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Tor geöffnet sei, daß die Anmaßung des Volkes vor nichts mehr Halt mache und daß die Stadtherren von ihren Sesseln unsanft heruntergerissen werden würden, zumal man seit einiger Zeit munkle, daß selbst die Throne wacklig zu werden anfingen. Ihr Schreien und Klagen scheuchte die Männer auf, die sich augstvoll an die Kopfe griffen und wohl oder übel glauben mußten, daß das Wohl und die Existenz der Stadt Eibenstock auf dem Spiel stünde. Bald eilte der Ratsdiener durch die Straßen und lud zu einer außerordentlichen Magistratssitzung. In dieser. Sitzung, in der man sich alle Sorgen über die Pelzmütze und über die dadurch hervorgerufenen häuslichen Aufregungen von der Leber sprach, herrschte eine erhebende nnd beruhigende Einmütigkeit: alle stellten sich auf die Seite des Stadtrichters mit Ausnahme des einzigen Vize-Stadtrichters Michel, eines Junggesellen und Freigeistes, der die Stirn hatte, die ganze Angelegenheit für eine Bagatelle zu erklären, derentwegen man sich nicht mit dem Amt anlegen solle, lieber solch frivole Auffassung eines die ganze Stadt unterwühleuden Streitfalles, bei dem die höchsten Güter der Stadtregierung ans dem Spiel standen, ging man mit schweigender Verachtung hinweg: es wurde beschlossen, die mündliche Anordnung des Kreisamtes nicht zu respektieren. Dem Meischner ließ man durch den Staatsdiener bedeuten, der hohe Rat nehme auch nicht ein Tipfelchen vom Verbot des Stadtrichters zurück; die Meischnerin solle nur nicht wagen, sich in der Mütze öffentlich zu zeigen.
Die Mützenpartei zu Eibenstock, die nicht weniger eifrig für. Recht und Freiheit entbrannt war, als dereinst die denkwürdige Mützenpartei in Schweden, war in Heller Wut; dem Bürgermeister und dem Stadtrichter wurden wenig erbauliche nächtliche Katzenmusiken gebracht, und hinter der Madame Stölzelin flog sogar ein Stein her, als sie zum Siegeskaffeekränzchen bei der Frau Rektorin ging. Meischner aber wandte sich wieder an das Kreisamt, und nun erging von diesem an den Rat zu Cibenstock eine geharnischte schriftliche Verordnung, die kund und zu wissen tat, daß dem Rat „alles weitere ungebührliche Verfahren wider die Meischnerin" strengstens untersagt und die Bezahlung aller entstandenen Kosten auferlegt werde. Da hatten es nun die Frau Stadtrichterin und ihr Christoph-Albert und alle ihre Kafeeschwestern und deren Männer! Aber wer etwa glaubt, sie hätten sich nun zu gute gegeben und die niedliche Rosine im Schmuck ihrer Pelzmütze ruhig am Sonntag paradieren lassen, der unterschätzt Stolz, Würde und Selbstachtung des Eibenstöcker Magistrats. Am nächsten Sonntag geschah etwas Furchtbares, eine Tat, die einen einzigen Wutschrei bei der Mützenpartei und einen Triumphgesang im Kränzchen der Honoratioren- frauen entfesselte. Die Geschichte umhüllt die Einzelheiten dieses Vorganges mit gnädiger Nacht, aber man ahnt das Schreckliche aus dem Bericht, den das Kreisamt Schwarzenberg am 24. Apri- lis 1786 an die Oberbehörde erstattete. Danach tyatte der Rat von Eibenstock dem Amt die Nichtachtung des Befehles in einem offiziellen Schreiben zu erkennen gegeben, „und waren der Stadtrichter Stölzel und übrige Ratsafsessoren, den einzigen Vize- Sradtrichter Michel ausgenommen, zu sehr von ihren Leidenschaften verblendet, als daß sie an Pflicht und Gehorsam hätten denken sollen; sie opferten solche ihrer Animosität auf und ließen der Meischnerischen Tochter, Sonntags, den 19. Februar, uach der Kirche vor der ganzeu .Kirchfahrt auf öffentlicher Straße die Mütze durch den Ratsdiener öffentlich ab- und vom Haupte nehmen."
Wie mag der hübschen Rosine zu Mute gewesen sein, wie ihrem Vater und tote der ganzen Mützenpartei, als der Scherge des Magistrats ihr vor allem Volke mit roher Hand die so stolz getragene Bier vom blonden Scheitel riß? Zwar behauptete später der Rat, den Dtener ausdrücklich mtgetoiefen zu haben, die Mütze behutsam abzunehmen, und wir wollen es wohl glauben daß der Manu des Gesetzes die prächtige Mütze schonte, die er als konpsztertes Gut sich aneignen zu können hoffte. Aber schonte er auch die Ehre des Mädchens, den Stolz des Vaters, die Würde der Mützenpartet? Nein und abermals nein! Die niedliche Rosine weinte bittere Tränen, der Stadtpfeifer sparte nicht mit derben Verwünschungen und ihre Anhänger sannen auf grimmige, auf fuße Rache. Wahrend die. Mütze auf das Rathaus in gerichtliche Verwahrung gebracht und bei den Stadtinsignien sorgfältig eingeschlossen wurde, während die Stadtrichterin im stolzen Hochgefühl des spät errungenen Sieges und im Pfauenhaft geblähten Sonntagskleide neben ihrem viel kleinlauteren, vom Höfen Ge- wisseil niedergedrückten Mann nach Hause schritt und das arme Rosinchen sich die Augen ausweinen wollte vor großem Schmerz — holten die Führer der Mützenpartei zum letzten entscheidenden Schlage aus: der Bergmeister Gläßer und der Zehnter Böhmer, die dem Magistrat Krieg bis aufs Messer geschworen hatten, begaben sich zu dem Kaufmann Henßel, der die Eibenstöckerinnen
nicht nur mit den köstlichen überseeischen Waren, wie Kaffee Zucker und Schokolade, fonberm auch mit den neuesten Errungenschaften der Eleganz versorgte und stets einen sehnsüchtig begehrten Vorrat an teuren Putzwaren bereit hielt, und kauften ihm seine allerschönste Pelzmütze ab, die viel schöner war als bie schönste der Frau Stadtrichterin.
