Noch festflÄken? Wer wer in die Seele solches Dorfes sich tte* Benö berfenkt, der spürt Heute noch das Wällen des Sachsen- bbttes, LaS anders ist als Las Chattenblut der Rachbardörfer. Anderen Dörfern spürt man Zigeunerblut an, das vielleicht vor 600—400 Jahren dort heimisch geworden ist nach ruheloser Wan- berung. Was sind das für Zeitspannen: Wodan, Karl der Drohe, der Zc^ährige Krieg. Wenn man den Städter danach fragt, kann er furchtbar klug darüber reden. Der Dauer kann nicht darüber «den, aber er trägt etwas in sich, wovon der Städter keine Ahnung Hat, lebendige Wirllichkeiten seiner Seele, die aus der Vergangenheit in seine Gegenwart herüberragen. Es gibt Dörfer, die sindj kirchlich, sie haben zum Teil miserabel schlechte Pfarrer gehabt, jahrelang, vielleicht jahrzehntelang, aber sie blieben kirchlich wie zuvor. And es gibt Dörfer die sind unkirchlich, dort haben sich Generationen von Pfarrern die Haare ausgerauft, gebetet, geweint, gedroht, und das Dorf blieb wie es war. Es gibt Dörfer, die sind unsittlich, nicht weil die Stadt sie verdorben hat, sie sind es gewesen, längst ehe Eisenbahnen und dergleichen sie mit der Stecht in Berührung brachten. Änd es gibt Dörfer, die sind sittlich streng, sind es seit uralten Zeiten un& werden auch sobald nicht anders werden. In solchem Dorf erlebte ich einmal eine städtische Kvnzertgesellschcht. Einer der Kvnzertgeber wollte einen besonderen Schlag tun, er sang ein Couplet, das geradeso an der Grenze des Erlaubten hinging. Man sah seinem Gesicht deutlich an, wie er schon auf den Beifallssturm spannte. Er war zu Ende. Eisiges Schweigen im ganzen Saal! Als er sich setzte, sah ich wieder in sein Gesicht, innerlich schimpfte er in höchster Wut auf die dummen Bauern. Aber e r hatte den Fehler gemacht, er hatte sich vorher keine Klarheit über den Charakter des Dorfes verschafft, in einem mir bekannten Rachbardvrf hätte derselbe Mann mit derselben Sache wahrscheinlich tosende Beifallsstürme entfesselt.
Auch die Stellung des Bauern dem Städter gegenüber, sagen wir mehr, allem, was nicht Dauer ist, erklärt sich am ehesten aus der Vergangenheit. Wir wollen doch einmal ganz ehrlich fein, was hat der Dauer von unseren sehr verehrten Herren Vorgängern eigentlich erfahren? Der Jurist brachte ihm das Römische Recht, bas seinem germanischen Rechtsempfinden oft geradezu ins Gesicht schlug, so daß er sich in seinen Schreibstuben vorkam, und darum leider auch heute noch vorkommt, wie in einem großen Dexierhaus, wo man hin und her geschickt, kreuz und quer gefragt wird, nichts versteht und schließlich bezahlen muh; der Geschäftsmann, der Händler und was sonst aus der Stadt zu ihm kommt, mit ganz verschwindenden Ausnahmen,'hat bei ihm doch nie etwas anderes gesucht als den eigenen Vorteil! Was Wunder, wenn er sich dementsprechend eingestellt hat, wenn er den Städter zunächst bis zum erbrachten Beweis des Gegenteils als seinen Feind ansieht, wenn er ihm mit schärfstem Mißtrauen begegnet und es für Kriegsrecht betrachtet, selber übers Ohr zu hauen mit allen Mitteln der Kunst, wo er nicht ganz mit Anrecht seit Jahrhunderten sich übers Ohr gehauen fühlte. Es gibt auch da Unterschiede. Dort, wo Dörfer einem größeren Territorialgebiet angehörten, so z. B. im landgräflich Hessischen, spürten sie den Druck des Staates nicht so stark, und hatten die Möglichkeit zu ruhiger Entwicklung, dort findet man am meisten festgeschlossene Bauernschaften (Schwalm, Hüttenberg, die Aemter Alsfeld und Schotten u. a.). Von Kenteren Herrschaften hat die Laubacher den Ruf, immer Verständnis für ihre Bauernschaften aufgebracht zu haben. Andere Keine Herren haben ost gerade entgegengesetzt ge- wirkt, und ich habe mich schon manchmal gefragt, ob Herr Lutz Und feine sozialistischen Parteigenossen sich Wohl darüber Har sind, was für hochedelgebvrene Herren vor Hunderten von Jahren an der Arbeit gewesen sind, um die Bewohnerschcht gewisser Dörfer für ihre Ideen reif zu machen. Wie ja überhaupt der deutsche Politiker noch viel mehr deutsche Geschichte, un& gerade deutsche Kleingeschichte, kennen müßte. Es gibt vielleicht kein Volk der Erde, das so reich ist an ureigenstem Wachstum, und darum an herrlichster Mannigfaltigkeit. And dann schimpfen wir Deutsche auf unsere »Aneinigkeit", weil wir nicht Schäblvne sind wie die anderen, statt daß wir einsehen lernten, daß es Ausgabe unserer Politik und unserer Staatskunst in allen ihren Zweigen wäre, dieser Mannigfaltigkeit zu herrlicher und Herrlichkeit schaffender Entwicklung zu heften.
