391

Aber die Gräfin hatte keine Ahnung, was ihr Mann meinte:Du hast es dir in der letzten Zeit angewöhnt, hi Sätzen zu sprechen, die dunkel und unverständlich sind, wie vor Jahrtausenden die Prophezeihungen der alten Pythia. Was soll denn das heißen: -den können wir wieder ausradieren?"

Den Landrat natürlich das ist doch ganz klar, Konstanze. Aber wenn ich sage, wie ich schon vorhin sagte: der Landrat, dann meine ich natürlich nicht den Landrat selbst, sondern den Bindestrich zwischen ihm und Alexa. Das heißt", verbesserte er sich, als -er jetzt seine Fraü ansah, die ihm einen strafenden und vernichtenden Blick zuwarf, weil er die beiden schon wieder zusammen nannte,da fällt mir plötzlich eine Geschichte aus meiner Dienstzeit ein, da hatte ich einen Rekruten, der war so lang und so dünn, daß er nie anders genannt wurde, als der ^»Ge­dankenstrich". Der brachte den Unteroffizier durch seine Ungeschicklichkeit oft zur Verzweiflung, und wenn dessen Wut seinen Höhepunkt erreicht hatte, dann schrie er den Rekruten an:Das sage ich Ihnen, Sie elender Wurm, wenn das nicht gleich anders wird, da lasse ich mir aus dem Bureau ein Stück Gummi holen und radiere Sie einfach weg! Und dann ist es aus mit Ihnen, dann sind Sie spur­los von -der Erdoberfläche verschwunden." Und derGe­dankenstrich" schwur stets aufs neue Besserung, denn in seiner Dummheit hatte er selbst -vor der Arrestzelle nicht halb so viel Angst, wie vor dem Gummi. Dabei fällt mir übrigens noch eine Anekdote ein."

Quäl' doch den Baron nicht mit deinen alten Soldaten­geschichten, die kennt er ja doch schon alle."

Meinst du etwa, er kennt deine Geschichten noch nicht?" wollte der Graf fragen. Aber er schwieg. Er war ja sein sre-er Herr und konnte tun und lassen, was er wollte. Und da er sprechen konnte, wenn er wollte, machte es ihm keinen Spaß. So schluckte er denn die Worte im letzten Augenblick noch herunter.

Dagmar und Alexa waren mit ihren Handarbeiten beschäftigt, und irgendetwas mußte bei Dagmars Stickerei nicht in Ordnung sein, denn sie hatten die Köpfe dicht zusammengesteckt und suchten gemeinsam den Fehler. So hatten sie wenig oder gar nicht auf das Gespräch -der anderen geachtet.

Die Herren sollten noch eine Partie Ecarts spielen," mahnte die Gräfin abermals,es ist ja noch früh."

Der Graf brannte vor Begierde, diesem Vorschlag zu folgen, aber irgendetwas hielt ihn davon zurück. Ihm war so, als müsse er seiner Frau eine Art Entschädigung dafür geben, daß er versehentlich Alexa und den Landrat nicht nur ein-, sondern sogar zweimal zusammen genannt hatte. Das war er ihr nach seiner Meinung als Kavalier und als Gatte schuldig. Und- so sagte er denn:Du bist sehr liebenswürdig, Konstanze, uns zu dispensieren, aber ich möchte heute doch lieber mit dir plaudern."

Und der Graf blieb standhaft, er rührte keine Karte an. Dafür tröstete er sich mit demmorgen!". Auch der Landrat spielte -gern. Morgen wollte er sich für die Ent­behrungen des heutigen Abends -entschädigen.

Aber es kam ganz anders. Der Landrat war am nächsten Abend nicht zu bewegen, mitzuspielen.

Heute nicht, Herr Graf ein andermal sehr gerne. Wir sehen uns ja jetzt wieder häufiger. Mein Stellver­treter ist -so wahnsinnig fleißig gewesen, daß es mir vor­kommt, als hätte er auch alle kommenden Arbeiten bereits erledigt. Ich habe viel Zeit und werde mich dafür schadlos halten, daß ich Ihr Haus so lange entbehren mußte! Da werden wir schon Gelegenheit zu einem Spielabend finden. Aber heute müssen Sie mir schon das Vergnügen gönnen, mich in erster Linie Ihren Damen zu widmen."

Der Graf knurrte irgendetwas in sich hinein, was ebenso gut einja" wie einnein" bedeuten konnte, aber er knurrte so leise, daß niemand es hörte. Er hätte ja auch laut knurren können, denn er war ja sein freier Herr, aber gerade deshalb tat er so oft das Gegenteil von dem, was er wollte, um dadurch zu beweisen, daß er es auch- anders konnte.

Der Landrat hatte viel zu erzählen, er hatte mit einem Hamburger Freund, der eine eigene Dampfjacht besaß,

eine Fahrt nach Schweden und Norwegen gemacht, auch sonst war er noch ziemlich weit 'herumgekommen und hatte jetzt viel zu berichten.

Nach Meinung der Gräfin -etwas zu viel. Aber sie schob das auf eine gewisse Nervosität und Erregung, die der Landrat um so deutlicher verriet, je mehr er sie zu verbergen suchte. Und diese Erregung schob die Gräfin auf seine neuerdings erfolgte Nobilitierung.

