Gießener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 192$Dienstag, den 2. Dezember Nummer 58
Ewiges Sein.
Von Gustav E. Eber lein.
Im Staufen der Brandung, im Wesen der Welle steh ich vor dir, jenseits der Zeit, tret ich vor dich, jenseits der Schwelle, uferlose Ewigkeit.
Dein Atem schlügt mir gewaltig entgegen, kreist sich im Fluten rind Fliehen mir ein. Der Rhythmus des Lebens ist dein Bewegen, ich bin in dir, wie du im Sein.
Ein sterbendes Volk.
Bon Ferdinand Ossendowski*).
Hier in diesem endlosen Llrwald, wo man nur selten einem Meisten begegnet, finden viele Chinesen und Koreaner Llnterkunft und Existenzmöglichkeit. Sie sind die eigentlichen Besitzer dieser unerforschten Waldgebiete, sie kennen sie durch und durch, bahnen sich jedes Lahr neue Wege und dringen immer tiefer in die Wälder ein, die, nur von Flüssen unterbrochen, bis zu den nördlichen Tundren sich erstrecken. Aber allster diesen Eindringlingen aus dem Süden findet sich hier auch eine alteingeborene Bevölkerung, eine Bevölkerung, die im Aussterben begriffen ist, die sich selber aber als rechtmäßigen Eigentümer dieser Waldgebiete betrachtet: der mongolische Romadenstamm der Golden. Sie leben heute noch genau so wie vor Jahrhunderten; sie fangen Groß-- und Kleinwild in Fallen, Elch und Reh sogar fast mit der blohen Hand, manchmal gebrauchen sie auch lange Bogen und Pfeile mit Stein- oder Deinspitzen in unserem Zeitalter der Elektrizität und der Dampfkraft. Die einzigen Errungenschaften der Zivilisation, die bis zu den Golden vordrangen, sind Alkohol und Schiebpulver.
Einst zur Zeit der niächtigen chinesischen Kaiser aus der mongolischen Büandhnastie waren die Golden ein in sich abgeschlossener Bestandteil des Reichs des Himmels. Sie bildeten dessen nördliches Bollwerk gegen die Tungusen. Später, zur Zeit der gewaltigen Umwälzungen im Staate Dschingis-Khans und Tamer- la-ns gerieten die Golden nacheinander unter die Herrschaft der Koreaner, Tungusen und Japaner; und schließlich, als Ruhland den fernen Osten bis zu den Küsten des Stillen Ozeans und die mandschurische und koreanische Grenze entlang besetzte, wurden sie Untertanen des Zaren.
Sie entrichteten gewissenhaft alle Abgaben, indem sie mit Fellen zahlten. Sie waren allerdings nicht ganz sicher, zu welchem Staate sie gehörten, denn sie zahlten Abgaben an die russische Steuerverwaltung, wurden von Zeit zu Zeit aber auch von chinesischen Beamten besucht, die verstohlenerweise vom Küstenland her zu ihnen kamen; auch ihnen lieferten sie Zobel-, Marder- und Eichhörnchenbälge für das chinesische Schatzamt ab. Sie wurden von den russischen Händlern entsetzlich ausgebeutet, und durch Alkohol, dieses von den russischen Kulturpionieren eingeführte Zahlungsmittel, vergiftet, starben sie allmählich aus.
1905 ereignete sich eine traurig-komische Geschichte. Ein unternehmender Abenteurer kam zu den Golden und sammelte Zvbel- bälge als Abgabe für die englische Steuerverwaltung ein. Zum Glück für die Golden begegnete dem gerissenen „Engländer" ein russischer Beamter, der ihn festnahm und die Zobelbälge rettete. Diese wanderten in die Tasche des russischen Beamten, und man behauptete sogar, er habe die Beute mit dem „Engländer" geteilt und diesen sofort laufen lassen.
Die Golden sind vorzügliche Jäger und ausgezeichnete Schützen, sie sind sehr ausdauernd und bewundernswert mutig; einzeln,
*) Eben erscheint im Berlage der Frankfurter Sozietätsdruckerei das zweite Reisewerk Osfendowskis, dessen „Menschen, Tiere und Götter" bereits großes Aufsehen gemacht hat. „I n de n D s ch u n- geln der Wälder und Menschen" heiht das neue Buch, eine packende Schilderung der Forschungsreisen des Verfassers durch die weiten Ebenen des Fernen Ostens bis zur „Insel der Verdammten", dem furchtbaren Sachalin. Das Sibirien der Vorkriegszeit, die sittliche Verkommenheit der russischen „Kolonisatoren", das furchtbare Elend der Verbannten, der fanatische Fetischismus der hart bedrängten Eingeborenen, denen der Russe mit dem Alkohol als Kulturgut den Keim der Vernichtung gebracht hat, das alles schildert Ossendowski mit grober Anschaulichkeit und innerer Anteilnahme. Hier treten bereits die seelischen Voraussetzungen des Bolschewismus klar zu Tage. 1316
ohne jede Begleitung, gehen sie auf die Tiger- und Bärenjagd. Sie durchqueren zur Sommer- wie zur Winterzeit die ganze Taiga vom Amur bis zum Bikin uird sogar bis zum Jman. Doch gehen sie, einer alten Pleberlieserung getreu, nicht weiter nach Süden; denn im 14. Jahrhundert erliest einmal ein chinesischer Kaiser einen Befehl, der den nördlichen Barbaren verbot, sich der koreanischen Grenze und dem Gebiet der Mandschus zu nähern. Er fürchtete nämlich, die Barbaren könnten sich mit den kriegerischen Mandschus vereinigen und gemeinsam mit ihnen China angreifen und so die Dynastie gefährden, die diejenige des Dschingis-Khan in der Herrschaft abgelöst hatte.
