meine Führer waren immer noch bei den Drannt- weinfässern tätig, obwohl sie schon völlig betrunken waren.

Ich hatte Bedenken wegen des Morgenrittes, aber sie erwiesen sich als unberechtigt. Die Führer brachen bei Sonnenaufgang auf; sie sahen zwar etwas bleich aus, taten aber ihre Pflicht wie sonst, rasch und behende. Die Golden waren wie vom Erdboden ver­schwunden; schon lange vor Tagesanbruch hatten sie ihren Fried­hof mit seinen Birkensärgen, die im Winde hin- und herschaukel- ten, verlassen.

Einige Monate später traf ich in der Taiga wiederum einige von den gleichen Golden, die in mir eine recht unangenehme Erin­nerung an ihr widerliches Saufgelage bei der Bestattungsfeier zurückgelassen hatten; ich mutzte aber mein Urteil über sie än­dern, als ich sie in ihrem harten Kampf ums Dasein beobachtete. Es waren drei Männer, allesamt Jäger, mit alten Flinten und mit Messern und Aorten in den Gürteln. Ihr Anzug erregte meins Aufmerksamkeit. Ihre Hosen uri& Stiefel waren aus je einem etwaigen Stück Hirfchhaut gemacht mit der Fellseite nach außen; sie waren mit kurzhaarigem Pelz eingefaßt. Sie trugen ein ganz eigenartiges Hemd, wie es nirgends sonst vorkommt, das deshalb der Beschreibung wert ist. Es war ein Gewand aus doppelten Hirschhäuten, die innere Haut hatte die Haarseite nach innen, die äußere nach außen. Zwischen beiden Häuten waren zu Spiralen zusammengervllte Hirschfeh neu wie ein Retzwerk eingeflochten, so daß. ein isolierendes Luftkissen entstand, der beste Schuh gegen die Kälte. Eine Mütze, die nicht nur als Kopfbedeckung, sondern auch als Gesichtsmaske diente, war mit dem Kragen und die Hand­schuhe mit den Aenneln fest verbunden. Ich trug solch ein Hemd auf meinen Winterjagden und kann unbedenklich behaupten, daß es für strenge Kälte keine bessere Kleidung gibt. Bon einem solchen Gewand- geschützt, kann der Reisende in arktischem Frost und Wind ganz behaglich auf dem bloßen Schnee liegen.

Ich stieß auf diese Golden eines Abends; sie saßen nach der Jagd, auf der sie einige Hirsche erlegt hatten, an ihrem Feuer. Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, brach einer der Golden wieder zur Jagd auf. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr mir, als ich seine Ausrüstung sah; berat er zog auf den bloßen Körper nur dünne Hosen und ein Hemd- aus der gegerbten Haut eines jungen Hirsches, dazu niedrige Pelzschuhe in der Art der Mokassins der amerikanischen Indianer. Dann legte er ein Paar kurzer, breiter Skier an, die so gestaltet waren, daß sie feine Beweglichkeit im Walde und im Gebüsch nicht beeinträchtigten.

Erpicht daraus, ihn in Tätigkeit zu sehen, folgte ich ihm. Richt sehr weit von unserem Lagerplatz wurde ich dann auch Augen­zeuge einer interessanten Jagdszene. Der junge Golde hatte eine frische Spur gesunden und verfolgte einen Hirsch. Mit un­glaublicher Geschwindigkeit sauste er über das niedrige Buschwerk dahin, dem Hirsch zurufend' und' zupfeifend, als wolle er ihn zu noch eiligerem Lauf anfeuern. Gr lief so schnell, daß' er seine Benke nie aus den Augen verlor und- triefe diese nach und nach der tiefen, vorn Schnee erfüllten Schlucht zu, an deren Rand ich stand. Als das gehetzte Tier die Schlucht erreichte, sank es in den tiefen Schnee ein und kam trotz all seiner Anstrengungen, die Schlucht rasch zu durchqueren unfe den gegenüberliegenden Hang zu ge­winnen, nur langsam vorwärts. Der Golde langte nur wenig später als der Hirsch in der Schlucht au. Mit einem prachtvollen Ski- schwung war er alsbald' vorne bei dem Tiere und rasch hatte er es gefesselt, so daß er gemächlich aus der Schlucht heraussteigen und seine Gefährten zur Hilfeleistung herbeirufen konnte.

Der Lauf des jungen Jägers war so geschwind und sicher und jede seiner Bewegungen so voll Kraft und Anmut, daß ich wirkliches Bedauern empfand, wenn ich an die nächtliche Orgie