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einen Vorwurf machen, aber Sie sind Französin und wissen, was toir dem Vaterland schulden. Da wir anfangs von dem Almfang des Aufruhrs keine richtige Vorstellung hatten, glaubten wir mit den in Paris verfügbaren Truppen durch einen raschen Schlag einen entscheidenden Erfolg erzielen zu können, wenn wir die Mobil- und Rationalgarden unter den Befehl erprobter Offiziere stellten. Ich bot Ihrem Gemahl das Kommando eines Bataillons an. Er hieß die Stimme seines Herzens schweigen und folgte dem Hilferuf Frankreichs. Für Samstag, 18. Marz war die Aktion angesetzt, an der er unter meinem Oberbefehl teilnehmen sollte. Er hatte mit seinem Bataillon die Place Pigalle zu halten, während auf dem Montmartre die Geschütze dem tobenden Pöbel entrissen werden sollten. Wir waren die ganze Rächt vorher auf den Beinen, um alles vvrzubereiten. General Dinvy sprach Ahrem Gemahl noch seine ^sondere Zu­friedenheit aus, da es nicht zu verkennen war, dass seine durch» schlechte Verpflegung und revolutionäre Hetzerei bereits etwas demoralisierte Maniischaft unter seiner festen Führung schon auf dem W-egs war, wieder würdige Söhne der großen -Ration zu werden Es wurde zwar hier und da noch gemurrt und man sah noch» drohende Micke, aber die Maschine fügte sich ohne Stocken seinem Befehl. Bei dem nächtlichen Aufbruch um drei Ähr früh gelang es nicht, von der Verwaltung ausreichende; Tagesrationen für die Leute zu erhalten. Diele wurden darauf mißmutig, einzelne wollten nicht gehorchen. Die Kommune werde ihnen Brot geben, schrien einige. Doch genügte eine kern hafte, ruhige Ansprache unseres Freundes, um sie wieder zur Vernunft zu bringen. Der Aufmarsch auf der Place Pigalle ging ohne Störung vor sich, und nachdem Giovannonis Dataillon dort mehrere Stunden in der feuchten Morgendämmerung gestanden hatte, kam die Meldung, das; der Montmartre von allen Seiten umgangen und der Geschützpark, den die Aufrührer dort zusammen- gefahren hatten, in unseren Händen war. So schien alles nach Wunsch zu gehen. Aber die Truppe war vom langen Stehen in der kalten Dacht müde und hungrig, und wieder begannen liebel- gesinnte zu murren. Als der Sag erwachte, belebten sich die Straßen, und da man den Verkehr nicht gänzlich absperren konnte, so gelang es den Pöbelhaufen, die vom Boulevard de Boche- chvuart und der Rue Houdon sich herandrängten, mit den Sol­daten in Berührung zu kommen. Die einen schimpften und höhnten über die Truppen der Regierung, andere steckten den Soldaten etwas zu essen und ^u trinken zu, und es war nicht möglich, streng dagegen einzuschreiten, weil wir sonst die ganze Volksmasse gegen uns aufgebracht hätten. Man mußte auf gütliche Weise die drohende Auflösung der Manneszucht zu verhindern suchen. Giovannoni war unermüdlich und behielt immer noch die Truppe in seiner Hand, obgleich die Weiber, die aus den Schenken und Bouillons von Montmartre Nahrungsmittel herbeibrachten, seine Aufgabe sehr erschwerten. Da kam der Befehl, durch die steile Äue Houdon auf die Höhe des Montmartre vvrzurücken, um die Pöbelhaufen auseinanderzujagen, die sich der Wegschaffung der Geschütze widersetzten. In der Aue Legte hatten verwegene Gesellen die Stränge der Kanonen durchgeschnitten. Als Gio- vannoriis Bataillon in die Aue Houdon einschwenken wollte, um auf die Place St. Pierre zu gelangen, staute sich die Menge in der engen steilen Gasse zwischen den düsteren Häusern und gab keinen Durchlaß. Die Binde nahm eine drohende Haltung an und folgte dem wiederholten Befehl, auseinanderzugehen, nicht. Endlich» muhte ich den Befehl zum Feuern geben. Als aber die Weiber in den vordersten Reihen ihre Kinder emporhoben, setzten die Soldaten die Gewehre ab und feuerten nicht. Laute Zurufe aus der aufrührerischen Menge bestärkten sie in ihrer Zuchtlosigkeit. Da gab der Kapitän einen rühmlichen Beweis seines persönlichen Mutes. Obgleich sich in dem Pöbelhaufen viele bewaffnete Dationalgardisten befanden, gab er seinem Bataillon Befehl znm Dorgehen und sprengte selbst mit ge­zogenem Säbel voran. Die Vordersten wichen schreiend beiseite, einige flüchteten in die nächsten Häuser, Giovannoni brach sich Bahn und seine Leute Begannen ihm zu folgen. Da fällt plötzlich ein Schuß aus der Menge, der Hauptmann sinkt auf den Hals seines Pferdes, es bäumt sich auf, rast mit seinem sterbenden Reiter zur Place Pigalle zurück und wirst die blutende Leiche seinen Soldaten vor die Füße. Ein paar Getreue hoben ihn auf und trugen ihn zu dem ®afe Chat Rolr, welches gerade am Platz liegt. Dort legten sie ihn auf das Billard. Er öffnete »och einmal die brechenden Äugen und flüsterteToulouse". Dann war es zu Ende. In dem folgenden wüsten Getümmel war es nicht möglich, sich der Leiche noch weiter anzunehmen. Wir mußten mit dem Rest unserer Truppen über den Boulevard de Elichh nach der Place Blanche zurückweichen, die Mehrzahl lief zu den Ausrührern über. Ich habe den Freund nicht mehr gesehen. Doch erfuhr ich nach zwei Tagen, daß seine Leiche aus dem Kaffeehaus abgeholt und mit anderen Opfern des Straßenkampfes begraben worden sei. Wo? ließ sich bis heute nicht feststellen.

