Ausgabe 
18.3.1922
 
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Nr. 11

1922

Samstag, 18. März

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Aus PeftaLozZis Liebes- und Werbezeit.

Unsere Zeit des Niedergangs, die so viel Untröstliches zeitigt, schaut doch gerne zurück aus Epochen, in denen trotz äußerlicher Mängel und harter Schicksalsschläge deutsche Charaktere gediehen. Die deutsche Schweiz hat neben anderen großen Deut­schen auch Heinrich Pestalozzi hervvrgebracht, dessen Geist noch in der Nation fortlebt. Als unmittelbares und u sprüngliches Zeugnis seines Denkens, als Proben eines beVundelUngswürdigen Charakters, können namentlich die Briefe an seine Braut und spätere Gattin gelten, die, aus ihren Antworten zu schließen, ebenso eine außerordentliche Frau gewesen sein muh. Die Ge­schichte ihrer Verlobung spiegelt sich in dem folgenden Dri'et- wechsel, in dem Schillers WortDrum prüfe wer sich ewig bindet" auf eine seltsam gewissenhafte Art in die Praxis über­setzt erscheint:

Pestalozzi an Anna Schultheß.

Meine teure, einige Freundin! Ich habe diese Tage über alles, was unter uns vvrgegangen, ernsthaft zu überlegen angefangen. Teure, es ist Zeit, den Strom unsrer Empfindungen zu hemmen. Cs ist das ganze zukünftige Leben, es ist unser ganzes Glück, cs sind die Pflichten gegen unser Vaterland und gegen unsre Nach­kommen, es ist die Gefahr der Lugend selbst. Teure, die uns zu eilender Aufmerksamkeit auf uns selbst und zu der genauesten Unter« suchung, was hierin weiter zu tun unser Glück und unsre Pllicht sei, aus fordert. Wir wollen, Teure, hierin der einigen richtigen Führerin der menschlichen Handlungen, der Wahrheit, gehorchen. Ach daß mich, teure Freundin, die Empfindung meiner Wünsche und das zarte Gefühl der Liebe jetzt nicht davon ableiten l . . .

Freundin, vor allem muh ich Ihnen sagen, daß es mich wahr­scheinlich dünkt, wir werden uns nicht auf die Art, wie wir es gehofft, können kennen lernen . . .

Die Zeit, da ich mich noch in Z. aushalten werde, wird nicht mehr gar lange sein und noch durch viele Zwifchenabweken- heiten unterbrochen werden; ich werde vermutlich in dieser Zeit kaum Anlässe finden, mich in Ihrem Hause angenehm, ich will nicht davon reden, notwendig zu machen, und das muß ich doch vorher sein, ehe ich nur daran denken darf, mit einiger Freiheit mit Ihnen reden zu dürfen. Neben dem muh ich Ihnen sagen; ich habe nicht die geringste Fähigkeit, meine Empfindungen zu verleugnen; meine einzig« Kunst in diesem Falle besteht darin, die zu fliehen, die sie beobachten. Teure, ich wäre nicht imstande, dafür gut zu stehen, daß ich einen halben Abend mit Ihnen in Gesellschaft sein könnte, ohne daß ein mittelmäßig scharfsichtiger Beobachter mich unruhig erblicken sollte. Die Behutsamkeit, die aus so wichtigen Gründen notwendig ist, wird uns. Teure, die Anlässe, uns zu sehen und kennen zu lernen, sehr verringern, und doch ist es nach den Schritten, die wir beide schon getan haben, sehr wichtig, daß wir uns bald recht von Grund aus kennen lernen'

Teure, wir kennen uns so weit, daß wir uns auf gegenseitige, gerade Aufrichtigkeit und Eh lichkeit verlassen dürfen. Ich schlage Ihnen einen Briefwechsel vor, darin wir uns mit der Freiheit mündlicher Gesprächs über alles auslassen werden. Wir wollen uns einander auf alle Weise, ohne einige Verstellung zu (er)'ennen geben . . .

Teuerste Freundin! Ich fangx diesen Briefwechsel sogleich an.. ich will Sie gerade jetzt mit der größten Offenherzigkeit so tM in

mein Herz hineinführen, als ich selbst hineindringe; ich will Ihnen meine Absichten in dem Licht meiner jetzigen und künftigen Um­stände so heiter zeigen, als ich sie immer selbst sehe.

