Zamstag, 27. MK
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1922 — Rr. 21
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Der Wegweiser.
Von Werner Bock.
Der Wanderer klomm mit schnellen Schritten die letzte Steigung der vielgewundenen Strafte hinan und stand schwer atmend auf der Höhe des Hügels. Er sah den Weg zurück und folgte der weibschimmernden Linie, die sich in fernen Tälern verlor. Dann wandte er sich um und bemerkte, dab die Sträbe sich an dieser Stelle nur wenig ausruhte, um in desto kühnerem 'Segen weiter bergan zu streben. Am Strahenrand stand ein uralter Wegweiser, wie es den Anschein hatte, völlig sinnlos, denn weder zweigte ein Nebenpfad nach dieser oder jener Seite ab, noch war irgend eine Schrift auf den verwitterten Armen zu erkennen, von denen einer tief hinab ins Tal deutete, während der andere mit steiler Geste emporwies.
Der Wanderer lieb sich gegenüber dem 'wunderlichen Wegzeichen in eine sommerliche Wiese fallen. Die Stille ringsum war so grob, dab er sein Blut in den Adern rauschen hörte. 3n allen Gräsern und Kräutern fummte leise die Melodie seines Blutes, alles hier war seinesgleichen und zitterte wie er in der Mvrgenfrische.
Wieder und wieder suchten des Wanderers Augen den Wegweiser. War auch dieses seltsame Mal, das seit ewigen Zeiten in der widerspältigsten Bewegung hier ragte, für ihn errichtet? Hatten diese jäh gestreckten Arme seit Jahr und Tag aus ihn gewartet? Der Wanderer erschauerte vor einer jener Offenbarungen, wie sie nur in einer Stunde des Lebens aufleuchten. Dieser stumme Pfahl, hinauf- und hinabgerissen in martervvllen Zweifeln, war kein anderer als er selbst. • >
Die Wucht des abwärts gerichteten Armes lieb ihn in jagender Hast alle Strecken zurücklaufen, die er bis zu diesem Augenblick • durchmessen hatte. Nicht die Straße dieses Tages dehnte sich vor ihm, nein, alle Wege, die,er je und je gegangen, reihten sich aneinander in endloser Flucht. Gr aber, in tiefem Sturz, raste in die Gründe, die seither Heimat und Sein für ihn bedeutet hatten. Vertraute Stätten grüßten ihn allerorten, nichts war ihm fremd, vieles lieb, vieles schmerzlich Er erlebte alles Gewesene in gleicher Lust und in gleichem Leid wie schon einmal in vergangenen Zeiten, und mir ein Gefühl, das er früher nicht gekannt hatte, schwang bei allem und in allem mit: ein Abwärtsgezogensein, ein Zubvdengerissenwerden, ein Angeschmiedetsein an unentrinnbare eiserne Fesseln.
Also das war sein Leben? Da schrieb er in enger Dachstube, in geräumigem lichtdurchfluteten Zimmer Bogen um Bogen mit Buchstaben und Ziffern, Stunde um Stunde. Der Kopf sann und sann, der Geist entfaltete Wunder um Wunder. Da stand er auf Kanzeln und Tribünen und sprach und sprach, seine Worte flogen durch Versammlungen und durch Zeitungsolätter, er oxtr hier und dort und überall. An die Räder dieses und jenes Unternehmens legte er seine Hand so gut wie an das Getriebe des Staates. Menschenschicksale duckten sich unter feinem Befehl, Wagen sausten davon und Schiffe durchquerten die Gewässer. Gr goß Seligkeit in jede Tat und sog Wollust aus jedem Ding. Er glaubte das Tönen seines Herzens in allem zu hören, was unter seinen Händen ward, und es war doch nur das fiebernde Hämmern des rastlos arbeitenden Gckhirns. Die Dinge konnten nicht mehr sein ohne ihn, und er konnte nicht mehr leben ohne die Dinge. Machtgefühl durchbrauste ihn und hetzte ihn von Land zu Land. Die Jahre rollten, Werk türmte sich auf Werk, alles durch ihn, von ihm, für ihn. Aus rasendem Schaffen, aus immer neuem Gestalten von Dingen und
Dingen, von Menschen zu Dingen und von Dingen zu Menschen war er heute plötzlich aufgebrvchrn, ohne Sinn, ohne üleberlegung zum erstenmal seit Kindheitsträumen, hatte alle Fracht langer Jahre mit einer Bewegung hinter sich geworfen. Jeder Nerv hatte ein Fort geschrien, ein Hörauf um jeden Preis!
