Gietzener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 192^ ___________Samstag, den 2. August ______________. Nummer 32
Nach dem Sieg.
Heut trägt meine Schwester tat Heimatland Gewiß ein Weißes Kleid.
Heut rauschen di« Fahnen im Heimatland. And wenn Las nicht wäre, meta Kamerad, Wie trügen wir all das Leid?
Grab zu, grab zu, meta Kamerad.
Wir haben noch viel zu tun , Wir haben noch viele zu betten heut, Die sollen ta Frieden ruhn.
Die sollen ruhn, und tat Heimatland
Sollen sie singend gehn;
Aus allen Fenstern, straßauf, straßab Sollen die Fahnen wehn.
Wir aber. — grab zu. meta Kamerad, And schmiede die Brust in ErzI —
* Wohl manche rote Wunde heilt, Doch niemals unser Herz.
3ha Seidel ISIS.
(Aus dem Gedicht band „stieben der Trommel her", Verlag von Egon Fleische! & Co., Berlin.)
Vor zehn Jahren.
Von HanS Bsthgs.
3etzt sind es zehn Jahre her, daß wir ta Aufruhr kamen.
Sommernächte am Chiemsee — heiße, feuchte, beinahe tropische Sommernächte am Ende des Juli 1914. 3m Lande roch es süß nach Feldblumen und Korn; der Mond lag lieblich glänzend in dem dunklen See, aber man selber wälzte sich grübelnd, unglücklich, dunkler Ahnungen voll auf ruhelosem Pfühl. Denn drcmtzen ta der Welt ballte sich etwas zusammen, das einem den Atem nahm, etwas Deues, Dieerlebtes und Furchtbares: Krieg. Die Atmosphäre in der Welt war reif zur Explosion, das Angewisse war kaum noch zu ertragen, man horchte in die Rächte mit klopfendem Herzen und starren Augen, draußen rollten Züge durchs Land, unaufhörlich, sie führten junge Reservisten nach Oesterreich, das schon im Krieg mit Serbien lag, verwehter Gesang drang herüber und Rufe, man horchte erstaunt, alles war einem so fremd, man war verwirrt und völlig hilflos und unklar in den Gefühlen, — und dann kam eine schauerliche Rächt. Der Becher floß über, die Angewißheit zerstob, es war wie eine Befreiung: auch der deutsche Krieg war da. Wieder hörte man einen Zug in die Station ein- laufen, — aber diesmal war der Gesang, der herüberdrana, ein drohender, markerschütternder Schrei. Ja, drohend klang es herüber, gesungen von den erregten, nächtlichen Menschen, die sich, Aachrichten erwartend, abends auf dem Bahnhof eingefunden hatten und dann nicht mehr gewichen waren; rauschend drang es herüber, jäh, gleich dem Schrei eines gequälten Tieres, immer gewaltiger anschwellend: „Die Wacht am Rhein."
Es überlief uns kalt, wir sprangen auf und rannten durch das dunkle Dorf zum Bahnhof. Der Zug war unterdessen abgefahren, ein neuer lief ein, wieder vollgestopft mit einberufener Jugend. Und wieder hob das Lied an, markerschütternd, und wir sangen' mit, Groll im Auge, die Seele bebend, wir kannten uns selbst nicht mehr, und als der Zug abfuhr, winkten wir und grüßten und schrien, es flammte in unseren Herzen und unseren Hirnen, und dennoch fühlten wir, daß ein unabfehbares Anheil über die Welt hereingebrochen sei.
Roch tadfc Züge rollten heran, noch viele Jünglinge fuhren singend den großen, unbekannten Ereignissen entgegen, — wir winkten ihnen nach, dann schritten wir heim, durch die heiße, feuchte Dacht, es roch süß nach Feldblumen und Korn, und der Mond lag lieblich glänzend in 6em dunklen See.
Die Wettprojekte*).
AIS di« Welt geschaffen wurde, muhte selbstverständlich zuvor das Projekt sein.
Ratürlich nicht bloß eins. Es gab unendlich viele mögliche Welten in unendlich vielen möglichen Räumen. And da es sich um eine wichtige Sache handelte, so hatten die Oberengel den Auftrag, sie sämtlich bis ins einzelne auszuarbeiten. Die Zeit drängte nicht, denn das Maß der Erddrehung war noch nicht erfunden^ und so gedachte der Herr, die beste aller möglichen Welten aus- zusuchen, um sie als di« einzig wirkliche Welt zu schaffen.
