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nut fjicilb' mütterlich besorgtem, halb- schwesterlich schwärmerischem Lächeln — „nicht zu viel trinken, verstehst du? . . . Jedesmal, wenn du eine Flasche Sekt bestellen willst, denk: ich werd' sie- mir sparen, um sie hernach mit meiner kleinen Frau auf der Hochzeitsreise zu trinken! Willst du mir das versprechen, Schlingel du. . .?"
Martin hätte in diesem Augenblick weit mehr versprochen, -wenn es hätte sein müssen . . .
Ach, wie rasch war dies Aufflackern schelmischer Mädchenlnft von -dem zierlichen Gesichtchen verflogen, als nun eine Bewegung unter der harrenden Menge der Fahrgäste, als ein hurtiges Rollen von Gepäckkarren und ein fernes Brausen die Ankunft des Zuges verkündete, der ihr den Ersehnten auf acht Wochen entführen sollte!
Fest schmiegte sich das liebe Kind an den blauen Ueber- rock ihres Referveleutnants. Wieder standen Tränen in ihren Augen, als sie mit dem Ausdruck rücksichtsloser Sehnsucht ihr Antlitz zu ihm cmporhob: „Behalt mich lieb, du. , . hörst du. . . behalt mich lieb
Da faßte er ihre beiden Hände und- g-a6! ihr den Ab- schiedskuß. „Morgen in acht Wochen, du, morgen in acht Wochen!"
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Als eine Wendung des Zuges den Bahnhof und den weißen, winkenden Fleck inmitten wimmelnder Menschenmenge dem Blick entrückt hatte, ließ der Reisende sich mit einem tiefen Aufatmen in die graus-ammetnen Polster fallen. Er war zum Glück allein — dehnte sich und streckte alle Glieder in einem Gefühl unbeschreiblichen Behagens. Herrgott, war er glückliche. . .!
Endlich überstanden, dieser zweijährige Kampf um dies Mädchen, das er, er, der Verwöhnte, der vielgefeierte junge Künstler, aus den hundert Gestalten, -die ihn werbend um- drüngten, sich ersehen hatte zur Gesellin seines ruhelosen Daseins. Nach einer harten Jugend voller Kampf, die ihn aus der behaglichen Enge des evangelischen Pfarrhauses einer kleinen bergischen Stadt hinausgeführt hatte in das wogende Dasein eines werdenden, machtvoll sich aufwärts ringenden Künstlers, war er seit kurzem an einem ersten Ziel. . . Im Hauptsa-al der Sezession in Berlin hingen seit dem Frühjahr allbest-aunt nebeneinander zwei große Damenporträts von seiner Hand, die er mit weisem Bedacht als verblüffende Pendants für -die Ausstellung in gleichem Format und Stil geschaffen hatte, obwohl sie bestimmt waren, an ganz verschiedene Plätze zu gelangen. Zur Linken die blonde Brünhildengestalt der Gräfin Amalie von der Schulenburg, einer Vollolutgermanin, eines Sterns der niederrheinischen Aristokratie, und neben ihr: die tiefbrünette und ebenso tief dekolletierte Rasseschönheit der Frau Kommerzienrat Mannheimer, der elegantesten und interessantesten Frau der Börfenkreise in Frankfurt am Main . . .
Die Kritik hätte beide Bilder schlechthin als meisterlich gefeiert. Das Publikum wurde nicht satt, die Werke zu bestaunen, die ihren Schöpfer zum berufensten Verkünder des modernen weiblichen Schönheitstypus stempelten und in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Porträtmalerei geführt hatten.
Den ganzen Sommer über war Martin Flamberg von einem Hochsitz des Kapitals zum andern gezogen und hatte die erlesensten Exemplare glänzender Weiblichkeit mit einer Kunst fest-gehalten, die, weit entfernt von weichlicher Schmeichelei und Schönfärberei, doch ihre Gegenstände über die Sphäre gemeiner Wirklichkeit in eine Region idealer Kultur hineinzuheben verstand.
Und »erst Hieser junge Ruhm Und seine notwendige Folge, das elementare Anschwellen seines Bankkontos, hatten den langjährigen Widerstand des Oberlandesgerichtspräsidenten, Geheimen Oberiustizrats Doktor van den Bergt) und seiner freiherrlichen Gattin gebrochen und so dem trotzigen Zueinänderwollen Meier Menschen den Sieg gebracht, .deren .Verbindung ein Schlag ins" Gesicht des Schicksals zu sein schien.
, Der alte Präsident wär der Typus eines starren ostelbischen Bureaurraten, und ihm wie seiner Frau war der Gedanke, ihre Einzige an der Seite eines Künstlers zu sehen, fast gleichbedeutend geworden mit dem völligen Verzicht auf die Liebe ihres Kindes.