(Fortsetzung folgt.)

Der Mützenkrieg von Eibenstock.

Eine -wahre Geschichte aus der guten alten Zeit.

Von Wilhelm I d e l e r.

Es war an einem Wintersonntage anno domi 1786 zu Eiben­stock, dem im ganzen Sachsenland wegen seiner Spitzen und Stickereien bekannten Städtchen. In der Kirche hatte der Organist mit einer anmutigen Fuge nach dem Gesang geschlossen, und die andächtig versammelte Gemeinde harrte der Predigt ihres alten Pfarrers, Ehrn Magister Breith-aupt. In der vordersten Reihe, auf den, angestammten Ehrenplatz, saß der Stadtrichter Christoph Albert Stölzel, ein rundlicher Mann mit rosigem Gesicht, neben seiner Ehehälfte, der Stadtrichterin, die eckig, Holzgrade und hoch­mütig ihre spitze Nase in die Luft streckte und starr geradeaus sah. Tie pfiffigen kleinen Aeuglein des Stadtrichters aber spa­zierten neugierig herum und blieben schließlich so häufig und an­dauernd in der einen Ecke haften, daß auch sein strenges Gesponst aufmerksam wurde. Ihre kalten scharfen Blicke folgten dem lustigen Gezwinker des Gemahls, und sogleich- ging ein böser Zug über ihr Gesicht und- schnitt noch tiefere Runzeln als vorher in Stirn und Mundwinkel: Da stand die Tochter des Stadtpseifers Meiich- ner, Rosine, ein hübsches frisches Mädchen, im Sonntagsstaat und siehe da! eine funkelnagelneue Pelzmütze hatte sie auf, die gar trefflich zu ihren blühenden Wangen stand, aber welche Ver­messenheit! eine unverkennbare Aehnlichkeit mit der Kopf­bedeckung zeigte, die die Fran Stadtrichterin trug. Um die Andacht der Madame Stölzelin und um die Sonntagsruhe ihres Mannes war es geschehen. Wie die Stadtrichterin getobt und lamentiert, sie, die im Toben und Lamentieren den Preis davon­trug unter allen eibenstockischen Honoratiorenfrauen, davon melden die Akten nichts, denen wir diese höchst wichtige und höchst wahre Geschichte entnehmen. Genug: des andern Tages erließ der Stadtrichter den gemessenen Beseht an den Stad-tpseifer,seiner Tochter Rosine die fernere Tragung der Mütze, bei sonst zn ge­märten habender öffentlicher Wegnahme, nicht weiter zu Der« statten".

Die gute Sache hatte gesiegt. Die Fran Stadtrichterin hatte triumphiert und klapperte höchst selbst aus ihren spitzesten Schuhen und in ihrem pompösesten Reifrock zu allen Freundinnen, um von der rettenden Tat des guten Christoph-Albert zu berichten. Doch der Stadtpfeifer, vom Geist der Auflehnung befallen und verblendet in seinem Stolz auf die hübsche Tochter und ihre schöne Mütze, beruhigte sich nicht bei dieser hochobrigkeitlichen Verord­nung, sondern wandte sich an das Kteisämt Schwarzenberg mit der geziemenden Anfrage und devoten Bitteum Belehrung und Erlaubnis, daß seine Tochter die Mütze ferner tragen dürfe". Am nächsten Morgen sahen ihn die guten Einwohner von Eiben­stock, die erregt beisammen standen und den großen Vorfall ein­gehend- besprachen, zu Tore hinauswandern: das gesiegelte Schrift­stück, so er mit Hilfe eines Verehrers von Rosinchen, des Studiosus Hartiztsch, verfaßt, in der Brusttasche, die besagte Mütze unter dem Arm. Der Amtmann besah sich das corpus delicti von allen Seiten, fand es aber, tote er in dem hernach ausgenommenen Protokoll vermerkte,von keiner Beträchtlichkeit und weder mit Zobel, schwartzen Füchsen noch sonstigen kostbaren Sorten von Rauchwerk" besetzt, also in nichts gegen eine gestrenge kurfürstlich- sächsische Kleiderordnung verstoßend. Ordnete also an, daß der Meischnerin fürderhin erlaubt sei, sotane Mütze öffentlich zu tragen, und ließ seine Beschließung dem Stadtrichter Stölzel durch 'ben Aktuarius Müller, der in Geschäften nach Eibenstock ging, fertigen Tages mündlich eröffnen.

Wie ein Gewitter, das am Horizont gewetterleuchtet und einen leichten Regenschauer niedergesandt hat, von einem plötzlich auf­brausenden Sturm rasch heraufgejagd wird und nun sich in Blitz und Donner schrecklich entlädt, also wirkte die Künde von des Herrn Kreisamtmann Resolution. Die Frau Stadtrichterin bekam ihreVapeurs" und- der völlig gedeppte Christoph-Älbert wagte sich nicht auf die Straße. Die Gattinnen der Magistrats­herren und Beamten aber erhoben ein Zetergeschrei, daß nun dem neuen Hochmutsgeist, der feine durch Gesetz und Recht verord­neten Stände und Unterschiede mehr gelten lassen wolle, Tür und