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Da er nicht die Berechtigung zum Ginjährigendienst hatte erwerben können, so wurde er, „ein Achilles an Gestalt", wie ihn Cornelius beschrieben hat, als Grenadier in das erste Garderegiment In Pots- dam eingestellt, wo das öde Kaserneleben so zermürbend aus ihn wirkte, daß er schliesslich mit zwei Zeichnungen als Proben! ferner Kunst ein Bittgesuch an Cornelius schickte. Nachdem der Altmeister sich von t$r großen Begabung des jungen Mannes überzeugt hatte, wandte er sich an König Friedrich Wilhelm iV, mit einem Schreiben, in dem es hieß: „Kein Monarch wird einen Grenadier in seinem Heere aufzuweisen haben, wie Eure Majestät in der Person des Martin Niederes besitzen. Ich habe in dem jvjtffen Mann eine jener seltenen Persönlichkeiten kennen gelernt, Weiche dasjenige von der Natur gratis erhalten haben, wonach andere ihr ganzes Leben lang vergebens ringen." Niederes wurde daraufhin zu einem Berliner Negiment versetzt, um unter den Augen von Cornelius seine Ausbildung fortzusetzen, und seine Dienstzeit in eine einjährige umgewandelt. Der „schöne rheinische Grenadier", wie man ihn in Berlin nannte, fand in den Kunstkreisen der Hauptstadt die beste Aufnahme und sollte nach Beendigung seiner Dienstzeit mit Cornelius nach Italien gehen, als ihn im August 1853 bei einer Felddienstübung eine Platzpatrone am rechten Arm traf und der erst Dreiundzwanzigjährige am 5. September am Wundstarrkrampf verschied.
Mit Niederes trug die deutsche Kunst eine ihrer wundervollsten Hoffnungen zu Grabe. Die Bilder, Studien und Zeichnungen, die jetzt toieber durch Kaufmann ans Licht gebracht worden sind, zeigen eine malerische Kraft, die der Menzels ebenbürtig war, und lassen zugleich eine monumentale Größe der Gestaltung ahnen, die an Nethel gemahnt und auf Döcklin oder Feuerbach hinweist. Das eigentliche Element dieses Meisters war die religiöse Malerei; Ober er hat auch Großes in seinen Bildnissen geleistet, die er um des Gelderwerbes willen malte. Den Gesamteindruck, den das kleine, aber künstlerisch gewaltige Werk des Frühverstorbsnen hinterläßt, hat der Maler Heinrich Reifserschstd dahin zusammen- gefaßt: „Auf dem Gebiete der monumentalen religiösen Kunst ein DsZprechen für die Zukunft, Dürers, Cornelius' und Dethels Kunst in Verbindung mit starker malerischer Empfindrmz toei erzusühren, auf dem Gebiet des intimen Bildnisses aber schon ein Meister und Führer in «die Zukunft, auch in seiner der Zeit voraneilenden, koloristischen und technischen Behandlung."
Du hast's getan.
Von Edgar Allan Poe.*)
Mister Barnabas Shuttleworthh, einet der reichsten und ehren- geächtetsten Bürger des Marktfleckens Nattleborough, war mehrere Tage lang unter Umständen vermißt worden, die den Gedanken an ein Verbrechen nahelegten. Mister Shuttleworthh war zeitig früh an einem Sonnabend von Nattleborough weggeritten in der erflärten Absicht, sich nach der Stadt — etwa fünfzehn Meilen weit tneg — zu begeben und am Abend desselben Tages zurückzukehren. Zwei Stunden nach dem Aufbruch kehrte jedoch sein Pferd zurück, ohne ihn und ohne die Satteltaschen, die beim Fortteiten aufgeschnallt worden waren. Das Tier war überdies verwundet und mit Schmutz bedeckt. Dieser Umstand verursachte natürlich unter den Freunden des Vermißten große Aufregung, und als es sich am Sonntagmorgen ergab, daß er immer noch nicht zum Vorschein gekommen war, da machte sich der ganze Marktflecken in Hellem Haufen auf, um nach dem Leichnam zu suchen,
Blei der Einleitung dieser Nachsuche tat sich vor allem an Eifer und Tatkraft ein Busenfreund des Mister Shuttleworthh, Mister Charles Goodfellow, oder, wie et allgemein genannt wurde, der „alte Charley Goodfellows", hervor. Ob es nun ein wunderbares Zusammentreffen ist, oder ob der Name selbst einen unmerklichen Einfluß auf den Charakter hat, konnte ich nie ganz heraus- bringen. Die Tatsache ist aber unbestreitbar, daß es noch nieman- ben namens Charles gegeben hat, der nicht ein offener, männlicher, ehrenhafter, gutmütiger und franker Bursche gewesen wäre, mit starker, frischer Stimme, die euch beim Anhöten Wohltat, und mit Augen, die euch immer gerade ins Gesicht blickten, als wollten sie sagen, „ich selbst hab ein reines Gewissen, fürchte niemand und bin über jede Niedrigkeit erhaben"; und heißen auch alle die mutigen sorglosen Helden auf der Bühne fast regelmäßig Charles.
