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Sie sechs Qltärmer seht«, sich <nr den Lisch, auch die Kinder durften daran Platz nehmen, die Frauen des Hauses dagegen, die Großmutter und die Ehefrau des Johann Enders, hatten in der Küche zu tun, sie gingen ab unb zu und sahen nach, ob auf dem Tische alles in Ordnung war. Zuerst wurde die dampfende Wetzel- suppe, in der Weckscheiben schwammen, aufgetragen. Dann gab es warme Leberwurst und Blutwurst mit Sauerkraut, endlich Bratwurst und Endiviensalat. Mächtige Scheiben eines rund geformten Brotes lagen auf einem großen Teller. Ein ausgezeichnetes Wein- jahr war vvrausgegangen, der siebenundfünfziger ist bis auf diesen Tag berühmt. So wurde denn eine Flasche des köstlichen Jahrgangs nach dem anderen geleert: denn die Wurst war, damit sie lange halten sollte, reichlich mit Pfeffer und Salz gewürzt.
Als abgetragen war. gaben die Kinder, die allmählich inüde geworden waren, allen Anwesenden die Hand, sagten gute Bucht und gingen zu Bett. Nun wurden die Pfeifen angeuinbet. Lehrer Diefenthäler hatte seine lange Pfeife mitgebracht, die er in seinen Ruhestunden unausgesetzt qualmte. Der Großvater rauchte nicht, weil er dämpfig warm, auch Peter Schmitt rauchte nicht, dafür aber schnupfte er. In der Westentasche trug er die Dose aus Horn, aus der er häufig der Aase ein Labsal zuführte. Aeugefüllte Flaschen wurden auf den Tisch gestellt, man rüstete sich, wie das bei Mehelsuppen üblich ist. auf eine lange Sitzung. Der Metzger Kilian hätte gern ein Kartenspiel gemacht, die anderen aber wollten davon nichts wissen.
„Heute ist es gerade ein Jahr." sagte Diefenthäler, „daß der große Pulverturm in Mainz in die Luft geflogen ist. Ich stand in meiner Schulstube und wollte die Landkarte von Hessen an die Tafel harg'n, da horte ich das furchtbare Rollen. Ich meinte zuerst, es wäre ein Erdbeben."
„Rein, nein," meinte der Großvater, „das habe ich gleich ge- merft, daß das eine Explosion war. Wie wir in Spanien waren und die Festung Lerida belagerten, da ist ein Magazin in die Lust geflogen, daß die Steine uns um die Köpfe flogen und viele von uns verwundet wurden."
„Da ist es schöner hier im Sessel, am warmen Ofen,“ meinte Peter Schmitt.
„Das will ich meinen,“ gab der Großvater zurück, „ich habe meinem Herrgott gedankt, als ich im vierzehner Jahr endlich wieder heim gekommen bin und meinen Baler helfen konnte, die Aecker bebauen."
„Die vorige Woche," sag'e der Metzger, „war ich in Eckelsheim, um ein fettes Rind zu kaufen, da habe ich gehört, daß aus dem kleinen Orte in diesem Jahre drei Familien nach- Amerika gemacht find. Das muß ein Menschenspiel sein, das da drüben zusammen- kommt."
„And den meisten, die aus Deutschland fortgeßen," meinte Diefenthäler, „geht es drüben gut. Bor vierzehn Tagen habe ich von dem Sebastian Günther, ber früher zu mir in die Schale gegangen ist, einen Brief bekommen. Wiß' ihr, ihr Männer, es war ein ungezogener Bub, er hat manchen Buckel voll Schläge von mir gekriegt, aber jetzt scheint er ein braver Mann geworden zu fein; denn er schreibt einen ganz vernünftigen Bries. Er wohnt in Brooklyn und ist Meister in einer Gerberei, er hat mir auch amerikanische Zeitungen geschickt und will mir für menen Schulunterricht Baumwolle, eine Kokosnuß und andere Sachen schicken. Die werde ich, wenn ich mit den Kindern Raturgeschichte treibe, diesen zeigen."
