Ausgabe 
25.5.1912
 
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Viel für die Repräsentation nach außen hin, wie viel für die Dienerschaft, kurz, die geringsten Kleinigkeiten sind festgesetzt. Und unter anderem auch: daß nie eine an­dere Tageszeitung auf Schloß Gründingen geh u wer­den darf, als die Kreuz-Zeitung. Mit einem Eid jabe ich beim Antritt der Erbschaft feierlichst geloben müssen, alle Bestimmungen des Testamentes zu halten und zu erfüllen. Das hat sein Schlechtes, aber auch sein Gutes. Ginge es nach mir, so hätte ich mir schon lange ein an­deres Blatt genommen, aber dann hätte ich damals Ihre -) Annonce nicht gelesen, und dann wären Sie heute ' nicht hier. Sie sehen: es hat wirklich alles sein Gutes."

Und das war die ehrliche Ueberzeugung des Grafen, der sich in den wenigen Tagen so an seinen Gast ge­wöhnt hatte, daß er es gar nicht begriff, >vie er es früher ohne diesen hatte aushalten können. Im Escarts war er allerdings kein Meister, und mit der verabschiedeten Exzellenz in Berlin durfte er ihn nicht vergleichen, aber er spielte doch wenigstens passabel,so lala", wie er es nannte. Die schwierige Geldfrage hatte der Graf dahin geklärt, daß er die Partie anstatt wie sonst zu fünfzig Mark jetzt um fünfzig Pfennige- spielte und sich fest vor- genonnnen hatte, jeden Gewinn gewissenhaft aufzuschrei- oen, um ihn später bei der Trennung in Form eines sehr anständigen Extra-Honorars dem Baron zurückzuerstatten. Dann brauchte er sich jetzt keine Vorwürfe zu machen, wenn er dem Baron einmal einen Taler oder zwei abnahm.

Nein, wegen des Kartenspiels allein war ihm der Baron nicht so sympathisch, aber er war ein vollendeter Kavalier, hatte die Welt gesehen, konnte gut erzählen, er war ein unermüdlicher Zuhörer und ein außerordent­lich dankbares Publikum für die kleinen Scherze und Anek­doten., die der Graf mit Vorliebe aus seiner Dienstzeit erzählte. Außerdem war er, ebenso wie der Schloßherr, ein passionierter Jäger, da gab es zahllose Punkte, in dem die Beiden übereinstimmten.

Und wie dem Grafen, so war der Baron auch der Gräfin, wenn auch nicht gerade unentbehrlich, so doch sehr sympathisch geworden. Am ersten Tag hatte sie ihn aller­dings noch mit einem gewissen Soupyon beobachtet. Ein Baron, der. trotz seines Namens für Geld Reitunterricht er­teilte man konnte doch immerhin nicht wissen. Aber seine Hände hatten ihr schon bewiesen, daß er nicht nur dem Namen nach adelig war: solche schmalen, feinen Hände mit so wohlgepflegten Nägeln hat nur ein wirk­licher Aristokrat. Und als er dann im Laufe der Unter­haltung zeigte, daß er in der gräflichen Familie Reifen- berg-Kneiffenberg und jn anderen adeligen Häusern ebenso gut Bescheid wußte wie sie selbst, da hatte sie sich plötzlich mbei ertappt, daß sie ihnlieber Baton" nannte. Da ie das einmal gesagt hatte, mußte sie es auch in Zu­kunft tun, und sie tat es auch gerne, denn er verdiente nach ihrer gewissenhaften Ueberzeugung diese Auszeichnung voll­kommen.

Auch Alexa war froh, daß der Baron im Hause war. Schon am ersten Tag gleich nachdem man den Stal­lungen einen Besuch ab gestattet h atte war man zu dem Tennisplatz gegangen.Sie spielen doch Tennis, Herr Baron?" hatte sie sich erkundigt. Er hätte saft aufgelacht es gab ja keinen Sport, den er früher nicht betrieben hatte, und wie manchen Preis hatte er nicht gerade auf dem Tennisplatz errungen! Auch jetzt hul­digte er dem Spiel noch, so oft sich ihm Zeit und Ge­legenheit dazu bot, und doch hielt ihU irgendetwas da­von zurück, ihre Frage zu bejahen. War es die Erinne­rung an jene Episode seines Lebens, als er auf dem Tennisplatz sein Herz an die schöne Amerikanerin verlor, die all seine Bewerbungen duldete, ihn zu immer neuen Huldigungen herausforderte, und die ihn dann doch kalt und herzlos auflachend, dastehen ließ, als er ihr end­lich seine Liebe gestand? Ihm toctr es plötzlich, als schlüge dieses kälte, verächtliche Lachen von neuem an sein Ohr, ohne daß er es gewollt hätte, stieß er die Worte hervor:Ich hasse dieses Spiel" Er hatte hin- znfügen wollen: bei dem Man nicht nur mit den Bällen, sondern auch mit den Herzen spielt, aber im letzten! Augenblick hatte er sie doch noch verschluckt. Und lebhaft hatte Alexa ihm zugerufen:Das dürfen Sie nicht sagen, und wenn Sie es dennoch tun, dann ift es nur ein Beweis, daß Sie das Spiel noch nicht kennen. Darf ich Ihre Lehrerin sein?"