Wie der Oberförster zu „seinem" besten Bock Kam.
Don F. Gros.
Das Geschlecht der Wilderer ist im Dvgelsberge, dem lieblichen Hessischen Waldgebirge — Hubertus sei Dank —, noch ziemlich unbekannt. Gin kernhaftes Bauerngeschlecht fitzt dort seit Römerzeiten fest auf der altangestammten Scholle. In rastlosem Fleiße ringt der Vogelsberger dem Basaltboden, dem eine dünne Humusschicht aufgelagert ist, das spärliche Brotgetreide ab. Dafür find seine Buchenwälder um so grüner, seine Wiesen um so duftiger, seine kühlen Quellbäche um so Hörer. Aber es wäre ein Wunder, wenn nicht da und dort doch einer, der das Schießen bei den Soldaten lernte. Gefallen am Weidwerk fände, oder einer, der «ls Treiber durch Busch und Dickicht mitgekrvchen war und den glücklicher geborenen hohen Herren das Wild zugetrieben hatte.
Sv hörte man denn auch in der Alsfelder Gegend vom »Drauerschwender Hannes" sagen, daß er die Flinte lieber führe
als den Pflug. Aber beweisen konnte es ihm keiner. Sein Gehöft lag nahe am Waldvande und der Förster war ihm auf feinen; Gängen noch niemals begegnet. Dazu war Hannes zu schlau, daß er sich erwischen ließ. Die Leute im Dorfe und in der.Amgegend waren auch dem Hannes gewogen, denn er sorgte ihrer Meinung nach dafür, daß der Wildstand nicht überhand nahm. And daraus kommt es doch dem Bauern an: Am liebsten will er für die Gemeindejagd einen hohen Pachtpreis haben, dem Pächter will er beim Abschuß behilflich sein und alljährlich will er für Wildschaden noch ein schönes Stück Geld einstecken. Also der Hannes war in der ganzen Gegend beliebt, und beweisen konnte man ihm nichts.
Eines Tages kam Hannes ins Wirtshaus, das er sonst selten aufzusuchen pflegte. Eine lustige Gesellschaft aus der nahen Kreisstadt hatte sich eingestellt, und einer der Gäste war ein urfideler Kauz. Er fang zur Ziehharmonika die neuesten Liedlein, ein anderer ließ dafür des Wirtes besten alten Stachelbeerwein auffahren und jeder durfte trinken nach Herzenslust. Hannes hatte lange abseits gesessen; er trank langsam. Dann ließ er dem ersten „Kännchen" Kognak ein zweites folgen. Menschen in solch heiterer Sttmmung hatte er lange nicht mehr gesehen, und als der Spender des starken Stachelbeerweines sich auch ihm als Verführer nahte, griff er nochmals zum Glase und sein Herz hüpfte vor Freude. Hannes bekam einen glühenden Kopf. Er wurde redselig. Die beiden kamen vom Kognak auf den Wein, vom Dauern auf den> Städter, vom Feld auf den Wald und vom Hundertsten ins Sau» fendste, Hannes wußte in allen Dingen Bescheid, immer gelöster wurde seine Zunge, und als gar der Weinspender verriet, daß er am liebsten Rehbraten effe und deshalb gerne eine Jagd pachten möchte, blinzelte Hannes pfiffig und weinselig, un& meinte, in ganz Oberhessen habe doch keiner bessere Rehstangen als er.
Vorzeigen! hieß es.