Nun ging es mit Jubel zur Stadtpfeiferwohnung, wo Rosiuchci, in Tränen saß. Wie versteinert war sie, blickte zuerst erstaunt und verständnislos, als ihr die Deputation das kostbare Geschenk überreichte, aber dann huschte ein glückliches Lächeln über ihr rosiges Gesicht, rasch versiegten ihre Tränen. Nicht lange danach erschien sie wieder in der Kirche, umringt von der Mützen- partei, in dem neuen Prachtstück, und wohnte ungefährdet, wc« auch nicht gerade andächtig, bem Nachmittagsgottesdienste bei während der Rat und seine. Getreuen, die auf den Lorbeeren des Vormittags ausruhten und daher die Kirche versäumten, nichts von dem Attentate ahnten. Ungeheuer war aber nachher bet Grimm, als man von dein neuen Tort erfuhr. Trotzig erklärte der Rat, „er würde, wenn er zeitig genug davon Wissenschaft erhalten hätte, auch diese geschenkte Mütze haben wegnehmen lassen." Aber bis zu diesem Aeußersten sollte es nicht kommen, denn nun griff die hohe Hand der Landesregierung selbst in das „schwebende Verfahren" ein.
Bis nach Dresden gelangte die Pelzmütze, ward von hohen und höchsten Herren beaugenscheinigt und kam dann auf bem« .selben Instanzenwege, von einer Unmenge Reskripten begleitet, wieder zum Kreisamt zurück, von dem sie — ein wenig rann paniert, aber immer noch sehr stattlich — direkt der Meischnerin ansgehändigt wurde. Der Rat kam mit einem blauen Auge davon: er wurde nur in die beträchtlich aufgeschwollenen Kosten verurteilt, obwohl der rachedurstige Stadtpfeifer in immer neuen Eingaben auf exemplarische Bestrafung des Stadtrichters uni des Ratsdieners drang. Rosine Meischner aber konnte im kommenden Winter, der mittlerweile ins Land gezogen war, beim Kirchgang mit zwei Pelzmützen abwechseln, von denen die eint schöner war und ihr besser stand als die andere. . .
Vermischtes.
kf. D i e R e k l a in e a n g l e r. Am Ufer der Seine, in der Nähe der Brücke „Pont-Nenf" in Paris erregten vor einigen Tagen 15 vom Kops bis zu den Füßen völlig gleich geUeibete Angler die Neugierde der Passanten. In bestimmten Äbstmideii faßen sie mit den Angelruten in der Hand am Ufer, ihr Augenmerk einzig und allein auf die Wasserfläche gerichtet. Ab vmb zu zog der eine oder der andere feine Nute aus dem Wasser, HM fest, daß kein Fisch angebissen hatte, und ivarf sie dann wieder hinein. Menschen sammelien sich an, Witze wurden gemacht: die Angler ließen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Da enthüllten sie plötzlich aus ihrem Rücken und an ihren Hüten grosse Buchstaben, die in der sortlaufenden Reihe den Namen eines bekannten Pariser Hauses für deu Angelsport gaben.
kf. Eine 3 8 0 Kilometer lange Wasserleitung. Eine 380 Kilometer lange Wasserleitung stellt zweifellos einen Rekord dar. Und da Amerika alle Rekorde besitzt, so liegt es auf der Hand, daß man diese Riesenwasserleitung in den Vereinigten Staaten zu suchen hat. Fertiggestellt ist sie allerdings noch nicht; sie wird erst im nächsten Jahre vollendet sein. Los Angeles wird durch sie getränkt werden und wahre Wassermassen wird sie dieser Stadt zuführen. Nicht allein wegen ihrer Länge ist die Wasserleitung bemerkenswert, sondern auch wegen ihrer Bauart. Zur Hälfte besteht sie nämlich aus Eisenröhren, zur Hälfte aus Röhren aus armiertem Beton. Da die Leitmigsrohre am Boden entlang lausen und den Bodenunebenheiten nicht Rechnung getragen worden tst, so sind 22 Pumpwerke nötig, um einen geregelten Wasserlauf herbeizuführen. An einer Stelle von 2,5 Kilometer Länge beträgt der Bodemmterschied nicht weniger als 255 Meter. Wenn die Wasserleitung fertiggestellt ist, wird sie die Kleinigkeit von 100 Millionen Mark verschlungen haben.
Logogriph.
Ein Fluß in Böhmen wird sofort zum Schwein, Tauscht ihr sein „g" euch gegen „b" nur ein. Doch setzt dem Flusse ihr ein „91" voran, So feht ihr einen fremden, wilden Alaun.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer:
Von Hanse ans dich keiner hier Für wacker oder niedrig hält;
Nur deine Taten machen dich Geehrt, verachtet in der Welt.
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lang«, Gielen