Ich traf mit den Golden auf meiner Reise nach der Jm- peratorbucht zusammen. Die Regierung des Zaren erwog nämlich den Dau eines Kanals, der von dort aus den Amur mit dem Meere verbinden und so einen kürzeren und bequemeren Zugang zu diesem ungeheuren Strom schaffen sollte, als ihn dessen natürliche Mündung mit ihren Sandbänken und sonstigen Zufahrts- Hindernissen bot. Ich reiste mit zwei Assistenten und drei Führern durch diese Wälder, wobei wir oft in den sumpfigen Bergschluchten einsanken.
Eines Abends, als wir für die Rachtrast Halt machen wollten, bemerkten wir auf einem Hügel in unserer Rähe den Schein eines Feuers, das die Kronen der benachbarten Eichen und Almen rotz aus leuchten lieb.
„Das müssen Golden fein," rief einer der Führer aus.
Wir ritten dem Feuerschein nach und erreichten bald ein« grobe Waldwiese, auf der im Kreise um die glühenden Scheiter mindestens zwanzig Männer sahen. Sie hatten weite Fellhosen und -jacken an und eine Art Mütze aus dem gleichen Material auf dem Kopfe. Schweigend sahen sie da, rauchten ihre Pfeifen und starrten unbeweglich ins Feuer.
Einige Schritte weiter unter den Bäumen stand ein grober Eingeborener in einem Gewand aus Lappen, das mit bunten Fetzen und Bändern noch besonders verziert war. Als Kopfschmuck trug er eine Bedeckung aus Birkenrinde. Fortgesetzt bückte er sich und richtete sich wieder auf, indem er an einem langen Lederriemen zog, dessen oberes Ende im dunkelen Geäst einer alten knorrigen Eiche verschwand'. Ich durchforschte die Baumkrone sorgfältig mit meinen Blicken und entdeckte auf einmal, dah der große Mann mit dem Kopfputz einen anderen aufhing, dessen dunkler Körper, in der Luft hin- und herschwingend und sich drehend, langsam in das weitausgebreitete Astwerk empvrstieg. Ich wollte sofort dazwischenspringen und das Opfer retten, doch einer meiner Führer, der schon seit langer Zeit im Ämurdistrikt lebte, hielt mich lächelnd zurück:
„Beunruhigen Sie sich nicht. Die Golden hängen einen Toten auf. Das ist ihre Bestattungsart."
Es war wirklich so. Wir waren mitten in die Destattungs- feierlichkeiten für einen Golden geraten, der am Trunk gestorben war. Es stellte sich heraus, dah bei solchen Gelegenheiten der Leichnam in zwei Stücke Birkenrinde, die sorgfältig von einem groben Stamm losgelöst werden, eingehüllt wird. Dieser primitive Sarg wird dann mit Lederriemen umwunden und in den höchsten Aesten einer Eiche aufgehängt.
Später sah ich oft solche hängenden Särge, in denen Fels- schwalben oder weihe arktische Eulen (Rictea nivea) nisteten.
Als der Birkensarg fest angebunden, vom Scheine des Feuers von untenher beleuchtet, im Baume hing, trat der Schaman in den Kreis, setzte sich und nahm von einem alten Eingeborenen ein Stück Fleisch und einen Decher Schnaps entgegen. Erst nachdem er mit Essen fertig war, erhoben sich die Golden und kamen zu uns herüber. Sie begrühten uns, fragten uns nach Ziel und Zweck unsrer Reise und' luden uns ein, mit ihnen am Feuer Platz zu nehmen.
Ich beobachtete mit Reugier ihre ernsten, niemals lächelnden, klugblickenden Gesichter. Ob deren Ausdruck als atavistisches Merkmal überkommen war oder von Alkoholismus Herrührte, konnte ich nicht entscheiden; jedenfalls habe ich oft bemerkt, dah Gewohn- heitssäufer zum größten Teil sehr ernst und nicht zu Scherz und Lachen aufgelegt sind.
Als der Mond hoch am Hinunel stand, nahm der Schaman seine Tätigkeit wieder auf, denn die Destattungsfeierlichkeit setzte sich aus vier Teilen zusammen. Den ersten Teil füllten die Herstellung des Sarges und die Aufhängung der Leiche in einem Baume des „Friedhofes" aus. Die anderen Abteilungen waren komplizierter und schwieriger. Die zweite bestand in Gebeten zu den Geistern der anderen Toten, die hier lagen oder vielmehr hin-


