Der Taufschein.
Humoreske von Alwin Römer.
Wir saßen am Stammtisch der Honoratioren des kleinen Gebirgsbädes. Der Bürgermeister Hatte mich mitgenommen, uw Mir eine Abwechslung zu verschaffen. Es regnete nämlrch seit fünf Tagen. Und so lange war ich gerade da, um Waldluft zu genießen. . , ..
Mit der wohltuenden Wichtigkeit eines Oberkommandnren- den stellte er mich vor. Ich verbeugte mich siebenmal nach verschiedenen Richtungen hin, bekam einen Teckelkrug Münchener, das vom langen Lausen merklich matt war, Md hörte andächtig M,- wie weise Männer redeten. , .
Man sprach über Personen-Verwechslungen, die infolge eures großen Bankdiebstahls zu peinlichen Verhaftungen geführt hatten/ und betonte die Richtigkeit amtlicher ÄusMerspaprere.
„Larifari," sagte der Kommissionsrat, der offenbar weit rtt der Welt umher gekommen war und m diesem Kttrse hohes Ansehen genoß, „was helfen einem die schönsten Auswerspamere- wenn sie einem Unterwegs gestohlen werden! Ach werß ern Lred- chen davon zu singen!" > '
'Seine Augen blitzten herausfordernd. Und ferne „Adlernase bog sich noch weiter nach unten, als habe er nicht übel Lust, damit drein zu hacken, wenn stÄ lemand erlauben sollte, rh'M für die nächste Viertelstunde das Wort nicht zu lassem
ich noch nicht, denn Sie müssen mich für das falscheste Weib auf Gottes Erdboden halten. Ich gebe mich aber trotzdem der angenehmen Hoffnung hin, daß taj ^hre und «Ihres «Fräulein Schwester Verzeihung erhalten werde, und überlege, aus welche Weise ich Sie für Ihre große Güte in geeigneter Form entschädigen kann. — Mit aller Hochachtung und den besten Wünschen an Sie beide verbleibe ich '
Ihre ewig dankbare
Julia! von Eißen."'
Ich wär wie vom Schlage getroffen. „Mit den besten Wünschen!" Und so was von Marcella — meiner Jnnigstt geliebten! War ich überhaupt bei Sinnen? „Beste Wünsche" von Marcella! Marcella — meine Marcella -3 wollte mich „entschädigen". War das alles denn denkbar? Ich las die Worte noch. 'einmal. Sie standen deutlich da,, schwarz auf weiß, sie schienen mir ins Gesicht zu springen — meine Augen blenden zu wollen.
Hier, Helen, lies! rief ich. '
Sie wär gerade ins Zimmer getreten — blaß und mct blauen Rändern um die Augen — und erkannte sofort, daß eine neue Hiobsbotschaft gekommen sein mußte. Lautlos nahm sie den Brief und las ihn bis zum Schluß, wahrend ich rasend im Zimmer auf und ab lief. Lautlos gab, sie ihn mir auch wieder zurück, und ich bemerkte ein sonderbares, ominöses Zucken uni ihren Münd, als ob sie eine starke seelische Erregung durch die Macht ihres Willens zurückhalten wollte.
«Nun? sagte ich.
Frag mich nicht, Ted. Ich begreife überhaupt nichts mehr Es ist mir alles unfaßbar. Ich will's aufgeben. Willst du jetzt dein Frühstück haben?
Nein. Ich Wollte kein Frühstück haben. Wre hatte ich an Essen denken können iiach diesem Briefe! Neun ich wollte vor allem hinauseilen und zuerst die Straß,en- bähngefchichte als falsche nachweisen und dann schnurstracks nach London zu Mortimer fahren. K ,,
Ich ging vor allen Dingen nach der Straßenbahnend- stelle und fragte einen Schaffner nach- dem anderen, sobald, wieder ein. neuer Wagen ankam. Aber, wie ick) erwartete, keiner wußte etwas. Erst der fünfte gab mir m der heitersten und leutseligsten Weise den Aujschlng, der mein Blut erstarren machte.
Gewiß, mein Herr, sagte er. Gegen halb neun — als. der Nebel am dichtesten war. Sie und ein Junge waren die einzigen Fährgäste. Pelzmantel und Hut? «timmt, Herr, und Diamantohrringe. Schwärze Augen und Haar, 'ne seine Dame, wahrhaftig. Ist in Kew Bridge aus ge^ stiegen und wollte nach, Waterloo gehi'n, wenn ich sie recht verstanden habe. O nein, Herr, ich irr' mich nicht. Jeder Irrtum ist ausgeschlossen. „ ,,
Atäj ging nach! der Eisenbahnstation und kam iiach London wie, weiß ich- nicht. All meine Hoffnung! ver-t
ließ mich> und in meinem Kopf ging alles durchs einander.
(Fortsetzung folgt.)
elende Person! Wer kein Dienstbote soll nur über die Schwelle kommen/ bis >— und sie seufzte.