Schweiß brach aus der Stirn des Wanderers. Wieder hasteten seine Augen an dem Wegweiser, der fremd und doch vertraut vor ihm aufragte. Diesmal ging der Blick dem jäh nach oben gerichteten Arm nach der auf einen nahen Dergwald deutete. Dahinter blauten weite Höhen in schier endloser Vielförmigkeit bis an die Grenzen des Horizonts. Eine unbekannte Welt dehnte sich in der Mvrgenstille, eine Welt, an der er seit Jahr und Tag achtlos vorübergejagt war, die ihm nebensächlich geschienen hatte, über die das Aiesenmaß seiner Pläne Hinweggeschritten war wie über ein zu Kleines. Zum erstenmal ruhte das Auge im Waldes schatten, floß der Atem in Tannenduft, strich die Hand über Gras und Moos in zärtlichem Streicheln. Die Kronen der Bäume bebten in leisem, beinahe abgemessenem Schwung, als ob ihre Regung von einer geheimen inneren Kraft getrieben würde. Wie alles ringsum in sich ruhte. Es war einfach da, aus sich heraus» gewachsen und in sich vollendet.
Was war er dagegen? Was war er vor,dieser Reinheit und Hoheit des Waldes, vor dem zarten Jubel der Gräser und dem Lächeln der Blumen? Er, der Mensch? Wahnwitziger er, der den Verstand darum bekommen 'hatte, um die Änfchald der Seele zu verlieren, der den Erdball umfassen wollte in unersättlichem Er-- vbererdrcmg und nicht die Harmonie und Stille erringen konnte, die in einem einzigen Erdkrümlein wohnt«. War nicht jene Birke in ihrer schlanken Genügsamkeit ihm Überlegen, diese breitästige Buche konnte nur hier stehen und nirgends anders, ä'nd er, und er? Wo war sein Platz, seine Wurzel, sein Erdreich?
Durch all diese Gedanken stieß der kühn empvrzeigende Arm des Wegweisers. Kein Zurück gab es mehr für ihn, aber auch kein Derweilen. 3n überhelltem Licht erschien ihm plötzlich die Sendung des Menschen als des Kindes der Erde, das allein dazu bestimmt ist, gleichsam von ihrer Drehung durchpulst, aus sich heraus zu streben, voran und empor! Allein von aller Kreatur trug er in sich unstillbare Sehnsucht, ihm allein war die heilige Unrast eingeboren, aus der Enge die Weite, aus der Tiefe die Höhe zu erkämpfen. Menfchrndasein 'war nicht eine blinde Flucht von hier nach dort, sondern ein aus innerem Zwang nach oben gerichteter Trieb, war ewiges Schicksal, das gelebt und geliebt sein wollte.
Kapitän Movannoni.
Eine Erinnerung aus dem großen Krieg 1870/Z1. Don Fried. Aoack.
(Schluß.)
Giovannoni kehrte aus'der Gefangenschaft zurück mit der Absicht, bei der Neuorganisation der Armee seinen Abschied zu nehmen. Aber angesichts der durch den Pariser Aufruhr bedrohten Lage des Vaterlands bedurfte es kaum des Zuredens seiner Freunde, um ihn zu überzeugen, daß er noch eine heilige Pflicht gegen Frankreich zu erfüllen hatte, bevor er in den wohlverdienten Ruhestand träte. Auch mir gebot die Pflicht gegen das unglückliche Vaterland, ihn -nicht davon zurückzu halten, in der Stunde höchster Not noch einmal das Schwert für die Ruhe, die Ordnung und den inneren Frieden Frankreichs zu ergreifen. Ihnen, gnädige Frau, gegenüber müßte ich mir daraus