Teuerste Schultheß! Die von meinen Fehlern, so in den Situ­ationen meines künftigen Lebens mir die wichtigsten scheinen, find Unvorsichtigteit, Unbehutfamkeit und Mangel an Gegenwart des Geistes bei einstmals entstehenden unerwarteten Veränderungen mich interessierender Umstände. Ich weiß nicht, wie weit diese Fehler durch meine Bemühungen, mit denen ich ihnen entgegen arbeiten und durch mehr Erfahrungen . . . sich verringern mögen. Jetzt sind sie noch in einem solchen Grade da, daß ich sie dem Mädchen, das ich liebe, nicht verhehlen daN. Es sind Fehler, meine Teure, die Ihre ganze Erwägung verdienen; sie tonnten einst von sehr bedenklichen Folgen fein.

Ich hab« noch verschiedene Fehler, die sich aus meiner, dem Urteile des Verstandes sich ost nich: unterwerfenden Empfindlich­keit herleiten lassen. Ich schweife im Lob und 'Tadel, in Zuneigung und im Widerwillen sehr oft aus. Ich sehe die Fehler meiner Freunde fast gar nicht, ob ich gleich, wenn es unleugbar, daß sie gefehlt, nicht zu nachsichtig gegen sie bin. Ich bin gegen gewisse Güter so attachiert, daß mein Attachement dazu oft über die Schranken, die ihm die Vernunft setzt, hinausgeht. Ich liebe manche Güter wirklich zu sehr. Ich bin bei dem Unglück meines Vaterlandes und meiner Freund« selbst unglücklich, wenn ich schon keine Schuld daran trage, und das ist doch nicht weise, es ist nicht Pflicht. Wir sollen bei allen Begegnifsen, die wir nicht verhüten können, eine Vorsicht erkennen und stille schweigen und glauben daß es das Beste sei, was hätte begegnen können. Ich bin noch sehr schwach hierin, meine geliebte Freundin, und diese Schwäche ist ebenfalls sehr Ihrer Aufmerksamkeit würdig . . . Ich glaube zwar nicht, daß ich es nicht so weit bringen werde, daß sie mich an der Ausübung meiner Pflichten hindern wird; aber kaum werde ich jemals groß genug sein, sie in solch widrigen Zu- sällen mit bei Munterkeit und Ruhe des sich selbst immer gleichen Weisen zu tun.

Von meiner großen, wirklich sehr fehlerhaften Nachlässigkeit in allen Etiketten und überhaupt in allen Sachen, die an sich leine Wichtigkeit haben, muß ich nicht reden; man sieht sie in meinem ersten Anblick Ich werde mir aber diesen Fehler in meiner Ab­wesenheit zu verbessern suchen. Doch warum rede ich jetzt von so etwas?

Es dünkt mich notwendig, um mich Ihnen vollkommen zu -eigen, ein paar Worte von meinen Grundlätz n in Absicht au, den Ehestand und die Auferziehung mit Ihnen zu reden. Freundin, Sie haben meine Gedanken in Absicht auf die Auferziehung gesehen und es sind, teure Schultheß, wirklich die Grundsätze, von denen ich um kein Haar abzugehen entschlossen bin.

Meine Söhne sollen ungeachtet der sorgsältigsten Bearbeitung ihres Verstandes das Feld bauen, und von mit soll kein müßig« geh uder Stadtmann hersnvnm n Und in Als ch mf den Eh'stand muß ich Ihnen das sagen, meine Teure, daß ich die Pflichten gegen meine g liebte Gattin den Pflichten gegen mein Vaterland für untergeordnet Halle und daß ich. ungeachtet ich der zärtlichste Ehemann sein werde, es dennoch für meine Pflicht halte, un­erbittlich gegen die Tränen meines Weibes zu fein, wenn fie jemals mich mit denselben von der geraden Erfüllung meiner Bürger­pflicht, was auch immer daraus entstehen möge, abhalten wollte. Mein Weib soll die Vertraute meines Herzens, die Teilhaberin meiner geheimsten Ratschläge, und mit mir die einzige Aufer-