Nun war der „alte Charley Goodfellow" in Nattleborough nicht länger als etwa sechs Monate ansässig, und obwohl niemand von 'einem Vorleben das geringste wußte, so hatte er doch keinerlei Schwierigkeiten gefunden, die Bekanntschaft der angesehensten
*) Der Verlag von Albert Langen, München, gibt sogenannte Auswahlbücher heraus, die, mit sachkundigen Einleitungen versehen, gediegene und bekannte Dichter und Schriftsteller weiteren Kreisen erschließen sollen. Einem solchen Bändchen, „Die schön» st en Erzählungen von Edgar Allan Poe" (eingeleitet und ausgewühlt von Walter v. M o l o) ist die nachstehende Geschichte des amerikanischen Schriftstellers entnommen. — Daß in der genannten Sammlung deutsche Dichter bevorzugt werden, sei ausdrücklich ermähnt. Besonders erfreulich ist, daß Walter von Molo auch ein Bändchen „Erzählungen von ® ott» fried Keller" zurechtgeflellt hat.
Bürger des Marktfleckens zu machen. Ach habe schon gesagt, Latz Mister Shuttlewort Hy einer der ehrengeachtetsten und zweifellos der reichste Mann in Nattleborough war, während der „alte Charley Goodfellow" rn so engen Drehungen zu ihm stand, als wäre er fein leiblicher Bruder gewesen. Die beiden al-en Herren wohnten Haus an Haus, und obwohl Mister Shuttleworthh den „alten Charley" selten oder nie besuchte und, soviel man wußte, nie eine Mahlzeit in dessen Haus einnahm, so hinderte dies die beiden Freunde doch nicht, auf Las engste vertraut zu sein, wie ich schon gesagt (iahe; denn der „alte Charley" ließ nie einen Sag vergehen, ohne drei- ober viermal nachzusehen, wie es seinem Nachbarn ging, sehr häufig blieb er zum Frühstück ober zum Lee und fast immer zum Abendessen, und dann wäre es wohl schwer gewesen, die Menge von Wein anzugeben, die von den beiben Kumpanen bei diesen Sitzungen vertilgt wurde. Das Lirblingsge'ränk Les „alten Charley" war Chateau Margaux, und es schien dem Mister Shuttle- wvrthy im Herzen Wohl zu tun, wenn er sah, wie der alte Knabe Schoppen um Schoppen davon trank, so daß er eines Abends, als sie den Wein in sich hatten, im übrigen aber etwas außer sich waren, seinem Kumpan mit einem Schlag auf die Schulter sagte: „Ich sag dir was, alter Charley, du bist weitaus der herzhafteste alte Knabe, der mir je in meinem Leben untergekommen ist; und äa du so gerne den Wein da schluckst, so will ich verwünscht fein, wenn ich Mr nicht eine große Kiste von dem Chateau Margaux zum Geschenk mache. Sapperment" (Mister Shuttleworthh hatte die üble Gewohnheit, zu fluchen, wenn er es auch selten über Sapperment, Sapperlott oder Donner und Doria hinaustrieb), „Sapperment," sagte er, „ich will noch heute nachmittag in die Stadt schicken, das will ich — du brauchst jetzt kein Wort mehr zu sagen — das will ich, sage ich Mr, und damit Schluß! Paß auf — die Kiste kommt eines schönen Tages daher, gerade wenn du sie am wenigsten erwartest !" Ich erwähne Meses kleine Zeichen der Freigebigkeit des Mister Shuttleworthh nur, um zu zeigen, ein wie enges Einvernehmen zwischen den beiden Freunden herrschte.