„Da ist im Frühjahr in Afshogen eine merkwürdige Geschichte vorgekommen." sage Johann Enders, „dem alten Atam Glöckner seine zwei Söhne sind vor zehn Jahren nach Amerika gegangen und haben jedes Jahr ihren El'ern Geld geschickt. Run sitzen die zwei alten Leute abends allein beieinander, der Mann hat in der Bibel gelesen und die Frau hat gestrickt, alles im Haufe und in der Rachbarschaft toar ruhig. Auf einmal hören die zwei, wie schwere Schritte die Stieg: hinaufgehen. Ei, was ist denn das im Hause? sagt der Mann, ich habe die Haustür doch zugeschlossen. Er nimmt das Licht, sieht nach, nichts ist zu finden. Alles im oberen Stocke toar ruhig, bis auf den Speicher leuchtet der Mann, und die Frau geht zitternd ihm nach, nichts war wahrzunehmen, alles war ruhig. Es hätte auch niemand herein- und hiaauskom- men können; denn die Haustür war verschlossen, es war sogar der Querriegel vorgeschoben. Da denken die beiden, sie hätten sich getäuscht und setzten sich im Wohnzimmer wieder an den Tisch. Kaum sitzen sie, da geht das Poltern aus der Stiege schon wieder los, es hört sich an, als ob Männer, die eine schwere Last tragen, die Treppe hinaufgehen. Gleichzei'ig fiel das Bild von dem ältesten Sohn, das dieser aus Amerika geschickt hat, und das neben der Wanduhr hing, zu Boden, und die Wanduhr ging nicht mehr. Da wurden die beiden Leute leichenblaß und zitterten an Armen und Beinen. In dieser Rächt trauten sie sich nicht mehr, über den Gang hinüber nach ihrer Küche zu gehen, sie blieben am Tisch sitzen, bis der Tag graute. Als es hell geworden war, sagte die Frau: „Ich glaube, in Amerika ist etwas passiert." „Frau, du hast recht," sagte der Mann. Acht Wochen später kam ein Dickes von dem jüngeren Sohne, er schrieb, fein Brüder sei in der Gerberei ver
unglückt und kurz daraus gestorben. Das war in derselben Stands da seine Eltern Gepolter auf der Stiege gehört hatten. Sie hatte« die Schalte der Männer gehört, die ihren sterbenden Sohn weg-, getragen hatten.
Konrad Jung strich mit der Hand über seinen Bart und sagtet „Ich kann an Sachen dieser Art nicht glauben. Das ist Aberglaube. Meine Großmutter Hut mir, als ich noch ein Bub toar, solche Geschlichen erzaylt, vom Muh.alb und vom Schlappohr, das sind zwei Gespenster, die in der Wendelsheimer Gemarkung umgehen. Da bin ich so ängstlich geworden, daß ich mich abends kaum noch aus der Wohnstube in den Hausgang getraut habe."
Während Konrad Jung sprach, war seine Schwester, die Frau des Johann Enders, in das Zimmer getreten, sie rieb sich die Hände und sagte: „So kalt, wie es heute abend ist, haben wir es lange nicht mehr gehabt. Ich habe vor einer Stunde eine Bütte mit Wasser in den Hof gestellt, und jetzt ist schon eine Eiskruste darüber, so dick, daß man sie mit dem Finger nicht einstoße« kann. Konrad, ich will dir ein Bett wärmen, du kannst bei dieser Kälte und bei dem Glatteis, das draußen ist, nicht heimgehen."