Sie hatten es mit ansehen müssen, wie ihr Mädchen sich gn-gesichts ihrer Weigerung schrittweise völlig von ihnen loslöste und in eine andere Welt hinüb-erwüchs, für deren
Lebensgesetze ihnen auch der Schatten des Verständnisses abging. Sie hatten sich bis zur Verzweiflung gegen diese Schickung gewehrt und sich erst besiegt gegeben, als der Erwählte ihrer Tochter ihnen ziffermäßig beweisen konnte, daß seine Kunst wenigstens nicht eine brotlose sei, und -daß, sie für die materielle Zukunft ihres Kindes nichts zn be- fürchten haben würden, wenn sie schon seiner Seelen Seligkeit und das beglückende Bewußtsein innerer Zusammen-, gehörigkeit in den Kauf hatten geben müssen.
Wie oft hatte sich Märtin Flamb-erg- in diesen Jähren der Kämpfe gefragt, -ob -es nicht richtiger sei, von dem raschen Bündnis, bas eine Ballnacht besiegelte, zurückz-u- treten und sich den entsetzlich kraftvergeudenden Kämpfen nicht länger auszusetzen, die ihm jahrelang die Ruhe seines Lebens -geraubt hatten — diese Ruhe, die er doch für seine Kunst so nötig brauchte.
Aber schließlich war es der gleiche zähe Künstlertrotz,, der ihn in raschem Ausstieg zu der heute erklommenen Höhe geführt hatte — dieser selbe unbeugsame Trotz war es gewesen, der ihn an der -einmal getroffenen Wahl hatte festhalten lassen, so -oft auch in lockendster Gestalt von rechts und links die Versuchung an ihn herangetret-en war, das Ziel seines Lebens auf mühelosere Weise zu erreichen.
Ach — das alles lag ja nun hinter ihm — das alles war verwunden — mußte und durste vergessen werden. Der Termin seiner Hochzeit war festgesetzt. Auch hier hatte er den Sieg erzwungen, im Leben, wie in der Kunst.
Nun wollte er noch einer lange aufgeschobenen Pflicht genügen und seine vierte Reserveofsizierübung machen, um dann am Arme der Liebe die zweite Hälfte seines Lebens zu beginnen. Ja, diese achtwöchige Uebung —! Er war ein begeisterter Soldat gewesen. Es hatte ihm Vergnügen gemacht, sich durch Luft und Sonne im Waffendienst herumzutummeln — es war ihm -eine Wonne gewesen, von Zeit zu Zeit in die bunte Schlangenhäut des Kriegers zu schlüpfen und auch hier seinen Mann zu stellen.
Aber als nun langsam der Erfolg — als endlich jählings der Ruhm gekommen war — als er sich ganz durchdrungen hatte mit Künstlertum, da hatte er geglaubt, die militärische Phase seiner Jugend endgültig überwunden zu haben, und es war ihm schier -ein unerträglicher Gedanke gewesen, sich nochmals für acht Wochen in den Zwang einer so ganz und gar anders gerichteten Lebensführung fügen zu sollen.
Oftmals hatte er vor dem Schritte gestanden, sich aus der Reserve des Regiments, dem er angehörte, gleich in die Landwehr zweiten Aufgebots überschreiben zu lassen und damit ein für allemal sich seinen militärischen Verpflichtungen zu -entziehen. . . und dann hätte er's doch nicht übers Herz gebracht; denn das Monogramm seines Regiments bedeutete für ihn zugleich die Erinnerung an fast zwei Jahre seines Lebens, denen er, das wußte er gar wohl, als Künstler sehr viel verdankte.
Verdankte vor allen Dingen seine genaue Bekanntschaft mit dem Wesen des Volkes, das sich ihm int erzwungenen Verkehr mit den Mannschaften und Unteroffizieren seines Regiments spielend erschlossen hatte.
Aber noch mehr verdankte er seinem Soldatentum:
Die sich, dem Kulturmenschen sonst nur auf Reisen zu „kalt staunendem Besuch" erschließt... die Natur. . . zu ihr hatte er just als Soldat ein persönliches Verhältnis gewonnen, das feiner Kunst die reichsten Früchte getragen hatte. Er war ja nicht Landschafts-, sondern Porträtmaler, und die Richtung seines Strebens bannte ihn an den Salon, bannte ihn -an eine Menschensphäre hoher Kultur, äußerster Verfeinerung Und Näturentfremdung des gesamten Daseinsbetriebes — und so war es ihm geradezu ein Glück geworden, daß sein Di-enstjahr und die Pflichtübungen in der Reserve ihn durch- Jahre hindurch- immer wieder in Zusammenhang mit dem Leben des Volkes und- mit dem geheimnisvollen Wirken der Natur gebracht hatten. Er hatte fünf Manöver mitgemacht, und diese kriegerischen U-ebungen hätten ihm -zahllose Bilder in fcie Seele -geprägt, Bilder von taufrischen Sonnenaufgängen -auf grüner Heide, in den Gebirgen der Eifel und 5>en Hunsrücks — brütende Sonnen- schwüle Wer flimmernden Ackerbreiten < traumstille Mondnächte — nebelverhangene, reg-entriefende Waldeinsamkeiten.
Und nun — da er wieder den bünten Rock an gezogen — fühlte er ^wieder jene seltsame Wirkung, der er schoü