Nun also, an dem erwähnten Sonntagmorgen, als es nicht länger zu bezweifeln war, daß Mister Shuttleworthh einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein mußte, an diesem Morgen sah man niemanden in solcher Sorge wie den „alten Charley Goodfellow", als er hörte, daß das Pferd ohne seinen Herrn und ohne dessen! Satteltaschen nach Hause gekommen war, ganz blutig von einem Pistolenschuß, der ihm die Brust durchbohrt hatte, ohne es ganz zu.töten, — Als er das hörte, wurde er so blaß, als wäre der Vermißte sein eigener Bruder ober Vater gewesen, und zitterte und bebte am ganzen Körper,, wie im Fieber. Zunächst war er zu sehr vom Schmerz übermannt, um irgend etwas tun oder sich für irgendeinen Plan entscheiden zu können; so daß er sich sogar lange Zeit bemühte, Me anderen Freunde des Mister Shuttleworthh davon abzuhalten, überhaupt an Me Sache zu rühren, indem er es für das beste erklärte, eine Weile zu warten — etwa eine Woche, oder zwei, oder einen Monat, ober zwei, — um zu sehen, ob nicht irgend etwas herauskommen und ob nicht Mister Shuttleworthh am Ende einfach heimkehren und die Erklärung dafür geben würde, warum er sein Pferd vorausgeschickt habe. Ich kann wohl behaupten. daß die Neigung, zu verschleppen ober aufzuschieben, Leuten eigentümlich ist, die ein schwerer Kummer drückt. Ihre geistigen Kräfte scheinen gelähmt, so daß sie gegen alles wie Tat leinen Abscheu haben und nichts lieber möchten, als im Bett liegen und ihren „Schmerz pflegen", wie es die alten Damen nennen, d. h, ihrem älnglück nachgrübeln.
Die Leute von Nattleborough hatten tatsächlich eine so hob» Meinung von der Weisheit und Einsicht des „alten Charley, daß Me Mehrzahl sich geneigt fühlte, ihm zuzustimmen und an die Sache nicht zu rühren, „bis etwas herausgekommen wäre", wie der ehrenhafte alte Herr gesagt hatte; und ich glaube sogar, daß dieser Entschluß durchgedrungen wäre, ohne Me äußerst verdächtige Einmischung von Mister Shuttleworthys Neffen, eines jungen Mannes von verschwenderischen Neigungen und übrigens von schlechtem Mus. Dieser Neffe, mit Namen Pennifeather, wollte von den verständigen Vorschlägen, ruhig abzuwarten, nichts hören, sondern bestand darauf, sofort nach dem „Leichnam des Ermordeten" zu suchen. Dies war der Ausdruck, den er gebrauchte; und Mister Goodfellow bemerkte sofort spitzig, daß es ein merkwürdiger Ausdruck sei, um nicht mehr zu sagen. Diese Bemerkung des „alten Charley" übte gleichfalls große Wirkung auf die Menge, und man hörte einen Mann sehr eindringlich fragen, „wie es denn komme, daß der junge Herr Pennifeather von allen Begleitumständen bei dem Verschwinden seines reichen Onkels so genau unterrichtet wäre, daß er es wagen könne, klar und unzweideutig zu behaupten, sein Onkel wäre ein .ermordeter Mann?'" Darüber kam es zwischen verschiedenen Leuten aus der Menge, und besonders zwischen dem „alten Charley" und Mister Pennifeather zu einigem Zank und Streit — was übrigens gerade bei dem „alten Charley" und Pennifeather nichts Neues war, denn schon feit den letzten drei oder vier Monaten waren die Beziehungen zwischen den beiden recht gespannte und es war sogar so weit gekommen, daß Mister Pennifeather den Freund seines Onkels niedergeschlagen hatte, wegen einer übergroßen Freiheit, die sich der „alte Charley" im Hause des Onkels, das der Neffe mitbewohnte, erlaubt hatte. Bei Mefer Gelegenheit hatte, wie es heißt, der „alte Charley" mustergültige Zurückhaltung und christliche 'Nachsicht bewiesen. Er erhob ' sich nach dem Schlage, brachte seine Kleider in Ordnung und machte