Ich verstand', was sie noch sagen wollte Und seufzte gleichfalls. „ . ,
Ja — wohl, du hast recht, ergänzte ich, bis diese Sache vorbei ist,
Wird sie aber jemals ein Ende neymen? versetzte sie trostlos. ... c. „
Auf diese Frage konnte ich nur dre Acyseln zucken.
Der Abend' verging schrecklich! langsam. Meine Schwester zog sich wegen heftiger Kopfschmerzen fruh- zettia zurück, und ich bat daher meinen Assistenten, mir bei einer Flasche sch!ottischen Whiskys Gesellschaft zu lersten. Wir faßen bis tief in die Nacht, die ganze rätselhafte Angelegenheit erörternd', bis auch ich! in der Hoffnung, daß der Alkohol seine schlafbringende Wirkung nicht verfehlen würde, mein Bett aufsuchte. Aber leider werkte er ebensowenig, als ob' ich. dasselbe Quantum Wasser getrunken hätte. Unendlich langsam schlichen die Stunden dahm, rn Unbeschreiblichen Seelenqualen wälzte ich! mich auf meinem Lager herum, bis die Sonne wieder ihren gewohnten Kreislauf antrat und der Postbote an die Haustür pochte.
Er hatte zwei Briefe gebracht. Der eine kam, wie Mortimer vorhergesehen hatte, vom Notar und enthielt außer der Angabe der mir nun bereits bekannten Tatsachen die Aufforderung, um zwölf Uhr mit Mortimer im Bureau vorzusprechen. Der andere trug den Stempel des Hotels Cecil, und die Adresse war von weiblicher Hand geschrie- herr. Mit klopfendem Herzen öffnete ich ihn und las:
„Lieber Herr Doktor!
Sie werden mich sicher für ein sehr undankbares Geschöpf halten, daß ich Sie gestern abend in dieser Weise verlassen habe. Wie icfy Ihnen häufig sagte, wußte ich, daß mein Gedächtnis ganz plötzlich wiederkehren wurde. Das ist mir schon früher passiert und war gestern abend wieder der Fall. Sie und Ihre Schwester waren rn tiefen Schlaf versunken, und ich, dachte gerade mit Wehmut darüber nach, wie lange ich noch genötigt sein sollte, mit meiner unwürdigen Person Ihnen und, Ihrer Schwester zur Last §u sein, als, wie gesagt, meine Erinnerung wie ein Blitz zurückkam.
Es fiel mir nun plötzlich wieder alles ern, ich erinnerte mich, daß ich von Loudon nach Richmond gegangen war, um einer befreundeten Familie einen Besuch abzustatten, daß mich! ein plötzliches Unwohlsein überrascht, daß ich. mich unter Ihrem Schutz befunden Und Ihnen einiges Geld gegeben hatte, mit der Bitte, es bis zur Rückkehr meines Erinnerungsvermögens für mich aufzubewahren. Es dämmerte dann auch in mir guf, daß ich' Ihnen erlaubt hatte, mich, Marcella zu nennen, Und meine Persönlichkeit selbst meinem Manne gegenüber verleugnet und mich sogar geweigert hatte, Hn als solchen anzuerkennen.
Natürlich war ich, dafür nicht verantwortlich zu machen, aber immerhin blieb« die Tatsache bestehen, chaß ich unter fälschten Angaben bei Ihnen gewohnt hatte, weshalb' ich mich derartig schämte, daß ich sofort zn fliehen beschloß. Ich, kannte meinen Gatten gut genug, um zu wissen, daß er wiederkommen und m dem Hause, wo ich so liebenswürdig aufgenommen worden war, voraussichtlich einen großen Skandal verursachen würde. Dieser Gedanke war mir unerträglich', aber zugleich fehlte mir auch der Müt, Ihnen persönlich alles auseinanderzusetzen. So benutzte ich, lieber die Zeit, als Sie schliefen, um unbemerkt fortzulaufen..
Es War eine schreckliche Finsternis, und ich hatte erst -große Angst, aber schließlich! ivollte es der Zufall, haß ich auf einen Straßenbahnwagen stieß, mit dem ich nach Kew Bridge — so heißt es, glaube ich, wohl —. kam, von wo aus ich mit dem Zug nach, London fuhr und dann direkt ins Hotel Cecil zurück bin, wo ich vorher gewohnt hatte. Mein Gemahl war anfangs furchtbar aufgebracht über mich! und' ist immer noch sehr ungehalten, daß ich das Geld nicht mit zurückgebracht habe, das ich mitgenommen hatte — zu welchem Zwecke weiß ich heute noch, nicht, weil dieser Umstand zu denen 'gehört, auf die ich wich bis jetzt immer noch Nicht zurückbefinnen kann. Wir find' heute beim Anwalt gewesen, und Sie werden auf morgen auch, vorgeladen werden.
Wie ich Ihnen wieder ins Gesicht schauen soll, weiß