Hannes ließ sich das von der feinen Gesellschaft nicht zweimal sagen, ging heim und holte ein kapitales, schädelechtes Gehörn. Etliche wollten es ihm abkaufen. Aber Hannes hatte seine Ehre! Rein, das gab's denn doch nicht; solche Stangen, die es nicht zum zweiten Male gebe, behalte er und setzte hinzu, er behalte sie, wenn ihm auch, das Dett nnterm Leibe gepfändet werden sollte.
Fröhlich nahm er „seine" Stangen wieder mit nach -Hause; fast Hätten sie auf dem Heimweg Schaden gelitten. Es heißt im Sprichwort: Es kommt doch endlich an die Sonne. And die Geschichte, daß Hannes ein solch kapitales Gehörn vvrgezeigt habe, fprach sich herum. Der Förster meldete sie dem Oberförster. „Dvimerwetter," fluchte dieser, „jetzt haben wir ihn, jetzt kriegen wir ihn." Doch vor dem schlauen Hannes hatte er Respekt. Eine Haussuchung war. ein gewagtes Stuck und für sie war er auch nicht zuständig. Sollte er die Gendarmerie benachrichtigen? Das ließ sein Stolz nicht zu. Der Dürgermeister kam noch weniger in Frage. Der war ja selbst ein Dauer. Vorsicht war nach seiner Redeweise die Mutter des Porzellanschranks. Es galt, zu über» fegen. So lieh er denn seinen „Lauterbacher Wagen" anspannen und fuhr zu seinem guten Freunde, dem Amtsrichter, in die Kreisstadt. Der kannte Land und Leute, auch den Hannes, und wußte, daß dieser ein schlauer Fuchs war, dem keiner so leicht beikommen konnte. Dem Amtsrichter erzählte er die Vorgänge in der Wirtschaft. Der Amtsrichter meinte: Der Hannes habe das Gehörn vor allen Leuten gezeigt und so sei an ein Leugnen vernünftigerweise nicht zu denfen; er werde die Sache schon herausbekommen, die Grünröcke sollten vorerst nur reinen Mund halten.
Im Frohgefühle kommender günstiger Ereignifle kehrte der Oberförster heim.
Der Amtsrichter überlegte hin Und her, wie dem Hannes beizukommen sei. Er selbst war zwar kein Jäger, aber doch ein Freund der Jägerei, der Wälder und des Wildes. Wilderer und Schlingensteller haßte er wie die Sünde. Mr Dauernjäger, und gar solche, die deshalb, wie Hannes, Hof und Feld schlecht verwalteten, hatte er nichts übrig. So leid ihm auch der Mensch tat, er mußte ihn fassen, ihm sein Wildererhandwerk legen.
Bald daraus hielt Hannes eine Ladung von dem Gestrengen in der Hand. Eine Rubrik fehlte! „Gewerrer, wos is los, ich hob doch nix verbroche, wos der wisse könnt', der Himmelhund! In allem hott der Amtsrichter fei’ Ros.--Es werd mich doch
kaner geseh hawwe? Gewerrer, däi Stadtgesellschaft werd doch mei’ Stange nett verrate hawwe, däi Mißgebierer? Aich glab 's bald — vn ze leugene wär' do auch nix draa. Aich Schafskopp, der Deuwel mutzt mich reite, datz aich die Stange herbeigehvlt hab"
Sv ging dem Hannes der Zweck der Ladung im Kopfe herum. Seine Frau, neugierig tote eine Ziege, wollte wissen, weshalb er ans Gericht müsse. — Hannes wntzte es selbst poch nicht zu sagen. Gr hatte nur eine Ahnung. — „Siehste," so keifte seine Alte, „das kommt davo, aich Hunn dir's schon immer gesaht, Lau sollst nett in de Wahld gih — es Hnrmt nix dabei eräug. Wos leid mir drv', daß Lei Grvtzvadder Jagdlääser beim Landgraf war. Däi Huche (Hohen) wolle chr' Böck selwer schäitze. Loh du dich vunn am’ (ihnen). Mer hädde nach so ze lewe. — Was braachstde nach dene Schwächte Hörnerböckn nachzelaase, dau Olwel. Do Werst noch seh', wäi de Lech ern's A’glick gestirzt Höst." —
Hannes überlegte in seinen Aengsten hin und her, was zu trat sei, wenn er vor Gericht wirklich nach seinen Misfetaten ge* fragt würde. 3rt feiner Scheuer verbarg er zunächst vorsorglich