Madame, ich kann Sie nicht schonen, ich muß Ihnen die Wahr­heit sagen, die ganze Wahrheit, wie grausam sie auch ist. Wir konnten dem toten Kameraden kein soldatisches Ehrengeleit geben und können feinen Kranz auf sein Grab legen. Wir haben nicht den Trost, daß er im ritterlichen Kampf für das Vaterland ge­fallen ist, die eigenen Landsleute haben ihn gemordet, nachdem er zwanzig Jahre lang für die Ehre und den Ruhm von Frank­

reichs Fahnen gedient und gekämpft Hat. Aber auch er ist für Frankreich in den Tod gegangen. älnd wir alle können Heute oder morgen ihm ins Grab folgen und müssen zufrieden fein, uns opfern zu können, damit Frankreich aus dem Abgrund gerettet wird, in dem es zu versinken droht. Wenn Sie diese Zeilen empfangen, mit denen ich Ihnen so namenlosen Schmerz bereiten mutz, ist ihr Schreiber vielleicht auch nicht mehr unter den Lebenden, der sich mit Stolz den.Freund Ihres Gemahls nennt und Ihren allzeit ergebenen

Susbielle, Divisionsgeneral."

Erschütternd war die Wirkung dieser Briefe auf unsere Familie. Ich weinte bitterlich, auch der Mutter und den Brüdern liefen die Tränen über die Wangen, selbst der Vater, der am wenigsten Fühlung mit Giovannoni gehabt hatte, konnte sich lange nicht beruhigen über sein jammervolles Ende, Gr kam öfter im Gespräch darauf zurück und meinte:Was für entsetzliche Zustäirde sind das in Frankreich! Ein tüchtiger Offizier, der mehr als einmal für sein Vaterland dem Tod ins Auge geschaut hat, den auf den Schlachtfeldern ein gütiger Stern behütet und in die Gefangenschaft geführt hat, damit er gesund und heil zu seinen Lieben zurückkehren könnte, muß nun, kaum daß er den heimatlichen Boden wieder betreten hat, von seinem eigenen Volke meuchlings gemordet werden. Wie schwer muß Frankreich jetzt für seine leichtfertige Gewaltpolitik büßen! Wie dankbar aber müßt ihr Knaben dafür fein, daß der uns frevelhaft auf­gedrungene Krieg dank der Einsicht unserer Führer und dem Opfermut unseres einigen Volkes uns ein starkes geordnetes Reich und eine glückliche Zukunft beschert hat!"