„Das wäre ein schönes Geschäft," sagte der Bruder, „wenn ich auch noch über Rächt bliebe. Wer soll morgen früh meine zwei Gäule füttern, wo ich jetzt keinen Knecht habe? Aad meine Frau würde große Augst kriegen, wenn ich, nicht heimkäme. Ich kann schon etwas Kälte vertragen, und der siebenunvsünfziger, den wir trinken, gibt schon Hitze." ®
„Ja, was ich sagen wollt"', mischte sich da Peter Schmitt in das Gespräch, „ihr habt davon gesprochen. ob sich etwas aas der Ferne anzeigen kann. Es kommen doch Sachen vor, die keiner versteht. Ihr wißt, daß ich in Ober-Ingelheim Kaufmannslehrling toar. Mein Prinzipal hat mich recht streng gehalten, ich mußte alle Arbeiten tun, die sonst die Hausburschen tun. Besonders im Herbst hatten wir viel zu schaffen, wenn der Trauben- zacker verckauft wurde. Da fahren wir mit dem Wagen fort auf die Ortschaften, ich mußte die Kisten abladen und meist auch noch in den Kester tragen. 3n Appenheim beim Bürgermeister wäre ich beinahe die Kellertreppe vor Schreck hinuntergesturzt, als ich die Kiste auf der Schulter hatte; denn unten im Keller sah ich ein Bett stehen, und in dem Bett lag meine Mutter. Richt so lange dauerte das, als kß das hier erzähle, auf einmal war das Bott wieder verfchwunden, und alles toar wieder weg. Mir zitterten die Knie, heute weiß ich nicht mehr, wie ich di« Kiste von der Schulter herunter auf den Boden gebracht habe, Ich konnte die ganze Rächt nicht schlafen und toar am anderen Tage tote gelähmt. Endlich faßte ich mir ein Herz und bat meinen Prinzipal, er möge mich doch nach Hause gehen lassen, ich fürchte, meiner Mutter sei etwas zugesiosen. Mit Knurren toifligte er ein. Als ich heimkam, lag meine Mutter im Bett, hatte Fieber Schüttelfrost. so daß ihre Zähne aufeinanderschl uzen Sie hatte sich in der Stunde krank zu Bett gelegt, in der ich die Kiste mit Traubenzucker zu Appenheim Oie Xeuectreppe hinuntergetragen hatte, nach drei Wochen war sie wieder gesund."
Diefenthäler ließ die Pfeisenspihe aus dem Munde gleiten und sagte: „Ihr wißt, daß ich nicht abergläubisch bin, das würde auch einem Lehrer schlecht anstehen. Wo ich kann, warne ich die Schulkinder vor dem Aberglauben. Was haben die mir nicht schon für Geschichten erzählt, die sie zu Hause gehört hatten, von Männern, die ohne Kopf nachts auf der Gasse stehen, von Gespenstern, die nachts in die Ställe kommen und den Gäulen dir Schwänze flechten, von Gespenstern, die an das Fenster klopfen auf auf dem G-sims einen blutigen F'maerabdauck zumäcklassen. Ich gab mir Mühe, den Kindern zu erklären, woher solche Geschichten stammen, sie stammen aus der Götterlehre der alten Deutschen und aus der Furcht der dem Menschen in alte« Zeiten vor unbekannten Ralurkrästen, oft auch- — sagen wär es ruhig —, aus der Dummheit der Menschen.
„Das. stimmt," siel Konrad Jung lebhaft ein. „Dor ein paar Wochen ist in Wonsheim eine spassige Geschichte passiert. Dort hat man die Kirchgasse gepflastert, und damit die Fuhrwerks nachts nicht zu Schaden kommen sollten, am Haus des Peters Bennighvf — ihr kennt ihn. er macht gern seine Spässe — ernte Laterne ausgehängt. Damit es nicht zu viel Oel kosten sollte,' mußte der Gemeindediener, der Hannphilipp Kern, immer vor Tagesanbruch die Laterne ausmachen. Run steht der morgend, als es noch ziemlich dunkel war, auf feiner Leiter und bläst das Licht aus, da sagt ein F auenzimitter, das leise heran- geschlichen war und unten an der Leiter stand: „Ra, werde« Birnen abgemacht?" Mein Hannphilipp kriegt einen Schreck, daß seine Hand beinahe die Sprosse losläßt; denn er meint, das sei eine alte grau, die Henrich-Jakobsen. die acht Tage vorher begraben worden war. Gr hatte nicht das Herz, herunterzusteigen, und bleibt eine Viertelstunde auf der Leiter stehen, bis das Gespenst fort ist. Wer meint ihr, toer das Gespenst war, es war dem Siebmacher Roßmann von Wendelsheim seine Tochter, die nicht recht gescheit ist und nachts manchmal forttäuft"
Alle lachten, der Metzger sagte: „Das sieht dem Hann- Philipp ähnliche"
(Schluß folgt.)
Sckriktleituna: Dr. Friede. Wilh. Lange, — Druck und Verlag bet Brübl'tcken ölniv.-Buch- und Kteindruckersl. R. Lanae. Gießen.