Die beste erkannte er freilich auf den ersten Mick. Darin gab's nämlich gar keinen Widerspruch, keine Reibung, keine Störungen, keine Schmerzen, keine Dummheiten; nichts als blitzblaue Selig? keil und Zufriedenheit; und dabei wußte niemand, womit er eigentlich zufrieden war. Denn alle waren immer einig, und es war ganz unmöglich sich über etwas zu ärgern. Schon wollte er diese Welt des höchsten Glücks aller ausführen, als er sich erst ixat Kostenanschlag ansah. O weh! Die vollkommenste Welt war leider di« teuerste von allen. Sie war wirllich zu teuer. Sie brauchte nämlich einen fortwährenden barem Zuschuß, weil ja kein Mensch unbefriedigt bleiben durfte. Das konnte sich nur eine Aktiengesellschaft leisten, und die ließ sich nicht schaffen; auch wäre die Well sonst nicht mehr vollkommen gewesen.
ES wurden also die zu teuren Welten von vornherein aus- geschieden, ebenso die zu billigen, denn die waren Schundwar«, Dann noch ein paarmal engere Wahl, und schließlich behielt der Herr zwei übrig. Er nannte sie Projekt A und Projekt B. M« wurden ins Lebensgröße aus geführt.
Zunächst .sollten sie nun einmal Probe laufen.
Es wurde also die Gesamtenergievertallung für den Anfangszustand zur Zeit Dull eingestellt, und dann wurde die Zeit angelassen. Zuerst bei der Welt A. Da gings los, die Welt schnurrte ab, daß es eine Freude war.
Als das so ein paar Dezillionen Jahre gedauert hatte, was ja doch bei einem Weltversuch nicht viel sagen will, da machte der Herr eine kleine Stichprobe. Gr griff mal so gerade in eins der unendlich vielen Milchstraßensysteme hinein, holte sich eins Sonne heraus, nahm einen von ihren Planeten und betrachtete sich das Zeug näher, das darauf wuchs und herumkrabbelte. ES sah beinahe aus tot« auf unserer Erde.
„Wie gefällt's euch da?" fragte der Herr. „Isis nicht 'n» schöne Welt?"
„Danke der gütigen Machfrage," antwortete eine Stimme. „Will mal nachsehen."
„Was? Dachsehen? 3hr werdet doch wissen, wies euch gefällt?" i
„3ch will tat Gefühlskalender nachschlagen, was ich zu antworten habe. Hier steht's schon : Eine schauderhafte Welt ist es."
„Was soll das heißen?"
„3ch will mal im Berstandeskalender nachschlagen. Also: Wegen der absoluten Gesetzmäßigkeit der mathematischen Logik, di« dem Weltprvjekt zugrunde gelegt ist, sind alle Ereignisse und alle Gefühle von vornherein bestimmt, und man kann sie sowohl für die künftige wie für die vergangene Zeit in den aut* malischen Reduktionsregistern aufsuchen. Wenn ich also wissen will, warum ich meine Ansicht habe, so brauche ich bloß —“
„Aber was willst du damit gewinnen? Du mußt doch selbst entscheiden —"
„Was ich will? 3ch werde im WillenKkaleirder nachschlagen —“
„Ich meine, warum ihr die Welt schauderhaft suchet."
*) Die vorstehende geistvolle Skizze entnehmen wir einem Bändchen, in dem Dr. W. L i e tz m a n n auserlesene Dichtungen! von Mrrd Laßwitz unter dem Titel „Die Welt und der! M a t h e m a t i k u s" zusammengestellt hat. (Verlag von B. Mischer, Dachfolger, Leipzig. Preis 1.80 Mk.) Die kleinen dichterischen Meisterwerke spielen ausnahmslos im Reiche des „Exakten", ohn« deshalb nur für die Mathematiker oder Physiker von 3nteress« zu sein. 3m Gegenteil sollte man den hohen geistigem und wissenschaftlichen Genuß, den diese Dvvelletten und Dichtungen darbieten, möglichst zahlreichen Zeitgenossen wünschen. Phantasie und Humor, Geist und Wissen stad die Triebkräfte, die diese prächtigen Kunstwerke erstehen ließen — st« werden vielen Freud« bereiten, -z.