Einen Augenblick hatte er noch gezögert: sollte er nicht die Wahrheit gestehen, ihr sagen, ich hasse das Spiel, gerade weil ich's kenne? Aber 'dann las er in ihren Augen ihre stumme Bitte, er erriet ihren sehnlichen Wunsch, seine Lehrmeisterin zu werden, ihm ihre Künste zu zeigen, ihn durch ihr Beispiel anzufeuern, ihr zu folgen.

Mit einem schnellen, prüfenden Blick überflog er ihre schlanke, zierliche Gestalt und sah in ihre bittenden Augen. Hübsch war Alexa, mehr als hübsch aber die konnte ihm nicht gefährlich werden, sie hatte nichts gemeinsam mit jener stolzen Amerikanerin, auch nicht mit ihrer Schwester Dagmar. Das war nicht ein Weib, um das es sich für ihn zu werben lohnte, die war noch viel zu sehr Kind, als daß er, ein ernster Mann, sie sich als Gefährtin hätte wünschen können.

Spielen Sie auch, Komtesse?" hatte er sich, anstatt gleich zu antworten, an Dagmar gewandt.

Mir geht es wie Ihnen ich hasse das Spiel."

Und doch wirst auch du sehr bald daran teilnehmen," sagte er sich,wenn ich es will und ich will es."

Und lediglich um seinen Entschluß später bei Dagmar durchsetzen zu können, hatte er Alexa erklärt:Wenn Sie denn wirklich meine Lehrerin sein wollen, Komtesse,i ich bin ja eigentlich für diesen Sport schon etwas alti aber ich werde mir trotzdem die größte Mühe geben, kein zu ungeschickter Schüler zu sein."

So wurde verabredet, nach der ersten Reitstunde auch gleich mit der ersten Tennisstunde zu beginnen. Und Alexa hatte erklärt:Da kann ich mich wenigstens in einer Hin­sicht dafür dankbar erweisen, daß Sie sich so viel Mühe mit uns geben."

Das wissen Sie doch noch gar nicht."

Doch das sehe ich Ihnen an," hatte sie erwidert/ entweder tun Sie etwas gar nicht, oder Sie tun es ganz."

Vielleicht haben Sie da nicht so ganz unrecht, Kom­tesse," hatte er entgegnet, und seine Augen waren zu Dagmar geflogen. Die hatte seinen Blick erwidert, als wisse sie nicht, warum er bei seinen Worten gerade sie ansah.

Dagmar war die einzige im Hause, die in keiner Weise/ auch nicht mit einem Wort, weder den Eltern noch der Schwester gegenüber, verriet, wie sie über den Baron dachte. Gegen ihn selbst war sie freundlich, wie es ihr als Tochter des Hauses einem Gaste gegenüber zukam, aber doch zugleich auch kühl und zurückhaltend, wie das ihrem ganzen Wesen entsprach. Und doch wurde ihr das jetzt zuweilen etwas schwer, nicht etwa, als ob der Baron ihr auch nur das geringste mehr galt, als irgend ein Anderer, aber sie wußte jer selbst am besten, daß sie beständig Komödie spielte,- wenn 'sie ihn fortwährend wie einen ganz Fremden be­handelte, und das machte sie oft unsicher und ließ zu­weilen die Furcht aufkommeu, daß sie aus der Rolle fallen könne.

Und je leichter der Baron es ihr machte, ihr Spul weiterzuführen, desto schwerer wurde es ihr. Hätte er ihr nur mit einem Blick gezeigt: gib dir keine Mühe mich täuschest du doch nicht, oann hätte sie die Verstellung viel leichter weitertreiben können, als so. _ Er schien es gar nicht zu bemerken, daß sie die frühere, flüchtige Begegnung absichtlich ignorierte, und wenn er es doch merkte, so schien es ihm wenigstens vollständig gleichgültig zu sein.

Ihr war es in mancher Hinsicht peinlich und un­angenehm, jetzt beständig mit ihm zusammen zu sein, denn sie glaubte immer seine fragenden Blicke und seine stummen Huldigungen zu fühlen, und doch hätte sie, wenn sie gerecht gewesen wäre, zu geb en müssen, daß er sich um sie in keiner Weise mehr kümmerte, als um ihre Schwester ober um ihre Eltern. Aber dann tröstete sie sich damit, daß das viele Zusammensein aufhören würde, sobald der Unterricht seinen Anfang nahm. Dann würde jeder vorher und hinterher seinen Beschäftigungen nachgehen, und man würde sich nur bei den Mahlzeiten begegnen. Der Baron hatte auch davon gesprochen, daß er die vielen freien Stunden hier benutzen wolle, um ein längst angefangenes Werk über den Reitsport zu Ende zu führen. Da war er also täglich für längere Zeit an seinen Schreibtisch gebunden, auch Alexa würde ihn jeden Tag wenigstens eine Stunde aus dem Tennisplatz festhalten, so würden die Begegnungen allmählich immer seltener werden.

Im Gegensatz zu Alexa sah sie der ersten Reitstunde ganz gelassen entgegen. Die Schwester hatte geradezu