Mir lag in meiner jugendlichen Kurzsichtigkeit das persön­liche Geschick des Kapitäns mehr am Herzen als das des fran­zösischen Volkes. Ich habe lange aufrichtig um ihn getrauert und bis ins Alter die Seinen Andenken, die er mir 'hinterlassen, und die Erinnerung an ihn in Ehren gehalten. In der fürchter­lichen Verwilderung der Sitten und der politischen Moral, die wir zu unserem Verderben seit 1914 haben erleben müssen, leuchtet mir aus der Vergangenheit das Bild des Kapitäns Giovannoni herüber als eines wahrhaft edeln Franzosen, dem nichts an­haftete von dem Völkerhaß, der Rachsucht und grausamen Rieder­tracht, womit das Frankreich von heute sich selbst, und die Ge­sittung der Menschheit befleckt.

Der Talisman.

Don Helene Rass.

(Schluß.)

Ich machte mich ungesäumt daran, an dem armen jungen Weibe die nötigen Wiederbelebungsversuche anzustellen, die, Gott sei Dank! auch von Erfolg gekrönt waren. Es hatte sich ein ziemlicher Haufe von Leuten gesammelt, die aus der Ferne den aufregenden Vorgang miterlebt hatten und uns nun halfen, die Erschöpfte in ihr Haus, auf ihr Bett zu tragen. Der Bast, der in seinen triefendep Kleidern dastand, muhte mancherlei Lobsprüche und Händedrücke über sich ergehen lassen, die er kaum zu Hören schien; als aber die Fanni mählich das Bewußtsein wiederer langte und ihre wachen Augen auf sein Antlitz heftete, da rann ihm eine helle Träne Über die Wangen in beyr Schnurrbart.

Richt, daß wir damit nun über den Berg gewesen toären! Der Frau Fanni hatte die Erschütterung und das eiskalte Bad eine Krankheit zugezogen, die mich längere Zeit noch zu einem ständigen Besucher des Schifferhauses machte. Aber schön war es zu sehen, wie eben in dieser Zeit die beiden Menschen sich eng zusammenschlossen, welche geräuschlose Treue der Mann an dem Diechbett bewies, und wie die Frau sich» nun erst ganz sein eigen fühlte, nachdem er mit seines Lebens Gefahr das ihre erkauft hatte.

Sie toar nicht allein, dies anzuerkennen. Eines Tags, während meiner Anwesenheit, trat unser Herr Bezirksamtmann ein, hatte sein sogenanntes offizielles Gesicht aufgesteckt und in der Hand ein Päckchen samt einem umfangreichen Schreiben. Er eröffnete dem Bast in feierlicher Rede: das Bezirksamt habe, auf Bericht der Augenzeugen hin unter denen auch ich war vernommen worden! eine Denkschrift an die hohe Regierung geschickt, worin des Bast neuliche Heldentat und schon öfter bewiesene Bravheit ins rechte Licht gerückt seien. Demgemäß habe man sich Höheren Orts bemüßigt gesehen dies las er aus dem ent­falteten großen Schreiben vor, dem mehrerwähnten Sebastian Höh in Anbetracht dessen und so weiter die Rettungsmedaille zu verleihen. t

®er Sebastian ward bei dieser Ankündigung vor lauter Verlegenheit puterrot und ließ es steif wie ein Stock geschehen, daß der Dezirksamtmann die Medaille aus dem Päckchen nahm und sie ihm an die Brust heftete. Hierauf verwickelte er sich In allerlei unbeholfene Danksagungen, meinte, das hätte es ja gar nicht gebraucht und ähnliches. Erst, nachdem er den Amtmann hinausgeleitet, erkundigte er sich, zu mir zurückkehrend, mit einer gewissen freudigen Verschämtheit, was in der Welt Ich denn dazu sage?

Da 'hielt ich meinerseits den Zeitpunkt zu einer heilsamen Ansprache für gekommen.Lieber Bast," sagte ich und tippte mit dem Finger an das glitzernde Ding auf seiner Brust,ich sehe nur öffentlich bestätigt, was ich von jeher gewußt habe: daß